Weitere Berichte und Referate

4. Tagung der 9. Synode der EKD (7.-12. November 1999, Leipzig)

Einbringung des Berichts über die Lage der jungen Generation

"... damit sie das Leben in Fülle haben"

Klaus Schmucker, Generalsektretär der AEJ

Herr Präses, Hohe Synode,
liebe Schwestern und Brüder,

Grundlage meines Vortrags ist unser schriftlicher Bericht, wie er Ihnen mit den Unterlagen für diese Synodaltagung zugegangen ist.

Lassen Sie mich mit einem Dank beginnen, dass Sie auch in dieser Synodalperiode und insbesondere während dieser Synodensitzung ihre Aufmerksamkeit der Lebenssituation junger Menschen und der Lage der evangelischen Jugendarbeit widmen. Allein die Tatsache, dass Sie dies tun, wird - mehr vielleicht als Sie ahnen - überall in der evangelischen Jugendarbeit aufmerksam wahrgenommen.

Kirchenpräsident Eberhard Cherdron, der in Sachen Jugendarbeit über eigene jahrelange Erfahrungen verfügt, betonte vor ein paar Wochen, dass evangelische Jugendarbeit als integraler Bestandteil kirchlichen Dienstes angewiesen ist "auf die aktive Sympathie aller Glieder am Leibe Christi, um angesichts der erkennbaren neuen Herausforderungen bestehen zu können". Diese "aktive Sympathie", also die Zuneigung und die Bereitschaft, die Arbeit in einfühlsamer Weise kritisch und konstruktiv zu fördern und zu unterstützen, brauchen wir in der Tat. Dankbar sind wir, wo immer dies schon geschieht.

I. Der Lebenssituation Jugendlicher in der Kirche Raum geben

Etliche Landeskirchen haben sich in letzter Zeit besonders mit der Jugendarbeit beschäftigt. Dies wiederum führte dazu, dass auch in Regionen, Kirchenkreisen, Dekanaten, Pfarrkonventen und Gemeinden das Thema Jugendarbeit häufiger auf der Tagesordnung zu finden war und ist. Es ist der Wille zu spüren, der Jugendarbeit die nötigen Rahmenbedingungen zukommen zu lassen, die sie braucht.

Allerdings scheint es auch so zu sein, dass sich kirchliche Gremien und Verantwortliche mit dem Thema Jugend und Jugendarbeit bei allem guten Willen relativ schwer tun. Zu weit weg und unverständlich scheint diese junge Generation oft schon für Leute über 30 Jahren zu sein. Ulrich Schwab, Professor für Praktische Theologie in Marburg, formulierte in seinem Referat vor der Bayerischen Landessynode im Frühjahr 1999, er käme sich als Referent in Sachen Jugendarbeit bei Erwachsenen manchmal so vor, "als würde man von einem gerade erst entdeckten Indianerstamm in Südamerika berichten, so werden dann Verhaltensweisen und Einstellungen, Riten und Sozialstrukturen der Jugendlichen vorgeführt und gemeinsam bestaunt. Das ist seltsam, denn diese Jugendlichen leben doch mitten unter uns..."

Richard Münchmeier, der Verfasser der zuletzt 1997 erschienenen und der nächsten Shell-Jugendstudie, würde vermutlich seine Wette "um ein paar Kisten feinsten französischen Champagners" gewinnen, wenn er behauptet, dass die Durchführung einer Erwachsenenstudie kaum zu wesentlich anderen Ergebnissen im Hinblick auf Problemlagen und Lebensbewältigungsstrategien, auf Wertemuster und Grundhaltungen führen würde, als diese sich bei Jugendlichen zeigen.

Jugendliche leben in derselben Welt wie die Erwachsenen. Sie müssen sich mit denselben gesellschaftlichen, geistigen, politischen und auch religiösen Gegenwartsströmungen beschäftigen, die auch uns Erwachsene umtreiben.

Jugendliches Verhalten ist zunächst ein Reflex auf die Welt, die sie vorfinden. Diese Welt wird von uns Erwachsenen konstruiert. Weil junge Menschen noch sehr viel intensiver als Erwachsene in einer Phase der Entwicklung und noch nicht etabliert sind, sind sie von machen Entwicklungen härter berührt als wir. Das Damoklesschwert drohender Arbeitslosigkeit beispielsweise bedroht Jugendliche existentiell und verunsichert sie zutiefst, weil sie der Jugendzeit als Vorbereitung auf eine gelingende Zukunft ihren Sinn raubt. Überdeutlich äußern junge Menschen schon mit 14 Jahren, dass sie vor allem die Sorge um eine zukunftsfähige Ausbildungsmöglichkeit und einen Arbeitsplatz umtreibt. Alle Lebensenergie, so könnte man fast sagen, konzentriert sich darauf, diese Hürde zu meistern, die in das Leben führt.

Die Shell-Studie 1997 fasst die Lebenssituation junger Menschen mit dem Kernsatz zusammen: "Die gesellschaftliche Krise hat die Jugend erreicht!" Viele typische Jugendprobleme focussieren sich in diesen "Ernstheitsproblemen".

Auf der anderen Seite ist es ganz offensichtlich auch ein Vorzug junger Menschen, dass sie sich ganz anders als wir Erwachsenen mit diesen Lebensbedingungen, die für sie ja der "Normalfall" ihres Aufwachsens sind, arrangiert haben und produktiv damit umgehen. Resigniert oder orientierungslos sind die wenigsten Jugendlichen. Sie haben ihre Strategien entwickelt, mit einer Welt voller Wahlzwänge und risikobesetzter Optionen umzugehen.

