Weitere Berichte und Referate

3. Tagung der 9. Synode der EKD (1.-6. November 1998, Münster)

Menschenrechtsarbeit in der EKD

Mündliche Einbringung des Berichtes des Rates der EKD über die Menschenrechtsarbeit in der EKD, Hermann Gröhe MdB, Bonn (Mitglied des Rates der EKD)

Hermann Gröhe

Herr/Frau Präses, liebe Synodale!

Mario Humberto Calixto aus dem kolumbianischen Ort Sabana de Torres ist verheiratet und hat drei Kinder. Er ist Vorsitzender des Komitees für Menschenrechte des Ortes. Sabana de Torres liegt im Regierungsbezirk Santander in der Mitte Kolumbiens am Fluß Magdalena. Dort gibt es große Ölvorkommen; es handelt sich um eines der zwischen Militär, paramilitärischen Gruppen und der Guerilla umkämpftesten Gebiete Kolumbiens. Die Zivilbevölkerung wird zwischen den kämpfenden Gruppen zerrieben. Einem Untersuchungsbericht der Polizei zufolge wurden zwischen Januar und November 1997 in Kolumbien 23.582 Menschen ermordet; es gibt mehr als eine Million interner Vertriebener im Land.

Das Komitee für Menschenrechte in Sabana de Torres betreut die Vertriebenen. Im November 1997 hatte es einen Bericht über die Menschenrechtsverletzungen in der Region veröffentlicht. In der Folge erhielt Mario Humberto Calixto mehrfach Drohungen. Er wurde deshalb regelmäßig von Freiwilligen der internationalen Nichtregierungsorganisation Peace Brigades International besucht.

Peace Brigades International unterstützt gewaltfrei lokale und internationale Initiativen zur Schaffung von Frieden und Versöhnung. Nach einer intensiven Vorbereitungszeit von über zwölf Monaten entsendet Peace Brigades International Beobachterteams in Konfliktregionen, die dort auf Bitten einheimischer Organisationen bedrohte Menschenrechtsgruppen oder Einzelpersonen begleiten, öffentliche Aktionen beobachten, Informationen über Menschenrechtsverletzungen weitergeben und Seminare zur Menschenrechts- und Friedenserziehung durchführen. Seit 1994 ist Peace Brigades International auch in Kolumbien aktiv.

Am Abend des 23. Dezember 1997 erscheinen in Mario Calixtos Haus in Sabana de Torres zwei bewaffnete Männer. Einer von ihnen ist schwarz maskiert. Sie richten ihre Waffen auf Mario Calixto. Auf seinen Hilferuf drängen sich die Begleiter von Peace Brigades International, die sich glücklicherweise gerade im Hause aufhalten, dazwischen. Es gelingt Mario Calixto, das Haus durch eine Hintertür zu verlassen. Die beiden Männer richten ihre Waffen nun auf die Freiwilligen von Peace Brigades International. Es gelingt diesen jedoch, die Männer zum Verlassen des Hauses zu bewegen. Am nächsten Tag, Heilig Abend, verlassen Mario Calixto und seine Familie in getrennten Autos und in Begleitung von weiteren Freiwilligen von Peace Brigades International ihren Heimatort. Sie, die Vertriebenen halfen, sind nun selbst Vertriebene. Mario Calixto hält sich bis heute versteckt.

Eine schreckliche Geschichte. In Kolumbien aber alltäglich. Dieses Mal konnte das Leben von Mario Calixto und seiner Familie dank des Einsatzes von Peace Brigades International allerdings gerettet werden. Die Arbeit von Peace Brigades International wird finanziell getragen von Nichtregierungsorganisationen aus ganz Europa, in Deutschland vor allem von Misereor und aus Mitteln des Kirchlichen Entwicklungsdienstes. Bearbeitet wird dieses Projekt vom Menschenrechtsreferat im Diakonischen Werk der EKD. Es ist ein Beispiel von vielen aus der Arbeit des Referates, die in dem Ihnen vorliegenden Bericht über die Menschenrechtsarbeit im Bereich der EKD vorgestellt wird.

Das Beispiel aus Kolumbien zeigt, wie wichtig die Unterstützung aus Deutschland und anderen Ländern für die ist, deren Menschenrechte verletzt werden. Oft kann dies leider nicht verhindert werden, aber von großer Bedeutung für diejenigen, die in dieser Weise bedroht und verfolgt werden, ist die Gewißheit, daß sie zumindest nicht vergessen sind in ihrem Kampf gegen den übermächtigen Gegner. Als Christen wissen wir zudem, wie wichtig es ist, Verfolgte in unser Gebet einzuschließen.

Jeder Einsatz für Menschenrechte setzt Wissen voraus. Wissen darüber, was Menschenrechte sind, nämlich Rechte, die der Mensch nicht staatlicher Ordnung verdankt, sondern die dieser vorgelagert und von ihr zu respektieren sind. Wissen darüber, wo Menschenrechte verletzt werden und darüber, was man tun kann. Dieses Wissen zu vermitteln, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Menschenrechtsreferates im Kirchenamt der EKD. Seine Arbeit wird in dem Ihnen vorliegenden Bericht ebenfalls dargestellt. Einige Exemplare der letzten Ausgaben des vom Menschenrechtsreferat viermal im Jahr herausgegeben Informationsdienstes Menschenrechte aktuell liegen im Foyer aus; außerdem der Gottesdienstentwurf mit Materialheft, der jedes Jahr zum Tag der Menschenrechte am 10. Dezember erarbeitet wird. In diesem Jahr, 50 Jahre nach der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen, war das Interesse in den Landeskirchen besonders groß. Über 13.000 Exemplare sind verteilt worden, weit über 1.000 Einzelanfragen sind im Menschenrechtsreferat eingegangen.

Liebe Synodale!

Der Ihnen vorliegende Bericht beschreibt die Wurzeln der Menschenrechtsarbeit in der EKD und im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR. Er gibt Auskunft über die Arbeit in den beiden Menschenrechtsreferaten in der EKD, die sich von ihrem Profil her klar unterscheiden, und er nennt neue Herausforderungen. Es wird auch herausgestellt, worin der besondere Beitrag der Kirchen in der Menschenrechtsarbeit liegt:

  • Den Vertrauensvorschuß, den sie nach wie vor bei vielen Regierenden genießen, für den Einsatz gegen Menschenrechtsverletzungen zu nutzen,
  • in der besonderen Verpflichtung gegenüber verfolgten Glaubensbrüdern und -schwestern,
  • und darin, Christen zu ermutigen und zu befähigen, sich für die Verwirklichung der Menschenrechte einzusetzen.

Dabei ist es eine Frage der Glaubwürdigkeit, auch Anfragen an die Lage der Menschenrechte im eigenen Land ernstzunehmen.

Es gibt auch Verbesserungsbedarf in der Menschenrechtsarbeit der EKD: Sie ist Teil eines internationalen Netzwerkes. Über das Forum Menschenrechte ist sie auf nationaler Ebene mit anderen Menschenrechtsorganisationen verbunden. Die Zusammenarbeit mit und zwischen den Gliedkirchen ist aber noch verbesserungsbedürftig.

Der Einsatz für die Menschenrechte ist oft unbequem, er braucht finanzielle und personelle Ressourcen. Das Beispiel aus Kolumbien hält uns jedoch vor Augen, wie klein unsere Probleme im Vergleich mit der Situation vieler Menschenrechtsverteidiger sind. Wir sind aufgerufen, trotz der eigenen Begrenztheit im Vertrauen auf Gott das möglich zu tun.



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