Weitere Berichte und Referate
3. Tagung der 9. Synode der EKD (1.-6. November 1998, Münster)
"Gewalt gegen Frauen"
Mündliche Einbringung des Berichtes im Auftrag des Rates der EKD "Gewalt gegen Frauen", Margit Fleckenstein, Ludwigshafen (Mitglied des Rates der EKD)
Herr Präses, hohe Synode, liebe Brüder und Schwestern!
Ich werde in einem ersten Teil meiner Einbringungsrede kurze Ausführungen zum Hintergrund des vorliegenden Berichts machen, sodann in einem zweiten Teil zum Auftrag des Berichts; in einem dritten Teil werde ich einige Schlaglichter auf den Bericht werfen und im abschließenden vierten Teil noch einige Worte zur Schwierigkeit im Umgang mit dem Thema anfügen.
I. Zum Hintergrund des Berichts
Das Thema "Gewalt gegen Frauen" und in letzter Zeit auch zunehmend das Thema sexualisierte Gewalt gegen Kinder, insbesondere gegen Mädchen, beunruhigt und beschäftigt seit langem die Kirchen und ihre Diakonie. Es gibt in den Landeskirchen eine Vielzahl von Aktivitäten und Initiativen zur Aufklärung, zur Prävention und zur Krisenintervention. In den Kirchen der weltweiten Ökumene steht das Thema ebenfalls seit langem auf den Tagesordnungen.
Gleichwohl vollzieht sich diese Arbeit häufig im Verborgenen; es gibt Berührungsängste, und nicht immer und überall ist es gelungen, die Tabuisierung aufzubrechen. Während sich Frauengruppen und -verbände, Gemeinden und die Diakonie kontinuierlich mit dem Problem befassen, bedurfte es immer wieder besonderer Anstöße, um es zu einem offiziellen Thema der verfaßten Kirche zu machen.
Einer dieser Anstöße erfolgte bereits im Jahre 1974 durch den Ökumenischen Rat der Kirchen, der in Berlin eine große, als "Sexismus-Konsultation" bekannt gewordene Anhörung durchführte. Es folgte dann im Jahre 1981 in Sheffield die ÖRK-Konsultation "Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche" und 1988 die Ausrufung der ökumenischen Dekade "Solidarität der Kirchen mit den Frauen". In dieser Tradition standen die Aktivitäten des damaligen Bundes der Evangelischen Kirchen (BEK) im Osten und der EKD im Westen, die das Motto von Sheffield für ihre Synode von Bad Krozingen 1989 übernahm.
Durchgängig war ein zentrales Anliegen, Gewalt gegen Frauen als eines der schwerwiegendsten Hindernisse auf dem Weg zu einer gerechten Gemeinschaft von Frauen und Männern zu verurteilen und vor allem verhindern zu helfen. Dieses wurde auch immer wieder während der sogenannten "team-visits" zur Dekade-Mitte herausgestellt.
II. Der Auftrag zu dem vorliegenden Bericht
Im Zusammenhang mit dem Zwischenbericht zur ÖRK-Dekade beschloß die 8. EKD-Synode im November 1995 in Friedrichshafen, ein Studienvorhaben zu initiieren, d.h., sie gab einen Bericht in Auftrag, signalisierte aber zugleich, daß es sich um einen Prozeß von Bewußtwerdung und wachsendem Engagement handeln muß, den ein punktueller Bericht allenfalls anstoßen, also initiieren kann. Den Wortlaut des damaligen Synodenbeschlusses finden Sie auf S. 3 der Synodendrucksache IX/1.
Der Auftrag hat vier verschiedene Aspekte:
1. Es sollten die auch begrifflich verschiedenen Ausformungen von Gewalt gegen Frauen - also im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang untersucht werden.
2. Es sollte mit Blick auf die Erfahrungen weiblicher Gewaltopfer die praktische Arbeit zur Linderung und Prävention von Gewalt beschrieben und analysiert werden.
3. Vor diesem Hintergrund sollte in den theologischen Traditionen sowohl nach Wurzeln der Gewaltüberwindung gesucht werden, wie nach jenen, die Gewalt begünstigen oder religiös legitimieren. Dieser Teil des Auftrages ist noch nicht erfüllt. Er ist zweifellos der schwierigste, rührt er doch an unser Selbstverständnis als Christen. Ich komme darauf später zurück.
4. Der Bericht sollte Handlungsmöglichkeiten zur Eindämmung von Gewalt sowohl für die Kirche wie für die Politik aufzeigen.
Eine kleine Koordinierungsgruppe aus sechs Frauen und zwei Männern hat mit Unterstützung von zwei Vertreterinnen des Kirchenamtes innerhalb relativ kurzer Zeit den Bericht erarbeitet und ihn um ein Materialheft mit eindrucksvollen Beispielen aus der praktischen Arbeit ergänzt.
