Leitlinien der Osteuropaarbeit der EKD
Antje Heider-Rottwilm
10. Oktober 2004
Vortrag zur Tagung der Osteuropareferenten und -referentinnen am 10.10.2004 in Hannover
Im Jahre 2000 verabschiedete die 9. Synode der EKD eine Kundgebung unter dem Titel "Eins in Christus - Kirchen unterwegs zu mehr Gemeinschaft". Dort heißt die Präambel:
"Gott sei Dank: Nach Jahrhunderten des Gegeneinanders und Nebeneinanders, des Leidens und der Schuld sind die Kirchen im 20. Jahrhundert aufeinander zugegangen und haben zu einem Miteinander gefunden. Doch ist noch längst nicht die Gemeinschaft erreicht, die Gott für die ganze Christenheit auf Erden will. Wir sind überzeugt: Es ist Zeit für mehr ökumenische Gemeinschaft.
Wir erleben Ökumene als ein weitgespanntes Netz von Beziehungen mit anderen Kirchen. Ziel ist, gemeinsam das ganze Evangelium der Welt in Wort und Tat zu bezeugen. Wir brauchen Ökumene, um am jeweiligen Ort und in der einen Welt heute als Kirche zu leben. Die Suche nach sichtbarer Gemeinschaft im Glauben und im Gottesdienst, die Zusammenarbeit in der Mission und der gemeinsame Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sind die zentralen ökumenischen Aufgaben."
In diese Zielbestimmung der ökumenischen Arbeit ist auch die Osteuropaarbeit der EKD eingebunden. Ob nun von der "Wachsenden Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa" (Charta Oecumenica) die Rede ist oder von der "Verwirklichung von Kirchengemeinschaft" ("Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis" - Wort des Rates der EKD vom 29.09. 2001): Immer geht es um "Mehr Gemeinschaft unter den Kirchen".
Deshalb ist die Osteuropaarbeit in der EKD von den ökumenischen Verpflichtungen der EKD her zu reflektieren.
1. "Die EKD arbeitet in der Ökumene mit" heißt es in der Grundordnung der EKD. Sie ist Mitglied im ÖRK, in der KEK und in der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa (GEKE/Leuenberger Kirchengemeinschaft). Aus der Sicht der Osteuropaarbeit sind diese Mitgliedschaften von unterschiedlicher praktischer Bedeutung; sie bringen aber je spezifische Aspekte zur Geltung, die auch die Osteuropaarbeit bestimmen.
1.1 Die Mitgliedschaft der EKD im ÖRK macht deutlich, dass das Engagement der EKD sich als Teil der weltweiten Ökumene versteht. Es ist daher prinzipiell auf eine Zusammenarbeit über die konfessionellen und nationalen Grenzen hinaus angelegt. Ihr Ziel ist es, die von Gott gegebene Einheit des Leibes Christi innerhalb der je aktuellen Handlungsrahmen zu bezeugen und auf den verschiedensten Handlungsebenen und in den unterschiedlichsten Zusammenhängen diese Einheit aufleuchten zu lassen.
1.2 Die Mitarbeit der EKD in der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und ihren Einrichtungen macht deutlich, dass die Zusammenarbeit der Kirchen über die Grenzen der Europäischen Union (EU) hinaus reicht. Dabei hält sie nicht nur den überkonfessionellen Charakter des ÖRK fest, sondern hat ihn auch dahingehend ausgebaut, dass mit der Charta Oecumenica ein Dokument erarbeitet wurde, das nicht nur die in der KEK zusammengeschlossenen Kirchen sondern auch die in der CCEE verbundenen römisch-katholischen Kirchen verbindet. Mit der Charta Oecumenica sind diese Kirchen eine "Gemeinsame Verpflichtung zum Dialog und zur Zusammenarbeit" eingegangen. "Sie soll auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens
eine ökumenische Kultur des Dialogs und der Zusammenarbeit fördern und dafür einen verbindlichen Maßstab schaffen."
1.3 Seit 2001 ist die EKD auch Mitglied der "Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa" (GEKE/Leuenberger Kirchengemeinschaft). Die Mitgliedschaft in dieser Gemeinschaft (nicht nur) europäischer evangelischer Kirchen zeigt an, dass die EKD den Ruf nach "mehr Gemeinschaft" nicht einfach als pragmatische Forderung unter dem Druck zunehmenden europäischen Zusammenwachsens versteht, sondern als Ausdruck ihres ekklesialen Selbstverständnisses. "Die Erklärung und Verwirklichung von Kirchengemeinschaft ist aus evangelischer Sicht das Ziel ökumenischen Handelns." (Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis)
