Grußworte
4. Tagung der 9. Synode der EKD (7. - 12. November 1999, Leipzig)
Dr. Hans Geisler
Sozialminister des Freistaates Sachsen
Herr Ratsvorsitzender, Herr Präses, Herr Bundeskanzler, meine sehr verehrten, lieben Schwestern und Brüder, meine sehr verehrten Gäste!
Ich bin gern zu Ihnen gekommen und bringe die Grüße unseres Ministerpräsidenten. Ich will Sie grüßen mit dem Text aus der Herrnhuter Losung für den heutigen Tag: Wir sind alle wie die Unreinen, und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid. Kein leichter Text, wenn man sich den Wochenspruch, den uns heute Pfarrer Föhrer schon gesagt hat, dagegen hält.
Wir sind in eine Zeit hineingestellt, wo der Herbst 1989 jetzt durchaus Erinnerung ermöglicht. Als Kirche, als jemand, der in Sachsen als Synodaler Jahre mit Verantwortung getragen hat, und in der Kirchentagsgeschichte in Sachsen sich im Besonderen der Kongressarbeit engagiert hat, ist die Erinnerung an die Zeit vor 1989 und die Reflexion der Zeit seit 1989 angezeigt. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich habe darüber reflektiert, was wir an Dank als Kirche für die Zeit vor 1989 erhalten haben: als Ort der Sammlung, als Ort der Reflexion und der Möglichkeit, außerhalb der staatlichen Organisation sich austauschen zu können.
Wir sind in den Jahren danach auch kritisch hinterfragt worden, ob dieser Weg denn immer wirklich dem Evangelium gefolgt ist. Ich weiß, dass in diesem Zusammenhang die heutige Losung der Maßstab ist, an dem wir gemessen werden. Und da sage ich: Ja, die Kirchen - und da gilt Ihnen der Dank als Vertreter - haben den Weg bereitet. Und Gott hat uns Mittel in die Hand gegeben, die diesen Weg möglich werden ließen. Dabei denke ich im Besonderen an die Formen des Gebetes, wie sie auch in der Nikolai-Kirche seit Anfang der 80er Jahre - Pfarrer Föhrer hat zu Recht daran erinnert, dass heute die Friedensdekade beginnt wie jedes Jahr - diesen Weg ermöglicht haben. Altchristliche Traditionen wurden wieder aufgenommen, Gebetsketten über sechs, sieben Monate, Tag und Nacht, konnten gelebt werden. Dies ist die Basis gewesen, auf der die Revolution friedlich verlaufen ist und indem Schritte gegangen wurden, die sehr wohl schützend waren und trotzdem Zwielicht ausgelöst haben.
Ich denke daran im Besonderen, wenn ich den Kirchentag 1989 in Leipzig in meine Erinnerung hole.
Am Ende des Sonntages wurden die, die gegen die Ereignisse in China demonstriert haben, von der Staatssicherheit bedroht. Sie haben in der Peterskirche Schutz gefunden - räumlich, im wahrsten Sinne des Wortes. Erst nach den Verhandlungen mit dem Staat konnten sie ungehindert abziehen, ohne verhaftet zu werden.
Ganz ähnlich, allerdings nicht räumlich, hat einer Ihrer Kollegen, Bruder Küttler, am 7. Oktober 1989 in Plauen Schutz gegeben. Da standen die Menschen in der Stadt, umzingelt von den Betriebskampfgruppen, und Hubschrauber kreisten darüber. Seine Verhandlungen haben es ermöglicht, dass die Menschen friedlich abziehen konnten und Gespräche begonnen wurden.
Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang auch eines Menschen gedenken, der einen Tag danach in Dresden mit die Runden gedreht hat, die später als Runden insgesamt in der DDR im biblischen Sinne wie in Jericho die Mauern fallen ließen. Ich gedenke da des Bruders Adolph. Er ist einer, dessen Tod bis heute nicht gesühnt, nicht aufgeklärt und für mich immer noch eine Herausforderung an uns ist.
Meine Damen, meine Herren, wenn ich dies bis zum Herbst 1989 noch einmal so ausführlich reflektiert habe, dann will ich den zweiten Teil entsprechend bewerten. Das, was uns in Deutschland durch diese Ereignisse an Chancen gegeben worden ist, hat niemand vorher erwartet und vorbereitet. Insofern können wir heute in meiner Wertung dankbar feststellen, wie viel Freiheit erreicht worden ist, wie viel Selbstbestimmung ermöglicht wurde.
