Grußworte

4. Tagung der 9. Synode der EKD (7. - 12. November 1999, Leipzig)

Wolfgang Tiefensee

Oberbürgermeister von Leipzig

Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender, sehr geehrter Herr Präses, sehr verehrter Herr Bundeskanzler, Herr Staatsminister, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Gäste! Ich freue mich, dass Sie mir die Gelegenheit einräumen, ein paar Grußworte an Sie zu richten. Ich freue mich noch viel mehr, dass Sie als Tagungsort Leipzig ausgewählt haben. Sie haben bewusst auf die Zeit vor zehn Jahren hingewiesen. Herzlichen Dank dafür!

Ich durfte schon gestern Abend im Neuen Rathaus mit Ihnen zusammen sein und konnte diesen oder jenen sprechen, der noch nicht so oft in Leipzig war oder lange nicht hier gewesen ist. Mir wurde berichtet, wie erstaunt Sie über die Entwicklung der Stadt waren. Als Oberbürgermeister dieser Stadt und im Blick auf zehn Jahre friedliche Revolution müssen Sie es mir dennoch gestatten, noch einmal den Blick auf die Zeit vor 1989 zu richten. Im Sommer jenes Jahres wurde ein Film mit dem Titel "Ist Leipzig noch zu retten?" gedreht. Die Kamera fing desolate Gebäude, völlig zerstörte Straßen, verschmutzte Luft und dreckiges Wasser ein. Die Frage war berechtigt. Wenn man aber bedenkt, dass die Kamera all das nicht einfangen konnte, was eigentlich viel wichtiger war, das Fehlen der demokratischen Grundrechte, dann ist wohl beschrieben, woher wir kommen: Indoktrination, Ausrichtung, In-den-Rahmen-Pressen, Unfreiheit und Leben in einem Gefängnis, in einem Käfig, selbst wenn er golden war.

Es hat innerhalb der DDR eine Entwicklung gegeben, die das verändern wollte, und sie hat sehr viel mit der evangelischen Kirche zu tun. Da ist die Aktion Sühnezeichen, die die Brücke zu unseren Nachbarn geschlagen hat, da sind die Friedensgebete Anfang der Achtzigerjahre, da ist es die Ökumenische Versammlung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, an der ich als Leipziger selbst teilnehmen durfte, und da ist es das Engagement so vieler Pfarrerinnen und Pfarrer, so vieler, die in den Gemeinden, in den Krankenhäusern und in den Behindertenheimen still ihren Dienst getan haben. Ich würde ihnen dafür - ich weiß nicht, ob mir das zusteht - gern Dank sagen.

Dann kam der Herbst 1989. Nach biblischen 40 Jahren zog man biblisch siebenmal um den Ring, und dann stürzten die Mauern ein. Die Stasi hat gesagt: Mit allem hatten wir gerechnet, nur nicht mit Gebeten und Kerzen. Die Kraft, die damals entstanden ist, sich immer wieder zu vergegenwärtigen, jetzt schon das Land zu leben, auf das wir hoffen, sollte heute Thema sein, oder von dieser Atmosphäre sollten Sie sich heute einfangen lassen.

Wir sind damals in eine neue Zeit aufgebrochen, und wenn man heute die Kamera über Leipzig schwenken lassen würde, würde man die atemberaubende Entwicklung sehen, das enorme Vorwärtsgehen, die Stadt im Aufbruch und im Aufschwung, Wamstumshauptstadt, Boom-town, Stadt auf der Überholspur, und was hat man nicht alles gesagt. Das ist auch gut so. Aber Sie wissen: Andererseits gibt es auch Sorgen. Die Angst vor "denen da oben" ist der Angst gewichen, zu "denen da unten" zugehören. Vielleicht sind wir für einige aus dem Grau des DDR-Alltags in eine Schwarz-Weiß-Gesellschaft gekommen, für diejenigen nämlich, die an der Kante stehen. So sind die Aufgaben nach wie vor riesig im Blick auf Arbeitslosigkeit, auf das soziale Gefälle, auf Jugendliche, die ohne Ausbildung sind und sich Drogen nähern, und auf Menschen, die Ausländer ausgrenzen wollen.

Jetzt ist es wieder an der Zeit, das zu tun, was für die Zukunft nötig ist, und das Land zu leben, auf das wir hoffen. Sie haben in den vergangenen zehn Jahren Enormes geleistet, und ich darf Ihnen an dieser Stelle wirklich für unsere Stadt herzlich Dank sagen für Ihre starke Unterstützung, damit es in unserer Stadt nicht auseinandergebrochen ist.

Lassen Sie mich zum Schluss ein paar wenige Wünsche und Hoffnungen artikulieren. Ich wünsche mir, dass Sie so wie früher wachsam bleiben und unsere Gesellschaft in den Blick nehmen, sich in die Diskussion - Neoliberalismus oder alimentierender Wohlfahrtsstaat, Schwarz oder Weiß, oben oder unten, Solidarität, soziale Gerechtigkeit oder Kälte - einmischen. Wir brauchen Ihre Stimme. Ich wünschte mir, dass Sie sich einmischen, wenn es darum geht, dass Deutschland nicht für sich selbst lebt - eine Stadt schon gar nicht -, sondern dass wir einen Auftrag nach außen haben. Die friedliche Revolution wäre ohne unsere Partner in Polen, in der ehemaligen Sowjetunion, in der Tschechoslowakei und in Ungarn nicht geschehen; also haben wir dort einen Auftrag.

Ich wünschte mir, dass Sie so wie bisher die plurale oder pluralistische Gesellschaft mitgestalten, indem Sie in den Kindergärten und in den Schulen vielleicht noch stärker Ihr Engagement vorantreiben. In der Wirtschaft würde man sagen, Sie müssten antizyklisch arbeiten: Obwohl Sie keine Ressourcen haben, ist mehr zu tun. Wie das geht, weiß ich nicht; ich wünschte es mir.

Ich wünschte mir, dass Sie in dem Engagement für Jugendliche, für Kinder, für Ältere, für Behinderte und für Eltern in unserer Stadt nicht nachlassen; wir brauchen Sie da dringend. Denn Sie können uns vorführen, in einem Land ein Land zu leben, auf das wir hoffen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, wir beobachten Ihre Tagung nicht nur mit Interesse; wir schöpfen aus dem, was Sie tun, Kraft. Sie ist nötig für unsere Stadt. Herzlichen Dank dafür, dass Sie da sind, und viel, viel Erfolg für Ihre Tagung!


Bei den Grußworten handelt es sich um nicht redigierte Texte!



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