Weitere Berichte und Referate
3. Tagung der 9. Synode der EKD (1.-6. November 1998, Münster)
"Kirchen in Solidarität mit den Frauen"
Mündliche Einbringung des Berichtes des Rates zum Ende der Dekade "Kirchen in Solidarität mit den Frauen", Landessuperintendent Walter Herrenbrück, Leer (Mitglied des Rates der EKD)
Der Bericht des Rates zum Abschluß der ökumenischen Dekade "Solidarität der Kirchen mit den Frauen" liegt Ihnen, verehrte Synodale, vor.
Der Bericht enthält Hinweise
- auf Entstehung und Ziele der Dekade (S.2)
- auf Ereignisse und Ergebnisse die Dekade (S. 3-6)
- auf die Auswertung einer Umfrage bei den Gliedkirchen durch die ökumenische Projektgruppe (S.7-12)
(Die Projektgruppe wird auf S.4 kurz vorgestellt) - und zur Chronologie.
"Forderungen zum Abschluß der Dekade" schließen den Bericht ab.
Außerdem liegt "Ergänzendes Material" aus, u.a. mit einem Text zur EKD-Synode 1989 mit den Schwerpunktthema "die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche", mit dem Beschluß der Synode des Bundes Evangelischer Kirchen (Leipzig, 1990) und dem Aktionsplan vom Ökumenischen Rat der Kirchen: "Herausforderungen der Frauen auf dem Weg ins 21. Jahrhundert".
Außerdem finden Sie dokumentiert, was die Landeskirchen in Sachen "Dekade" gesagt und getan bzw. nicht gesagt und getan haben.
Einige Aussagen des Berichts will ich herausstellen und dazu einiges bemerken.
1. Zur Vorgeschichte der Dekade gehört die Frauendekade der Vereinten Nationen (1975-1985) und das Internationale Jahr der Frau (S.1). Die Dekade, die danach - 1987 - vom ökumenischen Rat (ÖRK) initiiert wurde, war eine Reaktion auf die UN-Frauendekade, eine Fortführung ihres Anliegens im Bereich der Kirchen.
Während die Frauen-Dekade sich überwiegend an die Frauen richtete, also eine Frauen-Dekade war, sollte die ökumenische Dekade dies nicht sein. Sie wandte sich an die Kirchen, an die Kirchenleitenden. Es ging um die "Solidarität der Kirchen mit den Frauen". Die Kirchen sollten darin mit den Frauen solidarisch sein, daß sie innerhalb der Kirchen und Gemeinden einen Prozeß der Information, der Beratung und Befragung, auch der notwendig sich ergebenden Veränderung in Gang setzten; ein Prozeß, der abzielt auf Wahrnehmung der Situation, in der Frauen sich befinden und auf die Wahrnehmung der Bedingungen, unter denen sie leben; ein Prozeß, der abzielt auf volle Teilhabe und Teilgabe an allem, was das Leben in Gesellschaft und Kirche ausmacht.
Die Generalsekretärin der World YMCA, Frau Dr. Musimbi Kanyoro, hat es auf einem Bayerischen Dekadefest so ausgedrückt: "Der Traum war, daß die Kirchen die Frauen als diejenigen anerkennen würden, die zusammen mit den Männern als Ebenbild Gottes geschaffen wurden."
Im Bericht (S.2) werden die Ziele der Ökumenischen Dekade so zusammengefaßt:
- Frauen zum Handeln zu ermächtigen;
- die Kirchen zum Handeln zu veranlassen.
Daß während der Dekade der gerade erwähnte Prozeß in Gang kam, lag mehr an den Frauen, an den Frauengruppen und an den Frauenverbänden, weniger an den Kirchen. Tatsächlich waren es zunächst die Frauen, die das Anliegen der Dekade beförderten und trugen; erst 1995 - nach den vom ÖRK durchgeführten Teambesuchen - kam es zu mehr Aufmerksamkeit und Engagement bei den Kirchen und ihren Leitungen. Inhaltlich ging es um folgende Themen: "Gewalt gegen Frauen und Mädchen, volle Teilhabe der Frauen an allen Ämtern und Diensten der Kirchen, gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern am Ehrenamt, Kirche als Arbeitgeberin, feministische Theologie in Forschung und Lehre, Gottesdienst und Liturgie, Überwindung von Fremdenfeindlichkeit und Rassismus und die wirtschaftliche Situation von Frauen (S. 7)
2. Was hat sich in den zehn Jahren getan? Die Hinweise des Berichts (S. 3-6) wollen nur exemplarisch sein.
Es gab eine Vielfalt an Aktionen, an Konferenzen, an Gottesdiensten, an Texten, an Liedern, an Forderungskatalogen, an Besuchen aus anderen Kirchen, an Gruppen - von der "ökumenischen Projektgruppe" sprach ich schon. Dies alles, was sich in zehn Jahren ereignet hat, ist zu würdigen; das hat Spuren hinterlassen. Es liegt an den Kirchen - an uns - , ob diese Spuren verwehen oder nicht.
