Robert Leicht

01. Juli 2005

anlässlich der Verleihung der Würde eines Doctor honoris causa, Dortmund

Schließlich schreiben viele ihre Memoiren. Sie berichten darin über ihr Leben, ihre Person, auch über ihr Arbeitsleben, auch über ihre „Arbeitgeber“ in engeren und weiteren Sinne. Hans Hafenbrack hat es anders gehalten, er hat nach dem Berufsleben ein Buch geschrieben über das Leben seines letzten Arbeitsgebers, genauerhin: über das Vorleben seines Arbeitgebers, des Evangelischen Pressedienstes. Dieser Vorlebensbericht hört – klugerweise – in dem Augenblick auf, in dem Hafenbrack selber so etwas wie ein Arbeitgeber, jedenfalls ein „leitender Angestellter“ – nämlich: Chefredakteur des epd wurde. Dieser „Vorlebensbericht“ hat es nun wahrlich in sich.

Lassen Sie mich aber, und das gehört dann durchaus zur Sache (wie zur Person des heute zu Ehrenden) einige grundsätzliche Anmerkungen voranstellen zur journalistischen Arbeit in Medien, die einem Überzeugungsträger (um nicht zu sagen: Überzeugungstäter) gehören – also einer Gewerkschaft, einer Partei oder eben zur Kirche. Journalistische Arbeit in solchen Institutionen bekommt es ja immer mit der Schnittstelle zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit zu tun. Doch während eine Schnittstelle technisch oder geometrisch oder stereometrisch eigentlich nur ein materiell nicht wahrnehmbarer Strich in der Landschaft ist, neigt jene Schnittstelle zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit dazu, sich zu einer höchst wahrnehmbaren Grauzone auszuweiten. „Warum“, so wird sich die Partei X fragen, „halten wir uns einen teuren Vorwärts-Kurier, wenn wir selber darin mit unserer Arbeit nicht durchgängig gelobt und ins schönste Licht gerückt werden?“ Ein bisschen Kritik, ja – und sei es als Tarnanstrich einer gewissen Objektivität; aber bitte keine Fundamentalkritik, etwa derart, dass der Leser am Ende auf den Gedanken kommt, doch lieber die Partei Y zu wählen.

Es ließe sich nun gut begründen, weshalb dies in konfessionellen Medien etwas anders aussieht (oder doch aussehen sollte), zumindest in jenen Konfessionen, die vom Priestertum aller Gläubigen und von der Freiheit eines Christenmenschen schwärmen. In der Tat: Das Evangelium ist nicht Sache einer Partei, sondern versteht sich als universelle Botschaft – jedermann zugute, auch ihrem Kritiker. Aber nun leben wir einmal in Institutionen und in denen menschelt es. Die Logik der Institution ist nicht leicht außer Kraft zu setzen, da sie zur Selbsterhaltung tendiert, nicht aber zur Selbstaufgabe. Also hat sich auch der Journalist in kirchlich bestimmten Medien mit jener Grauzone auseinanderzusetzen, auch mit dem Interesse der ihn beruflich tragenden Institution an Selbsterhaltung, zumindest an Selbstdarstellung.

Doch dies ist nicht der Grund, weshalb wir auf dieses Thema kommen. Abhängigkeit kann der Journalist schließlich auch in jedem anderen Medium erfahren, auch bei jedem anderen klassischen Verleger. Ich denke vielmehr, die eigentliche Krise der partei-, institutions- oder kirchengebundenen Publizistik setze nicht an bei jenen inneren, subjektiven Abhängigkeitsverhältnissen, mit denen sich in Wirklichkeit jeder Mensch in jedem Beruf auseinandersetzen muss, nicht zum wenigsten in universitären Gremien- und Cliquen-Verhältnissen.

Nein, diese Krise ist eher äußerlicher Art, sie kommt von außen, vom Leser. Der Niedergang der parteipolitischen wie der konfessionellen Publizistik – allein in Auflagen und Defiziten gemessen – rührt von einer eben doch festzustellenden wachsenden Mündigkeit der Leser her. Die Menschen wollen ja durchaus (noch) wissen, was sich innerhalb von Parteien oder auch in den Kirchen abspielt. Aber sie sind, auch als Mitglieder oder Wähler oder Gläubige und Sympathisanten dieser Überzeugungsgemeinschaften, immer weniger dazu geneigt, sich das Berichtenswerte von den Objekten der Berichterstattung selber erklären zu lassen. Das weiß man doch, dass der „Bayernkurier“ – um nur ein Beispiel zu nennen – über die CSU bei weitem nicht so spannend berichtet, nicht so spannend berichten kann, wie etwa – aus der Sicht der CSU sei es einmal so gesagt, man wird mir dies als vormaligem Redakteur jener Zeitung nachsehen – die verdammte Süddeutsche Zeitung. Und natürlich fragt man auf der Ostvereinsversammlung nicht, ob man das gelesen habe, was im Bayernkurier steht, sondern: „Hast’s g’lesen, in der Süddeutschen…?“ Es besteht aber sehr wohl die Möglichkeit, dass dieser deutliche Rückgang der äußeren Akzeptanz institutionsgebundener Medien die inneren Druckverhältnisse verschärft. In Hafenbracks Geschichte des epd zeichnen sich solche Konflikte schon ab, noch unter – verglichen mit heute – materiell ganz idyllischen Verhältnissen. Aber von biographischen  Details einmal abgesehen – das wäre einmal eine prinzipielle Studie wert: Welche Funktion können Medien solcher Institutionen unter solchen zeitgenössischen Bedingungen noch spielen? Welche Chancen hat der pure Journalismus unter solchen Bedingungen?