Jugendliche wollen mit ihren Lebensproblemen, aber auch mit ihrer Kompetenz, das Leben zu meistern, verstanden und anerkannt werden. Sie wollen schlicht so ernst genommen werden wie jede andere gesellschaftliche Gruppe und Altersschicht. Jugendliche lehnen es ab, immer nur in die Rolle der (noch) defizitären Generation gedrängt zu werden, die sich für ihr Verhalten und ihr Denken rechtfertigen soll, während die ältere Generation wie selbstverständlich die Norm definiert, an der sich alles messen lassen soll. Jugendliche spüren und wissen, dass ihnen die Lebensrezepte der älteren Generation nicht unbedingt weiterhelfen können, weil die Welt anders ist als zu deren Jugendzeiten. Wir befinden uns in Wandlungsprozessen, die immer schneller vor sich gehen. Jugendliche wollen und können sich nicht einfach einspannen lassen für eine kontinuierliche Fortsetzung des Ist-Zustandes der Gesellschaft und unserer Kirche, weil sie darüber ihre eigene Zukunft verlieren würden. Jugendliche sind überhaupt nicht uninformiert und unengagiert. Wenn sie sich aber nicht ernst genommen fühlen, investieren sie ihre Lebensenergie lieber in die Gestaltung eigener "privater" zukunftseröffnender Lebenswelten oder in Formen des Engagements, die ihnen lohnenswerter erscheinen, als ständig gegen freundliche Gleichgültigkeit oder das Beharrungsvermögen der älteren Generation zu kämpfen. Das Leben soll "Spaß machen", heißt das im Jargon junger Leute. Wahrgenommen und ernst genommen werden - genau das klagen Jugendliche immer wieder ein und signalisieren damit, wie es ihnen geht.

Die von jungen Menschen gewählten Synodenthemen zeugen davon: "Mittendrin und doch daneben" (Bayern), "Klartext" (Rheinland), "Ohne uns sieht eure Kirche alt aus!" (Westfalen), "Nicht ohne - junge Menschen und Kirche" (Württemberg).

Ich formuliere einige Konsequenzen:

  • Glaubhaftes, plausibles und lebensnahes "Reden von Gott in der Welt" wird uns nur gelingen, wenn wir unsere Türen öffnen - nicht in erster Linie, damit die (jungen) Menschen hereinkommen, sondern erst einmal, damit wir hinausgehen und ihre Situation wahrnehmen. Es hat sich bewährt, wenn die Verantwortlichen auf Gemeindeebene in bestimmten Zeitabständen sich mit der Situation Jugendlicher befassen.
  • Nötig ist eine sensible, wahrnehmende Kirche, die nicht nur "offen" ist, sondern sich in Solidarität mit einer jungen Generation begibt, wo diese an den Rand gedrängt wird, sei es innerhalb oder außerhalb unserer Kirche.
  • Alle jüngeren Jugendstudien sagen uns, dass "alles, was nach Kirche riecht", bei Jugendlichen erst einmal unter "Institutionsverdacht" fällt. Den großen gesellschaftlichen Institutionen und Organisationen trauen sie gerade deshalb so wenig über den Weg, weil sie permanent erleben, dass diese sie zwar vereinnahmen wollen, aber für ihre Rechte, Nöte, Interessen und Probleme entweder gar nicht eintreten oder nur in der Weise, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass es hier letztlich doch mehr um Eigeninteressen der Institution und Organisation geht.
  • Kirche hat den Auftrag, denen eine Stimme zu geben, die in unserer Gesellschaft sonst nicht so durchdringen, weil ihnen die Lobby und die Möglichkeiten fehlen. Es stünde unserer Kirche gut an, sich auf allen Ebenen zum Anwalt der Nöte und Lebenslagen junger Menschen zu machen und ihnen selbst dabei eine Stimme zu verleihen, damit sie gehört werden.
  • In der evangelischen Jugendarbeit selbst müssen die Partizipationsmöglichkeiten erhalten und gestärkt werden. Evangelische Jugendarbeit ist ein wichtiges Lern- und Einübungsfeld von Mitgestaltung, Zusammenarbeit, Konfliktfähigkeit und Verantwortung. Partizipation gewährleistet, dass evangelische Jugendarbeit an den Bedürfnissen Jugendlicher orientiert bleibt. Auf genuin biblischen Spuren versucht evangelische Jugendarbeit so eine Beteiligungskirche zu sein, die an den Gaben und den Bedürfnissen ihrer Mitglieder orientiert ist. Junge Menschen wollen aber nicht in der Jugendarbeit isoliert sein. Sie wollen an der Mitgestaltung der ganzen Kirche beteiligt sein. Sie wollen sich und ihre Vorstellungen von christlichem Glauben und Gemeinschaft einbringen können. Sie sind ja Teil der Kirche. Wir brauchen deshalb eine noch viel selbstverständlichere Partizipation junger Menschen in kirchlichen Strukuren auf allen Ebenen. Ob wir Jugendliche für die Mitgestaltung von Kirche und Gesellschaft gewinnen können, ist nicht so sehr eine Frage dessen, was wir ihnen anbieten, sondern ob wir sie wirklich mit einbeziehen.
  • Nötig haben wir eine Kirche, die flexibel und beweglich ist. Eine Kirche also, die sich nicht schon selbst für das Ende aller Wege hält, sondern von der Zukunft noch Neues erwartet. Kirche könnte sich dann einlassen auf eine "kommunikative Freiheit", die gegenüber jungen Menschen nicht auf die Bewahrung sozialer und theologischer "Besitzverhältnisse" pocht, sondern in einem gemeinsamen Suchprozess ist, um eine Gestalt des Glaubens und der Kirche zu finden, die ein lebendiges Zeichen des Reiches Gottes ist.

Es soll damit nicht gesagt werden, dass jeder Geist, der die Jugend treibt, gleich der Heilige Geist ist. Aber, so zeigt unser Bericht, der ja auch wiederum nur einen kleinen Ausschnitt zusammenfassend beleuchten kann, es sind genügend junge Menschen da, die mittun wollen. Manche sind schon "mittendrin", manche abwartend noch etwas "daneben", andere vielleicht erst mal beobachtend noch "außen vor".

