Gedanken über die Zukunft der Evangelischen Kirche

Manfred Kock

30. April 1999, Universität Marburg

Das mir gestellte Thema verlangt Analyse und Vorausschau. Im Blick auf die Zukunft der Kirche in unserem Land gilt ein Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland als Experte. Als ich in dieses Amt gewählt wurde, lautete die Eingangsfrage von 80% aller Interviews: "Der Kirche laufen die Schäfchen weg, was muß die Kirche tun?"

Mit Prophezeiungen, was die Zukunft der Kirche angeht, fing ich früh an. Vor 35 Jahren, als junger Pastor in einer Ruhrgebietsgemeinde, hatte ich - gemeinsam mit einem Freund - eine futurologische Szene über die Kirche in Recklinghausen entwickelt und in einer Kirchenzeitung veröffentlicht. Neunzehnhundertvierundachtzig war unser Symboljahr - damals, 20 Jahre vorher -, nach dem Titel eines damals berühmten Buches von George Orwell.

Volkskirche, so sahen wir voraus, würde es dann nicht mehr geben. Kirche hätte sich gewandelt zu einem Netz kleiner Gruppen engagierter Männer und Frauen; an die Stelle der Kirchensteuer sei ein System freiwilliger Beiträge getreten; das Ritual volkskirchlicher Taufen und Konfirmationen hätte ausgedient; die Menschen würden sich religiöse Erbauung, je nach Milieu, in Fußballstadien oder Museen oder Konzerthallen suchen. Die Lutherkirche in Recklinghausen-Süd - so konkretisierten wir das - diente als Museum - denn für eine gottesdienstliche Gemeinde sei die Kirche unbezahlbar geworden; - und vor allem, das neue Gemeindeverständnis würde entsprechend dem urchristlichen die Versammlungen hin und her in den Häusern stattfinden lassen.

Nun 15 Jahre nach dem futurologischen Jahr 1984 ist die Lutherkirche kein Museum. Auch lebendige Gottesdienste finden in ihr weiterhin statt. Eine treue Gemeinde hängt an ihrem Gotteshaus. Auch die Kirchensteuer gibt es noch. Es sammeln sich Gruppengemeinden mit Hauskreisen. Aber Kirche ist nach wie vor eine ziemlich große Institution. Vor allem über Amtshandlungen an den Schnittstellen des Lebens und als Trägerin diakonischer Angebote wirkt Kirche weiterhin als ein wichtiger Faktor unserer Gesellschaft.

Die Evangelische Kirche in unserem Land ist gewiß nicht unverändert, - aber sie hat sich eben nicht nach dem Modell einer Freiwilligkeitskirche organisiert, wie wir das als junge Leute geträumt haben. Die Vorstellung, Kirche würde "gesundschrumpfen", hat sich als Irrtum herausgestellt. Auch eine kleiner gewordene Kirche ist ein corpus permixtum. Der Prozentsatz der Entschiedenen wird nicht höher, der der Distanzierten nicht geringer.

1. Kirche im Umbruch

Dennoch sind wir Kirche im Umbruch. Distanz und Mitgliederschwund sind ein äußeres Zeichen mit inneren Folgen, auf die es zu reagieren gilt.
Das Klima der Religiosität hat sich derart gewandelt, daß nicht von vornherein Kirche als die Monopolinstanz für religiöses Suchen gilt.
Und dennoch sind die Erwartungen an die Kirche äußerst hoch.

1.1 Distanz und Mitgliederschwund

Jahre nach der Wiedervereinigung der östlichen und westlichen Landeskirchen steht die evangelische Kirche in unserem Land an einer Epochenwende ihrer Arbeit. Teile der Bevölkerung haben zur Kirche kein Verhältnis mehr. Konfessionslosigkeit ist ein Massenphänomen.

In den ostdeutschen Landeskirchen ist der tiefgreifende Umbruch offensichtlicher als im Westen, aber auch hier ist er unübersehbar.

Für die weit überwiegende Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland ist das Verhältnis zu Kirche, Christentum und Religion dadurch gekennzeichnet, daß sie schlicht und einfach nicht damit konfrontiert sind, biographisch nie damit konfrontiert waren und angesichts der beschriebenen Mehrheitsverhältnisse auch in ihrem Alltagsleben kaum konfrontiert werden. Fast drei Viertel der Bevölkerung sind konfessionslos; allerdings mit erheblichen regionalen Unterschieden.

In den westdeutschen Landeskirchen kann das - wenn auch verzögert - ebenfalls Realität werden. Wenn auch rund 80% der Menschen einer der Kirchen angehören, so leben doch die meisten ohne kontinuierlichen, institutionellen religiösen Bezug.

Das heißt nicht, die kirchliche Wirklichkeit sei in Ost und West die gleiche -aber sie ist auf dem Wege dahin.

In den östlichen Bundesländern ist die Mehrheit der Bevölkerung konfessionslos, zum Teil schon in der dritten Generation, ohne ein Verhältnis zu Kirche und aufgewachsen in der Ideologie, Religion sei Opium des Volkes. Eine Kirche in dieser Umgebung hat eine besondere Qualität der Minderheit entwickelt, eben nicht befugt, im Gesellschaftsgefüge konkret mitzuwirken, aber im Bewußtsein ein entschiedenes Gegenüber zu sein.

Im Westen hat Religion keinen schlechten Klang, auch wenn die Leute auf Distanz bleiben. Sie gilt allenfalls der jungen Generation als angestaubt. Diaspora im Osten ist Minderheitsstatus, im Westen eher Unkenntlichkeit in der verwirrenden Vielfalt von Lebensgestaltungsmöglichkeiten und Orientierungen.

Für die Minderheitsdiaspora im Osten kommt seit 10 Jahren als neue Erfahrung die Begegnung mit einem Staatssystem dazu, das Partizipation der Kirche ermöglicht und erwartet, und - vor allem, das besonders durch aktiven katholischen Westimport neue Formen kirchlichen Selbstbewußtseins entwickelt.

