Gottesdienst aus Anlass der Ankunft Martin Luthers auf der Wartburg

Margot Käßmann

04. Mai 2014

Liebe Gemeinde,

der für den heutigen Sonntag vorgesehene Predigttext findet sich im Hebräerbrief. Dort heißt es:

Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unseren Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen und schaffe in uns, was ihm gefällt durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

(Hebräerbrief 13,2021)

In diesem kurzen Gruß am Ende des Hebräerbriefs hat der Verfasser den christlichen Glauben sehr knapp zusammengefasst: Der Gott des Friedens – der auferstandene Christus als guter Hirte – die ihm nachfolgen sollen seinen Willen tun. Lassen Sie uns diesem Dreischritt nachgehen:

Der Gott des Friedens

Der Gott, an den Christinnen und Christen glauben ist ein Gott des Friedens. Das hört sich manchmal banal an. Aber gerade in diesen Tagen klingt das besonders. Zuallererst bezieht der Hebräerbrief das auf die Auferstehung. Zwei Wochen ist das Osterfest her. Wir haben gefeiert, dass der Tod nicht das letzte Wort hatte an jenem Karfreitag. Ja, es gibt Leid und Tod. Jesus hat das selbst erfahren. Aber genau darum können wir uns diesem Gott anvertrauen, weil ihm diese Ohnmachtserfahrung gegenüber Leid nicht fremd ist. Und doch haben die, die Jesus nachgefolgt waren, erlebt, gespürt, wahrgenommen, begriffen: Sein Tod war nicht das Ende, sondern ein Übergang; kein Schlusspunkt, sondern ein Doppelpunkt. Gottes Wirklichkeit ist größer als das, was wir mit unseren menschlichen Grenzen erkennen können.

Der Friede Gottes, den wir uns zusagen, als Segen, als Wunsch, heißt auch, dass wir genau damit Frieden finden. Mit der Endlichkeit unseres Lebens in dieser Welt und mit dem Vertrauen auf Gottes Zukunft. Wer diesen Frieden in Gott findet, betäubt sich nicht nach dem Motto: „Opium des Volkes“. Dann ist Glaube etwas für Menschen mit Angst vor dem Leben und noch mehr Angst vor dem Sterben. Nein, wer diesen inneren Frieden findet, muss sich gerade nicht betäuben und wegschauen, sondern kann hinsehen auf die Höhen, aber eben auch auf die Tiefen des Lebens, ignoriert Sterben und Tod nicht, gibt ihnen aber nicht die Macht über das Leben insgesamt. Das bringt eine große Freiheit mit sich!

Der Gott des Friedens schenkt uns Frieden für unser Leben und damit auch den Mut, für realen Frieden in der Welt einzutreten. Ich finde, in diesem Jahr ist das als Gottesbild besonders bewegend. Ich habe in letzter Zeit einige so genannte „Kriegspredigten“ aus dem Jahr 1914 gelesen. Vor hundert Jahren etwa sagte beispielsweise am 2. August der Berliner Hof und Domprediger Bruno Doehring in einem  Gottesdienst: „Ja, wenn wir nicht das Recht und das gute Gewissen auf unserer Seite hätten, wenn wir nicht – ich möchte fast sagen handgreiflich – die Nähe Gottes empfänden, der unsere Fahnen entrollt und unserm Kaiser das Schwert zum Kreuzzug, zum heiligen Krieg in die Hand drückt, dann müssten wir zittern und zagen. Nun aber geben wir die trutzig kühne Antwort, die deutscheste von allen deutschen: „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!“[1] 

Bei solcher Predigt graust es mir und ich habe keine Ahnung wie der Kollege damals diese Kriegstreiberei mit dem Gott des Friedens, mit der Botschaft Jesu, mit dem Neuen Testament hat in Verbindung bringen können.

