Texte zum Schwerpunktthema: Diakonie

3. Tagung der 9. Synode der EKD (1.-6. November 1998, Münster)

Diakonie als Kirche

Referat von Cornelia Coenen-Marx, Düsseldorf

I. Diakonie In der Zerreißprobe

" Diakonie und Kirche " sollte dieses Statement ursprünglich überschrieben sein, und unwillkürlich habe ich mich gefragt, auf welcher Seite ich selbst dabei stünde. Denn als ich gebeten wurde, hier zu sprechen, war ich noch Landeskirchenrätin im Rheinland , inzwischen leite ich das Diakoniewerk Kaiserswerth, eine diakonische Einrichtung der ersten Stunde. Ich habe als Gemeindepfarrerin mit dem Aufbau eines Stadtteilprojekts begonnen ,als Diakoniebeauftragte im Kirchenkreis Diakonieausschüsse beraten und war als Geschäftsführerin des Landesverbandes für die Abteilung Sozialwesen zuständig. Bin ich Kirche oder Diakonie ? Bin ich das "Und" - unterwegs, Brücken zu schlagen ? Mag ich heute hier als Vertreterin der Diakonie stehen - in meinem Alltag stehe ich dafür, daß unser Diakoniewerk Kirche ist. Und es gibt viele Menschen, die genau das von uns erwarten : Diakonie als Kirche .

Diakonie als Kirche ? Ich weiß, manche würden dahinter lieber ein Fragezeichen setzen. Nicht nur die Gottesdienstbesucher, die die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Diakonie sonntags vermissen, auch die Pflegekräfte im Krankenhaus, die ihren Arbeitsplatz mit Kirche nicht in Verbindung bringen und allenfalls durch die Frage nach ihrer Kirchenzugehörigkeit darauf gestoßen wurden. Oder die Berater einer Kommunikationsagentur, denen auffiel, daß kaum einer der leitenden Mitarbeiter das christliche Profil des Diakoniewerks betonte, und schließlich der Kaufmännische Direktor, der bitter feststellte, daß die Kirche für die entsprechenden Angebote kaum zahlt. Und vielleicht sogar die vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in ihrer Heimatgemeinde aktiv sind, aber keinen Zusammenhang sehen zwischen diesem privaten Engagement und ihrer professionellen Arbeit .

All dem zum Trotz gibt es andere, die aus dem Fragezeichen ein Ausrufezeichen machen würden: Schließlich sind es nach allen Meinungsumfragen neben den Kasualien vor allem die sozialen Dienste , die dafür sorgen, daß die Volkskirche Kirche für das Volk bleibt. In diakonischen Projekten engagieren sich auch Kirchendistanzierte, Spenden und Erbschaften signalisieren Vertrauen in unsere Arbeit und viele Mitglieder erwarten, daß Diakonie auch mit Steuermitteln unterstützt wird. Die Lebenslagenuntersuchung von Diakonie und Caritas belegt, daß nicht wenige über die Diakonie neuen Zugang zum Glauben finden. Nirgendwo sonst ist Kirche so nah an den sozialethischen und medizinethischen Fragestellungen, an den Sinnfragen, die eine Werbeagentur der Kirche ins Stammbuch schrieb: "Ich gerate in Not - wer ist für mich da? Ich habe Angst vor der Zukunft - wer stärkt mir den Rücken?"

