Bericht über "Kirchen in Solidarität mit den Frauen" 1988 - 1998

3. Tagung der 9. Synode der EKD (1.-6. November 1998, Münster)

I. Einführung

1.Einleitende Hinweise

Vor zehn Jahren war sie das erste Mal zu sehen, die weit schwingende Taube vor dem zart blauen Hintergrund mit dem Zeichen der Frauen im Schnabel, den Konturen der Erdteile im Leib, dem Kirchenschiff unter sich auf dem Wasser. Das Symbol der Ökumenischen Dekade - Churches in Solidarity with Women, Kirchen in Solidarität mit den Frauen, - war von Beginn an mehrdeutig. Es erzählte und wollte erzählen - erzählen von den Frauen der Welt, ihren Leiden und ihren Leistungen, ihren Erfahrungen und ihren Erwartungen, von dem, was Staaten, Gesellschaften, Religionen und Kirchen ihnen schuldig geblieben waren und geblieben sind.

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hatte vor allem die Situation der Frauen weltweit vor Augen, als er die Ökumenische Dekade ausrief. Sie sollte den Forderungen nach einer gerechten Gemeinschaft von Frauen und Männern in den Kirchen ebenso ihren Rahmen geben wie den Forderungen nach Gerechtigkeit für die unterdrückten, benachteiligten und ausgebeuteten Frauen in aller Welt.

Die Vorgeschichte der Ökumenischen Dekade ist lang. Sie begann mit einem Bericht zur Rolle und zum Status der Frauen in der Kirche vor der ersten Vollversammlung des ÖRK 1948 in Amsterdam. 1954 entwickelte Madeleine Barot, Referentin des ÖRK, die "Barot-Strategie", nach der vor jeder wichtigen ökumenischen Konferenz eine Vorversammlung für Frauen stattfindet. 1974 berief Brigalia Bam, Referentin des ÖRK, in Berlin eine Weltkonsultation gegen die Diskriminierung von Frauen ein, die als Sexismuskonsultation in die Geschichte der Ökumene eingegangen ist.

Die Frauendekade der Vereinten Nationen von 1975 bis 1985 und das Internationale Jahr der Frau 1985 forderten auch die Kirchen heraus. Der Zentralausschuß des ÖRK rief 1985 in Buenos Aires die Mitgliedskirchen auf, "als eine christliche Antwort auf die von der UNO-Konferenz geforderten Vorwärtsstrategien Leben und Praktiken zu beenden, die Frauen diskriminieren". Von 1978 bis 1981 wurde das ökumenische Studienprogramm "Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche" durchgeführt. Durch die Mitarbeit von Basisgruppen entstand eine Gemeinschaftsstudie, die 1981 bei der Konsultation in Sheffield als "Sheffield-Report" verabschiedet wurde.

Im Januar 1987 beschloß der ÖRK, die Dekade durchzuführen. Nach dem ökumenischen Studienprogramm "Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche" (1978 bis 1982) und dem dieses Programm bündelnden und ergänzenden Sheffield-Report (1981) sowie der Botschaft zum Abschluß der UN Frauendekade (Nairobi 1985) sollte es in der Ökumenischen Dekade darum gehen, einen langfristigen Rahmen für Solidaritätsaktionen mit Frauen anzubieten und ein wachsendes Bewußtsein für die Verantwortung der Kirchen und der ökumenischen Bewegung den Frauen gegenüber zu erreichen. Im Herbst 1987 legte der ÖRK eine Beschreibung der Ziele vor. In der Osterzeit des Jahres 1988 begann die Ökumenische Dekade - Kirchen in Solidarität mit den Frauen 1988-1998 mit einer Botschaft des ÖRK. Weltweit eröffnet wurde die Dekade zu Ostern 1988 mit Gottesdiensten in Kirchengemeinden und Frauengruppen zu der Frage "Wer rollt den Stein vom Grabe?" Nach zehn Jahren Dekade-Arbeit werden im Jahr 1998 Gottesdienste in den Abschlußveranstaltungen gefeiert, in deren Mittelpunkt Texte und Symbole jener Eröffnungsgottesdienste stehen. Es liegen immer noch Steine im Weg.

Die Auswertung der Ökumenischen Dekade dient dem kritischen Rückblick auf die Ziele der Dekade, dem exemplarischen Hinweis auf Ereignisse und Ergebnisse während der Dekade sowie dem Ausblick auf weiterführende Strategien für die Anliegen der Dekade.