Ich füge dreierlei in aller Kürze an: Eine „pressepolitische“ These, eine spezifische Notiz und eine persönlich-biographische Fußnote.

Zum ersten: Meine Vermutung und mein Ratschlag gehen in folgende Richtung: Es kommt für jene Institutionen künftig immer mehr darauf an, dass sie mit ihren Themen und Thesen in den „säkularen“, also den institutionell ungebundenen Medien vorkommen – und zwar in deren redaktionellen Teil, nicht bloß als bezahlte Verlagsbeilage. Dies alles wird künftig wichtiger sein, als die Frage: Welche Zeitungen oder Zeitschriften werden Parteien, Verbände und Kirchen künftig noch selber verlegen.

Zum zweiten: Der Evangelische Pressedienst, das frühere Arbeitsfeld von Hans Hafenbrack, befindet sich insofern in einer strukturell anderen Lage, als er – als Agentur – sich ja nicht direkt an Leser wenden kann, sondern sich an Nutzer wenden muss, die sich erst an Leser wenden werden. Er steht also im kontrollierenden Wettbewerb mit anderen Anbietern. Aber gewisse strukturelle Probleme bleiben.

Zum dritten: Ich bin selber Zeuge dafür, denn vor Jahrzehnten hatte ich eine Weile die Ehre, im Kuratorium des epd für dessen Unabhängigkeit, auch von der damals intendierten kirchenamtlichen Betrachtung, mit zu sorgen. Vor ein paar Wochen aber hatte ich – als Verantwortlicher für eine kirchliche Institution – ein starkes Interesse daran, dass ein bestimmter interner Vorgang nur so in die Öffentlichkeit kommt, dass eine betroffene Person möglichst unverletzt daraus hervorgehe. Was tut also der ehrenamtliche Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin? Er ziert (und ärgert) sich zwar in seiner Eigenschaft als Journalist, aber in seiner Eigenschaft als Institutionsmensch tut er das, was er als Journalist verurteilt: Er ruft beim Chefredakteur des epd an, er möge sich die Sache doch bitte einmal unter folgendem Gesichtspunkt ansehen… (Tut mir leid, Kollege Chefredakteur Schiller! Blöde Sache!) Trotzdem – und weil es um einen konkreten Menschen ging, nicht um ein institutionelles oder gar persönliches Eigeninteresse – habe ich nur ein begrenzt schlechtes Gewissen. Und Sie haben nun eine anekdotische Anschauung von dem, was Journalisten in einem kirchlich gebundenen Medium eben immer auch auszuhalten haben. (In anderen Medien übrigens auch.)

Hans Hafenbrack hat sich in seinem journalistischen Berufsleben darin wacker gehalten. Schon allein dies rechtfertigt die Ehrung, die ihm heute widerfährt. Nun aber hat er ja auch noch die Bedingungen evangelischer Pressearbeit in der Grauzone zwischen Öffentlichkeitsarbeit und Journalismus, zwischen Kirchenpolitik und Evangelium, nicht zuletzt zwischen Kirche über den Zeiten und Kirche in den Zeiten in historischer Perspektive erschlossen, in einer wissenschaftlichen Ausarbeitung, die einen „normalen“ wie einen Ehrendoktor gleichermaßen rechtfertigt. Welche Ehre die höhere ist, überlasse ich dem Geschmack des Geehrten. Die heutige jedenfalls ist die seltenere. Es ist dies im übrigen die Gelegenheit – und nun beziehe ich die anwesende Tochter und den ebenfalls anwesenden Sohn Hans Hafenbracks in die Betrachtung mit ein – im, württembergisch gesehen, „Ausland“ etwas  Aufklärendes über den berühmten schwäbischen Gemeinspruch zu sagen „Pfarrers Kinder , Müllers Vieh, gedeihen selten oder nie.“ Mit „selten“ ist hier nicht etwa (und schon gar nicht direkt) gemeint „kaum jemals“. Selten ist im Schwäbischen keine rein statistische, sondern vielmehr zuvörderst eine qualitative Kategorie, im Sinne von: „hervorragend“. Die Genannten gedeihen also entweder hervorragend – oder gar nicht. Und nur weil das qualitativ Hervorragende zugleich relativ weniger häufig vorkommt, kann in diesem Kontext das Wörtlein „selten“ zugleich eine statistische Nebenbedeutung annehmen, darf aber niemals darauf verkürzt werden. Hafenbracks Nachkommen, Pfarrerskinder, gediehen also selten.