Aber wir können sagen: Es gibt eine Lerngeschichte unserer Kirche, eine Lerngeschichte der Reformation. Wenn wir in diesem Jahr das Schwerpunktthema „Reformation und Politik“ bearbeiten, wird uns bewusst, wie stark der Wandel ist. War der Protestantismus vor hundert Jahren noch absolut dem Kaiser als Oberhaupt der Kirche verbunden und wurde später die Weimarer Republik vehement abgelehnt, so sind wir heute froh über die Trennung von Staat und Kirche und die jeweilige Freiheit, die das bringt. Der Protestantismus heute bejaht die Demokratie mit Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Religionsfreiheit. Und er hat gelernt, dass es auch gilt, widerständig zu sein. Das haben uns diejenigen gelehrt, die im so genannten Dritten Reich Widerstand geleistet haben, als unsere Kirche mehrheitlich versagt hat und sich nicht schützend vor die verfolgten Juden, Sinti und Roma, Kommunisten und Homosexuellen stellte. Das haben uns aber auch diejenigen gelehrt, die in der DDR die Türen weit aufgemacht haben für freie Rede, Auseinandersetzung und Kritik, auch am Staat und so eine friedliche Revolution möglich gemacht haben.

An den Gott des Friedens glauben, das haben wir gelernt, meint nicht nur „der Obrigkeit untertan sein“ wie der Apostel Paulus schreibt, sondern auch „Gott mehr gehorchen als den Menschen“, wie es in der Apostelgeschichte heißt. Und es bedeutet, für den Frieden eintreten und nicht für den Krieg! Gerade in diesen Tagen, in denen wir mit Bangen auf die Ukraine schauen, ist es wichtig, die Stimme des Friedens zu erheben. Es kann doch nicht wahr sein, dass 100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges und 75 Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges in Europa wieder Kriegsangst herrscht! Da haben wir anzumahnen, dass alle sich gemeinsam an einen Tisch setzen, gewaltfreie Lösungen für Konflikte gefunden und die Interessen in einen Ausgleich gebracht werden. Europa und gerade auch wir Deutschen wissen, welche Zerstörung Krieg mit sich bringt. Ich kann mir keinen Prediger und keine Predigerin vorstellen, die heute reden, wie Döhring damals. „Frieden!“ oder auch nach dem Vorbild der friedlichen Revolution von vor 25 Jahren: „Keine Gewalt!“ – das gilt es zu rufen, zu mahnen, zu erarbeiten. Wo wir das tun, folgen wir dem nach, der gesagt hat: „Selig sind, die Frieden stiften“.

Jesus Christus

Der Hebräerbrief bezeichnet Jesus Christus als guten Hirten, das Bild aus Psalm 23 wird auch in den Evangelien auf ihn bezogen. Heute hat es nicht gerade Konjunktur. Unsere Gemeinden sehen sich ungern als blökende Herde, die dumpf hinterher läuft. „Du Schaf“ – das ist nicht gerade eine nette Bezeichnung dieser Tage. Schafe haben den schlechten Ruf, eher dumm zu sein.

Bei der Vorbereitung aber fiel mir eine Erzählung von C. T. Wilson in die Hände, der 1906 das Leben im Heiligen Land beschrieben hat.
Er erzählt:

„Vor einigen Jahren verbrachte ich die Nacht in einigen Hirtenzelten in Gilead. Die Zelte, etwa zehn bis zwölf an der Zahl, waren in einem großen Umkreis aufgeschlagen und schlossen einen beträchtlichen Raum ein. Am Abend wurden etwa sechs oder sieben Herden in das Lager hineingebracht, um ihnen Schutz zu geben. Als am Morgen die Zeit für die Hirten kam, ihre Schützlinge zum Weiden hinauszubringen, versuchten sie nicht, ihre jeweiligen Herden aus der Menge der Schafe und Ziegen abzusondern, die alle durcheinander über den ganzen Raum zerstreut waren. Vielmehr ging jeder ein kurzes Stück hinter den von den Zelten gebildeten Ring und gab dort stehend seinen je besonderen Ruf von sich. Sofort geriet die ganze Menge der Schafe und Ziegen in Bewegung und während die Hirten weiter riefen, trennten sich die verschiedenen Herden von selbst. Alle strömten aus dem Lager hinaus in die Richtung ihrer jeweiligen Führer. Und nach fünf Minuten war kein Schaf und keine Ziege mehr im Innenraum. Wiederum ein wenig später konnte man sehen, wie die unterschiedlichen Herden in alle Himmelsrichtungen auseinander gingen, wobei jede ihrem eigenen Hirten folgte.“