Die kirchliche Situation in Ostdeutschland ist nach meiner Meinung so einzuschätzen: Nach den Erfahrungen des Sozialismus herrscht verbreitet eine Scheu vor jeder formalisierten Bindung an Organisationen mit weltanschaulicher Tendenz. Man läßt sich nach den Erfahrungen, die man gemacht hat, besser auf gar nichts ein, und schon gar nicht schriftlich mit Brief und Siegel. Und gegen Religion und Kirche hat man überdies tiefsitzende Vorbehalte, die teilweise viel weiter zurückreichen als in die religionsfeindliche Politik des sozialistischen deutschen Arbeiter- und Bauernstaats. So scheint es schwer vorstellbar, in der gewandelten gesellschaftlichen Lage könne die Kirche wieder ein Ort der Zuflucht für Widerstand sein, wie Ende der 80er Jahre.

Zusammengefaßt:
Für die Kirchen ergibt sich ein Bedeutungswandel, ein Bedeutungsrückgang in beiden Teilen unseres Landes, dessen Auswirkungen wir in unserer kirchlichen Arbeit richtig einzuschätzen haben.

Es mag uns ein wenig trösten, daß nahezu alle gesellschaftlichen Institutionen in einer Identitätskrise stecken. Den Parteien und Gewerkschaften geht es ähnlich wie den Kirchen. Viele Menschen trauen Politik, Wirtschaft und Verbänden nicht mehr zu, daß mit ihrer Hilfe das Leben zu bewältigen ist. Ihren Verbindlichkeitsansprüchen und programmatischen Versprechungen begegnen sie mit Institutionsverdrossenheit und tiefsitzendem Mißtrauen. Die Folgen haben auch die Kirchen zu tragen, die selber Institutionen und Teile der Gesellschaft sind.

Die aufgezeigte Entwicklung im Osten ist nicht nur die Folge der konkreten Sozialismusgeschichte. Im Westen liegt es auch nicht daran, daß Menschen in der Kirche schlecht gearbeitet haben. Hier vollzieht sich vielmehr ein komplizierter Prozeß, der auch als Auswirkung eines Freiheitsverständnisses zu verstehen ist, das im Protestantismus selber angelegt ist. Wenn Menschen die Freiheit ihres Gewissens zugesprochen wird, kann man nicht böse sein, wenn sie von dieser Freiheit auch in der Weise Gebrauch machen, daß sie sich von der Institution entfernen. Es gehört zu den Kennzeichen einer freiheitlichen Gesellschaft, daß die Menschen ihre religiösen Überzeugungen und weltanschaulichen Bekenntnisse nach Belieben wählen und wechseln können. Das ist zwar nicht die Freiheit, die unser Herr Jesus Christus gemeint hat, aber so haben es viele für sich verstanden.

1.2 Die geistig-religiöse Situation

Was die Kirche anzubieten hat, gerät suchenden und fragenden Zeitgenossen nicht mehr selbstverständlich in den Blick. Die Kirche ist als Institution weithin nicht mehr als erstes gefragt, wenn es um die Sinnfrage geht. Ihre Botschaft wird bestenfalls als freibleibendes Angebot gesehen. Der christliche Glaube hat seine Monopolstellung verloren. Er muß sich auf dem Markt der Sinnstifter als ein Angebot neben anderen behaupten. Dabei ist die postmoderne Situation unübersichtlich. Das neue Jahrtausend kündigt sich an mit den Eruptionen ethnischer, nationalistischer Konflikte.

Christa Wolf sagt in ihrem Buch "Kassandra" (S. 97): "Die meisten beginnen zu spüren, was kommen wird. Ein Unbehagen, das viele als Leere registrieren, als Sinn-Verlust, der Angst macht... zick-zack-laufen. Australien ist kein Ausweg".

Also stehen wir da im Zwiespalt von Sorgen und Freuden, von Ängsten und Wünschen, von Zweifel und Glauben; im Zwiespalt der Gefühle in einer undeutlichen Welt. Und wir stehen mit unserer kirchlichen Institution mittendrin.

Unsere Städte sind verwirrend vielfältige Gebilde. Die vielen Facetten ihrer Wirklichkeit lassen sich ordnen zu einem dreigeteilten Bild:

  • die für die Orgien des Konsums gestylten Citys und Zentren, mit gläsernen musikberieselten Arkaden und Passagen, mit Kinopalästen und Fußgängerbereichen - für die Schönen, die fit sind, die Reichen, Mobilen, die Yuppies und Singles, und für alle, die ihnen gleich sein möchten und sich oft genug übernehmen;     
  • in die ordentlichen Wohnviertel, sortiert nach kleinen, mittleren und höheren Bürgereinkommen;     
  • in die Abschnitte der sozialen Verwahrlosung, brutalisiert, kriminalisiert, in dichtem Hochhaus-Milieu, Asylunterkünften, Obdachlosenzentren. Längst geht es noch nicht so elend zu wie in der Welt der Müll- und Straßenkinder Indiens oder Südamerikas. Aber es gibt Anzeichen für eine Entwicklung in dieser Richtung.

Das Dreifachbild ist nicht geschlossen und zueinandergeordnet, es ist vielmehr durcheinandergestückelt und zertrennt, äußerlich durch die Schneisen des Verkehrs, innerlich durch Desinteresse. Die Solidarität der Menschen in der Stadt verkommt in Eitelkeit und Elend, in Selbstdarstellung und Selbsthaß.

In Köln und anderen Bischofsstädten stehen Dome, die an Zeiten erinnern, in denen ein gemeinsamer Kult die Gemeinschaft trug. Noch halten diese Dome und die schönen Kirchen die Sehnsucht wach nach einer diese Gemeinschaft tragenden Glaubenswelt.

Aber neben diesen Dom sind andere Dome getreten, unter denen einer in Köln sinnigerweise "Cinedom" heißt, Kultstätte für allabendlich zelebrierte, gleichzeitige, aber nicht gemeinsam zelebrierte Kino-Religion mit einer säkularen "Eucharistie" aus Popcorn und Cola.