Das Forschungsergebnis dieser überaus materialreichen und detaillierten – und insofern auch seltenen – Studie erregte schon vor dem Druck als Buch, also bei seinem ersten Bekanntwerden geradezu sensationelles Aufsehen. Über Jahrzehnte der Nachkriegszeit nach dem Nationalsozialismus war es nämlich Focko Lüpsen, dem langjährigen Herausgeber und Chefredakteur des Evangelischen Pressdienstes (epd) gelungen, sich als jemanden darzustellen, der mit seiner evangelischen Pressearbeit konträr zum Dritten Reich stand und dessen Aktivität deshalb von den NS-Obrigkeiten schließlich 1937 verboten wurde. Tatsächlich aber war Lüpsen während des Dritten Reiches publizistisch aktiv geblieben – und das keinesfalls im Widerstand zum herrschenden Regime. Erst 1941 wurde der epd – wie die gesamte kirchliche Presse - durch das  Regime eingestellt, freilich auch dies nicht aufgrund einer wahrnehmbaren Resistenz des epd gegenüber dem Regime. Aufgrund dieses Verschweigens (und Verleugnens) der wahren Vergangenheit konnte Focko Lüpsen nicht nur quasi die Herrschaft über das evangelische Nachrichtenagenturwesen des jungen Bundesrepublik gewinnen, sondern darüber hinaus eine auch von den säkularen Journalisten gestützte Art Wächteramt über die Pressefreiheit als solche erringen –  und dieses Mandat auch noch zur allgemeinen Zufriedenheit wahrnehmen. Diese individuelle und institutionelle Lebenslüge endlich aufgedeckt zu haben, ist einer der ebenso historiographischen als auch – bezogen auf das Selbstbewusstsein evangelischer Presseagenturarbeit – moralischen Verdienste dieser akribischen Studie. Ein Durchbruch!

Freilich, bei all diesem Verdienst von Hafenbracks Arbeit wäre es bedauerlich, wenn diese Studie allein unter diesem zur Sensation (und sensationellen Berichterstattung) durchaus geeigneten Aspekt wahrgenommen – oder gar nach dem Konsum dieser Sensation beiseite gelegt werden würde. Denn diese Arbeit ist durchaus grundsätzlicher und viel weiter angelegt – und die Sensation, die um die Person Focko Lüpsen sich auftat, erweist sich als das gewissermaßen notwendige (Neben-)Produkt dieser eingehenden Recherche. Wer so gründlich hinschaute, konnte den Fall Lüpsen nicht übersehen. Aber der Fall war nicht der Auslöser der Recherche.

Übrigens – und dies sei an dieser Stelle vorab angemerkt: Der Autor Hafenbrack wahrt selbst gegenüber diese ja – moralisch betrachtet – durchaus atemberaubenden „Lebenslüge“ Lüpsens stets die disziplinierte Distanz des sorgfältigen Beobachters, der sich von seinen Wertungen nicht davon abhalten lässt, den Fall auch dort detailliert und rein methodisch „abgewogen“ zu rekonstruieren, wo es scheinen könnte, als lasse die eindeutige Bewertung des Falles weitere Erhebungen wenig erforderlich erscheinen.

Als das eigentliche Kontinuum der Arbeit darf zum einen betrachtet werden das ewige Hin und Her zwischen der Nutzung evangelischer Presseagenturarbeit (oder dem Einsatz vergleichbarer publizistischer Mittel) seitens der Kirche als eines kirchenpolitischen Steuerungsinstrumentes einerseits und der Wahrung publizistischer Freiheit und Unabhängigkeit – im durchaus evangelischen Geiste – in kirchlich verantworteten Medien auch gegenüber der amtlich verfassten Kirche anderseits. Der zweite Kontinuitätsstrang ist die nicht erst vor dem Zweiten Weltkrieg, sondern mindestens ebenso deutlich auch schon vor (und im) Ersten Weltkrieg, in Wirklichkeit schon tief im Kaiserreich so oft fatale Nähe evangelischer Kirchlichkeit zu den herrschenden Kreisen, Denkweisen, Vorurteilen und Ressentiments. Davon blieb die kirchliche Publizistik und Agenturarbeit so wenig ausgenommen wie die säkulare etablierte Presse – und daran hätte, so muss man nach der Lektüre von Hafenbracks Arbeit befürchten, auch eine größere Unabhängigkeit kirchlicher Medien von kirchlichen Machthabern wenig geändert.  Beschämender noch als der Einzelfall Lüpsen in all seiner plastischen Drastik ist die durchgängige Kontinuität kirchlichen Irrens und Versagens (und Publizierens) an so vielen politischen Weggabelungen. In der Mehrheit der Fälle, so muss man feststellen,  schlug auch die Kirche den falschen nationalen Weg ein.