II. Evangelische Jugendarbeit als Lebensäußerung einer jugendfreundlichen Kirche

Die Kirche darf von evangelischer Jugendarbeit mit Recht erwarten, dass sie sich innerhalb gesamtkirchlicher Zielsetzungen verortet. Menschen sollen vom Evangelium als sinnstiftendes Angebot für ihr Leben erfahren und zum Glauben und zur Teilhabe an der Gemeinschaft der Glaubenden eingeladen werden. Das Ziel würde aber gewiss verfehlt, wenn Kinder und Jugendliche letztlich nur als Mittel zum Zweck kirchlicher Bestandssicherung betrachtet und evangelische Jugendarbeit bloß als eine Art "Zubringerdienst" gesehen würde. Als komplementäre Zielsetzung gehört deshalb zur evangelischen Jugendarbeit, dass die jungen Menschen selbst mit ihren Bedürfnissen und Bedürftigkeiten als Subjekte ernst genommen werden. Aus dieser Spannung erklärt es sich, dass Verantwortliche für evangelische Jugendarbeit gelegentlich "Vereinnahmungs- und In-Dienst-Nahme-Versuchen" entgegentreten. Evangelische Jugendarbeit versucht um der jungen Menschen willen, mit ihnen gestaltbare und geschützte Lebensräume zu schaffen, damit ihre Bedürftigkeiten und Lebensinteressen im Mittelpunkt stehen können. Dies kommt in sehr vielfältiger Weise zum Ausdruck: häufig in Form von Ideen und Aktivitäten, die uns Erwachsenen abenteuerlich, überzogen, nicht akzeptabel oder gar chaotisch erscheinen mögen, oft aber auch in stillem Protest oder auch in auffällige Verweigerung gekleidet. Wer genauer hinsieht, wird allerdings bemerken, dass es sich dabei eigentlich immer um Suchbewegungen nach sich selbst, nach dem "inneren roten Faden" der eigenen Existenz handelt. Deshalb ist in der evangelischen Jugendarbeit nicht nur wichtig, was an Vorzeigbarem, äußerlich Messbarem oder gar statistisch Erfassbarem herauskommt, obwohl sich auch das oft sehen lassen kann, wie ein Blick in die Geschichte evangelischer Jugendarbeit zeigt.

Wichtig ist vielmehr, dass junge Menschen im Experimentieren mit sich selbst, in der Gemeinschaft mit Gleichaltrigen, aber auch im Engagement für andere und in der Annäherung und Auseinandersetzung mit den Lebensräumen Gesellschaft, Politik, Arbeitswelt, Kultur, Familie usw. Erfahrungen machen, durch die sie dem Leben selbst und seinem innersten "Geheimnis" auf die Spur kommen. Die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung allein aus Glauben als zentrales Bekenntnis des Protestantismus hat eine ganz neue Brisanz gewonnen. Jungen Menschen wird heute vermittelt, dass sich ihr Wert aus ihrer Nützlichkeit für den Arbeitsmarkt herleitet und daraus, ob sie ein erfolgreiches und rundum gelungenes Leben mit den entsprechenden Statussymbolen vorweisen können. Gegen diese ideologische Lebenslüge gelingender Ganzheitlichkeit stehen die permanenten, ganz menschlichen Erfahrungen, zu scheitern, Lebensbrüche zu erleben, in unserer Gesellschaft nicht gebraucht zu werden, immer nur Fragmentarisches zustande zu bringen. Junge Menschen sollen darum erfahren, dass die Würde des Menschseins sich von Gottes Zuwendung her erschließt. Junge Menschen sollen deshalb in der evangelischen Jugendarbeit entdecken, dass ein Leben in der Nachfolge des Jesus von Nazareth "alltagstauglich" ist, dass er eine Hoffnungsperspektive für das eigene Leben und diese Welt gibt, die Lebenskraft schenkt und Lebenssehnsucht stillt.

Deshalb ist die Verheißung des "guten Hirten" aus dem Johannesevangelium: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben in Fülle haben" (Joh. 10,10) eine durchaus programmatische Beschreibung für Ausgangsbasis und Zielsetzung evangelischer Jugendarbeit. Damit sich jungen Menschen das Leben in allen seinen Dimensionen und in seiner Fülle erschließt, ist der Bogen der Arbeitsfelder, Arbeitsformen und Organisationstrukturen evangelischer Jugendarbeit weit gespannt. Mit unterschiedlichen Akzentsetzungen und Ausrichtungen auf bestimmte Zielgruppen ereignet sich evangelische Jugendarbeit im Zusammenspiel von religiöser und seelsorgerlicher Dimension, jugendpolitischer und gesellschaftsbezogener Dimension und pädagogischer Dimension.

