Bericht über "Kirchen in Solidarität mit den Frauen" 1988 - 1998

3. Tagung der 9. Synode der EKD (1.-6. November 1998, Münster)

II. Exemplarische Ereignisse und Ergebnisse der Ökumenischen Dekade

Die Eröffnungsgottesdienste zu Ostern 1988 erinnerten mit den Symbolen Wasser und Stein an die Auferstehungserfahrungen der Frauen und an ihre Erfahrungen mit versperrten Zugängen und steinigen Wegen. Die Initiative ging von Frauengruppen aus. In einigen Landeskirchen wurden die Gemeinden von der Kirchenleitung eingeladen, den Beginn der Dekade zu feiern.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat in der Vorbereitung und Durchführung des Schwerpunktthemas der 6. Tagung der 7. Synode der EKD in Bad Krozingen 1989 "Die Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche" einen wesentlichen Beitrag zur Dekade gesehen.

Die Synode der EKD faßte einen Beschluß, in dem es heißt:

"Die Synode sieht ihre Beschlüsse zur Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche als Beitrag der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Zielsetzung der Dekade an, Frauen auf allen Ebenen kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens voll zu beteiligen. Die Synode bittet die Gliedkirchen der EKD, sich diese Zielsetzung zu eigen zu machen und einen Aktionsplan für ihren Raum auszuarbeiten."

Ein wesentliches Ergebnis dieser Synode ist der Beschluß, der zur Einrichtung des Frauenreferates der EKD geführt hat. Sigrid Häfner hat das Referat aufgebaut.

Die 8.Synode der EKD hat auf ihrer 6. Tagung in Friedrichshafen 1995 in fünf Beschlüssen an die Gliedkirchen appelliert, "die Ziele und Maßnahmen im Rahmen der Ökumenischen Dekade 'Kirchen in Solidarität mit den Frauen' zu realisieren."

In den Gliedkirchen der EKD wurde die Dekade unterschiedlich, meist jedoch zurückhaltend aufgenommen. Auf die Initiative von Frauen hin wurden in einigen Landeskirchen Hearings durchgeführt. Für die Anliegen der Dekade engagierten sich vor allem Vertreterinnen der evangelischen Frauenarbeit und der in jenen Jahren entstehenden Frauenreferate.

Die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd), die Arbeitsstelle Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, die Evangelische Frauenhilfe in Deutschland (EFHiD) und die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland (EFD) gründeten im Jahr 1988 die "Ökumenische Projektgruppe zur Dekade". Die Federführung für die Seite der evangelischen Frauen übernahm die EFHiD. Die Geschäftsführung der Projektgruppe lag von 1988 bis 1998 bei Christine Busch (EFHiD) und Brigitte Vielhaus (kfd).

Innerhalb des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR (BEK) wurde die Dekade begrüßt als willkommener und notwendiger Anstoß, "zehn weitere Jahre bewußtseinsbildend zu wirken." Die Synode des BEK in Leipzig 1990 bekräftigte in ihrem Beschluß zur Ökumenischen Dekade die Solidarität der Kirchen mit den Frauen und empfahl den Landeskirchen, Frauenbeauftragte zu berufen und sich bei den Landesregierungen für die Bildung von Gleichstellungsreferaten einzusetzen.

In dem Beschluß der Bundessynode zur Ökumenischen Dekade heißt es:

"Die Kirchen sind herausgefordert! Sie müssen sich an die Seite der Frauen stellen und sich ihrer Nöte annehmen. Zugleich müssen die Kirchen ihre eigenen Strukturen hinsichtlich der Benachteiligung von Frauen anfragen."

Eine Konzeption für die Dekade in den Kirchen des Bundes wurde von einer Gruppe von Frauen erstellt, die bereits in Verbindung mit dem Facharbeitskreis "Mann und Frau in Kirche, Familie und Gesellschaft" Frauenaktivitäten koordiniert hatte. 1990 wurde diese Gruppe von der Konferenz der Kirchenleitungen mit der Gestaltung und Koordinierung der Aktivitäten zur Dekade beauftragt. Auch nach der Auflösung des BEK bestand diese Koordinierungsgruppe weiter. Sie arbeitete bis zum 31. Dezember 1993 bei der Außenstelle des Kirchenamtes der EKD.

