Weitere Berichte und Referate

4. Tagung der 9. Synode der EKD (7.-12. November 1999, Leipzig)

Bericht über die Verwirklichung der Beschlüsse der EKD-Synode 1986 zum Kirchlichen Entwicklungsdienst für die Jahre 1997 und 1998

Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst

I. Der Beitrag der Christen angesichts von Armut und Not in der Welt

Seit dem 12. Oktober 1999 sind - wenn die Statistiker recht haben - sechs Milliarden Menschen auf dieser Erde. Es hat nur zwölf Jahre gedauert, bis sich die Menschheit um eine Milliarde vergrößert hat. Nach wie vor gibt es 1.3 Milliarden Menschen, die in größer Armut leben. Davon leben 900 Millionen im Hunger. Millionen Menschen sind ohne Arbeit und Einkommen. Die Kluft zwischen armen und reichen Ländern ist in den letzten Jahren noch größer geworden. So erreicht das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der ärmsten Staaten Afrikas im Vergleich mit dem der Industrieländer heute teilweise nur noch 7%.

Das ungebrochene Bevölkerungswachstum in den ärmsten Ländern verschärft die schon existierenden Verteilungsunterschiede und auch die Umweltprobleme. Über 50 Prozent der Frischwasserreserven der Erde werden schon genutzt. 50 Länder werden in Zukunft unter chronischer Wasserknappheit zu leiden haben.

Die Liste der globalen Probleme könnte beliebig verlängert werden. Ist nicht alles, was Christen und Kirchen hier tun können, nur ein Tropfen auf den heißen Stein? Was kann der Beitrag der Christen angesichts dieser düsteren Perspektiven für die globale Entwicklung sein ?

Entwicklungsdienst ist eine unverzichtbare Wesensäußerung von Kirche, so lange Menschen in ihrer elementaren Würde mißachtet werden: Elend, Hunger, Gewalt, Raubbau am Regenwald, Ausbeutung von Frauen und Kindern, Schuldknechtschaft von einzelnen Menschen und ganzen Nationen erfordern ein Eintreten für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

"Jesus hat sich auf die Seite der Schuldigen, der Armen, Hungernden und Verfolgten gestellt. Durch seine Vergebung und seine Hilfe hat er den Menschen die Gnade des neuen Anfangs geschenkt und bezeugt, welchen Wert und welche Würde sie vor Gott besitzen. So ist er von den Angefochtenen und Ausgestoßenen als Befreier erfahren worden. Christen sind aufgerufen, in ihrem Tun in der Welt dieses Handeln ihres Herrn zu bezeugen" (Denkschrift der EKD, Der Entwicklungsdienst der Kirche, 1973, Absatz 70).

Die Werke der AG KED haben in den vergangenen vierzig Jahren in erheblichem Maße dazu beigetragen, daß vielen Menschen ihre Würde zurückgegeben werden konnte, daß mehr Menschen als bisher eine Grundbildung erhalten haben, daß viele Zugang zur Gesundheitsversorgung und zu Frischwasser bekamen. Viele, die durch AIDS akut gefährdet sind, können sich in Projekten, die von der AG KED gefördert worden sind, beraten lassen.

Die AG KED ist die Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst, in der die fünf evangelischen Entwicklungsdienste Brot für die Welt (BfdW), Dienste in Übersee (DÜ), Ev. Zentralstelle für Entwicklungshilfe (EZE), Kirchlicher Entwicklungsdienst (KED) und Ökumenisch-Missionarischer Weltdienst (ÖMW) des EMW bisher ihre Zusammenarbeit koordiniert haben. Inzwischen ist beschlossen worden, daß DÜ, EZE, KED und ÖMW im Evangelischen Entwicklungsdienst e. V. (EED) zu einem Werk zusammengeschlossen werden.

Seit ihrer Gründung haben die Mitgliedswerke der AG KED über 9 Milliarden DM für die Überwindung von Armut, Hunger und Not in der Welt und für die Bekämpfung ihrer Ursachen zur Verfügung gestellt, davon aus Spendenmitteln 2,6 (BfdW), aus staatlichen Steuermitteln 3,7 (EZE) und aus Kirchensteuermitteln 2,7 Milliarden DM (KED). Von DÜ wurden bisher über 3.200 Verträge mit Entwicklungsfachleuten abgeschlossen.

II. In ökumenischer Solidarität mit den Armen - Impulse und Ergebnisse der Synode von Bad Salzuflen 1986

Die Synode der EKD hat 1986 die Option für die Armen, eingebettet in die ökumenische Solidarität der Kirchen, als grundlegende Zielperspektive für den kirchlichen Entwicklungsdienst bestätigt. In der Kundgebung der Synode heißt es: "In den letzten Jahrzehnten haben wir gelernt, daß es bei der kirchlichen Entwicklungshilfe nicht nur um materielle Hilfe gehen kann, sondern um Bewährung der Gemeinschaft innerhalb der weltweiten Kirche Jesu Christi. Viele Gemeinden sehen jetzt schon, daß der geistliche Reichtum der Kirchen in den Entwicklungsländern für uns eine entscheidende Hilfe ist" (Ziff. I). Und "Entwicklungspolitik muß sich vorrangig an den Grundbedürfnissen der sozial schwachen Schichten orientieren" (Ziff. IV.1).

Bereits 1968 hatte die Synode anläßlich ihres Aufrufs zur Schaffung des Kirchlichen Entwicklungsdienstes (KED) empfohlen, in die Haushalte der Gemeinden und Landeskirchen Mittel für Aufgaben einzusetzen, "die der Überwindung der Armut, des Hungers und der Not in der Welt und ihrer Ursachen dienen."

Daraus wurden 1986 Handlungsperspektiven in zwei Richtungen abgeleitet:

  • An die eigene Adresse der Gliedkirchen, Gemeinden und ihrer Glieder wird appelliert, dafür zu sorgen, daß auch weiterhin entsprechende Mittel für die Armutsbekämpfung zur Verfügung gestellt werden - aus den kirchlichen Haushalten (über KED) und durch private Spenden (über BfdW) - und darüber nicht die zwischenkirchliche Hilfe für pastorale Aufgaben und die Weltmission zu vernachlässigen.
  • Die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft werden aufgerufen, sich bei der Gestaltung ihrer Beziehungen zu den Ländern der Dritten Welt von Gesichtspunkten leiten zu lassen, die der Verbesserung der Situation der Armen Vorrang einräumen, insbesondere die wichtige Rolle der Frauen im Entwicklungsprozeß berücksichtigen, sowie die Lösung des Verschuldungsproblems, die Abrüstung in Nord und Süd und den Abbau der landwirtschaftlichen Überproduktion bei uns prioritär im Auge haben.