Ist das nicht interessant? Die Schafe und Ziegen sind offenbar gar nicht so dumm, wie wir sie sehen. Sie können sehr genau erkennen, wer ihr Hirte ist und wem sie folgen. Das ist doch auch heute gar kein so schlechtes Bild für die christliche Gemeinde. Denn darum, denke ich, geht es auch heute: Können wir die Stimmen unterscheiden? Unendlich viele Stimmen reden ja auf uns ein, ununterbrochen. Radio, Zeitung, Fernsehen, Internet – mehr als 250 Minuten Medienkonsum bei jedem deutschen Bundesbürger täglich! Wir werden ununterbrochen bespielt mit Tönen, Nachrichten, Meinungen.

Und manchmal haben wir das Gefühl, Menschen hören Stimmen. Ich jedenfalls erschrecke mich manchmal richtig, wenn jemand laut vor sich hinredend an mir vorbei geht. Dass Menschen einen Knopf im Ohr haben und so mit anderen reden, daran muss ich mich erst noch gewöhnen.

Aber wir werden auch von vielen Stimmen gelockt. Von der Stimme der Versuchung: Ein bisschen Geld zur Seite an der Steuer vorbei, wie wär´s? So ein bisschen Schwarzarbeit, schadet doch keinem. Warum sollte ich was spenden, was geht mich das an, wenn es anderen schlecht geht? Das sind Stimmen, die uns sagen wollen: Du hast doch keine Verantwortung. Wer kann schon die Welt verbessern? Man lebt nur einmal! Du brauchst über dein Leben keine Rechenschaft ablegen: Lebe wild und gefährlich, ohne Rücksicht auf andere. Der Ehrliche ist der Dumme!

Oder die Stimmen der Versuchung auch für unsere Gesellschaft: Ist ein Leben mit Demenz wirklich lebenswert? Müssen wir uns um Flüchtlinge aus Afrika scheren? Was geht mich mein Nachbar an? Wenn das Kind in der Schule versagt, ist es seine eigene Schuld. O ja, uns locken viele Stimmen. Da zu unterscheiden ist wichtig. Unterscheiden heißt auf griechisch krinein. Das meint also kritisch sein: die Stimmen unterscheiden, sorgfältig prüfen und Kriterien finden für den eigenen Weg.

Und damit kommen wir zu uns, wir sollen
Tüchtig sein in allem Guten, zu tun seinen Willen.
Als Christinnen und Christen schärfen wir unser Gewissen an der Bibel. Das hat Martin Luther uns als Grundlage mitgegeben: selbst nachlesen, selbst nachschauen und so Gottes Stimme verstehen, eigene Wege finden in der Welt. Als er vor 493 Jahren hier auf der Wartburg ankam, wird es gedauert haben, bis er zur Ruhe kam. Ich finde, das ist nachvollziehbar, wenn wir bedenken, wie aufregend die Jahre seit 1517 für ihn gewesen waren. Vier Jahre Aufruhr, Auseinandersetzung, enormes Schreiben, zuletzt vor „Kaiser und Reich“ – und jetzt ganz allein in seinem „Himmelsnest“, wie er es nannte, inkognito als Junker Jörg. Ob er zur Ruhe gekommen ist „auf dem Berg“ bzw. „unter den Vögeln“ hier oben, wie er manchmal Briefe unterzeichnete? Oder ob der innere Druck sich geradezu entlud, als er sich an das für ihn Wichtigste setzte: die Bibel. In elf Wochen das Neue Testament aus dem griechischen Urtext zu übersetzen, das ist eine enorme Leistung. Und noch dazu eine Sprachfähigkeit an den Tag zu legen, die bis heute beeindruckt. Im Sendbrief zum Dolmetschen schreibt er: „Man muß die Mutter im Hause, die Kinder auf Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, daß man deutsch mit ihnen redet“.

