...alles stirbt einmal...
I. Erste Annäherung an das Thema Tod
"Was ist das" fragt der Frosch?
Schwanenwinter
II. Abschied und Trauer
Der rote Faden
Leb wohl, lieber Dachs
Meine Schwester ist ein Engel?
III. Tod aus nächster Nähe
Hat Opa einen Anzug an?
Ein Wolkenlied für Omama
Abschied von Rune
Sadako
IV. Leben und Tod gehören zusammen
Kannst du pfeifen, Johanna
Der rote Wolf

Hat Opa einen Anzug an?

Amelie Fried (Text) Jacky Gleich (Bild)

Bruno steht vor dem Sarg, in dem Opa in seinem feinen Anzug und den guten Schuhen liegt. Es sieht aus, als ob Opa schliefe, aber die "Kiste" mit Opa wird auf dem Friedhof begraben. Bruno ist verwirrt, ratlos, wütend, traurig.... In dem herausragenden Bilderbuch erlebt ein kleiner Junge erstmals den Tod, einen natürlichen Tod, denn Opa war ein alter Mensch, seine Kräfte waren verbraucht. Subtil und in lakonischem Stil erzählt Amelie Fried von den Etappen der Trauer eines Kindes im Verlauf eines Jahres.

Die gefühlsstarken Bilder zeigen leicht verfremdet, was real geschieht: Szenen aus Brunos Traueralltag. Derbe, dunkle Brauntöne, mit kräftigem Pinselstrich gemalt, sind dem ländlichen Ambiente gemäß und entsprechen gleichzeitig der bedrückten Stimmung. Die Farbtöne hellen auf, je mehr Brunos "Schmerz in der Brust" nachläßt. Kaum noch Dunkel zeigt das vorletzte Bild mit Brunos fröhlichem Handstand vor Opas Grab.

Jacky Gleich setzt den kleinen Kerl in eine riesige Welt. Bildachsen und Proportionen verschieben sich. Perspektiven wechseln. Mal reicht Bruno kaum bis zum Sargrand, mal hievt ihn jemand hoch, und er kann Opa in der Kiste liegen sehen. Die Erwachsenen mit den holzschnittartigen Gesichtern wirken anfangs bedrohlich und abschreckend. Zwischen den Riesen fällt der Winzling mit dem Mondgesicht kaum auf. Doch er ist das Zentrum. Jacky Gleich hat Bruno einen roten Haarschopf gemalt, und zweimal zeigt seine Jacke ein abgetöntes Rot, Signalfarbe für Leben und die innere Stärke des Jungen.

Ein braungeflecktes, weißes Händchen, das im Text nicht vorkommt, aber Bruno ständig begleitet, trägt ebenfalls Rot (Halsband). Dem Kind offensichtlich als Tröster beigegeben, kann es die inneren und äußeren Vorgänge, die Bruno betreffen, verdeutlichen.

Thematische Schwerpunkte :

Was Tod heißt, erfasst Bruno zunächst nicht. Er stellt viele Fragen: Was ist tot? Kann Opa mich sehen? Was ist, wenn ich vergesse, wie Opa aussieht? Wann muß ich sterben? Die Großen - selber traurig, unsicher, hilflos - antworten oft floskelhaft, deutlich bemüht, dem Kind gegenüber die Realität des Todes abzuschwächen. "Wo ist der Opa jetzt?" fragt Bruno nach der Beerdigung. "Auf dem Friedhof" sagt Xaver. "Im Himmel", erwidert Papa. "Wie kann Opa auf dem Friedhof und gleichzeitig im Himmel sein? "... seine Seele, die ist oben im Himmel, beim lieben Gott," erklärt Mama. Die Seele - hier findet Bruno selbst die entscheidende Antwort - "ist das, was ich am Opa lieb habe".

Das Buch gibt Brunos Gefühlen Raum: dem Erschrecken, der Verwirrung, seiner Wut darüber, daß Opa ihn allein gelassen hat, und dann der Trauer, als er schließlich begreift: Tod ist der endgültige Verlust eines Menschen. Opa ist nicht zu ersetzen. Vieles konnte nur er.

Wie in anderen Bilderbüchern hat auch hier das Erinnern eine tröstende Funktion. So ist das Grab in dieser Geschichte Haftpunkt für Erinnerung. Manchmal besucht Bruno seinen Opa auf dem Friedhof. Er gießt die Blumen und zupft Unkraut. Dann setzt er sich an den Rand des Grabes und er- zählt Opa alles, was passiert ist. Bruno erlebt, dass sein Schmerz weniger, das "Loch in der Brust" kleiner wird. Eines Tages ist er nur noch ein bißchen traurig. Die Zeit, die mit Opas Tod anscheinend eine Weile stehengeblieben war, setzt sich wieder in Bewegung.

Ungewöhnlich, aber nicht befremdlich ist der Humor in einem Buch von Tod und Endlichkeit. Bruno nimmt die Reden der Erwachsenen wörtlich. Das wirkt oft komisch und spaßig. Er selbst hat eine Antenne dafür, dass es neben großer Traurigkeit gleichzeitig andere Lebensregungen gibt. Trotz seiner Bedrücktheit muß er am Beerdigungstag lachen, als einer der Männer mit seinem frischgeputzten Trachtenschuh in eine Pfütze patscht. Beim Leichenschmaus bemerkt er, dass Braten, Knödel und Bier offensichtlich gegen Kummer helfen und dass die Leute sogar lachen, wenn sie lustige Geschichten von Opa erzählen.

Das Buch der beiden jungen Autorinnen, in dem wie beiläufig dörfliche bayrische Traditionen aufgenommen werden, ist fern jeder Sentimentalität. Es zeigt, wie ein Kind seinen eigenen Weg des Abschiednehmens und Trauerns findet und dazu Zeit braucht.
Und es sagt, wie wichtig es ist, dass die Fragen der Kinder nach Sterben und Tod beantwortet werden. Das Buch hat keinen frommen Anstrich. Es eröffnet aber die Möglichkeit, mit Kindern darüber nachzudenken, was z.B. "oben im Himmel, beim lieben Gott" heißt.

Irmgard Schmidt-Wieck

München: Hanser
1997 - 30 S.; 23 x 30 cm.
ISBN 3-446-19076-7
geb. 24,80

Zielgruppe:

Kinder ab 5 - 6 J. und junge Eltern, die schon vor dem "Ernstfall" darüber nachdenken möchten, wie sie auf die Fragen ihrer Kinder nach dem Tod eingehen können.

Weitere Anregungen:

Die überzeugende künstlerische Umsetzung des Themas macht ein spezielles didaktisches Konzept für Kinder überflüssig, aber die Bereitschaft notwendig, sich auch auf Fragen einzustellen, die im Buch nicht vorkommen. Mit Kindern könnte man einen Bilderfries gestalten mit Blättern, auf denen Kinder einzeln oder in Gruppen malen, was alles sie zusammen mit ihrem Opa / ihrer Oma machen / gemacht haben. Nach einer Vorstellung des Buches bei Erwachsenen könnten folgende Fragen zum Gespräch anregen: Wie wirken die Bilder auf uns? Wie kommen Verlorenheit und Trauer eines Kindes, das erstmals dem Tod begegnet, in den Bildern zum Ausdruck? Was wird in Text und Bild von den Erwachsenen gesagt? Wo helfen sie dem Kind? Wo lassen sie es allein? Was alles hilft Bruno, den Verlust des Opas zu bewältigen? Welche Vorstellungen von Sterben und Tod sind in den entsprechenden Redewendungen enthalten? Wo begegnen uns Trostversuche, wo echter Trost?

Herausgeber:
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