Als wichtige Voraussetzungen für die Umsetzung dieser Forderungen sollte in unserer eigenen Gesellschaft die Bildungs- und Informationsarbeit über Entwicklungsfragen verstärkt und der Dialog mit der Regierung, den Parteien und gesellschaftlich relevanten Gruppen intensiviert werden.

Der Option für die Armen unter veränderten globalen Bedingungen gerecht zu werden, ist die entscheidende Herausforderung für die Gestaltung des kirchlichen Entwicklungsdienstes heute.

Die Beschlüsse der Synode von Bad Salzuflen bieten für die Bewältigung dieser Aufgabe weiterhin wertvolle Impulse.

III. Aktuelle Herausforderungen

Der globale Strukturwandel verändert die Handlungsbedingungen des Entwicklungsdienstes der Kirchen. Die Nachkriegsordnung, in deren Schoß die Entwicklungshilfe ihren Ursprung hatte, wird durch den weltwirtschaftlichen Strukturwandel zunehmend aufgelöst. Ein neues globales Ordnungssystem ist erst im Entstehen. Zwar ist es zu früh, von der Errichtung einer internationalen Zivilgesellschaft zu sprechen. Aber die Globalisierung setzt auch bestehende Verhältnisse von Staat und Gesellschaft unter Anpassungsdruck. Dabei eröffnen sich Chancen für die Durchsetzung neuer Möglichkeiten gesellschaftlicher Einflußnahme auf politische Entscheidungsprozesse.

Unzweifelhaft kann die bisherige AG KED (und in Zukunft der EED) mit ihrem weitgespannten globalen Partnernetzwerk einen eigenständigen Beitrag zur Nord-Süd-Vernetzung leisten. Dies schafft Bedingungen dafür, daß globale Verantwortung von den Kirchen und Gemeinden in Deutschland wahrgenommen werden kann. Dies verlangt auch Mut und praktische Schritte zur Begründung von tragfähigen Allianzen der Solidarität. Die Herausforderung durch den globalen Strukturwandel erinnert die AG KED daran, ihre Handlungsbedingungen theologisch neu zu reflektieren. Folgende Problemkreise bedürfen der Bearbeitung:

  • Option für die Armen im Zusammenhang der Globalisierung
  • Notwendigkeit und Grenzen der entwicklungspolitischen Verantwortung der Kirche
  • Entwicklungsverantwortung und Missionsverständnis in der ökumenischen Theologie
  • Auftrag zur Mitgestaltung an einer neuen gerechteren Weltordnung

Bei unveränderter Aufgabenstellung für den Entwicklungsdienst der Kirchen ergeben sich durch die aktuellen Herausforderungen neue Bewährungsfelder für die Arbeit der Entwicklungsdienste. Der finanzielle Druck und die sich verändernde Stellung der Kirchen in der Gesellschaft verweisen auf die Notwendigkeit, daß sich der kirchliche Entwicklungsdienst mit einem klareren Kommunikationskonzept präsentiert. Durch die Mitwirkung an der weltweiten Kampagne Erlaßjahr 2000 zur Entschuldung der armen Länder des Südens konnte der kirchliche Entwicklungsdienst auch institutionelles Profil zeigen und weiter gewinnen. Der Evangelische Kirchentag und die Weltausstellung EXPO 2000 bieten Foren zur öffentlichen Präsentation in Kirche und Gesellschaft.

IV. Der biblische Auftrag

Der biblische Auftrag leitet das Entwicklungshandeln der Kirche und weist über Entwicklungskonzepte und ethische Begründungen hinaus. Für den kirchlichen Entwicklungsdienst sind dabei verschiedene Zugänge von Bedeutung:

  • Gottes Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde ermutigt auch in Zeiten der Krise und des Scheiterns zur Hoffnung und Zuversicht und gibt den Christen die Kraft, "geduldig und zuversichtlich das zu tun, was um Gerechtigkeit und Frieden willen für die Menschen zu tun geboten ist" (Entwicklungsdenkschrift, IV.12.71).
  • Das Doppelgebot zur Gottes- und Nächstenliebe befreit uns zur Achtung der Würde eines jeden Mitmenschen.
  • Wir wissen im Glauben an Gott als dem Schöpfer und Herrn der Welt um die Vorläufigkeit unseres Handelns und um die Grenzen menschlicher Möglichkeiten.
  • In der Nachfolge Jesu, der sich auf die Seite der Schuldigen, der Armen, der Hungernden und Verfolgten gestellt hat, sind Christen zur Anwaltschaft für Gerechtigkeit in der Welt gerufen.

Es ist auf diesem Hintergrund Auftrag des kirchlichen Entwicklungsdienstes, einen Beitrag zur "Überwindung der Armut, des Hungers und der Not in der Welt und ihrer Ursachen" (EKD-Synode in Berlin-Spandau 1968) zu leisten. Der kirchliche Entwicklungsdienst in Übersee wie im Inland orientiert sich dabei an einem Leitbild menschenwürdiger Entwicklung, das mehr umfaßt als nur die Abwesenheit von Mangel und Unterdrückung. Die Parteinahme für die Armen und Marginalisierten bildet den Kern des Entwicklungsengagements der Kirche. Für den kirchlichen Entwicklungsdienst kommt damit die Entwicklungsproblematik in erster Linie als die weltweite soziale Frage unserer Zeit in den Blick. Die sozialethischen Grundlagen, die einen sozialen Ausgleich und die Wahrung des Friedens in unserer Gesellschaft begründen, beinhalten in einer zusammenwachsenden Welt auch den Auftrag, zur Lösung der internationalen sozialen Frage und zum Ausgleich des sozialen und wirtschaftlichen Gefälles zwischen den Völkern beizutragen. Die Denkschrift benennt die Konsequenzen, die sich aus diesem Mandat für den Entwicklungsdienst ergeben:

"Die Christen werden zum Anwalt für Gerechtigkeit in der Welt. Sie warten nicht, bis die sozialen Probleme im eigenen Volk gelöst sind, ehe sie sich den sozialen Nöten der anderen Völker zuwenden. (...) Sie wehren sich gegen das Profitstreben als einzigen Motor der wirtschaftlichen Entwicklung und verhelfen solchen Maßnahmen zur Geltung, die den Ausgleich zwischen den reichen und armen Völkern erleichtern. Die Christen arbeiten dabei mit allen Menschen, unbeschadet ihrer religiösen, politischen und weltanschaulichen Überzeugungen zusammen, die gleiche Ziele verfolgen. Dir Kirche ist dabei in dem Maße glaubwürdig, in dem ihre eigene Praxis dem entspricht, was sie von anderen erwartet"
(Denkschrift der EKD, Der Entwicklungsdienst der Kirche, 1973, Absatz 72).