Als Sozialminister dieses Freistaates ist es für mich immer wieder beeindruckend, bei einer der Gruppen unserer Mitmenschen zu weilen, die besonders benachteiligt waren, bei den Behinderten. Die Befreiung, die Ermöglichung von selbstverantwortetem Leben für diesen Teil unserer Mitmenschen ist eine so unwahrscheinliche Sache, dass sie sich immer wieder nur schwer beschreiben lässt. Ich bin all denen dankbar, die dafür mit die Voraussetzungen geschaffen haben.
Kirche gehört ganz besonders dazu. Sie waren es, die in bescheidenem Maße dennoch den größten Teil dieser Arbeit getragen haben. Wenn Sie heute prozentual nicht mehr so viel tragen, liegt das nicht etwa an einem Zurückgehen der Intensität Ihrer Arbeit, sondern daran, dass sich auch andere Wohlfahrtsverbände außerhalb der Diakonie und der Caritas dieser Aufgabe stellen. Aber ich bin ausgesprochen dankbar dafür, dass sich die kirchlichen Wohlfahrtsverbände dieser Aufgabe seit 1989 in der Weise gestellt haben, wie ich es immer wieder erlebe.
Lassen Sie mich dazu nur eine Zahl nennen: In Sachsen hatte die Diakonie im Jahre 1989 3000 Mitarbeiter, heute hat sie 15 000 Mitarbeiter. Das ist von mir nur mit Dank und Anerkennung zu erfassen, und das wollte ich damit aussprechen.
Meine Damen, meine Herren! Herr Bundeskanzler, wenn Sie im Besonderen die Verantwortung bezüglich eines sparsamen Haushalts angesprochen haben, dann können und wollen wir in Sachsen das durchaus mittragen. Wir haben dies in den vergangenen Jahren schon ein Stückchen entsprechend gestaltet. Und ich sage: Nur dies ermöglicht, genau wie Sie gesagt haben, dann auch den Teil der sozialen Sicherung entsprechend zu gestalten.
Und da lassen Sie mich dann durchaus reflektieren, dass wir in Sachsen mit dem Landeserziehungsgeld in Höhe von 7200 DM im dritten Lebensjahr sehr wohl soziale Verantwortung auch angesichts eines sparsamen Haushalts wahrnehmen. Das tun wir schon seit mehreren Jahren. Aber das sollte bloß beispielhaft genannt sein.
Deswegen möchte ich jetzt zu Ihren Aufgaben als Synode zurückkommen. Ihr Thema ist herausfordernd. Als jemand, der in der DDR gelebt hat und weiß, wie schwierig es war, die biblische Botschaft in die Gesellschaft hineinzutragen, bin ich dankbar dafür, dass Möglichkeiten zum Religionsunterricht geschaffen worden sind. Wir wissen alle, dass wir diese Chance im Augenblick nicht in dem Maße wahrnehmen können, wie sie gegeben ist. Wir wissen alle, dass die Gefährdung durch den Religionsunterricht gegenüber dem In-die-Gemeinde-Hineinleben unbestritten immer vor uns steht.
Christenlehre in der bewährten Erfahrung ist nicht durch Religionsunterricht zu ersetzen, aber Religionsunterricht ist trotzdem für unsere Gesellschaft notwendig.
Die Gesellschaft sucht ihre Mitte, und diese Mitte wird nur zu finden sein, wenn die Werte aus der christlichen Botschaft, die über ein Jahrtausend Deutschland geprägt haben, wieder durch einer größere Zahl von Menschen gelebt werden. Nicht das Predigen, sondern das Leben ist das, was vor uns steht, vor Ihnen und vor uns allen. Insofern bin ich gespannt und hoffe auf die Ergebnisse dieser Synodaltagung, die dieses als Schwerpunkt vor sich sieht.
Meine Damen, meine Herren! Ich wünsche Ihnen für die Beratungen, dass sie im Geist, in der Nachfolge Christi, in der Herausforderung für unsere Menschen im Auftrag Christi und für Sie selber unter dem Segen Gottes stehen mögen.
Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!

