Texte zum Schwerpunktthema: Mission

4. Tagung der 9. Synode der EKD (7.-12. November 1999, Leipzig)

Einbringung des Kundgebungsentwurfs

Pfarrerin Barbara Rudolph

Barbara Rudolph

Sehr geehrter Herr Präses Schmude, liebe Mitsynodale,

der Vorbereitungsausschuss dieser Synode legt Ihnen den Entwurf zum Schwerpunktthema Mission und Evangelisation unter dem Titel "Reden von Gott in der Welt - Der missionarische Auftrag der Kirche an der Schwelle zum 3. Jahrtausend" vor.

"Kommt her, höret zu; ich will erzählen, was Gott an mir getan hat." Der erste Satz des Kundgebungsentwurf setzt ein, womit alle Mission beginnt: Gott hat Großes an mir getan, davon will ich erzählen, und: davon ist mir erzählt worden. Eine Synode ist voller Geschichten, die es zu erzählen gibt. Menschen, die Erfahrungen mit Gott gemacht haben, denen Glauben weitergegeben worden ist. Schöne und gute Geschichten gibt es zu erzählen, aber auch leidvolle Erfahrungen von Druck und Moral.

Das Verhältnis zum Thema Mission und Evangelisation ist ambivalent: Auf der einen Seite die unbestrittene Notwendigkeit der Mission, auf der anderen Seite eine kritische Distanz bis hin zum Ideologieverdacht.

Die Ausschussmitglieder des Vorbereitungsausschusses haben sehr unterschiedliche Erfahrungen eingebracht und - wohl mit Bedacht - ein sehr weites Spektrum widergespiegelt.

Die Bandbreite will ich an zwei kurzen Zitaten verdeutlichen:

Zum einen erinnerte das Präsidium in seinem Vorschlag für das Thema auf der letzten Synode an Kernsätze aus der Schrift "Kirche mit Hoffnung. Leitlinien künftiger kirchlicher Arbeit in Ostdeutschland" an die unbestrittene Notwendigkeit der Mission. Da heißt es:

'Kirche ist ohne Mission nicht zu denken. Sie würde sonst ihren Auftrag verfehlen, der ihren Dienst begründet. Wer das Evangelium von Jesus Christus als tragenden Grund seines Lebens erfahren hat, kann nicht anders, als davon Zeugnis zu geben, für diesen Herrn zu werben und andere einzuladen, sich ebenso auf ihn einzulassen.'

Auf der anderen Seite sind Mission und Evangelisation umstritten. Aus dem Studienheft des EMW unter dem Titel 'Plädoyer für Mission' zitiere ich die ersten Sätze: 'Das Wort Mission ist nicht gerade populär. Tatsächlich geht es dem Wort so wie früher einem Schulkind, das wegen Unartigkeit und Störung im Unterricht in die Ecke gestellt wurde, wo es sich schämen sollte. Das Wort Mission steht - nicht erst seit heute - in dieser Ecke.'

Mission nicht in dieser Ecke zu belassen, in die sie mit und ohne eigenes Zutun geraten ist, ist Wunsch und Ziel der Verfasser und Verfasserinnen des Kundgebungsentwurfes. Dazu kann diese Synode das Ihrige tun. Der Akzent, den die Synode setzen kann, ist eingebettet in einen größeren Rahmen.

Wird Mission wieder - um in den Worten der EMW-Schrift zu bleiben - populär, so wird es sicher zu einem geringeren Teil das Verdienst dieser Synode sein, vielmehr wird sie zum großen Teil ihre Impulse den missionarischen Aktionen, Aufbrüchen und Anregungen verdanken, aus denen auch der Vorbereitungsausschuss Anregungen aufnehmen konnte und auf die er verweist. Was die Synode allerdings leisten kann, ist die gesamtkirchliche Wahrnehmung und Aufwertung missionarischen Handelns und die Ermutigung, den eigenen Glauben ins Gespräch zu bringen.

Schon jetzt weiß ich, dass manche bemerkenswerten Ideen und Initiativen auf dieser Synode zu kurz kommen werden. Bevor aber Enttäuschung darüber entsteht, bitte ich zu bedenken, dass es für eine Kirche erfreulich ist, dass das Feld der missionarischen Aktivitäten größer ist, als dass sie in einem Tag dargestellt werden können. Der Ausschuss hat darum dem Präsidium vorgeschlagen, ein Lesebuch zur Vorbereitung der Synodalen zu erstellen, das weit über den Kundgebungsentwurf hinaus Informationen enthält. In diesem Zusammenhang weise ich auch auf die Ausstellung der AMD im Foyer dieses Hauses hin.