Was ist die tiefe innere Wurzel der Kinokult- und Popszene? Was bedeuten die feierlichen Vernissagen in den Galerien und Museen, was lockt Tausende zu den philharmonischen Weihestunden sonntags um elf in die Konzertsäle? Was macht die Faszination aus von Konsumtempeln mit Parfüms der Marken "Love" oder "Eternity"? Was steckt hinter den politisch klingenden Graffities mit provozierender Parole, den Bruchstückchen von Anklage und Hoffnung, penetrant und störend? Welche Sehnsüchte trägt die Liturgie der Fan-Gesänge in den Fußballstadien? Ahnen wir, was diese Rituale der Vergewisserung in Wort und Klang, in Bewegung und Symbol von innen nach außen transportieren? Ahnen wir etwas von der Trauer und Wut über den Zerfall der Städte? Ahnen wir etwas von den Sehnsüchten nach Frieden und Erlösung und besseren Zeiten?

‚Religion nach Maß' ist heute eine beliebte, weil marktgängige, soziologische Kategorie. Sie steht für das Bedürfnis nach Freiheit, Wahlmöglichkeiten und Selbstbestimmung. Man genießt die Vielfalt, wählt nicht einfach unter verschiedenen Religionsentwürfen, sondern aus mehreren für sich Passendes aus. Dagegen steht: ‚Bekenntnis ohne Wenn und Aber.' Auch das ist ein verbreitetes Bedürfnis, weil Menschen für ihre Lebensgestaltung nach klarer Orientierung suchen und sich nach Eindeutigkeit sehnen. Viele leiden nämlich unter der Komplexität und Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Mitwelt.

Die christliche Tradition unserer Gesellschaft vermittelt einen Religionsentwurf, der in seinem Selbstverständnis konkurrenzlos ist, der die gesuchte Orientierung auch bieten könnte. Auf dem "Markt" religiöser Angebote einer pluralen Gesellschaft jedoch erscheint der christliche Entwurf als ein Angebot unter vielen. Dieser Entwurf ist dadurch belastet, daß er immer wieder mit den dunklen Seiten der 2000jährigen Geschichte der Kirche konfrontiert. Die erschwert vielen die Akzeptanz. Die Folge ist: Die Distanz vieler Menschen zur Kirche wird größer. Die Zahl der Kirchenaustritte ist rückläufig, aber dennoch auffällig und nicht zu vernachlässigen.

1.3 Dennoch: Erwartungen an die Kirche

Andererseits - und scheinbar in Widerspruch dazu - gibt es gleichbleibende, wenn nicht gesteigerte Erwartungen an die Kirchen. Sie sollen ihre Rolle für die Wertorientierung in der Gesellschaft eher noch entschlossener als bisher wahrnehmen. Diese Erwartung stützt sich auf das anerkannte soziale Engagement wie auf das relativ hohe Ansehen der Kirche in der Zeit der politischen Wende. Auch heute wird - trotz heftiger Kritik an einer zu engen Kooperation zwischen Kirche und Staat - erwartet, daß die Kirche Mund der Stummen und Stimme der Schwachen in der Gesellschaft ist.

Das Vertrauen, das in diesen Erwartungen zum Ausdruck kommt, ist ein hohes Gut, das nicht verspielt werden darf. Mitunter wird mit diesem Zutrauen jedoch ein Forderungskatalog verbunden, der sich an dem früheren Niveau gesellschaftlichen Leistungsvermögens der Kirche orientiert und Gemeinden, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen überfordert.

Auf diese unterschiedlichen, mitunter auch gegenläufigen Tendenzen wird die Kirche sich einstellen müssen. Denn Veränderungen sind nicht nur Bedrohung, sie sind auch Chance. Sie können helfen, neu nach Sinn, Identität und Rückbindung eines persönlich verantworteten Glaubens zu fragen. Sie können den Wunsch wecken, in Gemeinschaft mit anderen diesen Glauben in einer Kirche zu leben, die zur Erneuerung fähig ist.

Es gibt freilich die Gefahr, daß kirchliches Leben soweit verarmt, daß es sich aufzulösen droht. Vor allem, wenn die Frage des Überlebens der Gemeinschaft soviel Energie in Anspruch nimmt, daß die Kraft für geistliche Beiträge zum Leben der Gesellschaft nicht mehr ausreicht.

Wenn wir uns ausschließlich um die Kirche sorgten, dann würden wir zum Konventikel schrumpfen. Wir wollen aber nicht nur um uns selber kreisen oder gar in fundamentalistischer Enge rumoren. Daher muß die Beschäftigung der Kirche mit sich selbst, mit ihren Strukturen und Arbeitsformen, immer den Bezug zu ihrer Mission behalten.

2. Kirche im Horizont der Gegenwart Christi

Im 2. Teil will ich beschreiben, wie ich die KIRCHE DER ZUKUNFT sehe. Ich beziehe mich dabei auf zwei Schriften der EKD. Die eine heißt "Kirche mit Hoffnung" . Sie entwickelt Leitgedanken, von denen ich mir wünsche, daß sie in allen Gliedkirchen eine größere Bekanntheit genießen als bisher. Diese Schrift ist vor allem aus der Erfahrung der östlichen Gliedkirchen der EKD entstanden. Sie wirbt für kirchliches Handeln in einem Umfeld, da viele erst von weither an kirchliche Tradition herangeführt werden müssen.

"Freunde-Heimat-Kirche" ist das andere Werk, das im Anschluß an die von der Evangelischen Kirche in Deutschland veranlaßten Befragungen die westliche Situation beschreibt.

Beide Schritte, die von der Ortsituation geprägte und die, die Westsituation beschreiben, beschreiben die Zukunft der Kirche zuversichtlich.