Besondere Wegmarkierungen der Dekade waren die Dekadekonferenzen. Von der Koordinierungsgruppe des BEK wurde die erste östliche Dekadetagung 1992 in Hirschluch unter dem Thema "Erfahrungen mit der Vereinigung, Frauenpolitik in Kirche und Gesellschaft" veranstaltet. Die Empfehlungen zu den Themen Recht auf Arbeit, Gleichstellung, Pornographie, Ehrenamt und kinderfreundliche Gesellschaft machten auf die besonderen Probleme von Frauen nach der Vereinigung Deutschlands aufmerksam. 1993 fand in Hirschluch eine weitere Dekadetagung statt. Mit dem Thema "Frauen-Bewußt-Sein" stand die Psychoanalyse deutscher Wenden auf der Tagesordnung.

Die Ökumenische Projektgruppe hatte schon 1989 nach Köln und 1991 nach Wiesbaden-Naurod zu Dekadekonferenzen eingeladen. 1993 lud sie zur ersten gemeinsamen Dekadekonferenz nach Stapelage ein. Die Konferenz widmete sich dem Thema"Gewalt gegen Frauen". Die Auseinandersetzung mit diesem Thema erreichte eine neue Qualität durch das Referat von Aruna Gnanadason, Frauenreferentin des ÖRK, und das Gespräch mit Vertretern von Kirchenleitungen und Diözesen. 1995 fand die Dekadekonferenz in Altenberg bei Köln statt.

In einem Rundbrief des ÖRK wurden 1994 die Teambesuche, die "lebendigen Briefe", angekündigt. Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK) griff die Anregung des ÖRK auf, die Mitte der Dekade zum Anlaß zu nehmen, an die Ziele der Dekade zu erinnern und Besucherinnen und Besucher aus der Ökumene nach Deutschland einzuladen. Als Teammitglieder aus Deutschland wurden Brigitte Vielhaus und Antje Heider-Rottwilm vom ÖRK benannt. Vom 1. bis zum 10. Februar 1995 fanden die Teambesuche in Diözesen, Freikirchen und in zwölf Gliedkirchen der EKD statt. Die Auswertung der Besuche wurde auch zur Bestandsaufnahme der bisherigen Dekadearbeit. Die ökumenische Besuchsgruppe beobachtete eine starke Polarisierung zwischen männlichen und weiblichen Kulturen in der Kirche. Sie wies hin auf Defizite bei der Auseinandersetzung mit den Themen Gewalt, Sexualität und Lebensformen sowie theologische Frauen- und Männerforschung.

Auf Anregung der evangelischen Mitglieder der Ökumenischen Projektgruppe wurde ebenfalls zur Mitte der Dekade mit dem Kirchenamt der EKD vereinbart, einmal im Jahr zu einer Konferenz der in den Gliedkirchen für die Dekade Verantwortlichen einzuladen. Diese regelmäßigen Zusammenkünfte der für die Dekade Verantwortlichen, dienten dem Austausch und der gegenseitigen Information. Im Februar 1999 tagt die Konferenz ein letztes Mal zum Rückblick auf den Abschluß der Dekade und zum Bericht über die Vollversammlung des ÖRK im Dezember 1998 in Harare.

Für den Aufbau der Arbeitsstrukturen für die Dekade war die Errichtung von Dekadestellen und die Bildung von Dekadearbeitsgruppen oder Dekadekreisen von großer Bedeutung. Sie erarbeiteten für die Gliedkirchen Dekadebriefe und, ebenso wie andere Arbeitsgruppen oder Verbände, weiteres Arbeitsmaterial für Dekadegottesdienste und andere Dekadeaktivitäten. Sie sorgten auch für die Weitergabe von Informationen über die Situation von Frauen in der Ökumene. Das Arbeitsmaterial trug auf Tagungen, Konferenzen, in Konventen, Gesprächskreisen und Gemeindeveranstaltungen zur Intensivierung der Arbeit und zur Verbreitung des Anliegens bis an die Basis bei.