Aber gerade diese Fragen beantwortet die Diakonie doch offenbar nicht so, daß sie darin als Kirche erkennbar ist, werden die Kritiker sagen. Wie wäre es sonst möglich, daß trotz stetig ausgebauter Dienste das Profil immer verwechselbarer wird. Unternehmensberatungen wie McKinsey sind sich darin einig mit Theologen wie Alfred Jäger: "Als bloßes soziales Dienstleistungsunternehmen verliert Diakonie über die Länge der Zeit nicht nur ihr Profil, sondern auch ihre gesellschaftspolitische Sonderrolle im Sinne des Subsidiaritätsprinzips".1 Entsprechend heißt es im Bericht der Monopolkommission des Deutschen Bundestages: " Die wachsende Konkurrenz erfordert , ein eigenes Markenzeichen zu entwickeln..." Dabei kommt der Corporate Identity doppelte Bedeutung zu . Nach innen dient sie der Ausrichtung und Motivation der Mitarbeiterschaft, nach außen signalisiert sie dem Kunden ein glaubwürdiges Leistungsversprechen.2 Diakonische Unternehmen wie " Die Rummelsberger" haben deswegen mit Werbeagenturen an einem neuen Profil gearbeitet. Die Agentur Keysselitz z.B. sieht die Ausgangslage so : Diakonie hat viel von ihrer charismatischen Identität verloren. Die war gekennzeichnet von spontanen Gründungen, genialen Methoden und einem radikalen Dienstwillen. Und die Kirche hat ihr Kommunikationsmonopol verloren und schwankt zwischen Rückzug und Anpassung. Wenn Kirche und Diakonie wieder Profil gewinnen wollen, müssen sie ihre Potentiale bündeln. Denn der einzelne, der mit seinen Ängsten konfrontiert wird, wird dem Dienstleister den Vorzug geben, der sich einer besonderen Nähe zum Nächsten verpflichtet weiß.

Wenn Mitarbeiter erklären wollen, was sie an Kaiserswerth bindet und warum sie bei uns arbeiten, sagen sie manchmal : " Ich bin bei Diakonissen geboren". Es waren oft genug die Hebammen, die dann auch den Täufling zur Kirche trugen - durch die Loggia, die Kirche und Krankenhaus sichtbar verband. Heute ist für die Wahl einer Schwangeren der technische Standard des Kreissaals, die fachliche Betreuung und die Nähe zur Neugeborenen-Abteilung entscheidend. Seelsorgerliche Unterstützung wird in einem christlichen Krankenhaus sicher erwartet , aber kaum explizit nachgefragt. Und auch wenn der Bedarf an Krisenbegleitung bei Schwangerschaft und Geburt mit den diagnostischen und medizinischen Möglichkeiten wächst - zusätzliche Mittel für diese Aufgabe sind nicht im Budget. Die medizinische Leistung bestimmt den Marktwert eines Hauses, solange sich das christliche Profil nicht in erhöhter Motivation, ganzheitlicher Pflege , gesteigerter Nachfrage und kürzeren Liegezeiten ausdrückt . Seelsorge als konstruktiver Teil des Unternehmenskonzepts kann darum nicht einfach an die zuständigen Theologen delegiert werden. Die Spiritualität der Betreuung hängt von der Haltung aller Mitarbeitenden ab : Von der Telefonistin bis zur Assistenzärztin, vom Sozialdienst über die Pflegekräfte bis zu den Ehrenamtlichen in der Bücherei. Wie sie auf Menschen zugehen und was sie sagen , entscheidet mit, ob eine Gesundung oder ein Sterbeprozess auf Heil ausgerichtet ist - oder ins Dunkle führt ; ob die damit verbundenen Herausforderungen und Erfahrungen angenommen werden können oder verdrängt werden müssen.

Ärzte und Pflegende sind mit immer komplexeren ethischen Fragestellungen konfrontiert .Die Erfahrungen mit Sterbehilfe auf der Intensivstation oder die Kämpfe um Zeitlimits und Kostenbegrenzungen in der Rehabilitation erfordern ein neues Nachdenken über unsere Endlichkeit, über Freiheit und Würde des Menschen. Wenn aber immer weniger Zeit bleibt zur Verständigung über das, was uns heilig ist, über Werte und Entscheidungskriterien, die tragen, dann sind die Belastungen des Dienstes schließlich kaum noch tragbar . So wächst auch in christlichen Häusern das Interesse an Heilungstraditionen aus anderen Kulturen von Reiki bis zur Chakrenmeditation . Religion ist gefragt, aber die Antworten werden immer weniger im christlichen Kontext gesucht. Nur wenige haben den Mut , mit Fremden über ihren persönlichen Glauben zu sprechen, und das hat sicher auch damit zu tun, daß die Wortverkündigung weitgehend ans Pfarramt gebunden wurde - allen Konzepten vom allgemeinen Priestertum zum Trotz .