V. Die spezifischen Chancen und Potentiale des kirchlichen Entwicklungsdienstes

Die AG KED und ihre Mitgliedsorganisationen sind zunächst nur einzelne Akteure im Reigen einer Vielzahl von Organisationen, Institutionen und Initiativen, die sich im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit engagieren. Unter dem Eindruck einer wirtschaftlichen und sozialen Krise in Deutschland sehen sich die entwicklungspolitisch tätigen Nichtregierungsorganisationen (NRO) mit einem Bedeutungsrückgang der Entwicklungspolitik in Öffentlichkeit und Regierungspolitik wie auch mit einer zunehmenden Konkurrenz um knapper werdende finanzielle Ressourcen und öffentliche Aufmerksamkeit konfrontiert.

Die AG KED kann sich bei der Bestimmung ihrer Prioritäten vor allem jener Quellen und Potentiale vergewissern, die ihre Mitgliedsorganisationen spezifisch und komplementär zu den Aktivitäten anderer Träger einbringen können. Die kirchliche Entwicklungszusammenarbeit im Rahmen der AG KED kann sich dabei vor allem auf folgende Faktoren berufen, die ihr ein unverwechselbares Profil verleihen und ihren spezifischen Beitrag zur entwicklungspolitischen Arbeit in Übersee und im Inland kennzeichnen:

  • Aufgrund ihrer Verwurzelung im biblischen Auftrag und ihrer Verankerung im kirchlichen Leben haben die Mitglieder der AG KED Anteil an dem moralischen Gewicht der Kirche, das auch in der säkularen Gesellschaft nach wie vor respektiert und nachgefragt wird.
  • Für den kirchlichen Auftrag ist es kennzeichnend und anerkannt, daß die anwaltschaftliche Interessenvertretung für die Schwachen und Marginalisierten ernst genommen wird und über die Vertretung von Partikularinteressen hinausweist.
  • Eine besondere Stärke der Entwicklungsdienste im Rahmen der evangelischen Kirchen ist deren Verankerung in ökumenischen Strukturen der weltweiten Christenheit und ihre enge Verflechtung mit zahlreichen Partnerorganisationen im Süden.
  • Die Mitgliedsorganisationen der AG KED verfügen in den Handlungsfeldern des Entwicklungsdienstes über reichhaltige Fachkompetenz und jahrzehntelange Erfahrung.
  • Als Teil des vielfältigen kirchlichen Lebens in der EKD und in den evangelischen Freikirchen sind die Mitgliedsorganisationen mit einer Vielzahl von kirchlichen Einrichtungen, Gemeinden und Basisgruppen verknüpft, die als Kooperations-, Dialog- und Bündnispartner, wie auch als Akteure entwicklungspolitischer Bildungs- und Lobbyarbeit tätig sind. In der Kirche arbeiten Menschen zusammen, die verschiedenen Generationen, unterschiedlichem sozialen Status und politischen Orientierungen angehören.
  • Die Mitgliedsorganisationen der AG KED arbeiten unter dem Dach einer Kirche, die neben dem Entwicklungsdienst eine Vielzahl anderer Aufgaben erfüllt, mithin keine "single issue-Organisation" und kein entwicklungspolitischer Interessenverband ist.
  • Der Entwicklungsdienst der Kirche ist stets auf beiden Ebenen des entwicklungspolitischen Handelns präsent, sowohl bei der unmittelbaren Fürsorge für die Notleidenden, als auch in der Einflußnahme auf politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die ein Leben in Menschenwürde behindern.

Die in der AG KED zusammenarbeitenden Werke des kirchlichen Entwicklungsdienstes müssen sich allerdings auch mit einer Reihe von Unzulänglichkeiten auseinandersetzen, die sich aus der aktuellen Struktur der AG KED ergeben und die ihre Entfaltungsmöglichkeiten begrenzen. Zu diesen strukturell bedingten Herausforderungen zählen unter anderem Grenzen der Wirksamkeit durch eine nicht immer einheitliche institutionelle Interessenlage, das bisweilen unscharfe Erscheinungsbild der kirchlichen Werke und Einrichtungen in der Öffentlichkeit sowie zunehmende Legitimationszwänge und Finanzierungsprobleme des Kirchlichen Entwicklungsdienstes.

Die im Jahr 1998 eingeleitete Überführung des bisher lockeren Zusammenschlusses der kirchlichen Entwicklungswerke in der AG KED in ein gemeinsames Werk soll das Potential des kirchlichen Entwicklungsdienstes stärken.

VI. Teilen was wir haben - Quantitative Bilanz

1. Finanzaufkommen

Die Gliedkirchen der EKD haben in den beiden Jahren 1997 und 1998 DM 99.961.144, - bzw. DM 91.543.157,82 für den Kirchlichen Entwicklungsdienst der EKD aufgebracht. Das ist angesichts der angespannten Haushaltslage vieler Kirchen beachtlich. Gegenüber dem Spitzenjahr 1994 mit DM 132.571.407, - ist das jedoch ein Rückgang um 24,6 bzw. 31,0 %.

Die Gliedkirchen beteiligen sich in sehr unterschiedlichem Umfang aus ihrem Kirchensteueraufkommen am KED-Gemeinschaftsfonds: Der Prozentsatz variiert zwischen 0,15 % und 4,5 % bei den westlichen Gliedkirchen. Alle östlichen Gliedkirchen beteiligen sich inzwischen ebenfalls an dieser Gemeinschaftsaufgabe; der Prozentsatz ihrer Beteiligung liegt bei maximal 0,42 % (Kirchenprovinz Sachsen) ihrer Kirchensteuermittel.

Der Anteil der KED-Einzahlungen am Kirchensteuereinkommen betrug in den Jahren 1997 1,32 % und 1998 1,18 %; im Jahr 1994 betrug er noch 1,61 %. Die Einzahlungen der Gliedkirchen für die Gemeinschaftsaufgabe KED sind erheblich stärker gesunken als das Kirchensteueraufkommen. Das ist ein Alarmzeichen. Noch 1986 hatte die Synode in Bad Salzuflen in einem Beschluß die Gliedkirchen gebeten "mindestens 2% ihrer Kirchensteuereinnahmen, jedoch insgesamt nicht weniger als 100 Millionen DM jährlich für die Gemeinschaftsaufgabe Kirchlicher Entwicklungsdienst zur Verfügung zu stellen".

Nimmt das Engagement der Kirchen für den Entwicklungsdienst insgesamt ab oder verlagern sie ihr Engagement von der gemeinsamen auf die bilaterale Ebene?

