Grußworte

4. Tagung der 9. Synode der EKD (7. - 12. November 1999, Leipzig)

Michel Friedman

Mitglied des Präsidiums des Zentralrats der Juden in Deutschland

Michel Friedman

Herr Ratspräsident, Herr Präses, Herr Bundeskanzler!

Es ist immer noch keine Selbstverständlichkeit, dass wir miteinander im Dialog sind, und ich finde es deswegen umso wichtiger und umso bemerkenswerter, dass wir jede Gelegenheit nutzen, dies für die Gegenwart und für die Zukunft zum Alltag und zum Selbstverständlichen werden zu lassen.

Der christlich-jüdische Dialog ist eine Voraussetzung von Zivilisation, und ich will an dieser Stelle sagen, daß wir uns meiner Meinung nach dem Gedanken nähern sollten, dem christlich-jüdischen Dialog einen christlich-jüdisch-islamischen Trialog folgen zu lassen.

Das Thema Ihrer Tagung klingt in jüdischen Ohren - das werden Sie verstehen - jedenfalls nachdenklich.

Ich verstehe es so - erlauben Sie mir diese Interpretation, Sie werden mir widersprechen, wenn ich mich irre -, daß Sie diese Begrifflichkeit nach innen meinen, die Stärkung des Glaubens bei den Mitgliedern der evangelischen Kirche.

Ich hoffe, daß Sie es nicht so meinen, wie dies leider - ich muß das offen ansprechen - in den letzten Monaten und Jahren auch in Deutschland wieder geschehen ist, daß, wenn auch Randgruppen der Kirche, doch wieder eine offene, offensive Mission bei Juden, die gerade aus der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, oder auch bei anderen betreiben.

Mein Selbstverständnis von Respekt der Religionen zueinander bedeutet, daß man den Glauben des einzelnen Menschen so weit respektiert, daß man nicht glaubt, ihn mit einem anderen Gebot und Angebot irritieren zu sollen. Der Respekt der Religionen zueinander und auch der Umgang miteinander ist für mich übrigens die große zivilisatorische Herausforderung, die wir in den Zeiten des politischen Wechsels, des geographischen und des Systemwechsels haben. Im Umgang miteinander müssen wir den Menschen zeigen, wie man trotz unterschiedlichen Glaubens und trotz unterschiedlicher Überzeugungen respektvoll, im Gespräch nachdenklich, im Ergebnis frei miteinander umgeht.

Es sind dies Aufgaben und Fragen, die dieses Land und uns alle betreffen. Lieber, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, in diesem Zusammenhang möchte ich Sie, aber auch alle Anwesenden bitten, ein Thema, das uns alle sehr beschäftigt und das sehr aktuell ist, zügig und engangiert zu einem Ergebnis zu führen. Ich bin froh, daß Otto Graf Lambsdorff signalisiert hat, daß Sie, sehr geehrter Herr Bundeskanzler, und die Bundesregierung in dieser Frage noch einmal einen Akzent setzen. Ich spreche von der Entschädigung von Sklaven- und Zwangsarbeitern, ein Thema, das, wie ich finde, die deutsche Industrie unwürdig, mit dem falschen Bewußtsein und mit den falschen Signalen diskutiert.

Wenn ich der Vorsitzende eines Unternehmens wäre, würde ich sagen: Ich bin beschämt, aber zugleich dankbar, daß ich das nachholen kann, was meine Vorgänger versäumt haben.

Es ist mir bewußt, daß kein Geld der Welt dieses Leid kompensieren kann; aber gleichzeitig weiß ich in dieser schwierigen Situation, daß es um die Würde der Menschen geht. Denn die Opfer, meine Damen und Herren, waren nicht die deutschen Industrievertreter, sondern die Zwangsarbeiter.

Es geht darum, schnell eine Lösung zu finden, die Zeit ist eigentlich abgelaufen. Die Menschen sind im Durchschnitt 80 Jahre. Wenn wir uns als Bundesrepublik Deutschland ernst nehmen wollen, wenn wir den Maßgaben der Menschlichkeit und der Verantwortung der Menschen in der Kette ihres Lebens ernst nehmen, meine ich, daß es unser gesellschaftspolitisches Anliegen sein müßte, in dieser Frage endlich für die wenigen Überlebenden im Ob und im Wie eine Lösung zu finden, die nicht nur ein Stück dieser menschlichen Offensive darstellt, sondern vor allen Dingen verhindert, daß, welche Lösung auch immer gefunden wird, ein weiterer bitterer Nachgeschmack übrig bleibt.

Wir sind miteinander gefordert, diese Gesellschaft zu gestalten. Der aktive Bürger, der selbst verantwortete Bürger, der Mensch, der sich nicht von der Autorität anderer Menschen beugen läßt, sondern seiner Überzeugung folgt, Menschen, die dem Glauben verpflichtet sind, Menschen, die bereit sind, sich zu engagieren, sind der Sauerstoff einer freien Gesellschaft. Wir, die Religionsgemeinschaften, versuchen dort Mut und Kraft zu geben, wo Menschen ängstlich, in Schwierigkeiten oder in sozialer Armut leben.

Meine Damen und Herren, es ist keine Selbstverständlichkeit, daß ich vor Ihnen sprechen kann und daß wir miteinander reden. Ich finde es ermutigend, bereichernd und das richtige Signal, daß wir dies nun seit mehreren Jahrzehnten in Respekt und Dialog miteinander betreiben, und ich gestehe Ihnen ganz offen: Ich will mehr davon, ich habe Sehnsucht danach.


Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!



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