Weil der lebendige Jesus Christus niemals aufhören wird, seine Gemeinde durch das Wirken des Heiligen Geistes zu sammeln, wird es die Kirche - in welcher Gestalt auch immer - zu allen Zeiten geben. Sie hat den Auftrag, mit ihren Gaben und Möglichkeiten allen Menschen das Evangelium zu verkündigen: "Ihr seid nicht sinnlose Zellklumpen auf einem Staubkorn im All, sondern ihr seid geliebte Söhne und Töchter Gottes". Mit dieser Botschaft sammelt die Kirche Menschen zur Gemeinde Jesu Christi, spricht Sündenvergebung an und kann von daher in den Konflikten und Nöten der Gesellschaft für das Leben aller Menschen verantwortlich eintreten. Alles, was in der Kirche geschieht, muß auf ihren Glauben und auf ihren Auftrag zurückbezogen sein, damit sie in ihrem Dienst an den Menschen unverwechselbar bleibt. Alle Reformen der Strukturen und Dienste der Kirche müssen von der theologischen, geistlichen Vergewisserung des Auftrages der Kirche ausgehen.

Sie hat die "Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk", wie es in der BARMER Erklärung 1934 heißt.

2.1. Zeugnis und Dienst

Die Kirche ist zum Zeugnis von Jesus Christus in die Welt gesandt. Sie ist darum Zeugnisgemeinschaft. Alle Glieder der Gemeinde sind zum Zeugnis berufen. Gerade in einer Gesellschaft, der dieses Zeugnis fremd geworden ist, müssen wir alle Kräfte darauf konzentrieren, daß Menschen dem Evangelium in ihrem persönlichen Leben begegnen können. Das ist für die einzelnen, aber auch für unsere Gesellschaft als Ganze notwendig. Ohne dieses Zeugnis würde sie in egoistischer Kälte erstarren.

Die Kirche ist dazu da, Menschen mit dem Wort, aber auch mit der Tat zu dienen. Sie ist Dienstgemeinschaft für das Heil und das Wohl der Menschen. Weil Jesus Christus jedem Menschen die Freundlichkeit Gottes mit Wort und Tat bezeugt hat, niemanden verloren gab und den Leidenden nahe war, engagiert sich die Kirche im sozialen Bereich und meldet sich in der öffentlichen Diskussion auch um politische Fragen zu Wort.

Über die Frage, wie man in dieser Situation den Mitmenschen glaubwürdig und einladend vermitteln soll, daß das Wohl und Heil der Welt an der Botschaft des Mannes aus Nazareth hängt, gehen die Meinungen - auch innerkirchlich - weit auseinander. Von der revolutionär erneuernden Elite, die als "Vortrupp des Lebens" antritt, über die liberale volkskirchliche Angebotskirche, vom bekenntnisbewußten konservativen Luthertum über die evangelikale Stadtmission bis zur freikirchlichen charismatischen Richtungsgemeinde reicht die Vielfalt der Missions-Modelle. Diese Vielfalt ist nicht völlig neu. Immer gab es unterschiedliche, miteinander konkurrierende, missionarische Modelle - von der Christenheit in biblischer Zeit an, aber die Ratlosigkeit hat heute besondere Ausmaße.

Natürlich ist die Diakonie ein Aktivposten in unserer Gesellschaft. An ihr zeigt sich besonders deutlich, wie die Gestalt kirchlicher Institution in dieser Gesellschaft und in unserer historischen Situation gekennzeichnet ist. Der Staat fährt gut dabei. Die bewährte Infrastruktur der Kirche macht die Arbeiten billiger, als wenn der Staat sie machte, zumal ein erheblicher Finanzanteil aus der Kirchensteuer bestritten wird.

Außerdem ist im kirchlichen Gefüge ein großer Anteil ehrenamtlich Mitarbeitender zu mobilisieren, den staatliche Wohlfahrtspflege nicht so ohne weiteres auf den Plan bringen könnte. Wir müssen aber zurückweisen, wenn oberflächliche Kritik nur die speziell sozialen Aufgabenfelder für gesellschaftlich relevant erklärt. Auch unsere verkündigende und seelsorgerliche Arbeit ist wichtig für diese ganze Gesellschaft, nicht nur für die religiös Interessierten.

Die Kirche stellt ein kollektives Gedächtnis dar, das Glaubenserfahrungen und Werte bewahrt und weitergibt. Allein dadurch, daß die Botschaft verkündigt wird - auch wenn im einzelnen Gottesdienst nur kleine Zahlen sich sammeln - erinnert sie daran: Menschen sind nicht einfach Konsumenten und Arbeitsmaschinen. Wer denn, wenn nicht die Kirche, wird in einer kommerzialisierten, am Gelde und an Rentabilität orientierten Gesellschaft den Wert und die Würde des Menschen einschärfen, die unabhängig ist von dem, was einer zahlen und zählen kann?

2.2 Ökumene und der Beitrag des Protestantismus

Der Traum der Ökumene ist nicht die einheitliche, im wesentlichen gleichstrukturierte und organisierte Kirche. Ökumene besteht vielmehr darin, daß wir auch den geistlichen Reichtum der unterschiedlichen Kirchen in ihrer Vielfalt klarer erkennen und darin miteinander das Zeugnis Christi für die Welt sind.

Es wird weiterhin unterschiedliche Kirchen geben, aber in einer stärkeren Geschwisterlichkeit als bisher.

Dabei muß Ökumene auf den heutigen Begriff gebracht werden: Die Grenzen sind weit, nicht provinziell wie Gemeinde/Bistum/Landeskirche. Ökumene ist die heute bewohnte Welt, ist das Raumschiff Erde - uns anvertraut, um es bewohnbar zu halten. Für diese Herausforderung sind wir in überwältigender Weise auf unsere Dialogfähigkeit angewiesen.

Gemeinsam haben alle Kirchen folgendes zu beachten: Sie müssen aus dem Zentrum des Glaubens leben und ihre Wahrheit in heutiger Realität bezeugen. Sie sollen die Geschichten erzählen von dem Gott Israels, der Vater Jesu Christi ist. Sie sollen ihn bekennen als den Schöpfer und Erhalter, als den Erlöser und Vollender und als den Tröster.

