Eingangsrede anlässlich des EKD-Empfangs zum Templeton-Preis 2006 auf der Berlinale 2006

Petra Bahr

12. Februar 2006

"Festivals sind die Kirchentage der Filmkultur", das hat Dieter Kosslik einmal gesagt, und er muss es wissen. In der Tat, der Vergleich drängt sich auf. In den überfüllten U-Bahnen stecken Menschen jeden Alters ihre Köpfe in zerlesene Berlinaleprogramme. In der Stadt laufen Cineasten über das Trottoir, die nicht ohne Stolz die cremefarbenen Kunststofftaschen mit blassroter Schrift um die Schulter tragen – das sind die "lila Tücher" der Festivalbesucher: Mehr Symbol der Zugehörigkeit als nützliches Requisit. Schon ein paar Tage nach dem großen Ereignis verschwinden die Taschen wohl in der hinterletzten Ecke des Kleiderschranks und ihre Träger werden sich fragen, was sie an dem Souvenir nur so toll gefunden haben. Neidisch schauen die Festival-Besucher auf die Akkreditierungsausweise, die den Pressevertretern vor den Bäuchen baumeln, weil sie so zu jedem Film freien Zugang haben. Festivals sind die Kirchentage der Filmkultur – der Leiter der Berlinale hatte wohl anderes im Sinn, als er diesen Vergleich anstellte. Es ist diese besondere Mischung aus Enthusiasmus und Reflexion, aus Hedonismus und Askese, aus Unermüdlichkeit und Erschöpfung, die zumindest von Ferne an die großen Christenfeste erinnert. Wer will schon sagen, ob die rotgeränderten Augen im Gesicht des Gegenübers vom Marathon des Zuschauens oder von der letzten Party herrühren?

Nun liegt gerade der Witz solcher Vergleiche darin, dass man sie nicht strapaziert. Außerdem stellt der Vergleich nur eine äußere Ähnlichkeit fest, nicht aber die innere Beziehung der Vergleichspartner. Das Interesse der Evangelischen Kirchen in Deutschland am Film geht indes weit über solch augenzwinkernd festgestellte äußere Verwandtschaft hinaus.

Filme spiegeln, kommentieren und erzeugen Weltbilder und Menschenbilder. Im Medium Film und seinen vielfältigen Verbreitungsformen hat sich in den letzten Jahrzehnten eine mächtige Sinndeutungsmaschine entwickelt, die unsere Vorstellung von der Welt und von uns selbst elementar prägt. Diese Maschine tankt auch aus dem Bilderreservoir des Christentums. Ein Netz aus filmischen Zeichen legt sich über die Welt, das uns alle einfängt und in das wir uns eingewickelt wissen. Der Macht der filmischen Bilder kann man nicht entgehen, weil man Kinomuffel ist. Sie sind längst in den Bilderfundus unseres individuellen und kollektiven Gedächtnisses eingegangen. Das Kino ist nicht nur ein Unterhaltungsmedium der hohen oder der niederen Spielart. Nein: Kino ist keine Privatsache. Filme sind individuelle Trostorte, aber auch kollektive Orte der Selbstverständigung unterhalb der Ebene wortreicher Debatten. Bilder machen Geschichte.

So wird unser eigenes Bild von der deutschen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in den filmischen Verarbeitungen – von Claude Lanzmanns "Shoah" bis zum "Untergang" – in seinen Grundzügen geprägt. Und zwar nicht, weil sie didaktisch geschickt historische Weisheiten verkaufen, sondern weil sie mit einer eigenen ästhetischen Position überzeugen. Ihre politische und ethische Brisanz liegt nicht hinter den Bildern, sie liegt in diesen selbst!

In den letzten Jahren kamen Debatten über den Umgang mit der deutschen Geschichte und die Formen des Erinnerns oft hoffnungslos zu spät, sie kamen in der Folge von Filmen und reagierten auf sie. Damit soll nicht gesagt sein, dass die Debatten nutzlos sind. Im Gegenteil. Es soll nur deutlich werden, dass das Kino ein wichtiger Anstoß zu Debatten um unser historisches und kulturelles Selbstverständnis war und nicht nur seine ästhetische Verarbeitung.

Im Film entfalten sich große Heilsgeschichten, hier werden moderne Legenden erzählt. Auf Zelluloid entstehen die großen Projektionsflächen für menschliche Sehnsüchte. Dem Kino ist nichts Menschliches fremd. Filme sind ästhetische Kommentare zum Krieg, zum Terror, zur Sterbehilfe, zur Sexualität, zu Modellen des Scheiterns und des Gelingens. In Filmen erhaschen wir einen Blick hinter verhangene Welten, Momentaufnahmen des Fremden, ebenso verstörend wie erhellend. Sie regen an zum besseren Verstehen und zur Kunst des Unterscheidens. Der Film ist augenblicklich oft das einzige Medium, das einen Zugang zum Alltag in der arabischen Welt eröffnet, der sich von den Bildern der Tagesschau unterscheidet. Filmemacher – und Filmemacherinnen – eröffnen uns in bisweilen verblüffend neuer Bildsprache eine ungeahnte Perspektive auf das Leben in Kabul, in Islamabad oder in Ramallah. Filme sind keine Thesen zum interkulturellen und zum interreligiösen Dialog und wollen es nicht sein. Und doch avancieren Filme in Zeiten, wo der Kampf der Kulturen entfacht werden soll, zu künstlerischen Medien des Kampfes um Kultur, sie sind ein sinnlicher Einwand gegen die Barbarei des Fundamentalismus.