  • Evangelische Jugendarbeit bezeugt das Evangelium bewusst als Teil von Kirche. Gerade deshalb muss sie eingebettet sein in eine Kirche, der insgesamt bei jungen Menschen der Ruf anhaftet, dass sie dort Raum, Gehör, Aufmerksamkeit, Hilfe, Unterstützung und Interesse finden.
  • Die Zukunft evangelischer Jugendarbeit und das Gelingen ihres Anliegens, jungen Menschen Zukunft zu eröffnen, wird sehr davon abhängen, dass sie sich ganz unbeirrt auf die Frage konzentriert, was in aller Vielfalt und Ausdifferenzierung ihre spezifische Kernkompetenz ist, die für junge Menschen interessant und lebenswichtig ist. Ansonsten droht evangelische Jugendarbeit sich zu verzetteln, um irgendwie allen möglichen Interessen und in sie gesetzten Erwartungen vermeintlich gerecht zu werden, darüber aber die Jugendlichen selbst zu verlieren. Evangelische Jugendarbeit muss der Verlockung widerstehen, jeweils das zum Schwerpunkt zu erklären, wozu gerade Zuschussgeber Geld und Unterstützung anbieten.
    Je mehr beispielsweise finanzielle und personelle Förderung nicht mehr trägerbezogen, sondern projektbezogen gewährt wird, desto größer ist diese Versuchung. Getan wird dann, was bezahlt wird. Und was bezahlt wird, bestimmen auf diesem Weg mehr und mehr die Hüter der Ressourcen und dies sind in aller Regel Erwachsene, oft weit weg von der Kenntnis dessen, was junge Menschen nötig haben. Deshalb verwenden wir z. B. erhebliche Zeit und Mühe, durch jugend- und kirchenpolitische Mitgestaltung auf solche Entwicklungen Einfluss zu nehmen.
  • Es muss unser gemeinsames Anliegen bleiben, dass in unserer Jugendarbeit Spielräume erhalten bleiben, die kreativem und innovativem Potential junger Menschen Entfaltungsmöglichkeiten bieten. Der Blick in die Geschichte zeigt, dass dies gewiss nicht zum Schaden von Kirche und Gesellschaft gewesen ist.

III. Plausibel von Gott reden - Evangelische Jugendarbeit als spiritueller Erfahrungsraum

Dietrich Bonhoeffer scheint nicht Recht behalten zu haben mit seiner Vermutung, dass wir auf ein religionsloses Zeitalter zugehen. Religiosität boomt geradezu, auch bei jungen Menschen. Dabei wird auch bei ihnen die Religiosität immer unabhängiger von den angebotenen "offiziellen Modellen". In einer individualisierten Gesellschaft, in der jeder für seine Auswahl von Segmenten im pluralen Angebot von Lebenssinn verantwortlich ist, gilt das auch für das, was man glaubt und wie man diesen Glauben lebt. Man kann nicht einmal davon ausgehen, dass diejenigen, die sich zu Kirche und kirchlicher Jugendarbeit halten, damit auch automatisch die entsprechende Theologie und Glaubenspraxis unbesehen für sich übernehmen.

Aber auch umgekehrt gilt, was eine junge Frau zum Ausdruck gebracht hat: "Ich bin nicht religiös. Ich bin sogar ganz offiziell aus der Kirche ausgetreten, was mich vierzig Mark Bearbeitungsgebühr gekostet hat. Die Kirche bedeutet mir nichts... Aber die Frage und die Suche nach Gott bleiben... Es wäre eines der größten: Glauben zu können." Religiosität also ist längst nicht mehr an Kirche gebunden. Bei vielen Jugendlichen kann man sogar eher sagen: Kirche gilt ihnen kaum als kompetente Adresse, wenn es um religiöse Fragen geht, die eine gewisse Lebensrelevanz aufweisen sollen. Was der oder die Einzelne glaubt, muss übereinstimmen mit den eigenen Wertvorstellungen und Sinnmustern. In der individualisierten Gesellschaft muss nicht mehr der Mensch vor Gott standhalten, sondern Gott muss sich vor dem Menschen einleuchtend erweisen. Das mag man zunächst bewerten, wie man will - es zeugt jedenfalls von einer Ablösung von unhinterfragten Autoritäten aller Art in Glaubensfragen. Wer meint, er hätte hier ein Definitionsmonopol, erntet höchstens nachsichtiges Lächeln bei jungen Menschen.

Christliche Jugendarbeit hat damit - wie Kirche insgesamt - keine unumstrittene Monopolstellung mehr in Sachen Glauben, sondern findet sich auf einem religiösen Marktplatz als Anbieter unter vielen vor.

  • Eine entscheidende Rolle spielt für junge Menschen das Erleben einer spirituellen, geistlichen Praxis. Sie muss den Alltag deuten und tragen. Sie kann zwar gelegentlich schrill sein, muss aber jedenfalls Leib und Sinne umgreifen. In der Vielfalt ihrer Frömmigkeitsausprägungen hat sich in der evangelischen Jugendarbeit in den letzten Jahren hier vieles entwickelt. Für junge Menschen verdichten sich solche Erfahrungen im Erleben von überzeugender, tragfähiger Gemeinschaft.
  • Zu wichtigen Erfahrungen gehören für junge Menschen die Begegnungen mit authentischen, glaubwürdigen Personen, die ihren Glauben samt allen Fragen und Ungereimtheiten leben und als Lernfeld zur Verfügung stellen. Wir brauchen deshalb ehrenamtlich und hauptberuflich Mitarbeitende, die eine eigene Spiritualität leben und die in jugendgemäßer Weise theologisch sprachfähig sind. Eine Ausbildung kann dies nur bedingt vermitteln. Wichtig sind Angebote, immer wieder im Rahmen von Fortbildungen oder Besinnungstagen die eigene Theologie zu reflektieren und eine eigene Glaubenspraxis einzuüben.
  • Es besteht ein enormer Bedarf für die Entwicklung einer "Sprache des Glaubens", die junge Menschen heute verstehen. Dabei geht es nicht bloß um Begriffe und Vokabeln. Das Evangelium muss in seiner Relevanz für die Gegenwart erfahrbar werden. Eine Art wachsender religiöser Analphabetismus einerseits und eine diffuse Begriffsverwirrung andererseits fordern dazu heraus. Es geht dabei auch um die Einübung einer Grundhaltung zu einem wirklichen Dialog. Junge Menschen akzeptieren weder ein unveränderbares, noch ein dogmatisch fertiges Komplettpaket. Sie wollen Partner, um auf einem gemeinsamen Weg und im wechselseitigen Lernen Christsein neu zu entdecken.
  • Besonders wichtig ist es, dass wir uns innerkirchlich klar machen, dass viele Jugendliche heute nicht mehr erreichbar sind, wenn wir erwarten, dass sie sich unter dem Dach des Gemeindehauses oder im Jugendkeller oder bei unseren Veranstaltungen sammeln. Wir haben es mit einer wachsenden Zahl junger Menschen zu tun, für die Kirche, christlicher Glaube, Gott und die biblische Botschaft gar keine Relevanz mehr besitzen. Immer weniger können wir von einer christlichen Sozialisation wenigstens im weiteren Sinne ausgehen. Erreichen können wir sie nur, wenn wir unsere Räume verlassen. Wir müssen sie an ihren Lebensorten und in ihren Lebenszusammenhängen aufsuchen. Dort geben sie sozusagen selbst Programme und Inhalte vor, an denen situationsgerecht da und dort angeknüpft werden kann.
  • Wir brauchen Verantwortliche in unseren Gemeinden und Kirchen, die diesen Sendungsauftrag bejahen und mittragen, ohne ihn vorschnell damit zu verrechnen, was er für die Kerngemeinde austrägt. Es muss uns gerade in diesen Bereichen primär um die jungen Menschen gehen und nicht darum, sie irgendwo hinein zu integrieren. Wer sich weit hinauswagt, riskiert es, den Kontakt und seine Herkunft zu verlieren. Dies darf aber nicht bloß zum Problem der Jugendarbeit gemacht werden. Wie weit man "in Fühlung" bleibt, ist immer ein Problem von allen Verantwortlichen!