Die Mitarbeit an der weltweiten gesellschaftlichen Herausforderung der Armutsbekämpfung und an der Mobilisierung von Selbsthilfe sind Ausdruck der kirchlichen Selbstverpflichtung und Mitverantwortung für gerechtere soziale Verhältnisse. Staat und Gesellschaft an ihre diesbezüglichen Aufgaben ernsthaft zu erinnern, kann nur mit dem erforderlichen Maß an Glaubwürdigkeit gelingen, wenn die Kirchen selbst ihre Mitarbeit in angemessenem Umfang weiterführen.

Die Bearbeitung der KED-Mittel erfolgt im wesentlichen durch die Arbeitsstäbe von BfdW, EZE und ÖMW. Aus dem KED-Fonds werden die Aufwendungen für die Arbeit der anderen AG KED-Stäbe und die dort bearbeiteten Mittel bzw. die von DÜ vermittelten Fachkräfte getragen. Das gilt auch für die Bearbeitung der EZE-Mittel, mit dem Effekt, daß damit vom Staat ein ähnlich großer Betrag wie der KED-Fonds zusätzlich für den Kirchlichen Entwicklungsdienst erschlossen werden kann. Auch ein erheblicher Teil des Bearbeitungsaufwands und der Werbungskosten von BfdW wurde bisher von KED getragen. Es muß ein Weg gefunden werden, wie diese Funktionen von KED weiterhin mit der ausreichenden Verbindlichkeit erfüllt werden können, auch wenn die Einzahlungen der Gliedkirchen noch weiter absinken.

Das Gesamtbewilligungsvolumen der AG KED betrug im Jahr 1998 DM 375,7 Millionen (1997: DM 412,3 Millionen). Im Blick auf die Mittelherkunft setzte sich diese Bewilligungssumme wie folgt zusammen:

Aus Mitteln der Gliedkirchen (KED) 115,0 Mio. 30,6 %
Aus Haushaltsmitteln des BMZ (EZE) 147,2Mio 39,2 %
Aus Spendenmitteln (BfdW) 110,6 Mio. 29,4 %
Aus sonstigen Quellen (EU etc.) 2,9 Mio 0,8 %
Gesamt: 375,7 Mio. 100,0 %

Die Differenz aus den Einzahlungen der Gliedkirchen bei KED und dem KED-Bewilligungsvolumen im Jahr 1998 erklärt sich aus der Tatsache, daß zu den Einzahlungen noch Zinsmittel, Rückflüsse, Stornierungen und nicht verbrauchte Mittel aus Vorjahren hinzukommen.

Während das Spendenaufkommen bei BfdW kontinuierlich langsam ansteigt, gehen die Beiträge aus den Haushaltsmitteln des Staates und der Kirchen zurück. Die Beiträge der Kirchen sinken rascher als die Beiträge des Staates, so daß der Anteil der KED-Mittel am Gesamtaufkommen der AG KED immer stärker abgefallen ist und nun unter die 30 %-Marke zu sinken droht.

2. Mittelverwendung

Der Entwicklungsdienst der Kirchen beteiligt sich mit seinen Einrichtungen und Mitarbeiter(inne)n an der Verkündigung des Evangeliums durch die Förderung von Partnerorganisationen in armen Ländern und Regionen, die sich für die Verbesserung der Lebenssituation der Armen und Entrechteten einsetzen und so konkrete Zeichen der Hoffnung auf die Nähe der Gottesherrschaft setzen. Sowohl diakonische Programme zur Versorgung und Nothilfe als auch Entwicklungsprogramme der Hilfe zur Selbsthilfe und zur Überwindung ungerechter Strukturen sind Teil dieser gemeinsamen Initiative für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Eingebunden in die ökumenische Gemeinschaft nehmen die Kirchen in Deutschland auf diese Weise am weltweiten Prozeß des Teilens der Ressourcen und an der gegenseitigen Verantwortung für einen sorgfältigen Umgang mit den anvertrauten Geldern teil. Die Zusammenarbeit mit Kirchen, kirchlichen Organisationen und anderen Nichtregierungsorganisationen in Übersee ist durch ein Verhältnis der Partnerschaft gekennzeichnet, das auf Respekt vor der Autonomie des Partners, auf Transparenz, Vertrauen und Verläßlichkeit aufbaut. Auch in Zeiten zurückgehender Mittel muß sich dieses Verständnis bewähren.

Im Vordergrund der Arbeit steht die Förderung von Projekten und Programmen von Organisationen vor Ort, die das oben genannte Ziel verfolgen. Mit finanziellen Beiträgen, personeller Beteiligung und fachlicher Beratung sollen auch die Kompetenz und die Fähigkeit der Partnerorganisationen selbst gestärkt werden, konkrete Maßnahmen zur Bekämpfung und Beseitigung der Armut zu planen und durchzuführen. Die Förderung ihrer politischer Dienste im jeweils eigenen Land oder auf internationaler Ebene zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Wirksamkeit der Entwicklungsanstrengungen gehören ebenso mit dazu.

Entwicklungsdienst in Übersee und die Wahrnehmung öffentlicher entwicklungspolitischer Verantwortung in Deutschland gehören für einen ökumenisch verantworteten kirchlichen Entwicklungsdienst untrennbar zusammen. Die Stärkung der Bereitschaft in Kirche und Gesellschaft, sich für Entwicklungsarbeit und für politische Veränderungen zugunsten erweiterter Handlungsspielräume für eine gerechte und nachhaltige Entwicklung einzusetzen, ist daher das Ziel der Inlandsarbeit in ihren verschiedenen Ausprägungen.

Die Mitteleinsatz der verteilt sich 1998 auf folgende Regionen:

Förderung nach Regionen: Afrika  90,6 Mio. 24,1 %
Asien  88,7 Mio. 23,6 %
Kontinentübergreifend  86,3 Mio. 23,0 %
Lateinamerika  68,4 Mio. 18,2 %
Europa  40,1 Mio. 10,7 %
Osteuropa und GUS  1,6 Mio. 0,4 %
Gesamt: 375,7 Mio. 100,0 %

Förderung nach Hauptaufgaben
Projekt- und Programmförderung in Übersee  292,3 Mio. 77,8 %
Personalprogramme und Stipendien  44,0 Mio. 11,7 %
Inlandsprogramme  13,1 Mio. 3,5 %
Programmqualifizierung und Verwaltung  26,3  Mio.
Gesamt: 75,7 Mio. 100,0 %

  • Der größte Anteil der Förderung floß nach Afrika, in den Kontinent, dessen Bevölkerung zur Zeit am stärksten von Not und Kriegen geplagt wird. Die Mitarbeit in Osteuropa hat inzwischen begonnen, auch wenn der dort eingesetzte Betrag noch vergleichsweise bescheiden ist. Als "kontinentübergreifend" werden vor allem die Personalprogramme und Stipendien sowie die Zuwendungen an den Ökumenischen Rat der Kirchen und an die konfessionellen Weltbünde zusammengefaßt.
  • Nahezu 80 % des Bewilligungsvolumens wurden für die Förderung von Projekten und Programmen der Partnerorganisationen in Übersee verwendet. Aber auch die Personalförderung und die personelle Beteiligung an den Vorhaben der Partner sowie die Inlandsarbeit sind gewichtige Aufgaben des kirchlichen Entwicklungsdienstes.

