Geistlich leiten in der evangelischen Kirche - Referat im Forum „Führen und Leiten“
Petra Bosse-Huber, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland
25. September 2009
Sehr geehrte Damen und Herren,
wahrscheinlich ist vielen von Ihnen das Lied „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“ sehr vertraut - so vertraut, dass Sie es schon seit Jahren bei der Liedauswahl für den Gottesdienst links liegen lassen und es höchstens aus nostalgischen Gründen singen würden.
Dennoch ist genau dieses Lied mir eingefallen, als ich über das Thema Führen und Leiten in der evangelischen Kirche nachgedacht habe.
Oft benutzen wir das Bild des Schiffes für unser Verständnis von Gemeinde, und viele Kirchen sind architektonisch mit Bedacht so gestaltet, dass die Assoziation von Schiff oder Arche geweckt wird.
Ein Schiff steuert sich nicht von allein - denn dann würde es Schiffbruch erleiden, und nicht immer ist der Schiffsbruch im Leben einer Gemeinde so gesegnet wie der von Noahs Arche.
Ein Schiff muss Menschen haben, die den Kurs festlegen und das Ruder in der Hand halten, einen Kapitän, einen Navigator, eine Steuerfrau. Oder nicht?
Wenn wir an biblische Geschichten mit Schiffen denken, haben Kapitäne und Steuerleute keine tragende Rolle. Neben der ziellosen Arche in der Sintflut fallen mir zwei Geschichten mit Jesus auf einem stürmischen See ein.
In beiden Erzählungen sind die Jünger hilflos und voll Todesangst, keiner steuert und lenkt. In der einen Geschichte schläft Jesus im Boot, in der anderen kommt er vom Ufer her über das Wasser. In beiden bringt er den Wind und die Wellen wieder zur Ruhe und ermöglicht den Jüngern eine sichere Heimkehr.
Verhält es sich so auch mit dem Schiff, das sich Gemeinde nennt?
Sind menschliche Navigation und Leitung eigentlich unwichtig, und geschieht alles Entscheidende auf dem „Meer der Zeit“ durch Gott, den Vater, Christus und den Heiligen Geist?
Wenn ich das glauben würde, wäre ich heute nicht hier, und Sie auch nicht.
Dennoch ist in beiden Beispielgeschichten ein wichtiges Moment geistlicher Leitung angesprochen, auf das ich im Verlauf noch zurückkommen möchte.
Führen und Leiten hat sich in den letzten Jahren in den Reformprozessen der Landeskirchen und der EKD zu einem wichtigen Thema entwickelt - eine Position, die es im Themenranking nicht immer hatte und die von nicht wenigen in der evangelischen Kirche durchaus kritisch gesehen wird.
Ich schließe mich in meinem Vortrag an die in der EKD immer wieder vorgrschlagene Definition für die Begriffe „Führen“ und „Leiten“ an, wie sie auch von Dr. Barrenstein in seinem Vortrag formuliert wird. Diese Definition legt für unsere Diskussion im kirchlichen Bereich in Kürze fest, dass „Führen“ im Schwerpunkt mehr den personalen, „Leiten“ mehr den institutionellen Bereich meint.
Das Thema Führen und Leiten steht in kirchlichen Kreisen immer noch schnell unter dem Verdacht, technokratisch Begriffe und Instrumente aus der Betriebswirtschaft auf einen Bereich zu übertragen, der nach vollkommen anderen Regeln funktioniert.
Der Vorwurf der Technokratie entsteht häufig da, wo eine betriebswirtschaftliche Begrifflichkeit als Störung im bekannten kirchlichen Sprachspiel wahrgenommen wird. Deshalb wird oft dem ökonomischen Führungsbegriff als Gegenentwurf das Stichwort „Geistliches Leiten“ gegenüber gestellt.
Im Geistlichen Leiten ist das Hauptziel theologisch formuliert: Grund und Ziel des Leitens in der Kirche ist das Evangelium, die gute Botschaft von der freien Gnade und Liebe Gottes, die uns Menschen gilt.
Geistliche, evangelische Leitung soll also dem Evangelium gemäß sein. Diese Forderung wird oft griffig formuliert mit dem englischen Designbegriff „Form follows function“: Kirchliches Leitungsverständnis und Führungsstil sollen im Evangelium wurzeln, sich nach ihm ausrichten und daran erkennbar sein.
Dieser Anspruch ist ein Stachel im Fleisch unserer menschlichen Unzulänglichkeiten: Wir alle hier, die Leitungsverantwortung in Kirchengemeinden, Kirchenkreisen, Ämtern, Werken oder Landeskirchen tragen, wissen, wie schwer es ist, Leitung evangeliumsgemäß auszuüben, wenn der Entscheidungsdruck steigt.
In unternehmerischen Zusammenhängen wird darauf hingewiesen, wie wichtig das tagtägliche Verhalten der Leitenden für die Akzeptanz der Leitung auch bei schwierigen Entscheidungen, für die Arbeitszufriedenheit und die gesamte Unternehmenskultur ist. Dies gilt meiner Erfahrung nach in noch stärkerem Maß für den kirchlichen Bereich, sowohl bei den beruflich und ehrenamtlich Mitarbeitenden als auch bei den Gemeindegliedern, die eher punktuell kirchliche Angebote wahrnehmen.