Was es bedeutet, daß unsere Einrichtungen seit langem nicht mehr von Diakonissen geleitet werden, daß Gemeinden nicht mehr durch den Dienst der Gemeindeschwester geprägt sind, ist vielen erst heute wirklich bewußt. Anders als Wichern hat Theodor Fliedner, der Gründer unseres Kaiserswerther Mutternhauses und "Wiederentdecker des neutestamentlichen Diakonissenamts",3 leider nicht für den Diakonat als geordnetes Amt der Kirche ausgesprochen. Das mag auch damit zusammenhängen, daß das Verhältnis des Pfarrers zur Diakonisse wie das des Vorstehers zur Oberin seiner Auffassung nach durch die Schöpfungsordnung geklärt war. Während die Aufgabe der öffentlichen Rede und der Leitung Männern im Pfarramt zugeschrieben wurde, galt der diakonische Dienst in Pflege und Erziehung als weibliche Liebestätigkeit. Die Professionalisierung der diakonischen Berufe in Pflege und Pädagogik, die damals begann, die damit verbundene Veränderung der Geschlechterrollen ,die Säkularisierung der sozialen Arbeit und nicht zuletzt ein verändertes Schriftverständnis zwingen uns heute , den geistlichen Status des Diakonats neu zu klären. Schon allein auf dem Hintergrund der Geschichte der Mutterhäuser und der Frauenordination plädiere ich für eine diakonische Ordination neben der Ordination zur Wortverkündigung im Sinne eines gegliederten Amtes, wie sie neben der schwedischen die Kirche am La Plata beschlossen hat, wo in Sao Leopoldo diakonische und theologische Studiengänge nebeneinandergeführt und miteinander verschränkt werden.

II. Kirche im Umbruch

Es geht also um mehr als um eine Erneuerung der Unternehmenskultur. Die geistlichen Traditionen der Diakonie wie Tageszeitengebete oder Aussegnungen werden mit veränderten gesellschaftlichen Realitäten konfrontiert. Und da ergeben sich Fragen, die nicht nur in der Diakonie zur Debatte stehen: Wie kann geistliche Gemeinschaft angesichts der Vielfalt der Dienste und Dienstzeiten gelebt werden? Wie läßt sich in den Zerreißproben beruflicher Mobilität und privater Verpflichtungen eine geistliche Heimat finden und gestalten ? Wie kommen wir auf dem Hintergrund unterschiedlicher Fachkompetenz und verschiedener Fachjargons zu einer Verständigung über Glauben und Leben ? Wie entwickeln wir neue, persönliche Rituale an den Lebenswenden ? Wie kann christlicher Glaube öffentlich werden und einen Lebenszusammenhang prägen, wenn große Einrichtungen und Institutionen in immer kleinere Teilgruppen auseinanderbrechen ? Wer macht heute jungen Leuten Mut , die Zukunft zu gestalten?

Volker Drehsen hat 1997 auf einem Symposium anläßlich des 70. Geburtstages von Ernst Lange die Situation der Kirche so beschrieben: Es zeige sich das Bild eines "nicht inkulturierten, geradezu exkulturierten Christentums", mit Zügen einer "statistischen Ausdünnung, schichtmäßigen Reduktion, inhaltlichen Entleerung, lebensweltlichen Entwurzelung und parochialen Horizontverengung".4 Auf gut Deutsch: Die Akademiker und Erfolgreichen kehren der Kirche den Rücken, ihr inhaltliches Angebot wird immer dünner, mit der Lebenswelt des Alltags hat sie nur noch wenig zu tun und über den Schatten der Kirchtürme hinweg zu planen fällt ihr schwer.