Ausführlichere Darstellungen der Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Kirchlicher Entwicklungsdienst bieten die gedruckt vorliegenden Jahresberichte der AG KED (s. Anlage) und verschiedener Mitgliedsorganisationen.

Die von KED getragenen Verwaltungskosten der AG KED betrugen 1996 DM 26,3 Millionen; davon wurden DM 2,6 Millionen anderen kirchlichen Organisationen (ÖSW etc.) zur Verfügung gestellt, die nicht im engeren Sinn zur AG KED gehören. Das Verhältnis der Verwaltungskosten der AG KED im engeren Sinn, gemessen am Gesamtaufkommen der AG KED, liegt also bei 7 %. Es liegt damit niedriger als bei vergleichbaren Organisationen. Leichte Schwankungen um den langjährigen Durchschnittsprozentsatz von +/- 6 % herum sind angesichts der Schwankungen des Gesamtaufkommens unvermeidlich, da in ihm rechtlich verbindliche Kosten, wie z. B. Personalkosten, enthalten sind.

Fazit: Trotz häufig wenig ermutigender Fakten und Zahlen im Blick auf die desolate Situation in vielen Entwicklungsländern - besonders in Afrika - ist nachweisbar, daß die in den zurückliegenden Jahren geförderten Entwicklungsprojekte mehr gewesen sind als nur der sprichwörtliche "Tropfen auf den heißen Stein". Dies bestätigen unsere Partner immer wieder. Unzählige Menschen haben dadurch konkrete Hilfe erfahren, eine große Zahl von Personen erhielt eine qualifizierte Ausbildung und das Vertrauen vieler Menschen und Gruppen in Eigeninitiative und Selbsthilfe wurde gestärkt.

"Entwicklung" ist die internationale soziale Frage unserer Zeit. Der Rückzug aus der ökumenischen Verantwortung - angesichts knapper werdender Mittel und der Dauer und Komplexität der Aufgabe - ist eine große Versuchung. Wir dürfen ihr nicht nachgeben, weder aus Gründen des Glaubens noch der politischen Vernunft.

VII. Schwerpunkte der aktuellen Arbeit

Von den Bewilligungsgremien der AG KED wurden 1998 fast 1.500 Anträge bewilligt. Dazu kommen noch fast 600 bewilligte Klein- und Nachanträge. Dafür wurden insgesamt ca. DM 350 Millionen DM zur Verfügung gestellt.

Der weitaus größte Teil dieser Summe (77,8 %) floß in die Förderung von Projekten, Programmen und Partnerorganisationen in Übersee. Folgende Arbeitsschwerpunkte sind dabei besonders zu nennen:

Armut bekämpfen und soziale Entwicklung fördern

Schwerpunkt der Förderung in Übersee ist und bleibt die unmittelbare Bekämpfung der Armut und die Förderung einer sozial gerechten Entwicklung. Die Verbesserung der Qualität von und der Zugangsmöglichkeiten zu sozialen Basisdiensten im Bildungs- und Gesundheitsbereich und die Einrichtung von Sozialzentren gehören ebenso dazu wie die Förderung von Sozialfonds zur Abfederung von Folgen der Strukturanpassungspolitik. Die Ursachen von Armut sind vielfältiger Art. Programme der Gemeinwesenentwicklung versuchen daher durch eine Kombination unterschiedlicher Maßnahmen die Lebensbedingungen armer und benachteiligter Bevölkerungsgruppen nachhaltig zu verändern und zu verbessern. Den Frauen kommt dabei eine besonders tragende Rolle zu.

Darüber hinaus gilt es, die Verhandlungsmacht der Betroffenen zu stärken, wenn langfristige Verbesserungen erreicht werden sollen, die häufig durch ungünstige wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen auf lokaler und nationaler Ebene behindert werden. Der Weltsozialgipfel in Kopenhagen hat hier wichtige Ergebnisse und Erkenntnisse gebracht, deren Umsetzung auch gegenüber der deutschen Regierung immer wieder angemahnt werden muß. Dazu gehört unter anderem auch die 20 : 20 - Initiative, deren Anerkennung und Umsetzung von der AG KED auf politischer Ebene aktiv unterstützt wird.

Natürliche Ressourcen sinnvoller nutzen und erhalten

Nicht nur die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen in Übersee - das Biosystem der Erde weltweit ist gefährdet, wenn der Raubbau an der Natur ungehindert weitergeht. Armut, Unter- und Fehlentwicklung sind die Hauptursachen dieser Gefahr, deren Folgen zunehmend die kommende Generation treffen werden. Die Abholzung des Regenwalds hat nationale und internationale Ursachen. Nur durch Maßnahmen vor Ort, auf politischer Ebene und im internationalen Zusammenhang kann ein neues, nachhaltiges Gleichgewicht zwischen menschlichen Bedürfnissen und natürlichen Ressourcen erreicht werden. Umwelt und Entwicklung sind in einem Ursache-Wirkungs-Zusammenhang eng miteinander verknüpft. Die Förderung des standortgerechten Landbaus, die Bekämpfung der Bodenerosion, Programme der Wiederaufforstung und der Wiederaufbereitung von Wasser, die effizientere Nutzung von Energiequellen und die Einführung umweltverträglicherer Energiequellen im Haushalt, im Verkehr und in der Wirtschaft - solche Maßnahmen fördern Entwicklung und reduzieren dadurch den Druck auf die Umwelt. Es ist daher nur zu begrüßen, daß auf EKD-Ebene die Kammer für kirchlichen Entwicklungsdienst in der neuen Sitzungsperiode des Rates als Kammer für Entwicklung und Umwelt arbeitet.

Der UN-Gipfel Umwelt und Entwicklung in Rio hat wertvolle Impulse zur Überwindung der Umwelt- und Entwicklungskrise vermittelt. Die AG KED arbeitet mit an der Initiative zur Entwicklung einer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie auch in Deutschland und zur Bildung eines Nachhaltigkeitsrats und tritt dabei für die Erweiterung der nationalen Umweltperspektive um die internationale Entwicklungsperspektive ein. Die AG KED hat sich im Berichtszeitraum auch um die praktische Umsetzung dieser Grundsätze bemüht - durch intensive Mitarbeit am Dialog zwischen den Kirchen und Nichtregierungsorganisationen und der Aluminiumindustrie, in dem es um die ökologische und soziale Zukunftsverträglichkeit der Aluminiumproduktion am Fallbeispiel Amazonien geht.