Das kann in dieser Zeit selbstsicherer und banaler Gottlosigkeit die Dimension der Transzendenz offenhalten. Dann können wir gegen die Verflachung und die Banalisierung des Lebens in unserer wunderschönen Welt einstehen für Vertiefung und für eine Verbesserung unserer inneren Substanz.

Wir brauchen Erneuerung, damit wir im Kraftfeld Jesu bleiben, in dem allein wir Menschen suchend und fragend unterwegs sein können. Christen in den Kirchen müssen den Menschen dazu verhelfen, daß sie aus dem Gefängnis der Ich-Sucht herauskommen. Daher ist die Botschaft von der Solidarität und Nächstenliebe der Ausfluß dessen, was wir zu tun haben.

Und wir haben zu bekennen, daß der Tod nicht das letzte Wort hat.

Der besondere Auftrag der reformatorischen Kirchen ist dabei, aus ihrer Tradition vor allem drei Schwerpunkte zu betonen:

  • Botschaft von der Rechtfertigung
          Das bedeutet, unser Scheitern und unsere Schuld haben nicht das letzte Wort. Gott hat uns lieb - egal, woher wir kommen und was wir gelten. Das ist besonders wichtig zu vermitteln in einer Welt, in der offenbar alles darauf ankommt, was man tut und macht und besitzt.     
  • Botschaft von der Freiheit eines Christenmenschen
          Wir unterliegen keinen klerikalen Zwängen, keiner religiösen Bevormundung. Kirche ist "Anwältin der Freiheit" und bezeugt die Freiheit als Verantwortung für die Welt.     
  • Priestertum der Gläubigen
          "Kirche ist Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern" (Theologische Erklärung von BARMEN 1934). In ihr gibt es keine hierarchischen Bindungen. Die organisatorischen Strukturen begründen keine Herrschaft von oben nach unten.

3. Kirche im neuen Jahrhundert

Die oben beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungen zwingen die Evangelischen Landeskirchen - auch wegen der Abnahme finanzieller Mittel zu einschneidenden Änderungen ihrer Organisation und Arbeit. Und das bedeutet: Stellenabbau und Gehaltseinbußen. Sie haben im Osten längst ein Ausmaß erreicht, wo von der oft beschworenen "Verschlankung" der kirchlichen Strukturen keine Rede mehr sein kann. Ganze Aufgabenbereiche müssen völlig aufgegeben werden.

Wenn ich angesichts dieser Bedingungen von Kirche der Zukunft rede, so ist dieses eine wichtige Voraussetzung:

  • Ein Modell künftiger Kirche ist nicht theoretisch und idealistisch zu entwickeln; man kann die gegenwärtigen kirchlichen Strukturen auch nicht mit einem einfachen Beschluß auf ein neues System umstellen.     
  • Die Kirche ist ständigen Veränderungen unterworfen. Kirchenreform ist immer ein Prozeß auf Neues hin. Die gegenwärtige Wirklichkeit enthält schon Ansätze, die Künftiges beispielhaft vorabbilden. Unter dieser Voraussetzung verstehe ich das im folgenden Gesagte.

3.1 KIRCHE DER ZUKUNFT: Miteinander auf der Suche nach Sinn - Mit Konfessionslosen und Distanzierten ins Gespräch kommen

Kirchliche Arbeit geschieht heute weithin unter den Augen einer nicht-kirchlichen Öffentlichkeit. Kirchentreue Christen leben weniger denn je nur unter ihresgleichen. Sie treffen auf Menschen, die christlichem Glauben distanziert, gleichgültig, ablehnend oder verständnislos gegenüberstehen. Uns begegnen andere Lebenserfahrungen und andere Lebensentwürfe. Darin werden wir uns einüben müssen. Der Brückenschlag kann gelingen, wenn wir auch die verkappten religiösen Fragen und die unausgesprochenen Sehnsüchte anderer Menschen ernst nehmen, ohne sie damit gleich zu vereinnahmen. Das bedeutet nicht, vom eigenen Glauben zu schweigen. Wir können auch Kirchenfremden deutlich machen, was uns an unserem Glauben wichtig ist

Die eigentlich Unbekannten in der Kirche sind diese Kirchenfremden, die sogenannten Distanzierten. Im Osten wie im Westen Deutschlands bilden sie die Mehrheit der Mitglieder, und doch ist von ihnen wenig bekannt. Sie sprechen kaum über ihre Distanz; dabei spricht diese doch ihre eigene Sprache. Sie gehören der Kirche an und nehmen sie wenig in Anspruch. "Sie lassen sich nicht reinziehen in die konkrete Kirche, aber sie gehen auch nicht raus. ... Sie sind die Mehrheit. Aber ... sie haben keine Stimme in der Kirche." Dabei hätten gerade sie es nötig, daß die Christen im Inneren der Gemeinde auf sie achten.

Ich möchte darum gerade die treuen Gemeindeglieder ermutigen, sich mehr als bisher gerade diesen Menschen zu öffnen. Vielleicht haben sie die Kirche kaum vermißt. Wahrscheinlich haben sie jedoch auch nie zu spüren bekommen, daß die Kirche sie vermißt und daß sie uns wegen wichtigen Gesprächsimpulsen fehlen.

Die Gemeinde braucht nicht nur die Konzentration nach innen, sondern auch die Öffnung nach außen. Wichtig sind die persönlichen Begegnungen. Biographische Anknüpfungspunkte, die Schwellensituationen des Lebens, das Bedürfnis nach Orientierung und Vergewisserung, vielleicht auch der Wunsch, durch Riten - welcher Art auch immer - gehalten zu werden, sind dann wichtiger als theologische Belehrungen.