Erlauben Sie mir, aus der Dekaden-Vielfalt in durchaus persönlicher Sicht zwei Ereignisse herauszugreifen. Zunächst die Teambesuche im Februar 1995 (S.5): 78 Teams, bestehend aus 220 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen Regionen der Welt, besuchten über 300 Kirchen. Auch unsere Kirchen waren unter den Besuchten. Befragt werden - antworten - aufmerksam gemacht werden - zurückfragen - gemeinsam nach neuen Schritten suchen: das waren (etwas vereinfacht ausgedrückt) Ablauf und Inhalt der Teambesuche unter dem Vorzeichen der Dekade-Ziele. Der Dekade ist - so mein Eindruck - ein gutes Beispiel für ökumenisches Lernen gewesen.
Was diese Teambesuche weltweit erbracht haben, was berichtet werden konnte, das ist nachzulesen in den "Lebendigen Briefen...", 1997 vom ÖRK herausgegeben. Was Teambesuche in einer Landeskirche erbracht haben - und ich nenne nur ein Beispiel! - , was von dort berichtet werden konnte, ist nachzulesen in: "Gemeinschaft kennt keine Grenzen" - eine Dokumentation, herausgegeben von der Ev. Kirche in Rheinland.
Wer die Dekade enttäuscht und skeptisch sieht, dem sei die Nachlese empfohlen, um zu entdecken, was möglich war und möglich ist in unseren Kirchen und in unseren Gemeinden. Soviel zum Team-Visit und zum Stichwort "ökumenisches Lernen".
Ich habe teilgenommen an einem ökumenischen Frauenkongreß, der im Oktober 1997 in Ludwigsburg stattfand (Motto: "Frauen gestalten Kirche..."; vgl. S.5). Höhepunkt des Kongresses war der Gottesdienst, der am Sonntagmorgen im Rahmen dieses Kongresses stattfand.
1400 Frauen, eine Handvoll Männer. Volkskirchlich gesehen eine verkehrte Welt. Ich sage lieber: eine neue Möglichkeit für die Kirche. In der Darstellung des Evangeliums, in der Lebendigkeit der Kommunikation, im Lobpreis, im Gebet, auch im wachrüttelnden Lied, im Schmerz darüber, daß eine gemeinsame Feier an dem Tisch, an den Jesus Christus uns einlädt, nicht möglich war: das hat mich bewegt.
"Das tut der Kirche gut" empfand ich. "Da verändert sich etwas - und ein Reichtum wird sichtbar", dachte ich. Es läßt sich ja oft schwer mit Worten sagen, was Spiritualität ist. Aber die Spiritualität dieses Gottesdienstes war anders als die Spiritualität, die spürbar wird, wenn etwa 1400 Männer einen Hugenottenpsalm oder ein Lutherlied singen.
Die Dekade war auch eine liturgische Dekade: Dekade-Ziele und Erwartungen wurden mit Hoffnungen verknüpft und gottesdienstlich gefeiert.
Mir ist deutlich geworden, daß wir (und ich wende mich einmal an uns Männer in den Leitungen und Gremien unserer Kirchen!) - ... daß wir Erwartungen der Frauen und Ziele der Dekade oft als lästige Forderungen hören und dann so reagieren: "Was sollen wir denn noch alles tun?" Besser ist es, die Möglichkeiten zu sehen, die Gaben der Frauen entdecken (noch wohlwollender entdecken!), die Gemeinschaft von Männern und Frauen als wünschenswert, ja: als unabdingbar notwendig für den Leib Christi anzusehen und dann zu fragen: "Ja, was können wir noch tun?" Gewiß, die Dekade wollte - wenn ich das einmal so flapsig sagen darf - etwas Gutes für die Frauen tun. Sie tat damit aber zugleich etwas sehr Gutes für die Kirche. Solidarität der Kirchen mit den Frauen soll mehr Gerechtigkeit für Frauen und mehr Geschwisterlichkeit in der Kirche bringen; es geht nicht um das Einfordern von Gruppeninteressen.