Für Frieden und Versöhnung arbeiten

Erfolge der Entwicklungszusammenarbeit werden immer wieder durch Krieg und Gewalt zerstört. Armut und Unterentwicklung sind häufig Ursachen gewalttätig ausgetragener Konflikte. der Anteil der Mittel für unmittelbare humanitäre Hilfe zur Bewältigung der Folgen bewaffneter Auseinandersetzungen ist auf Kosten der Mittel für langfristig orientierte Entwicklungsarbeit drastisch gestiegen. Nicht nur auf internationaler Ebene muß auf Kriege und gewaltsam ausgetragene innergesellschaftliche Konflikte reagiert werden. Auch unterhalb der politisch-diplomatischen Ebene sind Kirchen und andere zivilgesellschaftliche Akteure mit der Aufgabe konfrontiert, das Überlegen der Menschen in Kriegen zu sichern und zugleich zu versuchen, tragfähige Lösungen für ein friedliches Miteinander auf Dauer zu suchen. Kirchen haben hier nicht nur eine besondere Verantwortung, sondern sie verfügen auch über besondere Möglichkeiten vor Ort und in ihrer überregionalen, Ethnien überspannenden und weltweiten Vernetzung.

Nicht Konflikte und Interessengegensätze sind das Problem, sondern die Gewalt als Mittel der Konfliktaustragung. Methoden und Maßnahmen der zivilen, gewaltfreien Konfliktbearbeitung und Konfliktprävention gilt es daher zu finden und möglichst bereits im Vorfeld sich anbahnender Konflikte zu fördern. Durch die Arbeit des ökumenischen "Life & Peace Institute" in Uppsala und durch das Programm "Local capacities for peace" ist das Potential lokal vorhandener, häufig traditioneller Methoden der zivilen Konfliktbearbeitung, die es zu fördern gilt, ins Blickfeld der AG KED gerückt worden. "Frieden von oben" ist ohne "Frieden von unten" nicht dauerhaft. Aber auch an den Wechselwirkungen zwischen Hilfsprojekten und der Konfliktdynamik wird in der AG KED gearbeitet. Entwicklungsprogramme gilt es in Konfliktsituationen so anzulegen, daß sie zugleich deeskalierend, friedensfördernd und nicht ungewollt konfliktverschärfend wirken.

Die Gemeinsame Konferenz Kirche und Entwicklung (GKKE) hat 1998 bereits zum zweitenmal ihren jährlich erscheinenden Rüstungsexportbericht herausgegeben, der - bisher erstmalig in der politischen Öffentlichkeit - eine Zusammenstellung der verfügbaren Daten über die deutsche Ausfuhr von Kriegswaffen und sonstigen Rüstungsgütern für das vorangegangene Jahr und eine politische Bewertung enthält. Die Berichte finden ein lebhaftes Echo in der Öffentlichkeit.

Über DÜ beteiligt sich der kirchliche Entwicklungsdienst seit langem auch personell durch die Vermittlung von Fachleuten an Maßnahmen der Friedensförderung und Konfliktprävention in Übersee. Unter Nutzung der langjährigen Erfahrungen arbeitet DÜ auch mit an der Entwicklung eines Konzepts für einen nationalen Friedensfachdienst durch die Bundesregierung und ist bereit dazu, sich an der Implementierung zu beteiligen.

Menschen- und Minderheitenrechte schützen

Die Achtung der Menschenrechte, sowohl der bürgerlich-politischen als auch der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte ist sowohl ein Merkmal als auch eine konstitutive Voraussetzung für Entwicklung. Dazu gehört auch die Entwicklung von Rechtsstaatlichkeit und demokratischer Willensbildung und Entscheidung. Von den Mitgliedsorganisationen der AG KED werden zahlreiche Projekte finanziert und personell unterstützt, die auf lokaler und regionaler Ebene Rechtsstaatlichkeit und die Partizipation der Bevölkerung am politischen Geschehen fördern. Dazu gehört auch die Bekämpfung der Diskriminierung von Kindern und Frauen sowie politischen, ethnischen und religiösen Minderheiten und die Unterstützung bei der Erhaltung und Stärkung ihrer persönlichen bzw. kulturellen Identität.

Das im Diakonischen Werk der EKD eingerichtete Referat "Hilfen für Opfer von Menschenrechtsverletzungen" stellt für den kirchlichen Entwicklungsdienst ein breites fachliches Angebot an Beratungen und Dienstleistungen für den Schutz der Menschenrechte bereit. Menschenrechtsarbeit heißt hier: Bekämpfung von Verbrechen, die im Namen oder Auftrag von Regierungen oder anderen Machthabern an einzelnen Menschen oder Gruppen begangen oder zumindest geduldet werden. Ein wichtiger Teil der Arbeit sind die Unterstützung und der Schutz von lokalen Menschenrechtsorganisationen und die Verbesserung der Rahmenbedingungen, unter denen sie tätig sind.

Partizipation und Demokratisierung fördern

Nach 1989 wehte der Wind des politischen Wandels auch durch Afrika und Lateinamerika: Die Einführung von Mehrparteiensystemen und die Überwindung der Militärdiktaturen waren die Folge. Die Entwicklung der Zivilgesellschaft bekam eine neue Chance. Demokratische Verfassungen sind zwar notwendige aber noch keine hinreichenden Bedingungen für eine gesellschaftliche und soziale Entwicklung, die sich an den Bedürfnissen der Mehrheit, die in diesen Ländern häufig von den Armen gebildet wird, ausrichtet. In fast allen Ländern ist die oft extreme wirtschaftliche Ungleichverteilung unangetastet und der Einfluß der bisher in Wirtschaft und Politik herrschenden Eliten nahezu ungebrochen geblieben. Die neuen politischen Rahmenbedingungen müssen mit demokratischem Leben erfüllt und die formal bestehende demokratischen Ordnungen müssen in gesellschaftliche Reformen umgesetzt werden.

Gerade Kirchen und andere Nichtregierungsorganisationen (NRO) können einen wesentlichen Beitrag "von unten" zu den notwendigen Verbindungen schaffen, die zwischen dem Staat und der Zivilgesellschaft hergestellt werden müssen, wenn Demokratie gelingen soll. Sie verfügen in der Demokratieförderung über einen entscheidenden komparativen Vorteil gegenüber der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit. Die Stärkung von Kirchen, Gruppen und NRO in dieser politischen Funktion ist daher ein wichtiges Förderziel. Demokratie kann nicht individuell verwirklicht werden, sondern nur über gesellschaftspolitisches Handeln sozialer Gruppen und Institutionen. Aber auch die einzelnen Menschen gilt es zur Wahrnehmung ihrer Rechte zu befähigen. Wesentliche Voraussetzung dafür ist ihre Aufklärung und Unterrichtung. Auf dieses Ziel beziehen sich ebenfalls viele Maßnahmen.