IV. Gottesdienst mit Jugendlichen neu entdecken

Im Zusammenhang mit Kirche und Religion landet man bei Gesprächen mit jungen Menschen immer relativ rasch beim Sonntagsgottesdienst. Da wir ihn selbst noch immer als Hauptgottesdienst und Ort der zentralen Sammlung der ganzen Gemeinde behandeln, ist es verständlich, dass ihn Jugendliche als hauptsächlichen Indikator für die Attraktivität von Kirche halten. Es gibt anerkennenswerte und durchaus immer wieder gelingende Versuche, den Sonntagsgottesdienst attraktiver und lebensnäher zu gestalten. Dennoch bekommt er von Jugendlichen in der Regel schlechte Noten. Man schließt daraus auf Kirche insgesamt und natürlich auch auf kirchliche Jugendarbeit, soweit man sie nicht zufällig anders kennen gelernt hat. Deshalb haben wir diesem Thema im schriftlichen Bericht umfangreicheren Raum gegeben. Der durchschnittliche Gottesdienst am Sonntagmorgen ist bei ehrlichem Hinsehen längst eine "Zielgruppenveranstaltung" für einen Ausschnitt der Kerngemeinde und hier insbesondere für ältere Erwachsene. Darin hat er auch seinen unbestrittenen Wert und Sinn. Wir sollten ihn als solchen möglichst gut profilieren und natürlich prinzipiell auch für andere Zielgruppen offen halten. Wäre es aber nicht realitätsnäher, auch im Hinblick auf den Sonntagsgottesdienst zu akzeptieren, dass eine plurale Gesellschaft nicht in einer einzigen, noch so gut gemachten Veranstaltung zusammengeführt werden kann? Wir würden auch manche Last und empfundene Überforderung von allen Verantwortlichen nehmen.

  • Die vorhandenen, offenen Ansätze der "Erneuerten Agende" könnten genutzt werden, um weitere zwar prinzipiell offene, aber zielgruppengerechte Angebote zu fördern und in ihrer Summe die "gottesdienstlich feiernde Gemeinde" zu entdecken.
    Freilich würde dies zwangsläufig auch heißen, dass Gottesdienst nicht nur dort konstatiert wird, wo er vom Pfarrer/der Pfarrerin durchgeführt wird. Aber auch dies könnte ja als Chance gesehen werden, aus einer Engführung herauszukommen, die unserer Kirche gar nicht unbedingt gut tut. Neben vielen begabten "Laien" haben wir ja auch eine Vielzahl höchst unterschiedlich, aber theologisch und zum Verkündigungsdienst ausgebildeter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
  • Für junge Menschen brauchen wir dabei eine variable Grundform des christlichen Gottesdienstes, die ihrem Alter und ihren Kultur- und Geselligkeitsformen entspricht.
    Erfahrbare Gemeinschaft, erfahrungsbezogene Ausdrucksformen unter Einbeziehung von Leib, Seele und Geist sind wichtig. Ihre Sprache muss vorkommen, was durchaus nicht heißt, dass nicht auch traditionelle Elemente der Liturgie Platz haben. Eine gewisse Flexibilität und Spontaneität muss möglich sein. Jugendliche suchen nach religiösen Erlebnisräumen und wollen sich dabei gar nicht auf bestimmte Formen und Spielarten festlegen lassen. Wesentlich ist sicher auch, zu welcher Zeit ein solcher Gottesdienst stattfindet. Der frühe Sonntagabend oder Samstagabend, mancherorts auch der frühe Freitagabend haben sich bewährt. Vielerorts sind Nachtgottesdienste zum Renner geworden.
  • Junge Menschen wünschen sich, einbezogen zu werden und mitgestalten zu können. Sie wollen ihren Glaubenshoffnungen, -zweifeln, -ängsten und -fragen Ausdruck geben können. Sie wollen zusammen mit anderen "ihre Welt vor Gott bringen".
    Die meisten - sicher nicht alle - wollen nicht nur stille Besucher sein, sondern Beteiligte. Wir brauchen also jugendgemäße Gottesdienste, die mit ihnen gestaltet sind, denn sie sind ja auch religiös produktive Personen. Wir müssen uns von ihnen fragen lassen, warum es eigentlich noch immer so ist, dass vorwiegend von ihnen eine Anpassung an Gottesdienstformen erwartet wird, die von Erwachsenen definiert werden und weshalb dies nicht umgekehrt mit gleicher Selbstverständlichkeit geschehen kann.