2. Was bedeuten diese Zusammenhänge für die Osteuropaarbeit der EKD?
2.1 Zunächst zeigen diese Zusammenhänge an, dass die Themen und Aufgaben der Osteuropaarbeit der EKD nicht von ihr allein gefunden und bestimmt werden, sondern aus der Gemeinschaft der Kirchen erwachsen. Unter der Programmatik "Gemeinsames Zeugnis und gemeinsamer Dienst" bestimmen die Kirchen gemeinsam in ökumenischer Verpflichtung die gemeinsamen Aufgaben und Handlungsfelder. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit und unter Berücksichtigung je unterschiedlicher Systematik seien hier folgende Handlungsfelder, die die Kirchen in Europa gemeinsam herausfordern, genannt:
- gemeinsame Verkündigung des Evangeliums
- gemeinsame Aufarbeitung von Konflikten zwischen Mehrheits- und Minderheitskirchen
- theologische Dialoge
- gemeinsames Verständnis und Praxis von Mission
- interreligiöse Dialoge
- Bekämpfung der Armut
- Stärkung der Menschenrechte
- Bekämpfung von Menschenhandel und Diskriminierung
- Aufbau der Zivilgesellschaft
- Versöhnung der Völker und Kulturen
- Bewahrung der Schöpfung
2.2 In allen Aktivitäten der Osteuropaarbeit der EKD ist diese gemeinsame Verpflichtung zur Geltung zu bringen. Das heißt, dass die EKD entweder subsidiär oder komplementär tätig wird.
- Subsidiär wird sie tätig, wenn sie stellvertretend für die europäischen ökumenischen Verbünde Aufgaben übernimmt. Ein Beispiel hierfür ist das Projekt "Versöhnung in Europa - Aufgabe der Kirchen in der Ukraine, in Belarus, Polen und Deutschland". Dies Programm zur Stärkung der Zusammenarbeit der Kirchen über die gegenwärtige EU-Ostgrenze hinweg gehörte eigentlich zu den Aufgaben einer regionalen Ökumene in Europa. Der Polnische Ökumenische Rat und die EKD haben sich dieses Themas gemeinsam angenommen, weil die europäischen ökumenischen Institutionen zwar dessen Dringlichkeit erkannt haben, es aus eigenen Kräften jedoch nicht realisieren können.
- Komplementär wird die EKD tätig, wenn sie sich Herausforderungen stellt, bei denen es darum geht, als Gemeinschaft der Kirchen der EKD zu handeln.
3. Partner der EKD in Osteuropa
Zunächst ist zu klären, was der Begriff "Osteuropa" eigentlich meint. Er ist zugegebenermaßen eine Abbreviatur, die in politischen, sozialen und kulturellen Kontexten unterschiedliche Konnotationen haben kann. Rein geographisch gesehen zeichnet es ein Gebiet, dass alle diejenigen Staaten umfasst, die bis 1989 zum Ostblock gezählt wurden. Das einigende Moment dieser Zuschreibung besteht also darin, dass die Region zwischen Posen und Wladiwostok, zwischen Archangelsk und Skopje entweder 45 Jahre lang oder gar über 60 Jahre von kommunistischen Diktaturen geprägt wurde. Geht man dagegen weiter in die Vergangenheit dieser Gebiete zurück oder lenkt man den Blick in die überschaubare Zukunft, so zeigen sich massive Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern und Kulturen. Diese Diastase zwischen partiellen Gemeinsamkeiten und großen historischen und zukünftigen Unterschieden macht ein Teil der inneren Problematik dieses Gebietes aus.
Partner der EKD in diesem Gebiet sind alle diejenigen Kirchen, die wie die EKD Mitglieder im Ökumenischen Rat der Kirchen und/oder der KEK und/oder der Gemeinschaft evangelischer Kirchen in Europa und/oder der konfessionellen Bünde (LWB und RWA) sind.
Das Ziel der Partnerschaft mit diesen Kirchen und den nationalen ökumenischen Räten ist es, in gemeinsamer Verantwortung dafür Sorge zu tragen, dass in Europa das Evangelium von Jesus Christus frei verkündigt werden kann und Menschen ermutigt werden, ihren Glauben im Dienst für die Gesellschaft zu bezeugen.
Aus dieser gemeinsamen Verantwortung erwachsen im Blick auf die Partner in Osteuropa zwei unterschiedliche Ziele:
a) Stärkung der Eigenständigkeit der Partner durch
- Finanzielle Hilfen und Beratung in Strukturfragen mit dem Ziel, dass die Kirchen aus eigener Kraft ihre Arbeit tragen können;
- Unterstützung und Beratung in Fragen von Mission und Evangelisation;
- Unterstützung und Beratung in Fragen der Ausbildung;
- Unterstützung und Beratung in Fragen des Aufbaus der Diakonie;
- Begleitung in der Durcharbeitung der jeweiligen Kirchengeschichte.
b) Vertiefung der Gemeinschaft durch
- Umsetzung der für die Partner gemeinsam verpflichtenden Erklärungen (Leuenberger Koncordie, Charta Oecumenica);
- gegenseitige Konsultationen, Besuche und theologische Dialoge;
- das interreligiöse Gespräch;
- die ökumenische Ausrichtung der Arbeit.
Die derzeitige Situation der Partnerschaft zu vielen dieser Kirchen ist davon geprägt, dass in einigen Fällen die Ziele unter a) und b) miteinander in Konflikt geraten. Die Betonung von Eigenständigkeit und Identität führt nicht selten zur Abgrenzung von Mehrheits- und Minderheitskirchen, von konfessionellen Zugehörigkeiten und kirchenpolitischen Richtungen.