Kommt her, höret zu; ich will erzählen, was Gott an mir getan hat. Der Vorbereitungsausschuss hat zu Beginn seiner Beratungen einen lebensgeschichtlichen Weg gewählt, der in vielen Diskussionsbeiträgen auf dieser Synode - bewusst oder unbewusst - sicher auch eine Rolle spielen wird: Die sehr verschiedenen Menschen des Ausschusses haben sich gegenseitig berichtet, was sie an diesem Thema bewegt und es mit Stationen aus der eigenen Lebensgeschichte verbunden: Was hat mich geprägt, welche Namen stehen am Anfang meiner christlichen Biographie, welche sind hinzugekommen im Laufe der Zeit? Welche Gruppen, Gemeinden, Veranstaltungen haben Schlüsselerlebnisse ermöglicht? Was hat mir geholfen, eine eigenständige christliche Identität zu finden, was sind die Wurzeln meines heutigen kirchlichen Engagements, die mich tragen und halten. Was habe ich hinter mir gelassen? Wonach sehne ich mich?

Bei großen Unterschieden stellten die Mitglieder des Vorbereitungsausschusses fest, dass sie auf Menschen angewiesen waren, die ihnen von ihrem christlichen Glauben erzählt und ihn vorgelebt haben und dass es Ziel und Wunsch ist, anderen ähnliches zu ermöglichen. Jeder und jede in dieser Synode wird in der eigenen Glaubensgeschichte auf die Mission anderer Menschen angewiesen sein.

'Kommt her, höret zu; ich will erzählen, was Gott an mir getan hat'; der Kundgebungsentwurf setzt ein mit einem biblischen Zitat, das diese lebensgeschichtliche Erfahrung aufgreift. Zugleich macht sie mit diesem Zitat deutlich, dass Grundlage aller missionarischen Aufbrüche das biblische und insofern 'alte' Missionsverständnis ist. In drei einfachen Sätzen werden in Kapitel I evangelischer Glaube zusammengefasst und persönlich zugespitzt formuliert:

Du bist ein wunderbares Wesen
Du bist nicht verloren
Du bist zur Freiheit befreit

Es gibt viele Beispiele, wie man nicht missionarisch reden sollte und fast jede und jeder kann aus der eigenen Glaubensgeschichte, und zumindest aus der Kirchengeschichte, Beispiele hinzufügen, wie man es mit der Mission und der Evangelisation nicht halten sollte. Das scheint allemal leichter zu sein. Der Kundgebungsentwurf lässt das nicht unerwähnt (Kapitel II.3). Aber gerade deshalb finden Sie in Kapitel I eine positive Darstellung der grundlegenden christlichen Glaubensaussagen, und neben einer kirchlichen auch eine nicht-kirchliche Sprache.

Mission ist darauf aus zu überzeugen, zu gewinnen, einzuladen zu einem verbindlichen christlichen Leben, zum Glauben in der Gemeinschaft. Diese Tatsache ruft Skepsis hervor: Ob die Kirche, seit die Mitgliederzahlen sinken, die Mission wiederentdecke?, wird kritisch gefragt, ob Mission eine Form der Bestandswahrung sei? Und wenn es das einzige Motiv wäre - was sicherlich nicht der Fall ist - so wäre das zwar ärmlich, aber nicht verwerflich. Solange die Kirche sich dessen bewusst bleibt, dass sie nicht Selbstzweck ist, sind Anlass und Motiv zur Mission zweitrangig. Weder gelungene Eigenwerbung noch freiwillig auferlegte Selbstbeschränkung werden dem missionarischen Auftrag gerecht. So unterschiedlich offensive Werbung und defensive Beschränkung in ihrem Erscheinungsbild sein mögen, so stehen sie beide in der Gefahr, die Kirche selbst zu wichtig zu nehmen. Fulbert Steffensky hat Mission mit dem einfachen Bild beschrieben: Ein Bettler sagt dem anderen, wo es etwas zu essen gibt. Den Hunger nach Gerechtigkeit, den Durst nach Leben teilt die Kirche mit der Welt, zu dem, der Hunger und Durst stillt, lädt sie ein, wie sie selbst eingeladen ist. In der brandenburgischen Schrift 'Wachsen gegen den Trend' heißt es in diesem Sinne: 'Die Kirche ist nicht heilsnotwendig. Aber das Heil, die Befreiung, macht die Kirche notwendig.'