Die Gemeinden klagen, sie hätten durch die Professionalisierung und Verselbständigung der Diakonie ihre sozialen Aufgaben verloren . Die Mitarbeitenden in der Diakonie klagen, den Gemeindepfarrern seien die ihnen anvertrauten Menschen oft nicht einmal bekannt. Darin spiegelt sich nicht nur die Milieuverengung mancher Gemeinden, sondern auch das ungeklärte Verhältnis zwischen den Fachlichkeiten und Handlungsebenen in Kirche und Diakonie. Denn seit in der Sozial- und Gesundheitspolitik das Prinzip "ambulant vor stationär" greift, gibt es Angebote Betreuten Wohnens für Jugendliche, behinderte und ältere Menschen in fast jeder Gemeinde. Und auch die Pflegedienste sind nach wie vor präsent - allerdings in regionaler Trägerschaft. Die Spezialisierung der Dienste und die Vielfalt auch kirchlicher und diakonischer Träger in der Region verlangt allerdings eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit anderen Organisationen. Nur so läßt sich in den Gemeinden ein Angebotsnetz knüpfen, das persönliche Betreuung einbezieht, aber nicht allein darauf setzt.

Ohne den Dialog über persönlichen Einsatz und Berufsrollen, über Teamarbeit und Leitungsstrukturen, über die Beziehung zu anderen Anbietern und die Ziele der Arbeit wird die Zusammenarbeit zwischen Ortsgemeinde und Diakonie aber kaum gelingen. Es ist damit zu rechnen, daß Ehrenamtliche aus der Gemeinde und Fachleute aus der Diakonie verschiedene Motivationen und ein unterschiedliches Hilfeverständnis mitbringen. Dabei liegt die Stärke gemeindlicher Arbeit in ihrer Nachbarschaftsorientierung.

III Die Entscheidungen fallen vor Ort

In dem Stadtteilladen meiner Gemeinde , einem Café mit Bildungsangeboten und diakonischen Diensten von der Ehrenamtsbörse bis zur Schuldnerberatung habe ich die Erfahrung gemacht: Wenn Gemeinden sich für den Stadtteil öffnen , bekommen Menschen Lust, sich zu engagieren, mit denen die Gemeinde gar nicht mehr rechnet. Was sonst hinter vorgehaltener Hand gesagt wird, kommt auf den Tisch. Und neue Ideen , Initiativen und Selbsthilfegruppen wachsen. Auch in Projekten für Flüchtlinge und Wohnungslose, in Arbeitslosenintitiativen und beim Erstellen von Armutsberichten hat sich gezeigt, wie ideenreich Gemeinden agieren können. Diakonische Einrichtungen, in denen die Arbeitszeit der Hauptamtlichen durch definierte und refinanzierte Aufgaben beschrieben ist, tun sich oft schwerer , das gesicherte Feld der Fachlichkeit zu verlassen und sich auf Experimente einzulassen. Daß es dabei weniger auf die Trägerschaft als auf Gesetzgebung und Finanzierung ankommt, zeigt sich an der Arbeit mancher Tageseinrichtung für Kinder : die Integration in die gemeindliche Kinder- und Jugendarbeit ist längst noch nicht überall selbstverständlich .Dabei kann die Zusammenarbeit von Gemeinde und Diakonie neue Kräfte freisetzen.

Diakonische Projekte im Stadtteil fordern die Gemeinden heraus, ihre Arbeit offen, zielorientiert und politisch bewußt zu gestalten, das eigene Profil herauszuarbeiten und für eine gute Öffentlichkeitsarbeit zu sorgen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Diakonie können dabei zu Moderatoren werden, weil sie eine Außenwahrnehmung der Kirche mitbringen, die den Insidern fehlt. Der kritisch- distanzierte Blick auf die Dienste der Gemeinde kann den Leitungsgremien ein ehrlicher Spiegel und Anstoß zur missionarischen Profilierung ihrer Arbeit sein. Die Erfahrung, von anderen mit Kirche identifiziert zu werden , kann zugleich die Mitarbeitenden aus der Diakonie herausfordern, sich selbst wieder neu mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen.