Gelegentlich richten sich solche Abgrenzungen auch gegen die EKD bzw. den "westlichen Säkularismus" insgesamt. Wenn auch im Einzelfall einmal klare und deutliche Stellungnahmen nötig sind, so ist doch insgesamt die Erreichung des Ziels von "Mehr Gemeinsamkeit" nur durch ein gesteigertes Maß von Kommunikation zwischen den Kirchen möglich. Angesichts zurückgehender finanzieller Mittel und der immer beschränkter werdenden Möglichkeit, teure Einzelprojekte zu finanzieren, werden die Kommunikationsanstrengungen in Zukunft einen besonders wichtigen Teil der Arbeit ausmachen müssen.
4. Das Netz von Partnerschaften als "Innere Herausforderung" der EKD
Es ist ja ein Euphemismus, von der Osteuropaarbeit der EKD zu sprechen. Unter dieser Kurzformel ist vielmehr das ökumenische Handeln vieler unterschiedlicher Akteure und Einrichtungen subsumiert. In der Grundordnung der EKD ist die Rede davon, dass "die EKD in der Ökumene mitarbeitet". Sie ist ein Partner neben und mit den Gliedkirchen, dem Diakonischen Werk der EKD, den gliedkirchlichen diakonischen Werken, den Diasporawerken, den konfessionellen Bünden und ihren Einrichtungen, sowie weiteren Trägern von Osteuropaarbeit. Sie alle sind in der "Evangelischen Kommission für Mittel- und Osteuropa" (EKMOE) versammelt. Die EKMOE hat damit den Auftrag, die Osteuropaaktivitäten aller dieser Träger zu koordinieren und sie zugleich rückzukoppeln mit und einzubinden in das Gesamtaufgabenprofil des jeweiligen Trägers. Dabei kommen dem Kirchenamt der EKD und dem Diakonischen Werk der EKD als denjenigen Gremien, die die Geschäftsführer stellen, besondere Aufgaben zu.
In der Realität ist dieses Geflecht noch komplizierter als hier beschrieben, denn in den großen Landeskirchen gibt es nicht nur Partnerschaften zwischen Kirchen nach Osteuropa, sondern Partnerschaften auch auf der Ebene von Gemeinden und von Kirchenkreisen und Bezirken zu Partnern in Osteuropa. So existiert Partnerschaft in verschiedenen Formen,
- als Mitarbeit in ökumenischen Gremien und zwischenkirchlichen Verpflichtungen;
- als kirchliche Partnerschaft auf der Ebene von Gemeinden, Bezirken und selbständigen Kirchen;
- als Dialogpartnerschaft zwischen Kirchen, nationalen Kirchenräten und Regionen;
- als Projektpartnerschaft in der Durchführung von speziellen Projekten und Programmen;
- als Entwicklungspartnerschaft;
- als Herkunfts- und Versöhnungspartnerschaft;
- als Austausch, Begegnung und Fortbildung.
Am deutlichsten spiegelt die Situation der Aktion "Hoffnung für Osteuropa" die Herausforderung wieder. Gibt es auf der zentralen Ebene eine Reihe von verschiedenen Akteuren in der Osteuropaarbeit mit unterschiedlichen Profilen und Aufgabenfeldern, so wiederholt sich diese Mannigfaltigkeit auf der regionalen Ebene noch einmal in je spezifischer und unterschiedlicher Weise.
Aus dieser Situation erwachsen zwei wesentliche Herausforderungen, die doch beide je eine Seite derselben Medaille darstellen:
- Es kommt darauf an, dass in diesem Geflecht jeder Träger von Osteuropaarbeit seine spezifische Aufgabe wahrnimmt; Verdoppelungen sollten abgebaut und Leerstellen ausgefüllt werden;
- Mit welchem Mandat nehmen wir unsere Aufgabe wahr? Wie ordnet sich unser Beitrag in das gesamte Netz der ökumenischen Verpflichtung ein?
Es reicht nicht aus, dass ein Akteur oder eine Einrichtung ein bestimmtes Aufgabenfeld, eine Region oder Thematik als wichtig erkennt. Es ist immer auch danach zu fragen, welche anderen Akteure damit bereits befasst sind bzw. wie sich die selbsterkannte Priorität einfügt in das Netz der Partnerschaften.
Die EKD im engeren Sinne sieht ihre Aufgaben in der Osteuropaarbeit vor allen Dingen auf folgenden drei Feldern.
1. In der Koordinierung der Aktivitäten aus dem gesamten Bereich der EKD. Dafür hat sie sich neben dem Instrument der "Evangelischen Kommission für Mittel- und Osteuropa" auch das der "Informations- und Kontaktstelle Osteuropa" (IKOE) geschaffen. Zwar ist deren Ausstattung und Informationsumfang noch längst nicht optimal; er ist aber weit besser, als er derzeit genutzt wird.
2. In den Beziehungen zu den evangelischen Kirchen in Europa im Blick auf die Europathematik und auf die Staat-Kirche-Beziehung; insbesondere auch die Rolle der Kirche in der Gesellschaft.