In seiner überaus detailliert belegten – und kühl analysierenden – Studie über die evangelische Pressearbeit seit 1848 liefert Hafenbrack also nicht nur eine publizistikgeschichtliche Dokumentation, sondern zugleich in einem spezifischen Fokus einen zwar ausschnitthaften, dafür aber ungemein vertieften Einblick in dieses bedrückende Drama. Karl Barth war es gewesen, der die gesamte deutsche evangelische Kirche nach dem „Ausbruch“ des Ersten Weltkrieges zur biblischen Ordnung rief. Seine „dialektische Theologe“ war der große Widerspruch gegen die Auslieferung der Kirche an politische Beschränktheiten und machtvolle Verblendungen. Nicht anders nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten! Doch der Evangelische Pressedienst hielt es, so erweist es Hafenbracks Studie, in jener dunkelsten Epoche der deutschen Geschichte gerade nicht – wie hernach so gerne behauptet – mit dem Widerstand gegen das NS-Regime, auch nicht mit den Kräften des Kirchenkampfes und der Bekennenden Kirche und – natürlich, möchte man fast hinzufügen – erst recht nicht mit Karl Barth.

Diese fatale (erste) Kontinuitätslinie im deutschen Protestantismus (und in der evangelischen Publizistik) ist nach dem zweiten Weltkrieg abgebrochen. Der zweite Kontinuitätsstrang freilich, nämlich der teils latente, teils manifeste Widerstreit zwischen der Nutzung kirchlicher Medien als eines Instrumentes „amtlich“ zentrierter (wenn auch nicht im kruden Sinne zensierter) Kirchenpolitik einerseits und der Achtung der Unabhängigkeit der kirchlichen Presse auch gegenüber der Kirche andererseits, zieht sich, wenn auch modifiziert bis in die allerjüngste Vergangenheit fort und hinterlässt seine Spur in eindrucksvoll vielen, kleineren oder größeren Konflikten in Hafenbracks Studie. (Außerhalb der Tagesordnung sei hinzugefügt: Das kann auch kaum anders sein, wenn – und weil – sich evangelische Publizistik am Markt ihre eigene finanzielle Unabhängigkeit schlechterdings nicht mehr „verdienen“ kann. Abhängigkeiten schaffen eben – Abhängigkeiten.)

Dank dieser sorgfältig analysierten Kontinuitätsstränge, man kann auch sagen: dank des durch alle Zeilen hindurch scheinenden – durchaus auch eigensinnigen und hartnäckigen – Engagements Hans Hafenbracks für die publizistische (und die evangelische!) Freiheit ( à propos Hartnäckigkeit: Lieber Herr Hafenbrack, Ihr Chef hätte ich nicht unbedingt sein wollen, aber das sage ich als Kompliment!) ordnen sich die Einzelheiten, auch die vielen, vielen Späne der Faktizität – die für sich genommen schon einer (vielleicht in jeder Hinsicht erschöpfenden) publizistischen Studie zur methodischen Ehre gereichen würden – am Ende zu einem geistigen Panoramabild. Sein gar nicht so geheimes Spannungselement lässt sich in der nur scheinbar paradoxen Frage zusammenfassen: Wie kommt es, dass just dort, wo man die Freiheit besonders beheimatet sehen möchte, nämlich in den reformatorischen Kirchen freier Christenmenschen – dass gerade dort der Umgang mit der Freiheit (und der Wahrheit) so schwer fällt, auch und gerade in der Presse und im Umgang mit ihr?

Ein großer Spannungsbogens über so vielen aufwendig erhobenen und akribisch dokumentierten Details!

Hochverehrte Festversammlung!
Durch beides hat sich Hans Hafenbrack verdient gemacht und die Würde eines Doctor honoris causa zu Recht auf sich gezogen – durch sein journalistisches Hand- und Lebenswerk und durch sowohl die historische Studie als auch die moralische Reflektion des „Vorlebens“ seines Arbeitgebers. Ein Glückwunsch an Hans Hafenbrack, ein Glückwunsch an diese Fakultät!



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