4. Was hat die Dekade gebracht?
Das, wozu sie herausfordern, worauf sie aufmerksam machen, wozu sie zum Handeln anstiften wollte - : das ist auf vielfältige Weise laut geworden; vielen ist es auch deutlich geworden.
Die Verantwortlichen in unseren Kirchen haben Stellung bezogen. Viele Frauen wurden ermutigt, die Solidarität der Frauen wurde gestärkt. Sensibilität für die inklusive Sprache konnte geweckt und gestärkt werden. Frauenreferate wurden eingerichtet. Die Zahl der Frauen in den Presbyterien ist gestiegen. Ob die Dekade "der Beginn für grundsätzliche Reformen unserer Kirche" wurde, ist eine offene Frage und läßt sich wohl auch nicht EKD-flächendeckend beantworten.
Was hat die Dekade gebracht?
Die Antwort fällt - je nachdem, was erwartet wurde - unterschiedlich aus. Sie fällt in den verschiedenen Landeskirchen unterschiedlich aus, weil die Akzeptanz der Dekade in den Kirchen und in den Gemeinden unterschiedlich war. Auch innerhalb der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) fällt die Antwort unterschiedlich aus. Ich nenne nur das Stichwort: "Frauenordination".
Bei der Deutschen Dekadekonferenz im April in Bonn am Ende der ökumenischen Dekade wurde festgestellt, daß das Dekadenende kein Punkt sei, sondern einen Doppelpunkt markiere (vgl. S. 16): Das Leben geht weiter: das Leben in der Ökumene, das Leben in unserer Gesellschaft, das Leben in unseren Kirchen und Gemeinden. Aber es sollte nicht so weitergehen, als hätte es die Dekade nicht gegeben.
Bei den Eröffnungsgottesdiensten zu Ostern 1988 (vgl. S. 3) stand die Ostererfahrung der Frauen im Vordergrund. Daran wurde in der Bibelarbeit zum Abschluß der Dekade in Bonn erinnert:
- Die Frauen sehen den Stein (den "patriarchalen Stein), der den Weg zu Jesus versperrt, und sie fragen. (Markus 16,7)
- Jesus, der Auferstehende, fragt: "Frau, was weinst du?" (Joh. 20, 13)
- Jesus sagt zu Maria: "Geh zu meinen Brüdern und sage ihnen..." (Joh. 20, 17)
Da ist alles drin:
einmal, was auf dem Weg liegt und was Frauen behindert; zum anderen kann die Frage des auferstandenen Christus von Christen aufgenommen werden: "Frau, wie geht's dir?"; schließlich: Frauen sagen weiter, welche Botschaft Männer und Frauen gemeinsam haben.
Ich wünsche mir und uns, daß die Herausforderungen der Dekade in einem Zusammenhang gesehen werden können mit den Erwartungen der Frauen und den Ostererfahrungen der Frauen und Männer.
Die Hoffnungsgeschichten der Bibel, die Bilder und die Sprache der Bibel können uns helfen, weder zu früh zu resignieren noch zu schnell Ergebnisse sehen zu wollen.
Wenn wir den Bericht heute diskutieren und überlegen, welche Impulse von dieser Synode ausgehen, welche Schritte getan werden können, sollten wir im Blick haben, daß im Dezember die Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Harare zusammentritt.
Das kann uns zweierlei verdeutlichen:
- einmal: die Dekade war eine ökumenische Dekade. Wir sind nicht "unter uns".
- zum andern: die Herausforderungen der Dekade bleiben ; und Harare ist eine wichtige Station auf dem Weg, der vor uns liegt.
Die Gewalt gegen Frauen zum Beispiel hat viele Gesichter; und sie hat an vielen Orten der Erde grausame, menschenwürdige Formen:
sexistische, rassistische Gewalt. Das geht uns an. Das muß uns weh, nicht nur leid tun und uns zum Widerstand und zum heilenden Helfen veranlassen.
Abschließend:
Die ökumenische Dekade "Solidarität der Kirchen mit den Frauen" war kein Sturm der durch die kirchliche Landschaft gefegt ist; aber eine frische Brise war sie wohl. Und diese Brise reicht, um die Segel zu setzen und - Männer und Frauen gemeinsam im Boot - auf gute Fahrt zu hoffen.