3. In der Überwindung der Grenzen und Gräben zur Orthodoxie. Dem dienen u.a. die theologischen Dialoge, das Projekt "Versöhnung in Europa -Aufgabe der Kirchen in der Ukraine, in Belarus, Polen und Deutschland; sowie die Wahrnehmung bilateraler Beziehungen (Serbische Orthodoxe Kirche!).
5. Deutschsprachige Auslandsarbeit
Während die EKD ihre ökumenische Verantwortung gemeinsam mit den Gliedkirchen wahrnimmt, hat sie nach der Grundordnung der EKD allein das Mandat für die Auslandsarbeit, also die Arbeit für evangelische Menschen deutscher Sprache oder Herkunft im Ausland. Diese im Ökumenegesetz festgelegte Definition besagt, dass Adressaten unserer Arbeit im Ausland sind:
- evangelische Menschen mit deutschem Pass, die kurz oder längerfristig im Ausland leben;
- auch Menschen anderer Nationalität, sofern sie deutschsprachig und evangelisch sind;
- evangelische Menschen mit einheimischen Pässen oder Nationalitäten, die deutscher Herkunft sind - und sei es in der dritten oder vierten Generation;
- evangelische Menschen einheimischer Nationalität und Sprache, sofern sie Gottesdienst und Gemeindeleben in deutscher Sprache erfahren möchten.
Diese Definition ist sehr weitreichend. Sie wendet sich an eine sehr große Gruppe von Menschen. Um sie zu verstehen, muss man jedoch zwei wesentliche Implikationen bedenken:
a) Die EKD betreibt ihre Auslandsarbeit in dezidiert ökumenischer Ausrichtung. Wo deutschsprachige (das Kriterium ist die Sprache, nicht die Nationalität!) Arbeit geschieht,
ist sie - wenn möglich - einzubinden in eine einheimische evangelische Kirche. Ziel der Arbeit ist es, Menschen aus höchst unterschiedlichen Lebenssituationen und mit sehr verschiedenen Traditionen und Geschichten zusammenzuführen und zu integrieren.
b) Nicht die ethnische, nationale oder passmäßige Zuweisung entscheidet über die Zugehörigkeit zur deutschsprachigen Auslandsarbeit und ihren Gemeinden, sondern der erklärte freie Wille der evangelischen Menschen selbst, sofern diese von den o.a. Kriterien erfassbar sind. So sehr es also Aufgabe und besondere Chance der Auslandsarbeit ist, Menschen die ihrer Kirche zuweilen sehr entfremdet waren, wieder in ihr Leben und in den Glauben an Jesus Christus einzubinden, so wenig haben wir die Absicht, ausländischen Kirchen ihre Mitglieder streitig zu machen oder abzuwerben.
Für die Situation in Mittel- und Osteuropa ist kennzeichnend, dass die oft jahrhundertealte Tradition deutschsprachiger evangelischer Arbeit (die deutschsprachige evangelische Gemeinde in Moskau wurde 1576 gegründet!) mit und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sehr weitgehend zerstört wurde. Selbst dort, wo auch nach 1945 noch Menschen deutscher Sprache lebten (z.B. in Polen), war in der Regel die Durchführung von Gottesdiensten und Gemeindeleben in deutscher Sprache nicht möglich. So leben heute in den baltischen Staaten, in Polen, Tschechien der Slowakei und Ungarn nur relativ wenige Menschen deutscher Herkunft, die der deutschen Sprache noch wirklich mächtig sind. Andererseits ist der Anteil evangelischer Menschen mit deutschem Pass, die als Diplomaten, Lehrer, Wirtschaftsfachleute o.ä. kurzfristig im Ausland leben, noch relativ gering. Erst seit 1990 entwickelt sich in den mittel- und osteuropäischen Ländern wieder eine Kultur der im Ausland Lebenden .
In Mitteleuropa existieren derzeit drei Pfarrstellen, die durch Entsendung aus der EKD wie im übrigen Auslandsdienst besetzt werden, nämlich in Budapest, Prag und Riga. Die Pfarrstelle der Budapester Gemeinde ist integriert in die Evangelisch-Lutherische Kirche Ungarns, die Prager Gemeinde in die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder; lediglich in Lettland wurde aus besonderen theologischen Gründen eine eigene Kirche gegründet, die "Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche in Lettland". Diese ist der Lettischen Lutherischen Kirche durch einen Freundschaftsvertrag verbunden worden. Die Zukunft dieser Gemeinden und der Entsendungen von Pfarrerinnen und Pfarrern aus der EKD wird wesentlich davon abhängen, ob die Gemeinden in Zukunft nicht nur ein regen geistliches Leben entwickeln, sondern auch in der Lage sein werden, die Kosten für die Gehälter und den Gemeindebetrieb mehr und mehr selbst zu tragen.
An zwei Orten, an denen Umfang und Intensität des Gemeindelebens noch keine Entsendungen rechtfertigen, sind derzeit pensionierte Pfarrer mit deutschsprachiger Arbeit beauftragt, nämlich in Ljubljana und Sofia. In Polen gibt es eine Pastoration durch einen deutschen Pfarrer in Warschau sowie eine Unterstützung einheimischer deutschsprachiger Arbeit.