Der Konziliare Prozeß für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und die Ökumenische Dekade waren von Anfang an eng verknüpft. Die Europäische Ökumenische Versammlung in Basel 1989 gab durch die intensive Mitarbeit der Frauen und die Aussagen in den Dokumenten entscheidende Impulse. Bei der deutschen ökumenischen Versammlung mit der Dekade-Vorversammlung in Erfurt 1996 wurde die Frage nach einem neuen Verständnis von Kirche deutlich gestellt. Es wurde formuliert, daß Gewalt gegen Frauen zu verstehen ist als Verletzung der Kirche als Leib Christi. In diesem Zusammenhang entstand ein Schuldbekenntnis von Männern, das in die zweite europäische Versammlung in Graz 1997 eingebracht wurde.

Ein Beispiel für die vielen regionalen und überregionalen Veranstaltungen ist der Ökumenische Frauenkongreß, der im Oktober 1997 in Ludwigsburg unter dem Motto "Frauen gestalten Kirche: Solidarität ist unsere Zukunft" stattfand. 1400 Frauen von 11 verschiedenen Kirchen in Württemberg diskutierten in neun Foren Themen aus Theologie, Kirche und Gesellschaft.

Die Ökumenische Projektgruppe regte einen Auswertungsprozeß zum Abschluß der Dekade an. Der Vorstand der ACK wurde gebeten, den Mitgliedskirchen eine Bilanz der Dekade zu empfehlen. Dafür erarbeitete die Ökumenische Projektgruppe einen Fragebogen, der auch an die Mitglieder der Konferenz der für die Dekade Verantwortlichen in der EKD verschickt wurde. Die Berichte aus den Mitgliedskirchen der ACK bildeten die Grundlage für eine zusammenfassende Rückschau auf die Dekade innerhalb der ACK. Die Antworten aus den Gliedkirchen der EKD bilden auch die Grundlage des vorliegenden Berichtes.

Gemeinsam von der ACK und der Ökumenischen Projektgruppe zur Dekade wurde die nationale Abschlußkonferenz verantwortet, die vom 29. bis 30. April 1998 in Bonn stattfand. Die Präsentation ausgewählter Schwerpunkte und die nationale Auswertung aus der Sicht der Mitgliedskirchen der ACK gab Gelegenheit, zurückzublicken und zu bilanzieren. Das Referat von Aruna Gnanadason stellte diese Bilanz in den ökumenischen Horizont und führte zu der bezeichnenden Aussage: "Dekade - eine unerledigte Tagesordnung". In Podiumsgesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kirche und Politik wurde die Wahrnehmung der Dekade im politischen Raum und durch die Kirchenleitungen diskutiert. Der Gottesdienst zum Abschluß der Dekade stand unter dem Thema "Wasser zum Leben".

In der Stellungnahme der ACK und in einer Erklärung der Delegierten zum Ende der Ökumenischen Dekade wurden die Ziele der Ökumenischen Dekade mit den Erfahrungen während der Dekade verglichen. Im Hinblick auf die Erfahrungen der Frauen und die Ergebnisse der Dekade wurden Forderungen aufgestellt.

In der Erklärung der Delegierten heißt es :

  • "Besondere Herausforderungen am Ende der Dekade sehen wir für die Kirchen in folgenden Bereichen:
  • Gleichberechtigte Mitwirkung und Mitverantwortung von Frauen in Gremien und Ämtern,
  • Frauengerechte Arbeitsformen und Organisationsstrukturen,
  • Auseinandersetzung mit feministischer Theologie und Spiritualität,
  • Aufarbeitung des Themas "Gewalt gegen Frauen und Mädchen",
  • Auseinandersetzung mit der Geschlechterdifferenz aus anthropologischer und theologischer Sicht."

In der Stellungnahme der ACK heißt es :

"Unsere Kirchen erkennen einen vielfältigen kirchlichen wie auch politischen Handlungsbedarf. Sie sehen sich als Kirchen herausgefordert. 'Denn der eine Leib hat viele Glieder, die verschiedenen Glieder aber sind in Christus ein Leib' (1.Kor.12,12). Die Frauen und ihre Gaben sollen in unseren Kirchen umfassend zur Geltung kommen. Die Ökumenische Dekade fordert uns zu einem entsprechenden Leben und Handeln heraus."



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