Bericht des Diakonischen Werkes der EKD

4. Tagung der 9. Synode der EKD (7. - 12. November 1999, Leipzig)

Vorwort

Die diakonische Arbeit der Kirche beteiligt sich aktiv in der ökumenischen Bewegung, ist in die weltweite Diakonie der ökumenischen Gemeinschaft der Kirchen eingebunden und unterstützt die Programme europäischer und weltweiter Hilfe. Diakonie umfaßt deshalb eine europaweite und weltweite soziale Mitverantwortung. Sie beteiligt sich an der Entwicklung einer Vision von Diakonie in Europa und schöpft alle Möglichkeiten einer verbesserten sozialen Zusammenarbeit der Kirchen aus. Sie tritt für die soziale Gestaltung Europas ein.

(Herz und Mund und Tat und Leben - Grundlagen, Aufgaben und Zukunftsperspektiven der Diakonie. Eine evangelische Denkschrift, Gütersloh 1998, Abschnitt 133)

Europa ist für die Diakonie, wie ein Blick in ihre Geschichte zeigt, immer ein zentrales Thema gewesen. Schon Johann Hinrich Wichern stellte die Entwicklung der sozialen Frage in Deutschland im europäischen Kontext dar. Wenn er über die Straßenkinder in Hamburg schrieb, setzte er deren Situation in Beziehung zur Situation der Kinder in England; schilderte er die Probleme der Auswanderer - wir würden heute von Arbeitsmigranten sprechen -, wurde das Schicksal der ausgewanderten Besenbinder aus dem Vogelsberg ebenso präsent wie die Situation der Wanderarbeiter in Paris.

Europa hat sich in den vergangenen zehn Jahren infolge der Auflösung früherer politischer Systeme rasant verändert. Die überstürzte Suche nach marktwirtschaftlichen Lösungen und der Prozeß der Abwicklung haben zu einer neuen Kluft zwischen Reichen und Armen, einer anschwellenden Zahl von Arbeitslosen und einer raschen Verbreitung von Kriminalität geführt. Die Gefahr von Nationalismus und Rassismus ist an vielen Stellen aufgebrochen, und in Europa sind wieder Kriege geführt worden. Die Bratislava-Erklärung stellte vor fünf Jahren treffend fest: "Durch das Tempo des Wandels und mangelndes Miteinanderteilen nimmt die Einsamkeit zu und wird das Fehlen von sozialem Bewußtsein deutlicher. Diejenigen überkommenen Wertvorstellungen, die Zusammenhalt und Menschenwürde stärken, sind heute bedroht. Die Diakonie muß Teil einer Bewegung sein, die Europa ein Zielbewußtsein gibt, das über das Wirtschaftswachstum hinausgeht." Die Konsultation, die auf Einladung der Konferenz Europäischer Kirchen vom 13. bis 18. Oktober 1994 in Bratislava stattfand und an der orthodoxe und protestantische Teilnehmer/innen aus 26 Ländern teilnahmen, veröffentlichte ihre Erklärung unter dem programmatischen Titel "Auf dem Weg zu einer Vision von Diakonie in Europa".

Auf diesem Weg zu einer Vision von Diakonie in Europa ist das Diakonischen Werk der EKD zusammen mit seinen europäischen Partnern seit vielen Jahren unterwegs. Die Zusammenarbeit im Europäischen Verband für Diakonie "Eurodiaconia" ist dabei zu einem Motor geworden. Der Rechenschaftsbericht 1999 zeigt, wie breit gefächert die Arbeitskontakte angelegt und wie eng die Partnerschaften inzwischen geworden sind. Die europäische Dimension diakonischen Handelns ist kein Schlagwort, sondern bestimmt die Arbeit in den einzelnen Abteilungen und Referaten. Die Vision von Diakonie in Europa nimmt bereits Gestalt an. Bei der Lektüre dieses Berichtes wird auch deutlich, daß der Weg zu einem sozialen Europa oder gar zu einer Europäischen Sozialunion mühsam ist. Dies liegt auch an der Vielfalt, die sich im staatlichen Bereich in Europa seit dem Mittelalter entwickelt hat. Neben den zentralisierten Staaten, unter denen England, Frankreich und Spanien die besten Beispiele sind, stellten die Kleinstaaten in Deutschland und die Stadtstaaten in Italien andere Formen politischer, wirtschaftlicher und kultureller Gemeinschaften in Europa dar. Die slawischen Staaten in Osteuropa wiederum prägten eine eigenständige Form von Nationen, die stärker von der Volksgemeinschaft denn von der Rechtsgemeinschaft geprägt sind.

Das historische Erbe hat zu einer weiteren europäischen Besonderheit geführt: zu der Eigenständigkeit der peripheren europäischen Nationen. "Im Europa des Mittelalters entstehen Zentrum-Peripherie-Beziehungen, deren gutes Funktionieren eine der Erfolgsbedingungen der europäischen Gemeinschaft ist", stellt der französische Historiker Jacques Le Goff fest (ders., Das alte Europa und die Welt der Moderne, München 1996, S. 25). Die Europäischen Institutionen sind gut beraten, dieses Erbe zu pflegen und den Staaten die Freiheit zu erhalten, die gemeinsamen Wertevorstellungen auf unterschiedlichen Wegen realisieren zu können. "Mehr Markt" und "mehr Wettbewerb" dürfen nicht die entscheidenden Leitbilder sein, nach denen Europa gebaut wird.

Der vielfältige Austausch von diakonischen Erfahrungen in Europa, der im Folgenden beschrieben ist, stimmt hoffnungsvoll. Er belegt, daß Wohlfahrtsverbände Gestaltungselemente europäischer Sozialstaatlichkeit und zivilgesellschaftlicher Strukturen sind.

Sie geschehen in dem Geist, der in den Worten von Bratislava lautet:

"Unsere Zukunftsvision für Europa ist gekennzeichnet durch Offenheit gegenüber der übrigen Welt und durch die Beseitigung von tiefgreifenden wirtschaftlichen Spaltungen, Rassismus und Diskriminierung und durch die Schaffung gleichberechtigter Chancen und Behandlung von Menschengruppen, die zur Zeit ausgeschlossen sind. Es ist eine Vision tragfähiger Gemeinschaften, die sich durch Nachbarschaftsgeist, Miteinanderteilen und Sorge um den Menschen und die Umwelt auszeichnen."

Pfarrer Jürgen Gohde
Präsident des Diakonischen Werkes
der Evangelischen Kirche in Deutschland



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