Neue Formen kirchlicher Arbeit brauchen wir für die, die sich auch ohne Kirchenzugehörigkeit gesund fühlen. Ihnen nahezubringen, daß christlicher Glaube und Zugehörigkeit zur Kirche zum Leben dient, ist sehr schwierig.

Vermutlich geht das nur im Blick auf die heranwachsende Generation. Dafür muß kirchliche Arbeit neue Prioritäten setzen. In diesem Zusammenhang plädiere ich für gute kirchliche Schulen und für engagierte Jugendangebote und eine gute Medienarbeit, die gesamtkirchlich zu organisieren und zu finanzieren sind.

3.2 KIRCHE DER ZUKUNFT: Offene Kirche werden

Es besteht ein enormer Bedarf an einer neu zu gestaltenden "Sprachlehre des Glaubens", die zum Dialog ermutigt und dazu hilft, das Evangelium den Menschen von heute in einer verständlichen Sprache nahezubringen. Dies ist nicht nur eine Frage des Vokabulars. Wir müssen die biblische Botschaft in ihrer Relevanz für die Gegenwart erfahrbar machen, so daß sie zur Orientierung und zur Ermutigung wird, so daß Menschen den Versuch wagen, mit ihr das Leben zu bestehen.

Sprachlosigkeit ist eine Last, sie drängt nach Lösung. Nachfolge gelingt, wenn Menschen sich stärken lassen von der Kraft des Geistes. Der lebt in der Bindung an das Wort. Es muß hörbar bleiben. Und hier ist Einübung in die Überlieferung nötig, wir Christen müssen die Geschichten erzählen, die von der Tradition der Väter und Mütter geprägt sind.

Unserer evangelischen Kirche wird oft vorgehalten, sie sei zu rational und daher langweilig. Die religiösen Aufbrüche unserer Zeit, der wachsende Esoterikmarkt lasse erkennen, daß Menschen auf Religion ansprechbar sind. Die Kirche lebe an diesem Bedarf vorbei; sie sei eben nicht "kundenorientiert". Diese Vorwürfe sind vorschnell und oberflächlich. Es liegt nicht nur an der "kundenfernen Kirche", wenn Menschen ihre religiöse Erbauung bei Guru-Gruppen und in Esoterik-Schulen suchen. Es gibt auch eine "asoziale" Religion, wie Richard Schröder das genannt hat, eine Sucht nach Göttlichem im eigenen Ich, eine Religiosität, die sich fesseln läßt von ausbeuterischen Systemen, bisweilen mit geradezu nekrophilen Zügen, wenn man an Satans- und Friedhofskulte denkt, oder von pseudowissenschaftlichen Angeboten mit mystischem Gewabere von feinstofflichen Strahlen und Energien und kosmischen Beziehungen.

Unser Glaube aber wird repräsentiert von einer Kirche mit zweitausendjähriger Geschichte. Diese ist zwar wegen ihrer dunklen Seiten auch eine Last, aber die Kirche muß bereit sein, zu ihrer dunklen Tradition zu stehen. Das ist aber unerläßlich für eine kultivierte Religion. Denn nur mit einem selbstkritischen Geschichtsbewußtsein kann sie auch ihre hellen Seiten als heilende Erinnerung in die Gegenwart tragen und so einen Glauben vermitteln, der das Gedächtnis in seine Weitergabe einbezieht.

3.3 KIRCHE DER ZUKUNFT: als Gemeinde in der Region leben

Nach wie vor bietet die Ortsgemeinde für die kirchliche Sozialisation enorme Chancen. In ihr kann Glauben am Wohnort gelernt und praktiziert, Beteiligung in entscheidenden Lebensphasen erlebt und die Erfahrung christlicher Gemeinde vermittelt werden. Sie nimmt Anteil am Alltag der Menschen und begleitet sie in den Krisen wie bei den Festen ihres Lebens. Die Ortsgemeinde bietet die Möglichkeit der Beteiligung bei relativ niedriger Zugangsschwelle.

Neben den Ortsgemeinden wird es aber Gruppen-Gemeinden geben, Gemeinden in denen Menschen auf begrenzte Zeit oder auf Dauer zusammenleben, Hauskreise, Kommunitäten u.s.w.

Gemeindebildung muß die Beweglichkeit der Menschen in Rechnung stellen. Johannes Hoekendijk hat vor 30 Jahren schon davor gewarnt, den mobilen Menschen nur von unseren konsolidierten Immobilien aus dienen zu wollen. Er forderte: "Zelte statt Tempel" und kleine Gruppen als Missionsorgane.

Damit ist amtlich: Parochiale Strukturen und funktionale Dienste dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Unter dem Spardruck hört man immer wieder; die Ortsgemeinde sei das eigentliche Handlungsinstrument von Kirche. Das ist ein falsches Dogma. Wir brauchen Dienste, die den mobilen Strukturen der Gesellschaft entgegenkommen.

Durch die Zusammenarbeit in der Region lassen sich die Aufgaben gemeinsam erfüllen, die die Kräfte einer Gemeinde übersteigen (z.B. Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Kirchenmusik, Diakonie, Öffentlichkeitsarbeit).

Wenn die Gemeinde über den eigenen Kirchturm hinaus arbeitet, wächst das Bewußtsein für ihre Weite. Die unterschiedlichen Ebenen der Ortsgemeinde und der Region, des Kirchenkreises und der Landeskirche werden dann nicht mehr in gegenseitiger Konkurrenz, sondern als Netzwerk gesehen, das dem einen und gemeinsamen Auftrag zu dienen hat.

3.4 KIRCHE DER ZUKUNFT: Mediendimension

Kirche solle kundenfreundlich sein, wird modern gefordert. Das Bild einer solchen kundenfreundlichen Kirche enthält zwei Botschaften: Die eine lautet: Die Kirche muß zeitgemäße Formen finden, um den Menschen die Botschaft nahezubringen. Die andere Botschaft: Jede Kundenfreundlichkeit hat Folgen für die Botschaft und kann sie beschädigen. Viele ziehen angesichts mancher mißglückter Versuche die Konsequenz, unsere Kirche dürfe sich der Aufgabe der Öffentlichkeitsarbeit überhaupt nicht stellen. Sie solle ein Gegengewicht zum Geist der Zeit darstellen und müsse auf Werbung ganz verzichten. Die Botschaft spräche für sich selbst.