V. Die Situation in den neuen Bundesländern fordert uns heraus

Die Situation, dass junge Menschen wenig bis nichts mit Kirche und ihren Inhalten anzufangen wissen, lässt sich paradigmatisch in den neuen Bundesländern beobachten. Allerdings ist die verschiedentlich geäußerte Meinung nicht abwegig, dass die Situation in den neuen Bundesländern einer zu erwartenden vergleichbaren Situation in den alten Bundesländern nur um wenige Jahre voraus ist. Evangelische Jugendarbeit stößt in den neuen Bundesländern gar nicht auf besondere Ablehnung. Vielmehr erwartet und befürchtet man von dem, was man nicht kennt, schlicht gar nichts. In den neuen Bundesländern stehen wir deshalb vor einer völlig anderen Ausgangslage. Sie ist nicht mit Konzepten und Strukturen zu bewältigen, wie wir sie in den alten Bundesländern gewohnt sind.

Vielleicht wurde das in den ersten Jahren nach der Wende nicht ausreichend berücksichtigt bzw. die Situation nicht so eingeschätzt. Gelungen ist eine Etablierung der Arbeit der Jugendwerke und -verbände, aber dieses auch regional höchst unterschiedlich. Sie haben in diesem Fall den Vorzug, von Jugendlichen nicht so unmittelbar mit Kirche in einen Topf geworfen zu werden. Inzwischen haben die Verantwortlichen, Jugendgremien und Arbeitskreise beinahe überall recht klar erkannt, was nötig wäre. Leider ist vieles nicht finanzierbar, hauptberufliche MitarbeiterInnen, aber auch ehrenamtliche fehlen. Manchmal fehlt aber auch noch die klare Entscheidung, wie man die Rolle evangelischer Jugendarbeit in der Gesellschaft verstehen möchte.

Folgendes erwies sich in den letzten Jahren als besonders wichtig und zukunftsrelevant:

  • Eine aufsuchende, offensive Form evangelischer Jugendarbeit: Eine Reihe von Jugendverbänden hat für die neuen Bundesländer (aber auch für vergleichbare Situationen in den alten Bundesländern) Konzeptionen und Methoden für eine ausdrücklich evangelistische Jugendarbeit entwickelt, die aufsuchende und lebensweltbezogene Arbeitsformen mit einer zugespitzt evangelistischen Verkündigung und tatkräftigem Zeugnis als Hilfe in Notsituationen Jugendlicher verbindet.
    Zunehmende Entkirchlichung und Entchristlichung sowie zunehmende religiöse Diffusität erfordern für neue und alte Bundesländer nicht allein die Entwicklung missionarischer Konzepte. Diese können allzu leicht in abstrakte Rezepte ausarten. Sie erfordern vor allem ein vielfältiges evangelistisches Arbeiten, das neugierig macht auf das Evangelium und zum Glauben ermutigt.
  • Die besonders hohe Zahl arbeitsloser Jugendlicher und junger Menschen ohne Ausbildungsplatz und ohne Perspektive in ihrer Heimatregion verpflichtet uns, an diesen Nöten anzusetzen. Junge Menschen in den neuen Bundesländern brauchen eine Jugendarbeit, die sich öffentlich einmischt, für ihre Situation Partei ergreift und ein Forum bietet, das Jugendliche nutzen können. Sozialdiakonische und Offene Jugendarbeit werden besonders benötigt. Beides ist leider sehr personalintensiv und braucht geeignete Räume.
  • Bewährt hat sich eine professionellere Öffentlichkeitsarbeit, die nicht in erster Linie zur (unbekannten) kirchlichen Jugendarbeit einlädt, sondern die unmittelbar die Kommunikation mit jungen Menschen sucht, ihre Themen aufgreift und die eigenen Inhalte so vorstellt, dass sie lebensrelevant sind.
  • Die Tradition ehrenamtlicher Mitarbeit als selbstverständliche Form des Engagements ist bei der Breite junger Menschen oft nicht vorhanden. Hinzu kommen die Probleme, die sie mit ihrer eigenen schwierigen Situation haben, die sie absorbiert. Aus Gründen der Ausbildung und des Berufes wandern viele aus ihrer Heimatregion ab. Wer sich ehrenamtlich engagieren will, braucht einen einigermaßen stabilen und gesicherten Lebenshintergrund. Gewinnung Ehrenamtlicher und ihre Begleitung ist eine wichtige Aufgabe und muss diese Ausgangslage einkalkulieren, besonders auch in der Gruppe der jungen Erwachsenen.
  • Für all diese Dinge braucht es ein ausreichendes Netz hauptberuflich Mitarbeitender. Sie fehlen nicht nur in vielen Regionen fast völlig, sondern sind zudem beladen mit Sorgen um die eigene berufliche Existenz und Zukunftssicherung, umso mehr, je schlechter es den Kirchen als Arbeitgeber geht. Man kann nur schwer motiviert und zukunftsorientiert arbeiten, wenn einen aus finanziellen Gründen ständig Umstrukturierungen, Stellenabbau und Einsparungsrunden in Atem halten, von denen man existentiell betroffen ist.

VI. Wege in die Zukunft

"Wege, die in die Zukunft führen, liegen nie als Wege vor uns. Sie werden zu Wegen erst dadurch, dass man sie geht" hat Jörg Zink einmal im Rückblick auf seine eigene Biografie gesagt (in: "Wie ich mich geändert habe" J. Moltmann, Hrsg., München 1997, S. 77).

Der Rückblick in die Geschichte der evangelischen Jugendarbeit zeigt, dass manche Aufbrüche eher Expeditionen in unbekanntes Terrain ähnelten als kalkulierbaren Wanderungen auf ausgeschilderten Wegen. So waren und sind sie immer mit Risiken verbunden und der Bereitschaft, Sicherheiten aufzugeben. Manche Wege werden sich vielleicht auch als "Holzwege" erweisen und bedürfen der Korrektur. Am sichersten scheint uns oft, alles beim Alten zu lassen und allenfalls mit mehr Anstrengung das Gewohnte zu tun.

