Bericht des Rates der EKD (Präses Manfred Kock)

4. Tagung der 9. Synode der EKD (7.-12. November 1999, Leipzig)

10. "Unsere Zeit in Gottes Händen" - Vor dem Millennium

10.1 Der Konsultationsprozess "Protestantismus und Kultur"

Das Motto der evangelischen Kirche zur Jahrtausendwende lautet: "Unsere Zeit in Gottes Händen - 2000 Jahre nach Christus - 2000 Jahre mit Christus".

Was sich für uns damit verbindet, hat Jochen Klepper in seinem Lied zur Jahreswende treffend gesagt:

"Der du allein der Ew'ge heißt und Anfang, Ziel und Mitte weißt im Fluge unserer Zeiten: bleib du uns gnädig zugewandt und führe uns an deiner Hand, damit wir sicher schreiten."

Der Rat hat das Datum der Jahrtausendwende, das in so hervorgehobener Weise Veranlassung zu Rückblick und Ausblick bietet, zusammen mit der Vereinigung Evangelischer Freikirchen zum Anlass genommen, einen Konsultationsprozess zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur zu initiieren.

Acht Monate sind seit der Veröffentlichung des Impulspapieres "Gestaltung und Kritik" vergangen. Überall dort, wo seine Anregungen aufgegriffen und ins Gespräch mit gesellschaftlichen Gruppen eingebracht werden, kommt es zu ergiebigen und weiterführenden Diskussionen. Denn man ist schnell und direkt bei der Sache selbst: nämlich dem Streit darüber, welche Kultur der Würde des Menschen entspricht, seine Freiheit fördert und der Entfaltung des Lebens dient.

Der Anspruch jedes Menschen auf den Schutz seiner unveräußerlichen Würde, die Anforderung an jeden Menschen, seinem Gewissen zu folgen und die Pflicht des Einzelnen wie der Gesellschaft, Not von Mitmenschen abzuwenden, sind aus christlichen Quellen entstanden. Dies nicht nur im Bewusstsein zu halten, sondern für die Zukunft fruchtbar zu machen, gehört zu den heute besonders dringlichen Aufgaben der Kirche.

Gerade weil das Evangelium mehr ist als ein bloßer Kulturfaktor, kann es sich auf die Kultur gestaltend und verändernd auswirken.

In den zwei Jahrtausenden der bisherigen Geschichte des Christentums geschah das insbesondere dadurch, dass Inhalte des christlichen Glaubens zu Themen kultureller Gestaltung und zu ethischen Maßstäben für das Zusammenleben der Menschen wurden.

Auch im dritten Jahrtausend christlicher Zeitrechnung werden christliche Kirchen zu verkündigen haben, dass Mensch und Welt Gottes Schöpfung sind, dass Menschen Gewissheit über ihr Leben und Zuversicht über ihren Tod hinaus der Gnade Gottes verdanken und dass die Verbundenheit unter den Menschen in der Treue Gottes zu seinen Geschöpfen ihre feste Basis hat.

Die Botschaft von der christlichen Freiheit, wie sie vor einem halben Jahrtausend in der Reformation neu entdeckt wurde, wird auch künftig ein unentbehrlicher Beitrag zur Kultur einer freiheitlichen Gesellschaft sein. Darum muss die Kirche ihrem missionarischen Auftrag treu bleiben und ihm unter geänderten Verhältnissen neu gerecht werden.

10.2 Der missionarische Auftrag der Kirche

Das Schwerpunktthema dieser Synode lautet "Reden von Gott in der Welt". In allen Landeskirchen und in allen Ortsgemeinden geht es um diese Sache. Am Ende dieses Jahrtausends ist die Aufgabe einer verständlichen, einladenden und gewinnenden Verkündigung von höchster Wichtigkeit für unsere Kirche.

Mir selbst geht es bei dem Thema "Mission" um folgende Schwerpunkte:

  • Die Kirche muss sich als ganze auf Mission einstellen und umstellen!

Der Missionsauftrag gilt der ganzen Gemeinde Jesu Christi und damit uns allen. Wir dürfen ihn nicht allein den Spezialisten überlassen, z.B. den Missionarischen Diensten oder einzelnen Evangelisten. Wir erkennen dankbar an, dass diese über Jahrzehnte hinweg das missionarische Anliegen wachgehalten haben. Missionarisches Handeln muss nun aber in der ganzen Kirche neues Gewicht erhalten.

Durch die Wende und die Vereinigung unseres Volkes ist die missionarische Herausforderung noch dringender geworden. So heißt es in der Schrift "Kirche mit Hoffnung - Leitlinien künftiger Arbeit in Ostdeutschland", die von einer ostdeutschen Arbeitsgruppe der EKD vorbereitet und im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht wurde: "Kirche ist ohne Mission nicht zu denken. Sie würde sonst ihren Auftrag verfehlen, der ihren Dienst begründet. ... Wer das Evangelium von Jesus Christus als tragenden Grund seines Lebens erfahren hat, kann nicht anders, als davon Zeugnis zu geben, für diesen Herrn zu werben und andere einzuladen, sich ebenso auf ihn einzulassen."