2. Ziele der Ökumenischen Dekade - Kirchen in Solidarität mit den Frauen 1988-1998

In der Botschaft des ÖRK von 1987 heißt es: "Die Ökumenische Dekade der Kirchen in Solidarität mit den Frauen gibt sich folgende Ziele:

  1. Frauen zu ermächtigen, unterdrückende Strukturen in der Gesellschaft weltweit, in ihrem Land und in ihrer Kirche in Frage zu stellen,
  2. den wesentlichen Beitrag der Frauen in Kirche und Gemeinde anzuerkennen, sowohl durch gleiche Mitverantwortung und Entscheidungsgewalt als auch durch Mitgestaltung der Theologie und des geistigen Lebens,
  3. Vorstellungen und Aktionen der Frauen im Einsatz und Ringen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bekannt zu machen,
  4. den Kirchen zu ermöglichen, sich selbst von Rassismus, Sexismus und Klassenstrukturen sowie den Lehren und Praktiken, die Frauen diskriminieren, zu befreien,
  5. Kirchen zu ermutigen, frauensolidarische Aktionen zu unternehmen."

Das doppelte Anliegen war, Frauen zum Handeln zu ermächtigen und die Kirchen zum Handeln zu veranlassen:

"Das erste Ziel stellt Frauen als die treibenden Kräfte von Veränderungen und Wandel heraus. Die Dekade zielt darauf ab, Frauen durch aktive Mitwirkung die Möglichkeit zu geben, als Subjekte ihrer eigenen Geschichte Unterdrückungsstrukturen in Frage zu stellen und zu verändern und die Situation zum Besseren zu wenden.

Das zweite Ziel betrifft die Kirchen als Gemeinschaften von Frauen und Männern und als Institutionen mit einer besonderen Geschichte, Struktur und Theologie. Diese Kirchen sollen zu Handlungsträgern werden - oder es weiterhin bleiben -, welche die Lebensbedingungen von Frauen verbessern und verändern." (Botschaft des ÖRK von 1987)

Das Thema der Dekade wurde allerdings von Anfang an als zumindest mißverständlich angesehen. Sind, so wurde gefragt, Frauen nicht Teil der Kirche? Sollten sie nicht zur Solidarität herausgefordert sein? Die Ziele der Dekade machen zwar deutlich, daß es die Kirche als Institution ist, die angesprochen und in die Pflicht genommen wird. Die schwierige Formulierung des Dekademottos aber führte dazu, daß grundlegende Fragen erst im Verlauf der Dekade oder bis zuletzt nicht geklärt wurden:

Wer ist mit wem solidarisch?

Frauen fragten danach, wo und wie sie die "Solidarität der Kirchen mit den Frauen" erleben können. Zu groß war und ist der Kontrast zu ihren alltäglichen Erfahrungen. Sie erlebten sich weithin einseitig in ihrer Solidarität mit den Kirchen. Die Solidarität der Kirchen mit den Frauen wurde zu wenig spürbar.

Wer identifiziert sich mit den Zielen der Dekade?

Frauen haben immer wieder versucht, das Gespräch zwischen Männern und Frauen in der Kirche zu vertiefen oder neu zu beginnen. Sie haben das Gespräch unter Frauen, auch das interkonfessionelle, gesucht. Unterschiedliche Kommunikationsstrukturen und unterschiedliche Rollen innerhalb der hierarchischen Strukturen behinderten oft die Verständigung. Die Identifikation mit den Dekadezielen wurde erschwert durch eine weithin beobachtete Ungleichzeitigkeit, mit der die Probleme der Machtverteilung und der Geschlechterbeziehungen wahrgenommen und beachtet wurden.

Wer verpflichtet sich auf die Ziele der Dekade?

Während des ganzen Dekadeprozesses blieb offen, wer die Selbstverpflichtung der Mitgliedskirchen des ÖRK zu realisieren und wer wen zu beauftragen hätte. Diese unklare institutionelle Sicherung hat die Arbeit während der Dekade erschwert. Die Beschlüsse wurden zwar an die Gliedkirchen der EKD geschickt, die als Mitglieder des ÖRK für die Umsetzung zuständig sind. Es waren aber vor allem die Frauen in den Frauenwerken und Frauenverbänden, die sich um die Umsetzung der Beschlüsse des ÖRK zur Dekade kümmern mußten.

Wer beteiligt sich an der Dekade?

Frauen haben Handlungsschritte geplant, Projekte durchgeführt und Entscheidungen von Kirchenleitungen und Synoden vorbereitet. Der Aufruf während der Teambesuche in der Mitte der Dekade, die Dekade in die Hände der Kirchen zu geben, wurde zum Teil aufgenommen, blieb aber oft ohne Echo.



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