In den vor uns liegenden Zeiten wird es wichtig sein, dass überall in Deutschland als Basis evangelischer Jugendarbeit die von außen betrachtet oft recht unspektakulär wirkende Arbeit in Jugendtreffpunkten und Jugendgruppen nicht vernachlässigt wird. Gerade diese kontinuierliche Arbeit braucht unsere Unterstützung. Zugleich muss diese Arbeit sich orientieren an den heute wichtigen Veränderungsprozessen, von denen bisher schon die Rede war. Sie braucht Ergänzung durch mutige Schritte auf neuem oder noch (zu) wenig erschlossenem Terrain. Einige Herausforderungen, die Themen und Wege markieren, die in Zukunft vermutlich stärker das Bild bestimmen, haben wir in Teil IV unseres Berichtes umrissen. Sie können nur noch einmal in Erinnerung gerufen werden.

  • Die junge Generation steht heute wieder stärker und biografisch gesehen frühzeitiger vor "Ernstheitsproblemen". Wer heute Angebote im Freizeitbereich durchführt, wird unmittelbar auch mit diesen Problemen konfrontiert. Sozial-diakonische, missionarische, gemeindepädagogische und freizeitpädagogische Arbeitsbereiche müssen deshalb stärker miteinander verschränkt und arbeitsteilig aufeinander bezogen werden, mindestens an den wichtigen Schnittstellen, damit sie Jugendlichen ganzheitlich hilfreich sind und sie nicht in Enklaven isolieren.
    Evangelische Jugendarbeit muss in allen Teilfeldern stärker an den objektiv vorhandenen und subjektiv erlebten Nöten junger Menschen ansetzen. Einige Modellprojekte existieren bereits, die z. B. innerhalb der Jugendarbeit eine Arbeitsvermittlungsbörse anbieten, Praktikumsplätze in Ausbildungsbetrieben vermitteln oder selber Arbeitsprojekte im Zusammenwirken mit Arbeitsämtern durchführen. In sozialpädagogischen Projekten wird versucht, Jugendlichen Unterstützung bei der Bewältigung von Phasen der Arbeitslosigkeit zu geben. Damit evangelische Jugendarbeit dieser Aufgabe nicht nur jugendpädagogisch gerecht werden kann, sondern auch weiterhin und verstärkt Einfluss auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen geltend machen kann, die das Aufwachsen junger Menschen bestimmen, müssen wir auf allen Ebenen ihre Organisationsform als Jugendverband erhalten und stärken. Wir müssen die notwendigen Strukturen erhalten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für jugendpolitisches Engagement ausbilden und beauftragen.
    Wir müssen die vom Staat nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG § 12) gewollten Mitwirkungsrechte von Jugendverbänden wahrnehmen: "Sie bereiten auf die moderne Organisationsgesellschaft vor, indem sie den kontinuierlichen Umgang mit Strukturen und Insitutionen trainieren. Sie sind ein unentbehrliches Medium der Interessenvertretung und der politischen Beteiligung Jugendlicher" (BT-Drs. 11/5948, S. 54f).
  • Wir müssen unsere Arbeit stärker auf den immer dominanteren Einzug der neuen Medien in die Lebenswelt Jugendlicher ausrichten. Eine Ausstattung der Jugendarbeit mit den technischen Möglichkeiten muss immer selbstverständlicher werden, denn PC und Internet sind inzwischen alltagsübliche Kommunikationsmittel. Sie bieten Chancen, junge Menschen weit über unsere Veranstaltungen hinaus zu erreichen. Etwa im Bereich der internationalen und ökumenischen Arbeit, der Jugendseelsorge und -beratung, der Öffentlichkeitsarbeit oder der missionarisch-evangelistischen Arbeit bieten die neuen Medien neue Einsatzmöglichkeiten für ehrenamtlich und hauptamtlich Mitarbeitende.
  • Je mehr Schule zum Lebensmittelpunkt junger Menschen wird, weil sie dort ihre meiste Zeit bis ins hohe Jugendalter verbringen, muss sie als Kooperationspartner für evangelische Jugendarbeit selbstverständlich werden.
    Viele Schulkonzepte sind hierfür sehr offen. Eine Zusammenarbeit wird sich in den meisten Fällen der örtlichen Jugendarbeit nicht additiv hinzufügen lassen, sondern verlangt klare konzeptionelle Entscheidungen, aber auch geklärte Rollen und Kooperationsstrukturen. Innerkirchlich sollten wir intensiver überlegen, wie wir alle Kräfte, die mit Schülerinnen und Schülern arbeiten, besser aufeinander beziehen und miteinander vernetzen.
  • Internationale und ökumenische Arbeit hat in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Auslandsbeziehungen und Erfahrungen in anderen Ländern sind für junge Menschen im Zeitalter des "Global Village" nicht nur selbstverständlicher, sondern auch notwendiger - sowohl im Hinblick auf ihren persönlichen Lebenshorizont, aber auch im Hinblick auf berufliche Chancen. Innerkirchlich bereichern die Erfahrungen junger Menschen unsere Arbeit in vielerlei Hinsicht. Darüber hinaus sehen wir eine ökumenische Verpflichtung und empfangen wichtige Impulse aus den international-ökumenischen Beziehungen. Aufbau und Pflege von Beziehungsnetzen erfordern Engagement und Kraft von Hauptberuflichen und Ehrenamtlichen. Sie müssen selber Auslandserfahrungen machen können. Sie sind auf Unterstützung durch Fachpersonal, beispielsweise in den Landesjugendpfarrämtern, angewiesen. Darüber hinaus halten wir Entwicklung und Absicherung von Strukturen und Organisationen im Bereich der Freiwilligendienste für unabdingbar.
  • Im Feld entwicklungspolitischer Bildung wurde im Zusammenwirken mit entsprechenden Partnerorganisationen vieles angestoßen und erreicht, wovon unser schriftlicher Bericht erzählt. Zusammen mit anderen Organisationen im evangelischen und katholischen Raum halten wir es für nötig, solche Erfahrungen und konzeptionellen Ansätze stärker örtlich zu verankern.
    Augenblicklich stehen wir vor einer ambivalenten Situation. Offenbar lässt vielerorts an der Basis evangelischer Jugendarbeit das Interesse junger Menschen nach. Größer angelegte Kampagnen und stärker erfahrungsbezogene Konzepte der letzten Jahre zeigen jedoch, dass sie durchaus junge Menschen motivieren, sobald sie eine relevante Verbindung zur Lebensituation Jugendlicher aufweisen.
  • Auch wenn gelegentlich der Eindruck vorherrschen mag, dass geschlechtsspezifische Arbeit zwischenzeitlich selbstverständlich geworden ist und die Förderung der Gleichberechtigung irgendwie von allen als notwendig gesehen wird, trügt dieser Eindruck. Spezifisch auf Jungen und Mädchen ausgerichtete Arbeit und in Folge die Fragen und Ungleichgewichte zwischen den Geschlechtern werden auch aus Sicht junger Menschen immer wichtiger. Wir sind längst nicht so weit, dass mühsam aufgebaute pädagogische Räume und konzeptionelle und politische Vertretungsstrukturen und -personen überflüssig wären.
    Selten jedoch sind von Orts- bis Bundesebene speziell für Jungenarbeit beauftragte Mitarbeiter vorhanden. Die in den 70er und 80er Jahren auf Drängen der Mädchen und Frauen geschaffenen Arbeitsbereiche der Mädchen- und Frauenarbeit fallen nach unserer Beobachtung inhaltlich und personell relativ rasch den Einsparnotwendigkeiten wieder zum Opfer.
  • Wir haben versucht, darzulegen, dass wir es zunehmend mit einer jungen Generation zu tun haben werden, von der nur noch ein verschwindend kleiner Anteil in einem Kontext aufwächst, der eine christliche und kirchliche Sozialisation bewirkt. Dies ist in den neuen Bundesländern heute schon gravierender als in den alten. Wir erleben in der evangelischen Jugendarbeit oft kaum mehr vorhandenes Grundwissen und Grunderfahrungen, an die angeknüpft werden kann. Umso wichtiger wird neben allem Bezeugen des Evangeliums innerhalb verschiedener Aktivitäten der Jugendarbeit die explizite Verkündigung des Evangeliums als Botschaft von Befreiung und der Liebe Gottes. Geschieht dies in einer Weise, die in Form und Sprache auf die Lebenswirklichkeit junger Menschen bezogen ist und eingebunden in einen anschaulichen, relevanten Lebensstil, sind junge Menschen durchaus ansprechbar. Plausibilität und verständliche Sprache, Offenheit zu einem echten Dialog, Nähe zu jugendlicher Lebenskultur und Eröffnung von Erfahrungsräumen sind wichtige Elemente, damit Jugendliche bereit sind, sich einzulassen. Sehr sensibel sind Jugendliche gegenüber jeder Art von Vereinnahmungsversuchen. Sehr wohl aber suchen und fragen sie nach einer Hoffnung, die sich nicht im eigenen Horizont erschöpft und nach einer Deutung und Perspektive, die das eigene Leben hält und trägt. Es ist im Kontext dieser Synode fast überflüssig zu sagen, dass wir diese Botschaft jungen Menschen schuldig sind als Nachfolgewegung des Jesus Christus, von dem wir glauben und erfahren haben, dass an ihm sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unseres Lebens und dieser Welt entscheiden.