  • Zur Förderung der Sprachfähigkeit und Auskunftsfähigkeit der einzelnen Christen brauchen wir eine Elementarisierung der Botschaft

Es geht nicht nur um die Neuausrichtung der Gemeindearbeit, sondern auch um die Teilhabe der einzelnen Christin, des einzelnen Christen an der Mission Christi.

Elementarisierung ist nicht nur eine Frage der Methode. Sie wächst jedem von uns in einem individuellen Reifeprozess zu, bei dem Lebens- und Glaubenserfahrungen, Wissen und Sprachvermögen ineinander verwoben sind. Wir Theologinnen und Theologen sollten uns fragen, ob wir die biblische Botschaft nicht oft genug verkompliziert und problematisiert und damit die Sprachfähigkeit der sogenannten Laien blockiert haben.

Staatsminister Naumann hat neulich in einem Interview gesagt: "[Ich] habe ... Predigten gehört, in denen der Pfarrer seine Zweifel vor der Gemeinde ausgebreitet hat. 'Interessant', sagte ich dann, 'das ist ein ehrlicher Mensch.' - Und damit hatte es sich ... "

Die Menschen brauchen beides, die elementaren Grundlagen unseres Glaubens und Glaubenszeugen, die sie mit ihren Fragen und Zweifeln nicht allein lassen.

  • Nötig ist das leidenschaftliche Interesse an den Menschen unserer Zeit, an ihrer Verlorenheit und an ihrer von Gott verheißenen Zukunft.

Die Gute Nachricht von der Freiheit der Kinder Gottes braucht also Botinnen und Boten, die unverkrampft auf andere Menschen zugehen.

Ich habe in diesem Jahr bei vielen Begegnungen mit Christinnen und Christen aus anderen Frömmigkeitstraditionen ermutigende Erfahrungen gemacht. Zwei besonders eindrückliche Erlebnisse möchte ich nennen:

  • Im vergangenen Februar hatte ich die Gelegenheit, am Willow-Creek-Kongress in der Arena Oberhausen teilzunehmen. Die Botschaft dieser amerikanisch-freikirchlichen Bewegung habe ich für mich so auf den Punkt gebracht: Christen dürfen nicht mit sich selbst und ihresgleichen zufrieden sein. Gottes Interesse gehört den Verlorenen. Daraus erwächst eine Leidenschaft, sich gerade um die zu bemühen, die bisher keine Verbindung zum christlichen Glauben hatten.
  • Ebenfalls im Februar habe ich mit einer Ratsdelegation Indien besucht. An einer Stelle, in Melukavu, waren wir bei einem missionarischen Treffen mit über 2.000 zumeist jungen Leuten. An einem anderen Ort, zur sogenannten Maromon-Convention, hatten sich gar 100.000 Menschen zu einer einwöchigen Evangelisation versammelt, um sich für ihr Zeugnis zurüsten zu lassen. Solche Erlebnisse in der weltweiten Ökumene sind ermutigend, denn dort in Indien geschieht das Christuszeugnis nicht ohne Risiko. Fanatiker reagieren mit verbrecherischer Gewalt gegen Christen.

Das ist in unserem Lande nicht so. Hier machen wir uns gegenseitig das Leben schwer - durch Abgrenzungen und Rechthaberei, durch konfessionalistische Engführung und durch das Verteilen von Ketzerhüten, durch plakative Notsynoden und ähnliches. Bei allem Eifer für die Sache Jesu brauchen wir Gelassenheit. Es wird sich schon herausstellen, was vom Geist Jesu Christi getrieben ist und was nicht.

Sein Zuspruch: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" bedeutet für uns an der Schwelle zum neuen Jahrtausend: Unsere Befürchtungen, die Botschaft vom gnädigen Gott könne in der Moderne zum Ladenhüter werden, ist unbegründet. Denn mit dieser Botschaft stellt die Kirche einen Schatz dar für eine Gesellschaft, die sich nicht selbst erlösen kann, die sonst wenig Heimat bietet für Suchende und Fragende. Christliche Gemeinden werden auch in Zukunft Orte sein, wo der Glaube gelebt und bezeugt wird. Die Gemeinden nehmen teil am Alltag der Menschen, an ihren Krisen und ihren Festen, behalten die besonders im Blick, die Pflege und Hilfe brauchen, Arbeitslose und andere, die mit ihrem Leben nur schwer zurechtkommen. Wenn Gemeinden so sind, ist mir um ihre Zukunft der Kirche nicht bange.



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