Auf vielen Ebenen der Kirche wird zur Zeit über den missionarischen Auftrag nachgedacht: die Schrift der Arnoldshainer Konferenz 'Evangelisation und Mission' ist gerade erschienen, die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen, die Konferenz Europäischer Kirchen, die vom Rat der EKD ins Leben gerufene Ad-hoc-Kommission - um nur einige zu nennen - haben sich grundsätzlich zu Mission am Ende dieses Jahrhunderts geäußert bzw. sind mitten in der Arbeit. Der Publikationen sind so viele, dass manche schon befürchten, dass unnötige Doppelarbeit getan wird. Aber das Gegenteil ist der Fall. Die Zugänge zum Thema und die Ergebnisse sind zu unterschiedlich, um sie alle auf einen Nenner zu bringen. Die verschiedenen Arbeiten und Entwürfe ergänzen sich gegenseitig. Eher ist an dieser Stelle noch mehr Aktivität sinnvoll: In der United Church of Christ in den USA, in der ich ein Jahr Gast war, hat jede Kirchengemeinde ein Mission Statement erarbeitet, sozusagen ein Leitbild 'Mission', in der sie unter ihren lokalen Bedingungen ein Missionskonzept entwickelt haben.

'Reden von Gott in der Welt' ist auf breiter Ebene zum Thema in der Kirche geworden. Das hat mit der veränderten Welt zu tun: Es ist viel mehr als die tiefgreifende Säkularisierung im Osten Deutschlands, die heute, 10 Jahre nach der Wende, deutlicher zu Tage tritt als in der Zeit des großen Umbruchs zunächst erkennbar war. Der Traditionsabbruch im Westen und die Säkularsierung breiter, auch kirchlicher Bevölkerungskreise, werden immer offensichtlicher.

Die Kirche hat ihre Gemeindeglieder zu wenig auf diese veränderte Situation vorbereitet. Mission im eigenen Lande war so wenig im Blick, dass Christinnen und Christen das Reden von Gott in ihrer Welt nicht eingeübt haben, Schweigen und Sprachlosigkeit sind zunächst aus Verlegenheit, inzwischen aus Gewohnheit, typisches Verhaltensmuster.

Hat sich die Welt verändert, so muss auch das Reden von Gott in dieser Welt sich den veränderten Bedingungen stellen. Dazu soll von dieser Synode eine Ermutigung an alle Gemeindeglieder ergehen. Zu einer eigenen Sprache zurückzufinden oder die Sprache des Glaubens neu zu lernen, ist eine der wichtigen Aufgaben, die der Kundgebungsentwurf für das missionarische Handeln der Kirche sieht. Es geht darum, das Evangelium nicht nur zur Sprache, sondern auch ins Gespräch zu bringen. Es geht darum, die Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche als Gesprächspartner und -partnerinnen wahrzunehmen, neugierig und offen zu sein für das, was sie zu sagen haben. Wenn Jesus sich mit den Geringsten identifiziert, dann mag sein, dass er uns heute in gering geachteten sogenannten Kirchendistanzierten und Konfessionslosen begegnet, und wir wie er bei der Begegnung des römisch-heidnischen Hauptmannes ins Staunen kommen können und ausrufen: Was für ein Glaube!

Eine Sprache, die die Suchbewegung nicht verlernt hat, die fertige Antworten auf womöglich nicht gestellte Fragen vermeidet, aber die Fragen standhält, die sich einmischt und einbringt, auch ungefragt, eine Sprache, die der Bewegung Gottes zu den Menschen nachgeht, eine solche Sprache muss die Kirche nicht nur einmal, sondern zu jeder Zeit neu lernen. Das heißt für die Kirche, sich selbst in Frage stellen zu lassen, auf Begegnung und damit zugleich auf Veränderung aus zu sein. Gottesgemütlichkeit und kuschelige Nestwärme ist beim Reden von Gott in der Welt kaum möglich.

Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen hat einen dreifachen Auftrag zur Mission beschrieben:

a) Verständnis zu wecken für verschiedene Wege der Mission, die unterschiedliche Kirchen oder auch innerkirchliche Bewegungen im Laufe ihrer Geschichte entwickelt haben.
b) Zu prüfen, wo wir unsere Anstrengungen besser koordinieren, manche Wege gemeinsam gehen und unser gemeinsames Ziel klarer vor Augen stellen können.
c) Zu erkennen, wo sich neue Wege auftun, u.U. gerade solche, die wir einzeln nicht oder nur schwer einschlagen können. d)