Die Perspektivgruppe des Regionalverbandes Frankfurt hat empfohlen, die Arbeit im Kirchenkreis auf diese Weise zu intensivieren und zu profilieren: durch Konzentration von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern in gemeinsamen Projekten. Das kann in dem einen Stadtteil ein Kinderhaus mit Familienberatung, Elterntreffs und Müttergruppen sein, im nächsten ein Gesundheitszentrum mit Pflege- und Serviceeinrichtungen , mit Telefonketten und Treffpunkten für Ältere, anderswo ein Obdachlosenprojekt vom Lobbyrestaurant bis zu den Schlafkaten. Durch solche Schwerpunktsetzungen kann es gelingen, eine Vielfalt von Angeboten in der Region zu erhalten. Denn die vieldiskutierte Frage, ob wir weiterhin flächendeckend arbeiten können oder ganze Arbeitsfelder aufgeben müssen ,wird ja längst nicht mehr nur in der Diakonie, sondern auch in den Gemeinden diskutiert. Das Bewußtsein , immer nur eine fragmentarische Antwort auf die Situation geben zu können , aber auch der Gedanke der Einheit der Kirche erfordern den regionalen Austausch, heißt es in der FEST -Studie über Reformspielräume in der Kirche.5 Für die Autoren ist klar : wenigstens ein diakonisches Projekt - vom Kindergarten bis zum Hospiz - muß zum Konzept der Gemeindearbeit gehören. Nicht nur für Außenstehende ist entscheidend, daß unser Glaube leibhaftig und lebensbezogen zum Ausdruck kommt. Auch wir selbst brauchen die Erfahrung des Dienstes, um neu zu entdecken, was uns dient und trägt.

Ohne Offenheit füreinander und für Menschen, die noch auf der Suche sind, werden Gemeinden diesen Profilierungsprozess aber als Verlust erfahren. Wechselseitige Information, gemeinsame Beratung und Planung und konsequente Arbeitsteilung erfordern abgestimmte Arbeitsstrukturen zwischen Parochien und funktionalen Diensten, wie McKinsey sie im München-Programm exemplarisch durchbuchstabiert hat. Solange allerdings die organisierte Diakonie in kirchlichen Leitungsgremien und Synoden schwach vertreten ist, bleibt es bei einem oft unverbundenen Nebeneinander. Mangelnde Information und Abstimmung aber ist für Politik und Öffentlichkeit verwirrend und ineffektiv. Um des gemeinsamen Auftrags willen ist ein strukturiertes Miteinander gefordert. Und Initiativen wie Spendenparlamente und Diakoniestiftungen sind Schritte in diese Richtung.

In der lokalen Gesellschaft und Ökonomie entscheide sich die Wohlfahrtsfrage, hat Warnfried Dettling geschrieben.6 Sozial seien ja nicht die Taten des Staates, sondern die Beziehungen und Zusammenhänge, die Menschen füreinander stiften. Dettling erwartet eine Renaissance der Stadtgesellschaft .