Man kann die Botschaft des Evangeliums aber nicht durch Abschottung bewahren. Sie würde nicht bewahrt, sondern verdorben. Denn die Botschaft ist öffentlich. Ein Leben in der Verborgenheit ist für den Bergprediger genauso absurd, wie ein Licht anzuzünden, um es dann unter den Scheffel zu stellen. Die Formen der Öffentlichkeitsarbeit zur Zeit Jesu und der Apostel waren die damals zeitgemäßen. Die Apostel suchten die Märkte, die Stadttore und die Gebetsstätten auf. Das waren die Plätze des Informationsaustausches. Sie überbrückten weite Strecken von Stadt zu Stadt und benutzten, wie der Apostel Paulus damals auch das gängige Transportmittel für Fernreisen, das Schiff.

Martin Luther hat die Bibel ins Deutsche übersetzt und damit den Grundwortschatz des Glaubens einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In der Reformationszeit wurden Flugblätter als Medium genutzt.

Eine neue Revolution der Kommunikationstechniken steht nun auch heute an. Die Entwicklung neuer Medien - vor allem im elektronischen Bereich - schaffen eine ungeahnte Fülle von neuen Möglichkeiten. Die Risiken dabei sind offensichtlich und vielfältig diskutiert:

  • Die Geschwindigkeit, mit der Kommunikation erzielt wird, und die Fülle der vermittelbaren Informationen kennzeichnen auch gleichzeitig die Flüchtigkeit und den Mangel an Nachhaltigkeit der kommunikativen Prozesse. Man könnte paradox formulieren: Die Flüchtigkeit gerade ist es, die sich verfestigt in den Menschen.     
  • Daraus folgt, daß Ereignisse immer spektakulär sein müssen, mindestens aber spektakulär inszeniert, damit sie Aufmerksamkeit erzielen und aufgenommen werden.     
  • Möglicherweise fördern die neuen Medien durch die im Niveau ständig sinkende Unterhaltung die Passivität der Kommunikanten. Ihr "Standort" ist der Sitzort, der Fernsehsessel.     
  • Irrtum und Manipulation sind oft nicht erkennbar. Der Spielraum der Medienwelt wird ausschließlich durch ökonomische Gesetze begrenzt.

Fazit:

Das Medium entwickelt sich zu einer eigenen Welt. Der Umgang damit will gelernt sein, um fähig zu werden zur Distanz.

Es ist nötig, die in der Kirche Mitarbeitende professionell einzustellen und zeitgemäße Dialoge mit Medienschaffenden, Publizisten und Journalisten zu führen.

3.5. KIRCHE DER ZUKUNFT: die Unerläßlichkeit der Theologie

Von der inneren Plausibilität persönlicher wie kollektiver Frömmigkeit hängt viel ab - für die Verbindlichkeit im Umgang mit der objektivierten Form von Religion in Gestalt Heiliger Texte (Gebete) und Bücher (Bibel) oder öffentlicher Rituale und kirchlicher Organisation, - für die prägenden Gemeinschaftserlebnisse mit anderen Gläubigen in Gestalt gemeinsamer Feste und Feiern, - für die Verständigung über Gestalt und Ziele der Glaubensgemeinschaft.

Innere Plausibilität ist kein statischer Vorgang, sondern sie ist Ergebnis eines lebenslangen dynamischen Lernprozesses. Sie wird vom einzelnen Menschen in vielen kreativen oder auch zerstörerischen Akten der Traditionsaneignung mit Phasen hoher Stimmigkeit und tiefer Krisen durchlebt. Auf die Frage: "Warum glaubst Du das?" läßt sich manchmal nur stotternd, meistens nur unvollständig und nie objektiv antworten.

Religion ist keine trainierbare, verfügbare Wahrheit. Es gibt religiöse Wahrheit - jedenfalls die in christlicher Gestalt -, die sperrt sich dagegen. Holzbalken und leere Sarkophage sagen nichts, auch nicht, wenn man sie vergoldet. Ob ein religiöses Erlebnis als subjektives oder objektives Ereignis zu werten ist, hängt davon ab, ob es sich nachvollziehbar mitteilen und an verläßlichen Überlieferungen prüfen läßt. Dem dient die Theologie als Wissenschaft.

Wissenschaftliche Theologie und theologische Ausbildung sind unerläßlicher denn je. Die christliche Tradition ist in unserer Kultur verankert, sie ist keineswegs nur noch in Restbeständen wirksam. Der von der EKD jüngst eröffnete Konsultationsprozeß will das Verhältnis von Protestantismus und Kultur neu bestimmen. Die wissenschaftliche Theologie hat hier eine unerläßliche Aufgabe. Der Diskurs mit den anderen Wissenschaften ist nicht nur für die Theologie nötig, er ist auch für die Erkenntnisprozesse unserer Gesellschaft und für die aus ihnen resultierenden Handlungsschritte erforderlich.

Der andere Aspekt läßt sich an der von Volker Drehsen aufgenommenen Frage "Wie religionsfähig ist die Volkskirche?" festmachen. Für Theologie und Wissenschaft ist diese Frage zukunftsentscheidend. Darauf muß sich wissenschaftliche Theologie deutlicher einstellen. Nur so kann der theologische Nachwuchs lernen, den Menschen gegenüber für das Evangelium einzustehen.

Nicht das Sie das mißverstehen, ich gehöre nicht zu denen, die die theologische Ausbildung an der Universität für ausschließlich auf die pfarrberufliche Praxis ausgerichtet sehen. Ich erinnere mich an den Satz des unvergessenen Ernst Käseman "Wer Theologie studiert, muß auch bereit sein, für andere stellvertretend zu zweifeln". Ohne die eigene denkende Existenz der Gottesfragen auszusetzen, wäre die theologische Ausbildung auf Kommunikationstechniken reduziert, die Macher produzieren oder Entertainer, nicht aber "Hirten" und "Lehrer".