In den letzten Jahren ist die deutschsprachige Urlauber- und Kurseelsorge gerade in Mitteleuropa stark ausgebaut worden. Die Angebote in Gyzicko/Lötzen, in Karpacz/Kirche Wang, in Nida/Nidden, in Heviz und anderen Orten erfreuen sich regen Zuspruchs. Mehr und mehr wird diese Form der Arbeit auch von den einheimischen evangelischen Kirchen geschätzt und nachgefragt.
5.1 Kirchen deutscher Herkunft
Es gibt zwei Sonderfälle unter den Partnerkirchen in Osteuropa, das sind die ELKRAS und die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien (EKR) - zwei Kirchen, die in ihren Ländern mit deutschsprachiger Tradition und deutscher Herkunft verbunden sind. Nun ist die Berufung auf die deutsche Herkunft (oft bei langer einheimischer Inkulturation) in Osteuropa erst seit 1989/90 wieder möglich - und das auch nicht ohne Belastung. Vor allem aber ist sie häufig verbunden mit dem Willen zur Rückkehr nach Deutschland. So sind sowohl aus Rumänien als auch aus den Staaten der GUS über 90% der Menschen deutscher Herkunft im Laufe der letzten 15 Jahre ausgewandert. Das bedeutet, dass die Gemeinden in diesen beiden Kirchen durch einen ständigen personellen Aderlass ausgezehrt werden und sich zugleich in einem heftigen Transformationsprozess zu einer immer stärkeren Inkulturation in die jeweilige Gesellschaft befinden.
Dieser Prozess ist bei der EKR durch die EKD jahrelang begleitet worden, indem diese die auswandernden Menschen, vor allen Dingen aber die auswandernde Pfarrerschaft bei ihrer Aufnahme in Deutschland stark unterstützte. Zugleich hat die EKD durch einen eigens eingerichteten Kontaktausschuss die EKR in ihrem Schrumpfungs- und Transformationsprozess beraten und unterstützt. In den letzten Jahren ist hier ein spürbarer Wandel eingetreten. Die Maßnahmen zur Eingliederung rumänischer evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland können langsam auslaufen und werden zunehmend ersetzt durch die Unterstützung der in Rumänien verbleibenden aktiven und pensionierten Pfarrerinnen und Pfarrer. Darüber wird gerade mit der EKR ein Vertrag über Zusammenarbeit abgeschlossen. Die EKR ist inzwischen auf etwa 5% ihres früheren Mitgliederbestandes geschrumpft (15.000 von ehemals 300.000). Sie hat aber jetzt offenbar nach vielen Verlusten ein Stadium der Konsolidierung erreicht und konnte dabei ihre Identität, ihre Traditionen und Strukturen bewahren.
Wesentlich schwieriger sieht die Lage der ELKRAS gegenwärtig aus. Sie musste Anfang der 90er Jahre praktisch von Null an wieder neu aufgebaut werden. Alle Strukturen, Traditionen und personelle Ressourcen waren zerschlagen worden. 1991 beschloss die EKD, gemeinsam mit den Gliedkirchen die Voraussetzungen für einen Wiederaufbau einer Lutherischen Kirche in Russland zu schaffen. Dabei wurde eine Koordinierungsgruppe installiert, die die unterschiedlichen Mandate bei der Unterstützung der ELKRAS aufeinander abstimmt. So haben bestimmte Gliedkirchen in Deutschland Partnerschaften zu Regionen oder regionale Kirchen in der ELKRAS übernommen. Aufgabe der EKD in diesem Netz ist neben der Verantwortung für die Koordinierung der verschiedenen Aktivitäten die Unterstützung der gesamtkirchlichen Struktur, insbesondere des Zentralen Kirchenamtes in St. Petersburg und des Theologischen Instituts in Novosaratovka. Darüber hinaus hat die EKD sich in Absprache mit der ELKRAS dazu verpflichtet, die Pfarrstellen in St. Petersburg, Kaliningrad und Kiew auch längerfristig zu besetzen.
Während hier auf der einen Seite ein großer und engagierter Neu- und Aufbauprozess begann, lief auf der anderen Seite die Abwanderung von Menschen russlanddeutscher Herkunft im großen Stile weiter. So fragil die aufgebauten Strukturen auch sein mögen - inzwischen ist fraglich geworden, ob die verbliebenen Gemeinden jemals in das projektierte Strukturgehäuse werden hineinwachsen können. Es gibt mehr und mehr Anzeichen dafür, dass eine Neubesinnung im Blick auf die Zukunft der Gestalt der ELKRAS notwendig ist. Dabei erweist es sich zunehmend als Belastung, dass aus Deutschland keine abgestimmte Personalpolitik betrieben worden ist, sondern sehr divergierende Persönlichkeiten und Interessen um Einfluss ringen.
Hinzugefügt werden muss, dass in der Russischen Föderation mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche Ingriens - finnischsprachiger Herkunft - und der Sibirischen Evangelisch-Lutherischen Kirche (deren Leiter Vsevolod Lytkin dem Vernehmen nach bald zum Bischof geweiht werden soll) noch weitere verfasste lutherische Kirchen existieren. Darüber hinaus gibt es auch auf lutherischer Seite ein lettischsprachiges und schwedischsprachiges Engagement. Die Beziehungen der ELKRAS zu diesen Kirchen sind teilweise schwierig; das liegt aber in der Regel nicht an der sprachlichen oder ethnischen Herkunft, sondern an der theologischen Profilierung, da diese anderen lutherischen Kirchen sich einem sehr konservativen, etwa von der Missouri-Synode geprägten Kirchenverständnis verpflichtet fühlen.