Was für die ökumenische Vielfalt der deutschen Kirchen gilt, ist auch für die binnen-evangelische Kirchenlandschaft durchaus zutreffend. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten hat die bunte Vielfalt missionarischer Aktivitäten sich nicht nur gegenseitig befruchtet und ergänzt, sondern auch zu vielen Verletzungen und Aversionen bis hin zu schwierigen theologischen Auseinandersetzungen geführt. Das ist bis heute nicht überwunden. Im Bericht des Evangelischen Missionswerkes zu dieser Synode heißt es: "Ein strukturelles Problem besteht aber weithin darin, dass in den Kirchen jeweils unterschiedliche Organisationsformen für die missionarischen Aktivitäten im eigenen Kontext - also das, was man klassisch die Volksmission nannte und was heute in der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste zusammengefasst ist - auf der einen und der partnerschaftlichen ökumenischen Mission im weltweiten Horizont auf der anderen Seite bestehen ... und wenig in fruchtbarer Weise aufeinander bezogen werden."

Ohne den eigenen theologischen Standort zu verleugnen, ist es in dem einen Jahr der Vorbereitung auf das Thema der Synode ansatzweise gelungen, eine Weggemeinschaft im Interesse eines 'Zweckbündnisses Evangelisation' zu entwickeln, die von jedem und jeder der Ausschussmitglieder den Blick über den eigenen Horizont abverlangte. Das war mitunter schwierig, aber insgesamt - zumindest aus meiner Perspektive - lohnend. Denn auch Mission ist ohne Horizonterweiterung undenkbar, es sei denn, sie gebärdet sich provinziell und kleinkariert. Der Kundgebungsentwurf will Christinnen und Christen unterschiedlicher theologischer Standorte erreichen und ermutigen, sich auf ein solches Zweckbündnis einzulassen.

'Von dieser Tagung der Synode geht das Signal aus' - heißt es darum in Kapitel IV des Kundgebungsentwurfes - : 'Die evangelische Kirche setzt das Glaubensthema und den missionarischen Auftrag an die erste Stelle, sie gibt dabei einer Vielfalt von Wegen und Konzepten Raum, ihr ist an der Kooperation und gegenseitigen Ergänzung dieser unterschiedlichen Wege und Konzepte gelegen.'

Die Synode bitte ich nun, den Entwurf daraufhin zu prüfen, ob er einem solchen "Zweckbündnis Evangelisation" dienlich ist und dazu verhelfen kann, "die Kirchen und Christen ihrer Sache, nämlich des Evangeliums, wieder neu gewiss zu machen" (Zitat aus den Überlegungen des Präsidiums zum Thema, 1998). Fröhliche und unbekümmerte Ergänzungen oder Kürzungen, Korrekturen und Verbesserungen können dem Anliegen des Entwurfes nur entgegen kommen, wenn sie denn der Ermutigung dienen, von Gott in dieser Welt zu reden. Der Kundgebungsentwurf ist an Menschen gerichtet, die auf eine solche Ermutigung warten bzw. darauf angewiesen sind.

Einige Themen hat der Vorbereitungsausschuss bewusst ausgeklammert, weil sie eine eigene Diskussion wert sind und den Rahmen dieses Schwerpunktthemas sprengen. Gleichwohl gehören sie in den Kontext des Themas "Mission und Evangelisation": zum einen die Frage der Mission an Israel, zum anderen der Dialog mit anderen Religionen. Beide Themen haben ein zu starkes Eigengewicht, als sie hier nebenbei im Vorübergehen abzuhandeln.

Nur am Rande befasst sich der Kundgebungsentwurf mit der weltweiten Mission und der ökumenischen Verantwortung. Manchmal erscheint diese Aussparung fast künstlich, zumal die Frage nach der Mission im eigenen Lande von den kirchlichen Partnern in Afrika und Asien an die europäischen Kirchen herangetragen worden ist. Ausländerinnen und Ausländer unter uns leben einen Glauben vor, der missionarische Ausstrahlung hat. Der Vorbereitungsausschuss sah sich in dieser Frage entlastet, da für die nächste Tagung der Synode möglicherweise das Thema 'Ökumene' vorgesehen ist.

Die Zusage Jesu Christi in der Jahreslosung für dieses Jahr. Siehe, ich bin bei Euch alle Tage, bis an der Welt Ende, entstammt dem sogenannten Missionsbefehl aus Matthäus 28, der Beauftragung der Jünger, Gottes Herrschaft bekannt zu machen unter allen Völkern. Gottes Zusage gibt es nur in der Verbindung mit der Beauftragung, sie weiterzugeben an alle Völker, dem eigenen eingeschlossen, aber seine Beauftragung gibt es eben umgekehrt auch nicht ohne seine Zusage: Ich bin bei Euch alle Tage, den heutigen eingeschlossen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine gute Beratung.



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