Mit dem Kopp im Westen

Im Frühsommer 1961 lebten die Berliner einen Alltag zwischen Ost und West

Bau der Berliner Mauer

Meiers, Bernauer Straße 2, erstes Obergeschoss, hatten Anfang der 60er Jahre die Nase voll vom "Demokratischen Sektor Berlins". Den farbenfrohen Kapitalismus täglich vor Augen, das Grau des Sozialismus im Rücken bestellten sie einen Umzugswagen und luden ihren Hausrat ein. Als die Wohnung leer war und die Haustür ins Schloss fiel, war schon alles überstanden. Sie befanden sich bereits im Westen.

"Und das war dann ihre Republikflucht", erinnert sich Jahrzehnte später die langjährige brandenburgische Sozialministerin Regine Hildebrandt in einem Zeitzeugen-Gespräch an ihre früheren Nachbarn. Die damals 20-jährige Regine Radischewski wohnte mit ihrer Familie bis zum Mauerbau am 13. August 1961 im gleichen Haus.

Die Häuserfront stand genau auf der Grenze zwischen französischem und sowjetischem Sektor. Die Häuser gehörten zu Ost-, der Gehweg zu West-Berlin. "Wenn wir aus dem Fenster gekiekt haben, war der Kopp im Westen", berichtete die 2001 verstorbene SPD-Politikerin.

Wollten die Radischewskis in den westlichen Teil der benachbarten Brunnenstraße, zum Beispiel Schuhe kaufen drüben bei "Pico" oder in den "Vineta-Lichtspielen" einen Film gucken, mussten sie nur über die Straße. In dem Kiez um den Bahnhof Gesundbrunnen war nach dem Krieg ein lebendiges Geschäftsviertel entstanden, dass auch von den Ost-Berlinern und den Besuchern aus der "Zone" lebte. Allein 24 Filmtheater gab es bis 1961. Einige dieser Grenzkinos boten Sondervorstellungen für Ostler für 25 Pfennige an.

Die Berliner, Ost wie West, hatten sich im Frühjahr 1961 mehr oder weniger arrangiert mit der absurden Situation, in einer Stadt mit unterschiedlichen politischen und wirtschaftlichen Systemen zu leben. Begehrt bei den Ost-Berlinern war, im Osten zu wohnen und im Westen zu arbeiten. Die Grenzgänger, 1961 waren es 53.000, bekamen die Hälfte ihres Lohnes in der westdeutschen D-Mark ausgezahlt und konnten davon im östlichen Teil der Stadt ganz gut leben. Dem SED-Regime waren sie ein Dorn im Auge.

Zehn Kilometer südlich der Brunnenstraße, in Neukölln, vermieden derweil die frischverheirateten Marianne und Wilfried Seiring penibel, den sowjetischen Sektor zu betreten. Der begann nur einen Steinwurf entfernt von ihrer neu bezogenen Wohnung in der Elsenstraße. Die beiden waren aber "Zonen"-Flüchtlinge aus Frankfurt an der Oder.

Der spätere Leiter des (West)-Berliner Landesschulamtes hatte 1956 während seines Lehramtsstudiums in Greifswald die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes kritisiert und wurde daraufhin "zur Bewährung in der Produktion" verurteilt. Weil er in der DDR keine Perspektive mehr sah, ging Seiring 1957 nach West-Berlin an die Freie Universität. Seine spätere Ehefrau folgte ihm im Dezember 1960.

Es ging ihnen gut im warmen Frühsommer 1961. Wilfried Seiring hatte seine erste Lehrerstelle an einer Neuköllner Schule, Verdienst 650,80 DM brutto, Marianne arbeitete als Veterinärmedizinisch-Technische Assistentin in der Domäne Dahlem für 528,30 DM brutto. Die Wohnung - zweieinhalb Zimmer, Küche, Bad - kostete 185 DM. Im August sollte es an den Golf von Neapel gehen. Der erste Urlaub im Ausland.

"Natürlich registrierten wir die politische Großwetterlage", erinnert sich Wilfried Seiring. Er verfolgte die zunehmende Eskalation zwischen Ost und West mit großer Sorge. Aber noch konnte die Frankfurter Verwandtschaft zu Besuch kommen.

Anfang Juli verkündet das "Neue Deutschland" das Verbot des gesamtdeutschen evangelischen Kirchentags für Ost-Berlin. Proteste vom Berliner Propst Heinrich Grüber bleiben erfolglos, das Protestantentreffen darf nur in West-Berlin stattfinden. Trotzdem kommen Tausende Ost-Berliner zum Eröffnungsgottesdienst am 20. Juli.

Die DDR taumelt derweil durch eine Versorgungskrise. Die staatlichen Repressionen wachsen, der Flüchtlingsstrom in den Westen schwillt an. Berlins Regierender Bürgermeister Willi Brandt (SPD) redet von einer "Abstimmung mit den Füßen", das "Neue Deutschland" spricht dagegen von "Verrätern". Allein in der ersten Juli-Hälfte verlassen 12.576 Menschen die DDR.

Zeitgleich erhöht das Ost-Berliner Regime den Druck und geht gegen die Grenzgänger vor. Deren Verhalten, so der langjährige Chefkommentator des DDR-Rundfunks, Karl-Eduard von Schnitzler, am 1. August, "stinkt uns". "Wir werden ihnen das Leben schwermachen", orakelt er. Einen Tag später meldet "Die Welt": "Sektorengrenze soll abgeriegelt werden." (epd)