Der Leitungs- und Führungsstil entscheidet darüber, ob in Kirchengemeinden, Kreissynodalvorständen oder Landeskirchenämtern in einer Kultur des Vertrauens oder des Misstrauens gearbeitet wird.
Wie kann geistliche Leitung so ausgeübt werden, dass die gute Botschaft als Ziel der Kirche erkennbar wird?
Genauso wie andere Institutionen im Non-Profit-Bereich haben evangelische Kirchen auf ihren verschiedenen Ebenen in den letzten Jahren begonnen, Leitbilder für ihr Handeln zu formulieren.
Im Englischen heißen diese Leitbilder oft „mission statements“ - die Feststellung des Auftrags, der Sendung, der Mission in die Welt.
Ich bin davon überzeugt, dass ein Merkmal geistlicher Leitung auf allen Ebenen ist, dass Visionen und Ziele in möglichst transparenten und offenen Prozessen so formuliert werden, dass am Ende möglichst viele Beteiligte ihnen zustimmen können und sich in ihrer Arbeit von ihnen leiten lassen.
Die Zustimmung vieler Beteiligter ist ein wichtiges Kennzeichen kirchlichen Leitens, da in der Kirche an den zentralen Stellen nicht Einzelne, sondern Gruppen, z.B. Kollegien, in der Leitungsfunktion sind.
Das Leitungsprinzip in der evangelischen Kirche ist einerseits gekennzeichnet durch die gemeinsame Leitung von beruflich und ehrenamtlich Leitenden in vielen Bereichen, und zum anderen durch die Aufgabe, als Kirchenvorstandsmitglied oder Pfarrerin die Menschen zu führen, die in der Kirchengemeinde mitarbeiten - und die sind zum größten Teil nicht beruflich Mitarbeitende, sondern Ehrenamtliche.
In einer solch ausgeprägten Beteiligungskultur unter den Mitarbeitenden erfordert geistliches Leiten noch stärker als in marktwirtschaftlichen Unternehmen bestimmte Haltungen und Methoden.
Dazu gehört zentral eine Kultur der gegenseitigen Wertschätzung und des Vertrauens, zusammen mit transparenter Kommunikation über Leitungsstrukturen und Verfahrensabläufe.
Zu dieser transparenten Kommunikation sollte die Festsetzung klarer Regeln für die ehrenamtliche Mitarbeit gehören, die in der Spannung von Freiwilligkeit und Verbindlichkeit stattfindet.
In der Arbeit mit Erwachsenen ist uns das zum Teil noch fremd, aber in der Jugendarbeit werden solche Vereinbarungen zwischen den Jugendleiterinnen und den Teamern oft geschlossen.
Allerdings gibt es z.B. im Rheinland schon für die Presbyterien als Ganze die Verpflichtung, sich regelmäßig fortzubilden.
Im Rahmen der Führung von beruflich Mitarbeitenden wird seit ein paar Jahren in Gemeinden und Kirchen damit begonnen, die Instrumente der Personalentwicklung mit Mitarbeitendengesprächen, Controlling und Fortbildung einzuführen. Ob und wie diese Instrumente auf längere Sicht auch in der Führung der ehrenamtlich Mitarbeitenden eingesetzt werden können, wird kontrovers diskutiert.
Zur „geistlichen Personalentwicklung“ im Bereich der ehrenamtlich Mitarbeitenden gehört auch unaufgebbar, die Gaben jedes und jeder Einzelnen zu erkennen und zu fördern.
Die Frage nach angemessenem Leitungshandeln hängt eng zusammen mit der Frage nach angemessenem Umgang mit Macht.
Im Protestantismus wird der Machtbegriff sehr ambivalent wahrgenommen. In unseren Kirchen und Gemeinden werden Leitungshandeln und Machtausübung oftmals mit großen Vorbehalten betrachtet. Es gibt ein ausgeprägtes Misstrauen gegen Hierarchiebildung und zu viel Leitung „von oben“ und die Angst vor Machtmissbrauch.
Nicht zu unrecht wird das starke basisdemokratische Moment im kirchenleitenden Handeln betont oder Barmen IV als Argument gegen Herrschaft in der Kirche herangezogen.
Viele der Kritiker stärkeren Leitungshandelns sind biographisch und theologisch in der (berechtigten) Hierarchiekritik der Nachkriegszeit verwurzelt.
Dennoch fällt mir auf, dass die Weigerung, Leitungsstrukturen transparent zu machen und sich auf klare Ziele und Verfahrensweisen zu einigen, in Gemeinden und anderen Organisationsformen oft zu unbewussten oder versteckten Machtstrukturen und zu ungeschriebenen Regeln führt.
Leitung wird dann unreflektiert abhängig von der Persönlichkeit und dem Leitungsstil der Akteure.