6. Regionale Perspektiven
Das mit "Osteuropa" gemeinte Gebiet wird voraussichtlich immer weniger einen kohärenten Handlungsraum darstellen, sondern sich in den kommenden Jahren und Jahrzehnten deutlich ausdifferenzieren. Im folgenden wird von der Vermutung ausgegangen, dass man vier unterschiedliche Entwicklungsräume und -linien benennen kann.
1. Die neuen Mitgliedsländer der EU (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Slowenien)
In Ihnen findet derzeit ein sehr starker Prozess der Annäherung und Angleichung an die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten der anderen EU-Staaten statt. Diese Entwicklung verläuft jedoch nicht einheitlich, sondern ambivalent, und ist voller Brüche. Der entschlossenen Eingliederung in den Westen, die EU und die NATO, steht der Wunsch nach Souveränität und Unabhängigkeit gegenüber. Man orientiert sich an den westlichen Werten - und knüpft doch dezidiert an historische Herkünfte an. Man orientiert sich an dem westlichen System des Wirtschaftens und nimmt dabei ein gewisses Maß an sozialer Destabilisierung in Kauf. Für eine Übergangszeit ist daher noch der Einsatz diakonischer Projekte und Programme erforderlich; mittelfristig aber sind die Kirchen in der Lage, selbst Subjekte des diakonischen Handelns in ihren Ländern zu werden. Wichtig sind dabei Beratung und Begleitung bei der Strukturierung der Arbeit sowie bei der Aus- und Fortbildung der Mitarbeiterschaft. Einen wichtigen Dienst leisten hier Partnerschaften zwischen evangelischen Kirchen in den neuen Beitrittsländern und den Gliedkirchen der EKD, in dem letztere ihre Partner beim Aufbau von Kirchenstrukturen, Finanzierungssystemen und Kommunikationsprozessen zur Leitung und Steuerung beraten und unterstützen. Die Diasporawerke leisten wichtige Beiträge zum Gemeindeaufbau. Vor allen Dingen aber ist darauf zu achten, dass die Kirchen dieser Länder sich aktiv in den europäischen Austausch- und Diskussionsprozess der Kirchen hineinbegeben und ihn mitgestalten. Das Augenmerk der EKD wird vor allem darauf liegen, wie die evangelischen Partnerkirchen ihre Staat-Kirche-Beziehungen regeln und ihre Rolle in der jeweiligen Gesellschaft wahrnehmen. Wenn der Protestantismus auch zukünftig einen wesentlichen Beitrag zur Gestaltung der europäischen Kultur leisten will, ist es wichtig, dass die evangelischen Kirchen in den Beitrittsländern aktiv ihre Rolle in ihren jeweiligen Kulturen wahrnehmen.
2. Beitrittsländer in Wartestellung: Rumänien und Bulgarien
Der Weg beider Länder in die EU ist länger als der der o.a. acht Staaten. Das hat nicht nur wirtschaftliche und politische Gründe, sondern auch kulturelle und religiöse: Im Unterschied zu den anderen acht Beitrittsländern haben sie orthodoxe Mehrheitskirchen.
Um so wichtiger ist es, dass die Kirchen in Rumänien (die durch sehr unterschiedliche ethnische und sprachliche Herkünfte geprägt sind) ihre Beziehungen zueinander neu gestalten und alte Trennungen überwinden. So wie die EKD darauf achtet, dass ihr theologischer Dialog mit der Rumänisch-Orthodoxen Kirche einerseits und die Beratung und Unterstützung der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien andererseits immer aufeinander bezogen bleiben, so werden auch die übrigen Partner aus der EKD in ihrem Engagement die ökumenische Vernetzung im Auge behalten.
3. GUS
Wenn diese gemeinsame Bezeichnung auch immer noch existiert, so ist doch in dem Kranz der zu dieser Gemeinschaft gehörenden Staaten von einer differenzierten Entwicklung auszugehen.
Die Russische Förderation, Belarus und die Ukraine haben seit diesem Jahr eine direkte Grenze mit der EU. Damit wird die EU-Ostgrenze zugleich auch eine Grenze zwischen der westlich geprägten Kirchlichkeit und der östlich geprägten Kirchlichkeit. Der EKD liegt sehr daran, dass diese politische Grenze nicht zu einem tiefen kulturellen Graben wird. Sie hat daher gemeinsam mit dem Polnischen Ökumenischen Rat das Projekt "Versöhnung in Europa - Aufgabe der Kirchen in der Ukraine, in Belarus, Polen und Deutschland" ins Leben gerufen, um die Zusammenarbeit der Kirchen in den Ländern diesseits und jenseits der Grenze und über die Grenze hinaus zu stärken. Eine besondere Bedeutung kommt dem theologischen Dialog mit der Russisch-Orthodoxen Kirche zu. Und das nicht nur, weil sie als die größte und mitgliederstärkste orthodoxe Kirche eine Leitwirkung auf andere orthodoxe Kirchen ausübt; der Dialog mit ihr ist zugleich auch Träger der Versöhnung mit dem russischen Volk und bestimmend für die Möglichkeit der Verständigung über die Grenzen unterschiedlicher kirchlicher Kulturen hinweg.