Alles, was ich Ihnen berichten konnte, und vieles andere, was aus Zeitgründen gar nicht zur Sprache gebracht werden konnte, lebt von einem engagierten Netzwerk hauptberuflicher und ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unserem Land. Ihnen soll an dieser Stelle auch ausdrücklich gedankt sein. Wenn wir wollen, dass evangelische Jugendarbeit als Teil unserer Kirche jungen Menschen weiterhin Zukunft eröffnet, muss uns zuallererst daran gelegen sein, dieses Netzwerk von Menschen zu erhalten und zu fördern.

Wir müssen trotz aller Sparnotwendigkeiten ein ausreichendes Netz Hauptberuflicher erhalten. Sie sind nicht einfach bezahlte Ehrenamtliche und durch diese zu ersetzen. Wir müssen uns einsetzen für eine anforderungsgerechte Ausbildung und die nötigen Rahmenbedingungen, damit sie motiviert und engagiert arbeiten können. Wir dürfen sie auch nicht der Erhaltung von Pfarrstellen opfern. Ehrenamtlich Mitarbeitende bleiben weiter ein wichtiges Strukturmerkmal evangelischer Jugendarbeit. Wir müssen Rahmenbedingungen unter den genannten Gesichtspunkten überdenken, damit ehrenamtliche Mitarbeit auch in Zukunft attraktiv und realisierbar bleibt.

Der Dank für alle Förderung und Unterstützung, die evangelische Jugendarbeit erfährt, soll auch all denen ausgesprochen werden, die in unserer Kirche Verantwortung tragen und sich dabei für eine zukunftsfähige und zukunftsrelevante Jugendarbeit nach Kräften einsetzen.

Ich bin überzeugt, dass unsere Kirche hier in eine Arbeit investiert, die vielen jungen Menschen zum Segen geworden ist und wird. Dieser Segen hat in vielfacher Weise Gewinn und Rückwirkung auf unsere ganze Kirche. Lassen Sie uns auch in Zukunft gemeinsam dafür arbeiten, dass junge Menschen bei uns etwas erfahren von der Fülle des Lebens, die das Evangelium erschließt.



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