Lokale Initiativen und Kampagnen drohen jedoch zu verpuffen, wenn der Staat nicht in positiver Form politisch tätig wird oder entsprechend beeinflußt werden kann. So hat beispielsweise die EZE seit Ende der 80er Jahre einen intensiven Dialog mit einer Reihe brasilianischer Schlüsselpartner über das Verhältnis von Staat und NRO im Bereich der Armutsbekämpfung und Demokratieförderung geführt. Zunehmend traten dabei Überlegungen in den Vordergrund, ob und auf welche Art die in der zivilen Gesellschaft vorhandenen Ansätze zu einer weiterführenden ländlichen Entwicklung sinnvoll durch Kooperationen der deutschen staatlichen Entwicklungszusammmenarbeit unterstützt werden können. Schließlich diente ein Seminar "Land und Demokratie" dazu, das Gespräch zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen beider Länder über Gemeinsamkeiten und Unterschiede ihrer Arbeit und Ziele zu führen und Möglichkeiten und Grenzen der Kooperation auszuloten. Dieser Dialog wird hier und in Brasilien weitergeführt. Unmittelbare Ergebnisse sind unter anderem bessere Voraussetzungen in Brasilien für die Unterstützung von NRO im Rahmen der bilateralen Zusammenarbeit der Regierungen.

Entwicklungsarbeit frauengerechter gestalten

Frauenförderung ist nicht nur eine Aufgabe im Süden, sondern integraler Bestandteil des Verständnisses des kirchlichen Entwicklungsdienstes. Sie muß damit auch in der Inlands- und Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland berücksichtigt werden, ebenso wie bei der Besetzung von Stellen und Gremien in den eigenen Strukturen. Es geht hierbei nicht nur um die Unterstützung einseitig auf Frauen gerichteter Maßnahmen, sondern um die Veränderung des Verhältnisses zwischen den Geschlechtern (engl. "gender") da, wo Frauen benachteiligt und an gleichberechtigter Teilnahme an der Entwicklung behindert werden.

1986 appellierte die EKD-Synode an die Verantwortlichen in Staat und Gesellschaft: "Die wichtige Rolle der Frauen im Entwicklungsprozeß muß verstärkt berücksichtigt werden." 1989 bekräftigte die EKD-Synode ihren Appell dahingehend, daß sie die AG KED aufforderte, "ein Schwerpunktprogramm "Frauen und Entwicklung" in die Wege (zu) leiten, das die Frauenperspektive in der praktischen Arbeit aller Stäbe der AG KED essentiell verankert".

Daraufhin wurde bei der Planungs- und Grundsatzabteilung der AG KED ein Frauenreferat eingerichtet. Als Ergebnis eines mehrjährigen Diskussionsprozesses in der AG KED wurde Ende 1992 vom Leitungsausschuß der AG KED der Orientierungsrahmen "Wege zu einer frauengerechten Entwicklungszusammenarbeit" verabschiedet, der den Mitgliedsorganisationen zur Orientierung und Arbeitshilfe in der Projekt- und Programmarbeit empfohlen wurde. Diesem Ziel dienen Fortbildungsveranstaltungen, sog. "Gendertrainings", die seither in der AG KED immer wieder durchgeführt werden.

Der Auswertungsprozeß "10 Jahre Frauenförderung in der AG KED" brachte 1997 folgende Ergebnisse: Die Frauenförderung ist ein integraler und akzeptierter Bestandteil der Entwicklungspolitik der AG KED geworden. Mitarbeiter/innen haben heute mehr Fachwissen über die Situation von Frauen, über das Geschlechterverhältnis und über die Auswirkungen von Projekten. Es gibt kaum noch grundsätzliche Einwände oder Indifferenz gegen Frauenförderung. Es besteht ein weitgehender Konsens darüber, daß die Nichtbeachtung von Frauen in der Projektarbeit wegen ihrer Schlüsselrollen in der Überlebenssicherung schädlich ist.

Zwar sind Akzeptanz und Erkenntnisniveau deutlich gestiegen, die Umsetzung in die entwicklungspolitische Praxis läßt jedoch vielfach noch zu wünschen übrig. Daher muß weiter daran gearbeitet werden, daß die inzwischen gewonnenen Erkenntnisse über die Auswirkungen der Entwicklungsarbeit auf das Geschlechterverhältnis Schritt für Schritt in die normalen Standards und Verfahren der Projektplanung, -begleitung und -evaluierung eingebaut werden.

Transformation und Entwicklung in Osteuropa stärken

Nach der Auflösung des Ostblocks und der Umgestaltung der ehemaligen Sowjetunion hat dort ein tiefgreifender Transformationsprozeß in Richtung auf Demokratie und Marktwirtschaft begonnen. Stand und Dynamik dieses Prozesses sind jedoch in den Ländern Mittel- und Osteuropas sehr unterschiedlich. Werden die Voraussetzungen für eine den Entwicklungsländern ähnliche Situation zugrundegelegt, fallen verschiedene Länder Südosteuropas, die Länder Kaukasiens und Zentralasiens grundsätzlich in den Aufgabenbereich der AG KED. Es ist inzwischen deutlich geworden: Diese Länder befinden sich in einer kritischen Phase ihrer Entwicklung. Das Elend weiter Bevölkerungskreise, das brisante ethnische und oft auch religiöse Konfliktpotential, erschreckende Umweltschäden und die zum Teil strategisch bedeutsame Lage im Spannungsfeld kultureller und geopolitischer Schnittlinien fordern zu ökumenischer Solidarität und Mithilfe bei der Entwicklung sozial- und umweltverträglicher sowie versöhnungsbereiter Gesellschaften heraus.

In den meisten Ländern Mittel- und Osteuropas sind eine Vielzahl von Landeskirchen, Diakonischer Werke, Kirchenkreise und anderer Gruppierungen, vor allem auch aus den östlichen Bundesländern, bereits tätig. Viele von ihnen arbeiten in der Evangelischen Kommission Mittel- und Osteuropa (EKMOE) zusammen, deren Mitglied auch die AG KED ist. In Abstimmung mit den ebenfalls in verschiedenen Ländern Mittel- und Osteuropas tätigen Referaten des Diakonischen Werks der EKD hat sich die AG KED entschlossen, sich regional auf Länder Südosteuropas, Kaukasiens und auf Zentralasien zu konzentrieren und dort in erster Linie entwicklungsorientierte Maßnahmen zu fördern, wobei die Zusammenarbeit sowohl mit kirchlichen als auch mit nichtkirchlichen Trägern im Vordergrund stehen soll.