3.6 KIRCHE DER ZUKUNFT: Kultur des Ehrenamtes

In Zukunft werden Gemeinden immer weniger damit rechnen können, daß sie eigene Pfarrerinnen bzw. Pfarrer oder auch einen hauptamtlichen Mitarbeiter bzw. eine Mitarbeiterin nur für sich allein beanspruchen können, selbst wenn dies nach missionarischen Erfordernissen gerade nötig wäre. Die Präsenz der Kirche entscheidet sich künftig weniger an der Residenz des Pfarrers, als vielmehr an der Existenz der Gemeinde. Diese Einsicht ist nicht neu, sie entspricht ursprünglicher reformatorischer Überzeugung und der langen Erfahrung in den zahlreichen Diasporasituationen in der Ökumene.

Das tragende Gerüst lebendiger Gemeindearbeit werden die Gemeinden zunehmend selber stellen müssen. Haupt-, neben- und ehrenamtliche Arbeit stehen zueinander nicht in Konkurrenz, sondern sie sind aufeinander angewiesen. Sie sind nach 1. Korinther 12,12 ff. unterschiedliche Funktionen der Kirche als des Leibes Christi. Kein Organ kann ein anderes ersetzen. Sie brauchen einander. Zu Recht sagt die 4. These der Barmer Theologischen Erklärung: "Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes."

Die kirchliche Wirklichkeit sieht jedoch weithin ganz anders aus. Von engagierten "Laien" wird darauf kritisch und begründet immer wieder hingewiesen.

Freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind nicht nur an der Ausführung der Aufgaben, sondern auch an der Planung und Verantwortung zu beteiligen.

Frauen und Männer für die freiwillige Mitarbeit in der Kirche zu gewinnen und zu ermutigen, aber auch zu befähigen und zu fördern, wird eine der wichtigsten Aufgaben der Hauptamtlichen in den nächsten Jahren sein.

Um die Vielfalt und die Gemeinschaft kirchlicher Dienste erhalten zu können, wird von hauptamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Zukunft ein hohes Maß an Flexibilität und Mobilität erwartet werden. Sie müssen in Nachbargemeinden oder in einer ganzen Region Aufgaben übernehmen, die andernorts wegen unbesetzter oder aufgegebener Stellen nicht mehr erfüllt werden können. Das erfordert die Bereitschaft, unterwegs zu sein, um Gemeinden und Gruppen fachlich zu beraten und geistlich zu stärken. Diese brauchen mehr denn je ein Netzwerk, das sie miteinander verbindet, sie trägt und instand setzt, ihre Aufgaben am jeweiligen Ort zu erfüllen.

Was für unsere gemeindlichen Verhältnisse noch nicht unmittelbar bevorzustehen scheint, ist in Minderheitskirchen in vielen Teilen der Welt, vor allem bei unseren Nachbarn in Ost- und Südeuropa, längst eine selbstverständliche Ausprägung der Gemeindearbeit. Sie verfügen darin zum Teil über jahrhundertelange Erfahrungen. Auch in dieser Hinsicht wird es Zeit, von der Ökumene zu lernen.

Schluß

Ich habe mir erspart, über künftige EKD-Strukturen zu sprechen, nicht weil sie unerheblich wären, sie wären ein eigenes Thema. Aber für dessen Tiefe sollen die heutigen Ausführungen die Richtung anzeigen. Jedenfalls ist die Organisationsstruktur der EKD kein Selbstzweck. Sie hat sich an dem zu messen, was für die Menschen und die Botschaft unerläßlich ist.

Der holländische Ökumeniker Johannes Hoekendijk, ich habe ihn schon erwähnt, hat vor mehr als 30 Jahren ein Buch geschrieben mit dem Titel: "Zukunft der Kirche - Kirche der Zukunft". Hellsichtig und provozierend beschreibt er darin, was uns blüht.

Das Buch liest sich, als wäre es nicht vor 30 Jahren, sondern eben erst erschienen.

Mit Nüchternheit sah er den Traditionsabbruch voraus und den Weg der Kirche in eine Minderheitsrolle. Die Menschen in der Kirche sollten davor aber nicht in Schrecken fallen. Lethargie sollte sich in Mut, Verschlossenheit in Offenheit verwandeln. Diasporafest müsse die Kirche werden, schreibt Hoekendijk. Ihre zu groß gewordenen Häuser sollten sie nicht hindern, den Ruf zum Aufbruch zu hören. "Geben wir uns keinen Illusionen hin: Der Weg in die Welt von morgen führt in die Wüste." Aber, so fährt er fort: "Die Wüste, in die wir jetzt vielleicht beängstigt starren, wird ein Land sein, das urbar werden wird, und ein Ort sein, an dem die Neue Welt von morgen schon angebrochen ist."

Überall in der Welt setzen Menschen Zeichen gegen die Phantasien der Macht und gegen die Todesdrohungen der Mächtigen. Es sind Zeichen der Hoffnung, so klein und unscheinbar sie auch oft sind.

In unserem Land gibt es immer mehr Menschen, die die Not und die Nichtigkeit spüren - inmitten der Fülle von Gütern und Waren. Sie merken, wie man vor dem Tod schon tot sein kann, wenn man nur für sich selber alles zu gewinnen meint in kurzen, oberflächlichen Glücksmomenten. Und sie machen sich daran, das ganze Leben zu entdecken. Das ist die Bewegung gegen den Tod. Sie kommt in diese Welt mit dem Mann, der im Stall zur Welt kam, am Kreuz sein Leben ließ und den Seinen als Sieger über den Tod erschien. Den zu bezeugen, ist die Aufgabe der Evangelischen Kirche in unserem Land.



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