Die Kaukasischen Republiken (Georgien, Armenien, Aserbaidschan) werden einerseits sehr stark durch ihr Verhältnis zu Russland bestimmt, andererseits aber auch durch die Nähe zu dem Konfliktgebiet des Nahen Ostens. Die massiven ethnischen und religiösen Konfliktlinien in diesem Gebiet führen zu erheblichen inneren Problemen in dieser Region. Zugleich strecken diese Länder (insbesondere im Anschluss an die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei) zunehmend und deutlich ihre Fühler nach Europa aus. Es ist gut und wichtig, dass die entwicklungsorientierten und sozialdiakonischen Programmlinien (EED, KhK, HfO) sich hier kräftig engagieren. Auf die Länge werden aber auch die ökumenischen und interreligiösen Perspektiven zu klären sein.
Die Zentralasiatischen Republiken (Kasachstan, Turkmenistan, Tadschikistan, Usbekistan, Kirgisien) stehen vor einer schweren und eher als ungewiss zu bezeichnenden Zukunft. Obwohl einige dieser Länder über reiche Bodenschätze verfügen und geostrategisch sehr interessant sein mögen, werden die Defizite in der politischen Kultur, der Bildung und dem Sozialwesen sowie der Wirtschaft dazu führen, dass sie mit erheblichen Problemen zu kämpfen haben. Dass diese Länder überhaupt im Referat Osteuropa resortieren, hängt mit der Situation der früheren Sowjetunion zusammen. Dringend notwendig wäre für diese Region ein entwicklungspolitisches Engagement. Das Mandat von EED und "Brot für die Welt" sollte auf sie ausgedehnt werden.
4. Südosteuropa
Noch ist offen, wie in dieser Region die Entwicklungsrichtung weitergehen wird. Prognosen sind schwer zu stellen. Möglicherweise muss mit drei unterschiedlichen Entwicklungsachsen gerechnet werden:
Slowenien ist bereits Mitglied der EU und hat seinen früheren jugoslawischen Bundesstaaten politisch und kulturell entschieden den Rücken zugekehrt.
Kroatien ist dabei, seine Rückstände im Blick auf eine Mitgliedschaft in der EU zu überwinden und in überschaubarer Zeit beizutreten.
Demgegenüber stagniert die Entwicklung in Bosnien und Herzegowina seit Jahren; noch ist eine Überwindung der Lähmung nicht in Sicht.
In Serbien ist die Auseinandersetzung um den zukünftigen Kurs der Gesellschaft zwischen der nationalen Identität (Kultur und Sprache) und der europäischen Orientierung noch nicht wirklich entschieden.
Wieder anders werden die gesellschaftlichen Entwicklungen in Kosovo, in Mazedonien und Albanien verlaufen. Einerseits ist hier die Orientierung am Westen sehr stark im Blick auf die Überwindung der Abhängigkeit von serbischer bzw. jugoslawischer Dominanz. Andererseits sind diese patriarchalisch gefärbten gesellschaftlichen Zustände von westlichen Normen noch weit entfernt.
Es ist daher von großer Bedeutung, dass die europäische Ökumene sich mit dem Projekt "SEEEP" (South East Europe Ecumenical Partnership) sich dieser Problemsituation besonders angenommen hat. Die Anstrengungen zur Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen und zur Entwicklung einer ökumenischen Kultur dürfen nicht nachlassen. Die EKD hat sich insbesondere im Gespräch mit der Serbischen Orthodoxen Kirche engagiert und in den letzten Jahren einige bemerkenswerte Fortschritte erzielen können.
7. Fragestellungen
Am Schluss dieses Vortrages sollen einige Fragestellungen benannt werden, die in unterschiedlichen Fassungen und in verschiedenen Formen immer wieder im Dialog mit Partner aus Mittel- und Osteuropa auftreten. Natürlich stellen diese Fragen nur einen Ausschnitt aus einem weitem Spektrum dar. Dennoch soll hier der Versuch unternommen werden, einige exemplarische Diskussionsfelder zu benennen.
7.1 Das Wort "Ökumene" oder "ökumenisch" ist in weiten Teilen Osteuropas zu einem Unwort, gar einem Schimpfwort geworden. Man kann von "interreligiösen Dialogen" und auch von "Zwischenkirchlicher Hilfe" sprechen; aber die Rede von Ökumene ist verpönt. Natürlich kommen hier viele Momente zusammen, z.B. die Sorge um die Bedrohung der eigenen Identität, die Furcht von dem Einfluss relativierender westlicher Strömungen u.v.a.m. Vor allem aber ist das Wort "Ökumene" belastet durch die Erfahrungen aus der Zeit der kommunistischen Diktatur bzw. der Sowjetherrschaft. Offenbar haben viele Menschen ökumenische Einrichtungen - wenn überhaupt - als staatlich gesteuerte Gremien und politische Kontrolle der Kirchen erlebt. Sie haben ihre Frömmigkeit und ihre konfessionelle Identität gegen diese als aufgezwungen empfundenen Einrichtungen verteidigt. Sie begegnen Vertreterinnen und Vertreter heutiger ökumenischer Organisationen mit dem Vorwurf der Kollaboration. Die westlichen ökumenischen Gremien hätten durch die ihre Kontakte zu den nationalen ökumenischen Räten und gewissen kompromittierten Kirchenführern die wahren Christen in den Ländern der kommunistischen Herrschaft verraten.