Das AG KED-Referat "Südosteuropa / Kaukasien" (SOEK) bei der EZE unterstützt mittlerweile Projekte und Partner in Rumänien, Mazedonien, Georgien und Armenien. Von DÜ vermittelt arbeiten mehrere Personen bereits in Rumänien und im Kosovo, gesucht werden Fachleute auch für Kroatien und Aserbaidschan.

Der Schwerpunkt der Arbeit der AG KED wird weiterhin im Süden liegen. Aber auch dort verschieben sich die Gewichte. So ist in verschiedenen Schwellenländern festzustellen, daß die dortige kirchliche Sozial- und Entwicklungsarbeit mehr und mehr auch aus einheimischen Quellen finanziert werden kann, und Kirchen zum Beispiel in Südkorea sogar zum Engagement außerhalb ihres Landes übergegangen sind. Die klassischen Abgrenzungen zwischen Industrie- und Entwicklungsländern und zwischen reichen und armen Staaten sind in Bewegung geraten. Der kirchliche Entwicklungsdienst wird seiner ökumenischen Orientierung und Verpflichtung nur dann gerecht, wenn er diese Veränderungen wahrnimmt und aktiv die sich daraus ergebenden Herausforderungen aufgreift.

Fair handeln für Mensch und Natur

Projekte reichen nicht aus, um die Lebenssituation der Menschen in der Dritten Welt dauerhaft zu verbessern. Auch Verbraucher/innen in den reichen Ländern können ihren Einfluß geltend machen, denn es bestehen Zusammenhänge zwischen ihrem Verhalten und der Not in den armen Ländern. Darauf haben Partnerorganisationen im Süden immer wieder aufmerksam gemacht.

Am bekanntesten wurde bisher die Teppichkinder-Kampagne. Sie weist auf die teppichknüpfenden Kindersklaven in Südasien hin, die mit minimalen Kosten Produkte herstellen, die in Europa zu Dumping-Preisen verkauft werden. Partnerorganisationen in Südasien haben inzwischen hunderte solcher Kinder von dieser Fronarbeit befreit und dafür gesorgt, daß sie eine normale Ausbildung erhalten und ihre Familien mit einkommenschaffenden Maßnahmen unterstützt werden. Hier in Deutschland wurde eine "Kampagne gegen Kinderarbeit in der Teppichindustrie" gestartet, an der auch BfdW beteiligt ist. Ein wichtiger Erfolg dieser Kampagne war die Einführung des Warenzeichens "Rugmark", das über unabhängige Inspektoren vor Ort sicherstellt, daß Teppiche, die hier mit diesem Warenzeichen verkauft werden, nicht durch ausbeuterische Kinderarbeit hergestellt wurden. In Deutschland bieten inzwischen 29 Importeure Teppiche mit dem Siegel an. Um dem Protest gegen Kinderarbeit weltweit Gewicht zu verleihen, fand 1998 unter Beteiligung der AG KED der "Global March" statt, der die ILO in Genf zu einer neuen Konvention zum Verbot der schlimmsten Folgen der Kinderarbeit bewegen will.

Mehr als eine halbe Million Menschen in der Dritten Welt leben direkt oder indirekt von Blumenexporten, häufig unter erschreckenden Lebens- und Arbeitsbedingungen und mit nicht wieder gutzumachenden Schäden für Gesundheit und Umwelt. Die Blumenkampagne in Deutschland hat mit der Blumenindustrie einen Verhaltenskodex entwickelt, nach dem Blumen aus Ländern Afrikas und Lateinamerikas nur noch importiert werden, wenn sie sozial und ökologisch verantwortlich produziert wurden. Solche Blumen sind inzwischen im Handel erhältlich.

Ähnliche Kampagnen gibt es für den fairen Handel mit Bananen und auch mit Orangensaft. Transfair, der auch von BfdW unterstützte Verein zur Förderung des fairen Handels mit der Dritten Welt, handelt nicht selbst mit Produkten, sondern vergibt die Lizenz für ein Siegel an Importeure, weiterverarbeitende Betriebe und Handelsunternehmen von Kaffee, Tee, Schokolade, Kakao und Zucker. Die von KED mitgetragene Handelsorganisation GEPA unterstützt in Genossenschaften zusammengeschlossene Kleinbauern und Handwerker bei der Produktion und Vermarktung ihrer Produkte, indem sie sie berät und ihnen einen fairen Preis zahlt; in Deutschland werden diese Produkte vorwiegend über Eine-Welt-Läden und -Gruppen vertrieben. In vielen Betriebskantinen, u. a. im deutschen Bundestag, wird fair gehandelter Kaffee ausgeschenkt.

Faire, d. h. wirtschaftlich, sozial und ökologisch gerechtere Welthandelsbedingungen vermindern die Abhängigkeit der Entwicklungsländer von Hilfsleistungen des Nordens. Mit dem Kauf von fair hergestellten und gehandelten Produkten können Konsumenten hier einen Beitrag zur Verbesserung der Chancen auf eine menschenwürdige Existenz von Kindern, Frauen und unterbezahlten Arbeitern, Handwerkern und Kleinlandwirten.

Entwicklungspolitisches Bewußtsein im Inland bilden und stärken

Von KED wurden 1998 Inlandsaktivitäten mit DM 13.1 Mio gefördert; das sind gut 11 % des Bewilligungsvolumens von KED. Mehr als zwei Drittel dieser Summe werden durch den Ausschuß für entwicklungsbezogene Bildung und Publizistik (ABP) beraten und bewilligt. Der ABP fördert Projekte, Programme und die Organisation inländischer Träger von Maßnahmen entwicklungsbezogener Bildung und Publizistik.

Bereiche der Förderung sind sind Aktionen, Kampagnen, Studienreisen, Seminare, Filme, Printmedien und sonstige Medien. Nicht nur die Förderung einzelner Projekte, sondern vor allem die kontinuierliche Bearbeitung bestimmter Themenfelder wie Agrarpolitik, Wirtschaft, Gesundheitswesen, Ferntourismus und die kontinuierliche Ansprache bestimmter Zielgruppen wie Jugendliche, Studierende, Lehrer, Journalisten etc. hat sich der ABP zur Aufgabe gesetzt. Dies geschieht über die Finanzierung von Personal- und Sachkosten für langfristig eingerichtete Fachstellen und für drei bis fünf Jahre eingerichtete Personalprojekte.

Die bleibende Aufgabe entwicklungspolitischer Bildungs- und Bewußtseinsarbeit von Kirchengemeinden, kirchlichen Einrichtungen, Basisgruppen und entwicklungspolitischen Initiativen ist durch die EKD-Synode mehrfach, zuletzt 1998, unterstrichen worden.



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