In der Kürze der von der Synode vorgegebenen Zeit (die Gruppe hat insgesamt fünfmal getagt) konnten die theologischen Aspekte des Themas bis zur ersten Vorlage des Berichts im November 1997 nicht befriedigend ausgelotet werden.
Der letzte Rat der EKD stellte das vorgelegte Ergebnis zu den theologischen Aspekten zurück und beschloß im Oktober 1997 u.a.:
"Er (der Rat) hält eine gesonderte und vertiefte Reflexion darüber, ob und ggf. in welcher Weise die biblische und christliche Tradition Gewaltüberwindung einerseits und Gewaltausübung andererseits fördert, für erforderlich und beauftragt das Kirchenamt, dem neuen Rat dazu einen geeigneten Verfahrensvorschlag zu unterbreiten."
Der neue Rat hat hierzu einen Anschlußauftrag erteilt. Eine kleine Kommission ist bereits an der Arbeit. Was wir hier jetzt diskutieren können, ist also ein Teilergebnis, das gleichwohl mehr als genug Diskussionsstoff bietet.
III. Einige Schlaglichter auf den Bericht
Wir sind uns alle bewußt, daß es neben der sexistisch geprägten Gewalt gegen Frauen ein erschreckendes Ausmaß auch anderer Formen von Gewalt gibt. Dabei sind Männer nicht nur Täter, sondern auch Opfer (statistisch gesehen allerdings überwiegend Opfer von ebenfalls männlicher Gewalt). Kinder und Jugendliche sind Gewaltopfer und, wie wir sehen müssen, auch Täterinnen oder Täter. Und auch Frauen sind Täterinnen.
Dies muß wohl vorab gesagt werden, wenn es in diesem Bericht ausschließlich um männliche Täter und weibliche Opfer geht. Der sozialwissenschaftliche Teil (Seiten 8 ff. des Berichts) versucht zu erhellen und zu begründen, warum diese Form der Gewalt eine so eigene Dynamik hat, warum sie so weit verbreitet ist und welches die kulturellen und strukturellen Grundmuster dieser Gewaltausübung sind. Damit konfrontiert zu werden ist schmerzlich, denn es mutet uns zu, uns auch dann, wenn wir je individuell gewaltfrei und friedliebend sind, als Teil eines gesellschaftlichen Ganzen zu sehen, in dem Erniedrigung, Entwürdigung, körperliche und seelische Verletzung oder Zerstörung von Frauen tief eingeschrieben sind in unsere Kultur. Der Bericht verzichtet auf die Wiedergabe von Erfahrungen weiblicher Gewaltopfer, den Autorinnen und Autoren waren sie aber immer präsent. Er beschreibt in einem ausführlichen Teil die vielfältigen und ermutigenden Beispiele, wie die Kirchen und die Diakonie in Verlautbarungen, Initiativen, Aktionen und Projekten zur konkreten Hilfe, zur Aufklärung und Prävention versuchen, sich diesem Problem in christlicher Verantwortung zu stellen. Er benennt zugleich unter der Überschrift "Handlungsansätze und Empfehlungen" (Seiten 60 ff. des Berichts), was darüber hinaus zu tun ist. Und allzu oft ist das, was getan wird, nur der Tropfen auf den heißen Stein. So sind z.B. die Frauenhäuser in kirchlicher oder diakonischer Trägerschaft nach wie vor weder finanziell noch personell wirklich und langfristig abgesichert.
IV. Zur Schwierigkeit im Umgang mit dem Thema
Neben den dringenden konkreten Hilfen für Gewaltopfer muß es uns - zumal wenn wir uns als Synode damit befassen - darum gehen, ursächliche Zusammenhänge zu ergründen.
Das bedeutet, auch selbstkritisch zu fragen: Wo und wie wird der Boden für Gewalt bereitet? Welche Rolle spielt alltägliche Diskriminierung von Frauen? Wo und wie begründen soziale Benachteiligung, materielle Abhängigkeit und Armut Machtgefälle, die immer ein Nährboden für Gewaltverhältnisse sind?
Es ist auch zu fragen: Gibt es christliche und kirchliche Traditionen, die ein Machtgefälle zwischen Männern und Frauen begünstigt haben? Auf diese letzte Frage kann uns hoffentlich die jetzt arbeitende Kommission in einer unserer nächsten Tagungen eine Antwort geben. Dieser Kommission jedenfalls wünschen wir für ihre schwierige Aufgabe Gottes Segen.
Für unsere heutige Diskussion, liebe Brüder und Schwestern, bleibt zu wünschen, daß wir uns dem Problem mit Offenheit zuwenden können. Wir sind uns bewußt, daß wir es mit einem stark emotional besetzten Thema zu tun haben, für das wir eine öffentliche Sprache erst noch finden müssen. Eine Sprache, die frei ist von Schuldzuweisung oder Abwehr, von Vorwurf oder Rechtfertigung, von Verharmlosung oder Skandalisierung. Wir können mit unserer heutigen Diskussion einen exemplarischen Beitrag zur Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche leisten.