Auf diesem Felde zeichnet sich eine große Aufgabe für die kirchliche Zeitgeschichte ab. Es gilt zum einen, kritisch danach zu fragen, wie sich die Kirchen und die Christen in den kommunistisch besetzten Ländern und in der Sowjetunion zu den atheistischen Herrschaftssystemen verhalten haben. Und es gilt umgekehrt aufzuarbeiten, welche Rolle in diesen Jahren die Kontakte von ökumenischen Organisationen aber auch christlichen Kirchen nach Osteuropa gespielt haben. Noch lebt eine große Anzahl von Zeitzeugen. Das macht die Aufarbeitung der Geschichte spannend und schwierig zugleich. Spannend, weil eine Menge von persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen zur Verfügung steht und im Sinne narrativer Geschichtsschreibung dokumentiert werden kann. Schwierig, weil in vielen Diskussionslagen (noch) keine persönliche Distanz besteht, die eine nüchterne und abgewogene Urteilsfindung erlaubt.
7.2 Viele Christinnen und Christen Osteuropas aller Konfessionen empfinden in ethischen Fragen eine große Distanz zu ihren Brüdern und Schwestern in den westlich geprägten Ländern. In Fragen wie der nach der Akzeptanz von Homosexualität in der Kirche und in der Gesellschaft, nach der Rolle der Frauen in der Kirche und in der Gesellschaft, nach der Straffreiheit bei Abtreibungen, nach dem Umgang mit HIV/AIDS infizierten Menschen haben sie das Empfinden, einem libertinären Säkularismus gegenüber zu stehen und nicht frommen Menschen. Wir sind deshalb allesamt gefordert, aufzuzeigen und darzustellen, wie wir aus unserem Verständnis der Bibel und des evangelischen Glaubens zu begründeten Urteilen in ethischen Fragen kommen, die gesellschaftlich umstritten sind. Gerade wenn bei unseren Projekten und Programmen Genderaspekte eine wichtige Rolle spielen, die HIV/AIDS-Problematik oben auf der Agenda steht, die Ablehnung von Homosexualität in der Kirche zu Kopfschütteln führt, die Verweigerung der Frauenordination kirchenpolitische Konflikte auslöst - gerade dann ist es notwendig zu erklären, wie sich unsere Urteile gebildet haben. Und das nicht nur in historischem Sinne (denkt man 50 Jahre zurück, sah die Haltung der evangelischen Kirchen in Deutschland zu den genannten Fragen noch ganz anders aus als heute). Vor allem theologische Kriterien und die frömmigkeitstypischen Argumente sind einzuführen.
7.3 Wir kommen möglicherweise in eine Zeit, in der Kirchen vor allem in Mitteleuropa ihre Strukturen auf- und ausbauen, während wir unsere (in Maßen) abbauen müssen. Das ist eine gute Gelegenheit, sich nicht einfach den jeweiligen historischen Zufälligkeiten zu überlassen, sondern gemeinsam danach zu fragen: Was ist schriftgemäß? Wie weit entspricht unsere kirchliche Wirklichkeit unserem Grund- und Glaubensverständnis von Kirche? Und wie wird dieses begründet? Gerade in den theologischen Dialogen mit der Orthodoxen Kirche geht es nicht nur um die Fragen der ethischen Urteilsfindung, sondern der theologischen Begründung unserer Existenzform aus der Heiligen Schrift.
8. Zusammenfassung
So wie die nationale Politik sich immer stärker auf den europäischen Kontext beziehen muss - und darüber hinaus auf globale ökonomische und politische Entwicklungen -, so müssen wir uns als Kirchen immer stärker als gemeinsame Akteure in einem Europa wahrnehmen, das einerseits sich integriert, andererseits aber auch auseinander zu fallen droht (s. Charta Oecumenica III). Um so wichtiger ist es, dass wir uns gegenseitig helfen und klären, wie wir die Zusammenarbeit auf der europäischen Ebene stärken können, um gemeinsam gegenüber den europäischen Institutionen und Akteuren unsere Erfahrungen und unser Wissen einzubringen. Und um immer wieder trotz der genannten Fragen und Probleme, trotz der zurückgehenden finanziellen Mittel, deutlich zu machen, dass wir zur Einheit berufen sind.
Antje Heider-Rottwilm, Oberkirchenrätin, Leiterin der Europaabteilung im Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in Zusammenarbeit mit
Reiner Rinne, Oberkirchenrat, Referent für Mittel- und Osteuropa im Kirchenamt der EKD

