Tod - was ist das?
...alles stirbt einmal...
I. Erste Annäherung an das Thema Tod
"Was ist das" fragt der Frosch?
Schwanenwinter
II. Abschied und Trauer
Der rote Faden
Leb wohl, lieber Dachs
Meine Schwester ist ein Engel?
III. Tod aus nächster Nähe
Hat Opa einen Anzug an?
Ein Wolkenlied für Omama
Abschied von Rune
Sadako
IV. Leben und Tod gehören zusammen
Kannst du pfeifen, Johanna
Der rote Wolf
 
...alles stirbt einmal...

Wer sich heute mit Sterben und Tod (nicht nur als Thema in der Kinderliteratur) befaßt, stößt auf einen eigentümlichen Widerspruch. Einerseits ist der "natürliche" Tod eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft. Trotz veränderter Alterspyramide und Hospizbewegung bleibt er im öffentlichen Leben weitgehend verborgen. Andererseits steht uns der gewaltsame Tod durch Krieg, Katastrophe und Verbrechen - multimedial vermittelt ständig vor Augen.

Vor dem Hintergrund dieser Spannung berührt das Sterben und der Tod nahestehender Menschen jeden Lebensweg. Auch Kinder sind davon nicht ausgenommen, die Realität des Todes trifft sie ebenso wie Erwachsene. Dennoch rührt allein die Wort-Verbindung "Sterben und Tod im Bilderbuch" starke Emotionen an. Für viele erwachsene Leserinnen und Leser gilt die alte Floskel "wie im Bilderbuch" noch als Bezeichnung für den Idealfall, das Heile und Traute des Lebens. Dabei hat das Bilderbuch seine Kuschelecke lange schon verlassen und sich allen Themen, vielfältigen Techniken und neuen Zielgruppen zugewandt. Diese Entwicklung nimmt die vorliegende Titelauswahl auf.

Wir haben Bücher ausgewählt, die in Bild und Text Geschichten über Erfahrungen mit dem Tod erzählen. Dabei definieren wir Bilderbuch als Buchgenre mit hohem Bildanteil für verschiedene Altersgruppen. Diese offene Definition soll den Blick weiten für eine breite Rezeption der Bücher über die vordergründig zentrale Zielgruppe der 4-6jährigen Kinder hinaus. Wir wollen ausdrücklich ermuntern zum Einsatz der Bücher in Schulen und Bibliotheken, bei Elternabenden und in Gemeindegruppen, im Gespräch mit ErzieherInnen und zur Diskussion mit älteren Menschen, in Therapie und Beratung, im Gottesdienst und im Kindergarten.

Von den gut zwanzig lieferbaren Titeln zum Thema, die wir gesichtet haben, stellen wir elf empfehlenswerte Bücher vor. Sie behandeln jeweils Teilaspekte des Themas und zeichnen sich dadurch aus, dass sie ihre Geschichte in Bild und Wort ästhetisch überzeugend erzählen.

Im einzelnen kommt es uns darauf an, Bücher zu präsentieren, die

  • Dialogangebote an Menschen verschiedenen Alters machen
  • Trost und Hoffnung vermitteln können
  • von der Grundstimmung her auch Betroffene in ihrer Gefühlslage "abholen"
  • offen für das nachfolgende Gespräch mit Kindern sind, diesen auch Raum für ihre eigenen Gefühle, Eindrücke und Deutungen lassen
  • deutlich machen, dass die Frage nach dem Tod nicht schnell und erschöpfend zu behandeln ist
  • zeigen, dass Trauer ein sehr langsamer, in jedem Falle aber individueller Prozeß ist


Nicht aufgenommen haben wir Bücher, in denen

  • die Intention auf Kosten der ästhetischen Qualität im Vordergrund steht
  • unglaubwürdig schnelle Bewältigungsschritte auch nach traumatischen Verlusterlebnissen vorgeführt werden
  • Kinder nicht in ihren Gefühlen wie Trauer, Wut, Verzweiflung zu Wort kommen, sondern sie "vorbildlich" trauern oder ihnen das "Wohlergehen" der Toten in ihrer Erinnerung aufgebürdet wird (wenn du an Opa denkst, lebt er in dir weiter)
  • Kinder zum Retter und Tröster der Erwachsenen und damit überfordert werden
  • idealisierte Todesvorstellungen dargestellt werden.


Fast alle Bücher zeigen, wie wichtig beim "Umgang" mit dem Thema Tod die vertrauensvolle Beziehung zu anderen Menschen ist. Kinder in fiktiven Geschichten mit dem Thema Tod zu konfrontieren, bedeutet in jedem Falle, ihre Fragen zu provozieren und dabei u.U. auch Angst und Unsicherheit auszulösen. Zur Auseinandersetzung damit brauchen Kinder Erwachsene, die in einem offenen Gespräch bereit sind, ihnen Raum für eigene Gedanken zur Geschichte zuzugestehen. Sterben und Tod bleiben die radikalste Bedrohung des Menschen; ihnen einen Sinn abzugewinnen, fällt auch bei Noch so reflektiertem "Umgang" damit schwer. Kinder allerdings brauchen Sicherheit und Orientierung. Es sind ihnen deshalb Vorleser und Gesprächspartner zu wünschen, die das Vertrauen auf ein Aufgehobensein der Toten bei Gott vermitteln können. Die hier empfohlenen Bücher überzeugen durch die Darstellung der menschlichen Reaktionen. Trost spendet in den ausgewählten Geschichten die Fähigkeit der Mitmenschen zum "Mitleid(en)", die Erinnerungen an geschätzte Verstor- bene und die Rückkehr der eigenen Lebensfreude. Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod wird eher als Wunsch und Sehnsucht angedeutet denn als christliche Glaubensgewissheit geäußert. Hier bleibt der Spielraum für den erwachsenen Mitleser zum Weitererzählen und Vertiefen. Jede(r), die/der die Bücher betrachtet und liest, wird schnell merken, daß die eigenen Vorstellungen über Tod und die persönliche Glaubenshaltung gefragt sind, wenn wir mit Kindern zu diesem Thema ins Gespräch kommen wollen. Christliche Rituale zur Gestaltung des bewußten Abschiednehmens spielen in einigen Titeln eine zentrale Rolle, sie helfen gestalten und wirken tröstlich. An diese Wirkung können erwachsene Vorleser anknüpfen. Mancher mag beklagen, wie selten die Fragen der Kinder ausdrücklich mit christlichen Glaubensinhalten beantwortet werden. Man muß sich aber andererseits fragen, ob das Thema Tod das geeignete Einstiegsthema ist, um mit Kindern über Gott zu sprechen. Bei der Gesamtschau der Titel fällt außerdem auf, dass in fast allen Geschichten über Tod und Verlust nur rundherum glückliche Beziehungen zu den Verstorbenen vorkommen. Ambivalente Gefühle gegenüber Verstorbenen scheint es nicht zu geben. In Verbindung mit dem Schrecken Tod schleicht sich so eine Idealisierung z.B. der Großeltern-Enkel-Beziehung ein. Erwachsene Vorleser sollten auch hier sensible und tolerante Gesprächspartner der Kinder sein, die ja reale und u.U. durchaus abweichende Erfahrungen mit (alten) Menschen machen.

Gabriele Kassenbrock


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