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...alles stirbt einmal...
Wer sich heute mit Sterben und Tod (nicht nur als Thema in der Kinderliteratur)
befaßt, stößt auf einen eigentümlichen Widerspruch. Einerseits ist der
"natürliche" Tod eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft. Trotz veränderter
Alterspyramide und Hospizbewegung bleibt er im öffentlichen Leben weitgehend
verborgen. Andererseits steht uns der gewaltsame Tod durch Krieg, Katastrophe
und Verbrechen - multimedial vermittelt ständig vor Augen.
Vor dem Hintergrund
dieser Spannung berührt das Sterben und der Tod nahestehender Menschen
jeden Lebensweg. Auch Kinder sind davon nicht ausgenommen, die Realität
des Todes trifft sie ebenso wie Erwachsene. Dennoch rührt allein die
Wort-Verbindung "Sterben und Tod im Bilderbuch" starke Emotionen an.
Für viele erwachsene Leserinnen und Leser gilt die alte Floskel "wie im
Bilderbuch" noch als Bezeichnung für den Idealfall, das Heile und Traute des
Lebens. Dabei hat das Bilderbuch seine Kuschelecke lange schon verlassen
und sich allen Themen, vielfältigen Techniken und neuen Zielgruppen zugewandt.
Diese Entwicklung nimmt die vorliegende Titelauswahl auf.
Wir haben Bücher ausgewählt, die in Bild und Text Geschichten über
Erfahrungen mit dem Tod erzählen. Dabei definieren wir Bilderbuch als
Buchgenre mit hohem Bildanteil für verschiedene Altersgruppen.
Diese offene Definition soll den Blick weiten für eine breite Rezeption der
Bücher über die vordergründig zentrale Zielgruppe der 4-6jährigen Kinder
hinaus. Wir wollen ausdrücklich ermuntern zum Einsatz der Bücher in Schulen
und Bibliotheken, bei Elternabenden und in Gemeindegruppen, im Gespräch
mit ErzieherInnen und zur Diskussion mit älteren Menschen, in Therapie und
Beratung, im Gottesdienst und im Kindergarten.
Von den gut zwanzig lieferbaren
Titeln zum Thema, die wir gesichtet haben, stellen wir elf empfehlenswerte
Bücher vor. Sie behandeln jeweils Teilaspekte des Themas und zeichnen sich
dadurch aus, dass sie ihre Geschichte in Bild und Wort ästhetisch überzeugend
erzählen.
Im einzelnen kommt es uns darauf an, Bücher zu präsentieren, die
- Dialogangebote an Menschen verschiedenen Alters machen
- Trost und Hoffnung vermitteln können
- von der Grundstimmung her auch Betroffene in ihrer Gefühlslage "abholen"
- offen für das nachfolgende Gespräch mit Kindern sind, diesen auch Raum
für ihre eigenen Gefühle, Eindrücke und Deutungen lassen
- deutlich machen, dass die Frage nach dem Tod nicht schnell und
erschöpfend zu behandeln ist
- zeigen, dass Trauer ein sehr langsamer, in
jedem Falle aber individueller Prozeß ist
Nicht aufgenommen
haben wir Bücher, in denen
- die Intention auf Kosten der
ästhetischen Qualität im Vordergrund steht
- unglaubwürdig schnelle
Bewältigungsschritte auch nach traumatischen Verlusterlebnissen
vorgeführt werden
- Kinder nicht in ihren Gefühlen wie Trauer, Wut,
Verzweiflung zu Wort kommen, sondern sie "vorbildlich" trauern oder
ihnen das "Wohlergehen" der Toten in ihrer Erinnerung aufgebürdet
wird (wenn du an Opa denkst, lebt er in dir weiter)
- Kinder zum Retter und Tröster der Erwachsenen und damit überfordert
werden
- idealisierte Todesvorstellungen dargestellt werden.
Fast alle Bücher
zeigen, wie wichtig beim "Umgang" mit dem Thema Tod die
vertrauensvolle Beziehung zu anderen Menschen ist. Kinder in
fiktiven Geschichten mit dem Thema Tod zu konfrontieren, bedeutet in
jedem Falle, ihre Fragen zu provozieren und dabei u.U. auch Angst
und Unsicherheit auszulösen. Zur Auseinandersetzung damit brauchen
Kinder Erwachsene, die in einem offenen Gespräch bereit sind, ihnen
Raum für eigene Gedanken zur Geschichte zuzugestehen. Sterben und
Tod bleiben die radikalste Bedrohung des Menschen; ihnen einen Sinn
abzugewinnen, fällt auch bei Noch so reflektiertem "Umgang" damit
schwer. Kinder allerdings brauchen Sicherheit und Orientierung. Es
sind ihnen deshalb Vorleser und Gesprächspartner zu wünschen, die
das Vertrauen auf ein Aufgehobensein der Toten bei Gott vermitteln
können. Die hier empfohlenen Bücher überzeugen durch die Darstellung
der menschlichen Reaktionen. Trost spendet in den ausgewählten
Geschichten die Fähigkeit der Mitmenschen zum "Mitleid(en)", die
Erinnerungen an geschätzte Verstor- bene und die Rückkehr der
eigenen Lebensfreude. Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod wird
eher als Wunsch und Sehnsucht angedeutet denn als christliche
Glaubensgewissheit geäußert. Hier bleibt der Spielraum für den
erwachsenen Mitleser zum Weitererzählen und Vertiefen. Jede(r),
die/der die Bücher betrachtet und liest, wird schnell merken, daß
die eigenen Vorstellungen über Tod und die persönliche
Glaubenshaltung gefragt sind, wenn wir mit Kindern zu diesem Thema
ins Gespräch kommen wollen. Christliche Rituale zur Gestaltung des
bewußten Abschiednehmens spielen in einigen Titeln eine zentrale
Rolle, sie helfen gestalten und wirken tröstlich. An diese Wirkung
können erwachsene Vorleser anknüpfen. Mancher mag beklagen, wie
selten die Fragen der Kinder ausdrücklich mit christlichen
Glaubensinhalten beantwortet werden. Man muß sich aber andererseits
fragen, ob das Thema Tod das geeignete Einstiegsthema ist, um mit
Kindern über Gott zu sprechen. Bei der Gesamtschau der Titel fällt
außerdem auf, dass in fast allen Geschichten über Tod und Verlust
nur rundherum glückliche Beziehungen zu den Verstorbenen vorkommen.
Ambivalente Gefühle gegenüber Verstorbenen scheint es nicht zu
geben. In Verbindung mit dem Schrecken Tod schleicht sich so eine
Idealisierung z.B. der Großeltern-Enkel-Beziehung ein. Erwachsene
Vorleser sollten auch hier sensible und tolerante Gesprächspartner
der Kinder sein, die ja reale und u.U. durchaus abweichende
Erfahrungen mit (alten) Menschen machen.
Gabriele Kassenbrock
Herausgeber:
Deutscher Verband Evangelischer Büchereien e.V. (DVEB)
Bürgerstraße 2a
37073 Göttingen
Telefon: 0551/ 500 759-0
Telefax: 0551/704415
e-mail: dveb@dveb.info
Redaktion:
DER EVANGELISCHE BUCHBERATER
Gabriele Kassenbrock
Design: Sabine Steiner, Arbeitsstelle Internet
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