Aus einer syrischen Stadtkirche des 5. Jahrhunderts stammt die Kirchenordnung, an die Hans Werner Dannowski kürzlich erinnert e. Darin ist die Seelsorge noch nicht in einzelne Gemeinden aufgegliedert, sie wird vielmehr gemeinsam verantwortet. Zwölf Priester, sieben Diakone und dreizehn Witwen bilden das Kollegium des Bischofs. Hausbesuche zur Linderung der Not, die Fürsorge für Flüchtlinge und Fremde, Arme und Obdachlose und die Bestattung der Schiffbrüchigen, die ans Ufer angeschwemmt wurden, gehören zu den Aufgaben der Diakone. Weil der Blick hinter die Fassade, die Gastfreundschaft für Entwurzelte und Heimatlose und der unbedingte Einsatz für die Menschenwürde zum kirchlichen Zeugnis gehören, kann der Diakon in einer der Regeln als "Sinnbild der Kirche und Ratgeber des ganzen Klerus" bezeichnet werden. Vielleicht gehen wir wieder auf eine ähnliche Situation zu. Alte Leitbilder kirchlicher Arbeit wie Hospiz und Asyl entwickeln jedenfalls neue Anziehungskraft, und die Kirche als gesellschaftliche Gruppe gewinnt an Glaubwürdigkeit durch ihr uneigennütziges Eintreten für Benachteiligte . "Wenn die Kirche nicht dient, dient sie zu nichts" , hat der Bischof von Evreux sich zum Leitwort erwählt und damit Kirche als Diakonie beschrieben.

IV Kirche als Diakonie

In unseren Gottesdiensten loben wir den, der den Geringen aus dem Staub aufrichtet und den Armen aus dem Schmutz erhebt (Psalm 113 ) Darum gehört das Eintreten für Entrechtete und Vergessene zum Bekenntnis der Kirche. Dabei geht es über die persönliche Hilfe hinaus um Rechtssetzung und Wirtschaftsstrukturen, die der Verelendung von Menschen entgegenwirken .Darum ist es gut, daß die Diakonie als Wohlfahrtsverband gesetzlich gesicherte Möglichkeiten hat, sich an der Gestaltung des Sozialstaats zu beteiligen. Natürlich kann die verbandspolitische Einbindung die Anwaltschaft für Benachteiligte erschweren - aber nicht nur die Diakonie als Freie Wohlfahrtspflege muß immer neu um ihre Freiheit ringen, auch die Kirche ist vor Anpassung nicht gefeit; man denke nur an Streitfragen wie den Wegfall des Bußtags.

Es muß allerdings zu denken geben, daß die Medien inzwischen die Rolle des unabhängigen Anwalts der Benachteiligen übernommen haben. Eine Sendung wie "Mit mir nicht" hat für viele die Funktion der öffentlichen Klage, wie wir sie aus den Psalmgebeten Israels kennen. Das mag so sein. Aber erst in der konkreten Parteinahme, in der leibhaftigen Begegnung können Leidende tatsächlich aus ihrer Isolation herausfinden und ihre Würde wiedergewinnen .Warum haben wir nicht öfter den Mut, in den Gottesdiensten der Gemeinde konkret zu beschreiben , was Leben schädigt und zerstört? Warum sind unsere Fürbitten so wenig konkret, kommen die Betroffenen selbst so selten zu Wort ?

Diakonie geschieht ," wo an das Gelingen selbst von mißlungenem Leben geglaubt und wo dieser Gedanke an das gefährdete Leben auch praktisch und professionell manifestiert wird", schreibt Alfred Jäger . "Die Agape zwischen betreuenden und betreuten Menschen kann alltäglich zum Ort werden, an welchem sich Gott ereignet."7 Diakonie ist Kommunikation des Evangeliums zwischen Helfenden und Hilfebedürftigen, in der die Gegenwart des helfenden Gottes erfahrbar werden kann. Der gescheiterte und gekreuzigte Jesus von Nazareth, der auferstandene Christus, begegnet uns im Zeugnis der Versöhnung - im Gottesdienst wie im Alltag der Diakonie. Wo das geschieht, entsteht mitten in Leid und Not Gemeinschaft der Heiligen.