Die audiovisuelle Doppelkraft des Kinos greift virtuos auf alle Sinne des Menschen über. Bild- und Tonsequenzen gehen buchstäblich unter die Haut, wir nehmen sie mit in die Träume, sie wandern in unsere Kinderzimmer und in unsere Schlafzimmer ein, sie machen sich breit in unseren Imaginationsräumen. Der stete Hinweis, das Kino bilde die Wirklichkeit doch gar nicht ab, es verzerre oder verzaubere sie nur, tut der Wirkmächtigkeit der Bilder übrigens keinen Abbruch. Im Gegenteil. Die Macht des Films besteht ja gerade darin, das Unsichtbare sichtbar zu machen und nicht, die Welt des Sichtbaren zu verdoppeln. Tremendum und Faszinosum, das Großartige und Unheimliche des Kinos besteht wohl darin, das es ihm so wunderbar gelingt, den Innenraum des Menschen auszuleuchten.

Ein Film, der sämtliche Register der Filmtechnik zieht, von der Beleuchtung über die Kameraführung bis zum Arrangement der Räume, kann innere Beweggründe, die dunkelsten Affekte und die leuchtendsten Gefühle unmittelbar und lebendig vor Augen führen. Das Kino führt seine Zuschauer so pfeilgerade in das Herzzentrum der menschlichen Existenz und seiner Passionen. Es zeigt auch die kulturellen Strategien des Umgangs mit diesen Affekten, die sich oft so spröde zeigen gegen unsere eigene Erfahrung: Gesten des Verzeihens, wie in dem heute ausgezeichneten Film "L’ enfant" von Jean-Pierre und Luc Dardenne, Pathosformeln der Güte, des Großmuts, des Vergessens, des Trotzes und des Widerstehens. Die filmischen Strategien dieser gutartigen Entblößung unterscheiden sich sehr. Sie können unerbittlich und sezierend sein wie in Michael Hanekes "Caché" - aktueller "Film des Monats" der Evangelischen Filmjury - oder zärtlich verklärend, sie können drastisch sein, aber auch komisch und leicht.

Das Kino ist ästhetische "Erfahrungsseelenkunde", um einmal ein altertümliches Wort aus dem 18. Jahrhundert zu beleihen.
Wann haben Sie zum letzten Mal ein Gewissen gesehen? Marc Rothemund zeichnet seiner Hauptfigur "Sophie Scholl" ins verschattete Gesicht, was kein Auge je so gesehen hat: einen inneren Gewissenskampf. Dieses Kammerspiel, das protestantisch zu nennen ich mich auch aus ästhetischen Gründen nicht scheuen würde, ist nun für einen Oscar nominiert. Die ökumenische Jury in Berlin hat "Sophie Scholl" im letzten Jahr ausgezeichnet. Und schon der erste Film, der von einer ökumenischen Jury in Cannes ausgezeichnet wurde, ist längst ein Meisterstück und Klassiker der Erfahrungsseelenkunde: "Angst essen Seele auf" von Rainer Werner Fassbinder.

Hier liegt wohl der innerste Grund der Faszination vieler Theologen für den Film, denn der christliche Glaube thematisiert auf andersartige Weise in Gebet, Ritual und Andacht die Tumulte im Innenraum des Menschen. Auch der christliche Glaube hat Erfahrungsseelenkunde ausgebildet. Darum engagiert sich die Evangelische Kirche für das Medium Film: mit seinen filmkritischen Magazinen, um die kritische Urteilskraft zu schärfen und die Debatte um theologische Perspektiven zu bereichern, mit Fort- und Bildungsangeboten, um die ästhetische und religiöse Bildung zu verbinden, mit einem filmkulturellen Zentrum, das neuere Entwicklungen im Bereich des Films und der Filmpolitik begleitet und in Jurys, die als fester Bestandteil der großen Festivals Filmen Aufmerksamkeit verleihen, in denen es in ausgezeichneter Weise gelingt, Erfahrungsseelenkunde filmästhetisch umzusetzen. Die Innenräume der Seele sensibel und gekonnt auszuleuchten, ohne sie zu brutalisieren oder zu banalisieren, diese Kunst hat die volle Unterstützung evangelischer Filmarbeit.



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