Mit diesem Hinhören und der daraus folgenden Sprache unterschied sich seine Übersetzung von denen, die es bereits vorab gab. So trug sie dazu bei, dass sich die deutsche Sprache überhaupt formen konnte. Vorher konnten sich doch ein Thüringer und ein Bayer kaum verständigen. Gewiss, das gibt es auch heute noch ab und an. Aber im Prinzip könnten sie es und auch das ist Luther zu verdanken.

Entscheidend ist dabei, dass nicht wir uns selbst tüchtig machen, sondern Gott das in uns wirken möge, wie es im Predigttext heißt. Das korrespondiert mit der zentralen Erkenntnis Martin Luthers: Nicht wir von uns aus tun Gutes, nein. Viel zu oft scheitern wir nicht nur an den Geboten Gottes, sondern auch noch an unseren eigenen guten Vorsätzen. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott zu unserem Leben längst ja gesagt hat. Das ist unbegreiflich wie die Liebe. Da sagt ein junger Mann: „Es ist nicht zu fassen, sie liebt mich, obwohl ich nicht besonders toll aussehe und auch nicht viel geleistet habe im Leben.“ Ja, unfassbar, das verstehen wir doch auch heute. So ist die Liebe Gottes, selbst wenn wir scheitern, Fehler machen.

Wer das erfährt, verändert sich. „Das macht etwas mit dir“, wie es heute heißt. Erinnern Sie sich doch bitte mal kurz an ihre allererste Liebe. Genau so ist es, das verändert. Und darauf wollen Menschen reagieren. Deshalb werden sie alles daran setzen Tüchtig zu sein zu allem Guten und Gottes Willen zu tun, verantwortlich zu leben also. Wo das nicht gelingt, werden sie sich Gott anvertrauen und darum wissen, dass bei Gott Vergebung und Neuanfang möglich sind.

Das heißt zum Schluss:

Wir wollen in Verantwortung vor dem Gott des Friedens in Gemeinschaft mit anderen Menschen leben. So wünsche ich mir, dass Menschen neu in der Bibel lesen. Dass sie sich überzeugen lassen von der Lebenshaltung Jesu, der davon redet, dass einer einem aufhilft, obwohl er nicht zuständig ist. Vom Vater, der den Sohn wieder aufnimmt, obwohl der sein Erbe verschleudert hat. Der mit der Frau spricht auf Augenhöhe, obwohl sie Ausländerin ist und ungebildet. Es geht darum, dass wir die Stimme des guten Hirten hören in der Stimmenvielfalt und uns ihm anvertrauen im Leben, im Sterben und darüber hinaus.

Wenn wir gleich miteinander Abendmahl feiern begeben wir uns genau in diese Gemeinschaft: Mit Jesus Christus und mit Christinnen und Christen in aller Welt. Wir teilen Brot und Wein zu seinem Gedächtnis und sind dabei Teil derer, die das im ganzen bewohnten Erdkreis tun, und sagen uns zu: Friede sei mit Dir.

Amen.


Fußnote:

1  Manfred Gailus, „Ein Feld weißt und reif zu einer Geistesernte liegt vor uns!“. Deutsche Protestanten im Ersten Weltkrieg. In: Johannes Lepsius – eine deutsche Ausnahme, Göttingen 2013, S. 95ff.; S. 99.