In diesem Sinne ist Diakonie wie die Ortsgemeinde eine Gestalt von Kirche - keine eigene oder andere Kirche, wie Jäger meint. Das betont auch die Diakoniedenkschrift: "Diakonie als Gestalt der Kirche besteht .. aus zahllosen Initiativen, Einrichtungen, Netzen ,Werken und Verbänden. " In dieser Vielfalt liegt eine Stärke der Kirche in der pluralistischen und mobilen Gesellschaft . Diakoniewerke und diakonische Gemeinschaften mit ihren geistlichen Zentren können ein Ausgangspunkt für die Entwicklung von Profilgemeinden sein, wenn sie sich für Suchende öffnen.

Die Kirche kann verletzten und entwurzelten Menschen einen Schutzraum gewähren, in dem sie Versöhnung erfahren und neue Freiheit gewinnen. Das gilt für die Flüchtlingsarbeit wie für Beratung und Seelsorge. Daß dabei nicht alles unter Effektivitätskriterien gesehen wird, ist für die Sterbebegleitung so wichtig wie für den Gottesdienst. Die diakonische Arbeit ist darauf angewiesen, daß die Kirche ihre Freiheit sichert - rechtlich wie finanziell.

V Bekehrung der Herzen und Erneuerung der Institutionen

Die Diakonie hat in den letzten Jahren Entwicklungen erlebt, die sie mit der ganzen Kirche teilt. In ihrer Säkularisierung und Ökonomisierung spiegeln sich gesellschaftliche Veränderungen. Und daß die Kirchenmitglieder in unserer Mitarbeiterschaft kaum Bezug zur Bibel haben, spiegelt den Traditionsabbruch in der Kirche. Ein gemeinsamer Konvent aller Ordinierten , Eingesegneten und Vocierten kann darum ein entscheidender Schritt sein, die Situation der Kirche zu verstehen und uns für den Dialog mit anderen gesellschaftlichen Gruppen fit zu machen . Eine konziliare Zusammenarbeit der verschiedenen Dienste ist auch eine gute Basis für gemeinsame Projekte. Die Förderung des Freiwilligen-Engagements zum Beispiel ist eine Aufgabe von Kirche und Diakonie. Alle Vorstellungen, Träger könnten sich die Ressource Ehrenamt gegenseitig streitig machen, sind vollkommen verfehlt. Denn die Motivation zum Helfen geht heute nicht mehr von den Organisationen, sondern vom Hilfesuchenden aus. Sein Bedarf setzt die Hilfe in Bewegung. Idealismus und Opferbereitschaft sind einer neuen Partnerschaftlichkeit, einer Achtsamkeit für die Lebenssituation anderer mit ihren Problemen, aber auch mit ihren Stärken gewichen. Dem entspricht das Interesse der Helfenden am eigenen Wachstum .Das gilt übrigens für Hauptamtliche wie für Ehrenamtliche. Die inhaltliche Ausrichtung einer sozialen Einrichtung und die dahinterstehende Verbandsstruktur spielen als Anknüpfungspunkt nur noch eine geringe Rolle. Das hat vermehrt zu Kooperationen und zu einer neuen Öffnung der Einrichtungen geführt. Eine große Zahl der Menschen, die bei uns mitarbeiten möchten, gehören inzwischen einer anderen oder gar keiner Konfession mehr an. Wir denken darum viel zu eng, wenn wir uns bei den Spannungen zwischen Kirche und Diakonie aufhalten. Wir brauchen ökumenische Initiativen ,die Hilfsbereitschaft und Beziehungsfähigkeit fördern und Menschen helfen, ihr Leben und ihren Glauben zu gestalten.

Diakonische Einrichtungen ermöglichen eine unverkrampfte Begegnung mit Kirche; sie bieten einen Erfahrungsraum, in dem gesellschaftliche, ethische und religiöse Fragen konkret und lebensbezogen miteinander verknüpft sind. Deswegen kann Diakonie zur Sprachschule des Glaubens werden. Nach der Seelsorgebewegung, die ja wesentlich im diakonischen Kontext entstand, brauchen wir heute eine Bildungsoffensive : Neue Formen des Erwachsenen-Katechumenats und entsprechende Angebote in der Aus-, Fort- und Weiterbildung müssen Glaubensfragen thematisieren , persönliches Wachstum ermöglichen und dabei den Dialog mit anderen Religionen suchen.