Gerade für die, die auch in unserer demokratischen kirchlichen Struktur herausgehobene Leitungsfunktionen wahrnehmen, ist deshalb eine aktive Auseinandersetzung mit dem eigenen Verständnis von Macht und Leitung wichtig. Pastorinnen und Kirchenvorstandsvorsitzende müssen genau wie Dekane, Kirchenleitungsmitglieder oder Bischöfinnen und Präsides unbewusste Vorstellungen und Ängste in Bezug auf Machtausübung ans Licht bringen und ihren Leitungsstil analysieren.
Geistliches Leiten erfordert einen Leitungs- und Führungsstil, der kongruent ist mit dem Gottes- und Menschenbild, das die Leitenden vertreten, und mit dem Ziel, auf das das Leiten ausgerichtet ist – also dem Evangelium.
Es ist selbstverständlich, dass auch Leitende „nur Menschen sind“ und nicht perfekt sein können. Auch die Erkenntnis des simul iustus et peccator gehört zu unserem illusionslosen Menschenbild und unserer menschenfreundlichen Botschaft. Deshalb wird zur geistlichen Leitung für die Leitenden eine kontinuierliche Arbeit an sich selbst gehören, in Fortbildungen oder Supervision. Starke Arbeitsbelastung und Stress dürfen nicht die innere Dauerentschuldigung sein für die Manipulation von Gremien, verbale Ausfälle und ruppiges Verhalten in Sitzungen oder eine überhebliche Grundhaltung gegenüber Kolleginnen und Mitarbeitern.
Geistliche Leitung ist untrennbar verbunden mit dem geistlichen Leben der Leitenden. Ein erfülltes geistliches Leben von kirchlich Leitenden und kirchlichen Leitungsgremien ist vielleicht der wichtigste Weg, das gemeinsame Ziel des Evangeliums umsetzen zu können.
Natürlich gibt es verschiedene Formen geistlichen Lebens, aber es gibt einige, die sich für viele Einzelne und Gruppen bewährt haben.
Die regelmäßige Bibellektüre und das gemeinsame Hören auf Gottes Wort gehören genauso dazu wie eine lebendige Gebetskultur, egal ob in Meditation und Stille oder in der freien Fürbitte in der Gruppe.
Vor Gott zu klagen, aber auch regelmäßig Gott zu danken und zu loben lenkt den Blick weg von egozentrischen Überforderungsgedanken wie „Ich muss alles allein tun“, „außer mir kann es ja keiner“ oder „wie sollen wir das bloß schaffen?“
Wichtig ist mir dabei, dass gerade in Leitungsgremien diese geistlichen Formen gemeinschaftlich geübt und gestaltet werden sollten, weg von der Auslegungs- und Formulierungshoheit der Theologen und Theologinnen hin zur gemeinsamen Gebets- und Auslegungspraxis, wie z.B. mit der Methode des Bibelteilens.
Beim Tag der rheinischen Presbyter und Presbyterinnen in Koblenz habe ich im Mai diesen Jahres von Teilnehmenden mehrfach die Äußerung gehört, dass neben einer klareren Leitungskultur eine Stärkung der geistlichen Kultur in den Presbyterien gewünscht wird.
Unsere ehrenamtlichen Leitungsgremien wollen nicht nur Verwaltungsrat sein oder sich nur mit den Fragen nach einer neuen Heizung im Pfarrhaus oder nicht mehr TÜV-gerechten Spielgeräten im Kindergarten beschäftigen. Sie möchten diese Arbeit tun mit spürbarer Rückbindung an ihren Auftrag, an die gute Botschaft.
Sie wollen selbst geistlich geleitet werden - vom Heiligen Geist, um dann geistlich leiten zu können. Dass der Heilige Geist manchmal auch durch Störungen leitet, dass Bibellektüre nicht immer sofort zu klaren Handlungsanweisungen für den Haushaltsplan führt und dass nicht alle Gebete eins zu eins erhört werden, das wissen Kirchenvorsteher und –vorsteherinnen als Christenmenschen so gut wie Sie und ich.
Geistliches Leiten, so wie ich es verstehe, soll in oder neben dem Geschäft der täglichen Arbeit in Gemeinden und anderen Institutionen Räume der Stille, des Gebets und des Segens eröffnen.
Hier kommt nun auch unser Gemeindeschiff auf dem Meer der Zeit zur Ruhe. Wenn wir noch einmal an die Schiffs-Erzählungen aus dem Neuen Testament denken, dann sehen wir:
Geistliches Leiten bedeutet neben klaren Strukturen, wertschätzender Kommunikation, transparentem Leitungshandeln und bewusstem Umgang mit Macht immer auch, Macht abzugeben und Leitung loszulassen. Es bedeutet theologisch, sich an den Punkten, an denen die Wellen am höchsten, die Angst am größten und der Tod am wahrscheinlichsten ist, zu verabschieden von der Vorstellung, jetzt noch Kapitän sein oder das Boot noch steuern zu können. Denn genau an diesen Punkten können wir nur noch hoffen - hoffen darauf, dass Gott zu uns kommt, das Meer stillt und sagt: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?