Die Führungsebene diakonischer Einrichtungen ist in der Debatte um den Diakonat noch zu wenig im Blick. Regelmäßige Gespräche der kirchlichen Leitungsgremien mit den ehrenamtlichen Verantwortungsträgern in der Diakonie würden nicht nur den Informationsfluß verbessern. Sie könnten auch vielen Mut machen, sich in ihrem beruflichen Umfeld , in Politik, Wirtschaft oder Verbänden mit der Kirche zu identifizieren. In diesen Zusammenhang gehört auch die Stärkung des interdisziplinären Dialogs der Theologie mit den Naturwissenschaften wie mit Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, die gezielte Fortbildung von Führungskräften und die theologische Reflexion von Leitungs- und Managemententscheidungen und die Entwicklung diakonischer Forschungsinstitute.

"Nach dem biblischen Zeugnis sind die Bekehrung der Herzen und die Erneuerungsbereitschaft in den Institutionen die Voraussetzung für wirksames helfendes Handeln" , heißt es am Ende der Denkschrift.

Diakonie ist die ausgestreckte Hand der Kirche in die Gesellschaft. Deswegen lassen Sie uns die Angebote sozialen Lernens vom Konfirmanden- und Schülerpraktikum bis zum Freiwilligen Jahr für Ältere, vom Diakonischen Jahr in Europa bis zur Ehrenamtsbörse ausbauen und weiterentwickeln - als Beitrag der Kirche zur Entwicklung einer verantwortlichen Bürgergesellschaft. Denn die Kirche trägt eine unaufgebbare Verantwortung für die Kultur des Helfens in der Gesellschaft.

Diakonie ist Sprachschule des Glaubens. Deshalb sorgen Sie mit dafür, daß die religionspädagogischen Angebote in unserer Aus- und Weiterbildung verstärkt werden. Weil unser Glaube auch durch Taten spricht , müssen Mitarbeitende sich damit auseinandersetzen können, was es heute heißt, " die Würde jedes Menschen zu achten, Hilfe zu leisten und Gehör zu verschaffen ", wie es im Leitbild der Diakonie formuliert ist.8 Wir brauchen den nötigen Freiraum für diakonische Bildungsarbeit, wenn wir unsere Botschaft verständlich, konkret und mit allen Sinnen zum Ausdruck bringen wollen: "Investitionen in Ausbildung und seelsorgerlichel Begleitung sind eine vorrangige kirchliche Aufgabe." (Diakoniedenkschrift 12O ).

Diakonie ist eine Gestalt der Kirche und muß in ihren Ordnungen verankert sein. Das gilt für geistliche Gemeinschaften und Dienstgruppen wie für Diakoniegemeinden in den Werken. Das gilt für die Vertretung in Leitungsgremien und Synoden wie für die Ämterfrage. Helfen Sie mit, daß der Diakonat , in dem viele Mitarbeitende in der Diakonie arbeiten, als Diakonat der Kirche geordnet wird damit wir einen weiteren Schritt zu einer Kirche von Brüdern und Schwestern tun .

"Wo Dienst ist, muß Gemeinde werden", hat Friederike Fliedner vor mehr als 150 Jahren geschrieben. Dieser Satz ist eine Herausforderung geblieben. Deshalb lassen Sie uns aus der Spannung von Kirche und Diakonie Funken schlagen, statt uns daran aufzureiben. Lassen Sie uns Abschied nehmen von gegenseitigen Vorwürfen und gemeinsame Zukunftsentwürfe in den Mittelpunkt der Diskussion stellen. Wo das geschieht, werden wir auch heute in den Zerreißproben der Diakonie und in den Umbrüchen der Kirchen dazu beitragen, daß sich unsere Gesellschaft erneuert.



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