"Tätiges Leben – Teilhabechancen für alle Lebensalter" - Vortrag bei dem Symposion „Platz für Potenziale? Partizipation im Alter zwischen alten Strukturen und neuen Erfordernissen“ in Hannover

Wolfgang Huber

07. Juni 2006

I.

Das Alter ist ein Segen. Es ist geschenkte Zeit, die unseren Vorfahren nur sehr selten vergönnt war und über die auch wir erst seit kurzem verfügen dürfen. Denn die Lebensphase „Alter“ ist ein junges Phänomen. Erst vor etwa einhundert Jahren begann, bedingt durch den wirtschaftlichen, sozialen und medizinischen Fortschritt, eine wahre Altersrevolution, deren Ende bislang noch nicht abzusehen ist. 35 zusätzliche Lebensjahre lassen sich in dieser Zeitspanne der durchschnittlichen Lebenserwartung bereits zurechnen – und diese Zahl steigt derzeit um etwa drei Monate pro Jahr. Ein heute geborenes Mädchen wird nach der Statistik fast 82 Jahre alt, ein heute geborener Junge 76 Jahre.

Diese sich neu öffnende Zeit ist voller Möglichkeiten und Chancen. Wer heute aus dem Berufsleben ausscheidet, kann nach statistischer Wahrscheinlichkeit erwarten, noch weitere zwei Jahrzehnte aktiv und bei guter Gesundheit erleben zu können, denn Verletzlichkeit und Hilfsbedürftigkeit nehmen erst im sehr hohen Alter deutlich zu. Welch ein Geschenk uns zuteil wird, zeigt sich besonders im Blick auf die jüngere Vergangenheit: Zur Zeit der Einführung der Alters- und Invalidenversicherung im Jahre 1891 erreichten nicht einmal 40 Prozent der Frauen und nur jeder dritte Mann das 60ste Lebensjahr. Heute erreichen 90 Prozent der Bevölkerung dieses Alter. Welch ein Segen!

Vom Segen des Alters spricht auch die Bibel. Das 1. Buch Mose zählt eine lange Liste von Generationen auf, die freilich nur Männer erwähnt: von Adam bis zu Noah. Nicht nur Methusalem, sondern auch alle anderen dort Genannten erreichten ein auch aus heutiger Sicht wahrhaft biblisches Alter. In dieser Aufzählung spiegelt sich die Vorstellung wieder, dass die Menschen in einer längst versunkenen Vorzeit, im so genannten „Goldenen Zeitalter“, näher bei Gott lebten und deshalb mit langem Leben gesegnet waren. Das Alte Testament erzählt an zahlreichen Stellen von Menschen, die erst im hohen Alter einen Auftrag von Gott erhielten oder in besonderer Weise von Gott gesegnet waren.

Noah etwa ist hochbetagt, als Gott ihn beauftragt, die Arche zu bauen, um seine Familie und die Tierwelt vor der Sintflut zu retten. Abraham ist ein sehr alter Mann, als er sich auf Gottes Geheiß auf den Weg macht, um mit seiner Frau in das Land zu ziehen, das Gott ihm zeigen wird. Und auch Mose ist wirklich alt, als Gott ihn sein Volk Israel aus Ägypten in das Land der Verheißung führen lässt. Es waren in biblischer Perspektive mit Alter gesegnete Menschen, die Neues wagen und etwas bewegen sollten.

Ein weitgehend gesundes und tatkräftiges Alter ist heute nahezu zur Normalität geworden. Empfinden wir diese einer ganzen Generation geschenkten Jahre als Segen, als Grund zur Freude und zur Dankbarkeit? Wer die aktuellen Debatten über die Zukunft unseres Landes und die Krise des Sozialstaates verfolgt, wird daran Zweifel haben. Alter erscheint gegenwärtig vor allem als eine Art Problemzone. Unworte wie „Altersschwemme“, „Überalterung“ und „Alterslast“ suggerieren die Überflüssigkeit der Älteren. Auch Zerrbilder einer verantwortungslosen Generation von Alten, die – sei es durch Rentenansprüche oder durch die Inanspruchnahme von Leistungen des Gesundheitssystems – die Zukunft der Jüngeren ruinieren, sind in den aktuellen Zukunftsdebatten keine Seltenheit. Selbst in Debattenbeiträgen, die nicht einen Generationenkonflikt schüren wollen, sondern sich um Sachlichkeit bemühen, hat die Freude über das Geschenk des langen Lebens nur selten Platz.

Warum reden wir fast ausschließlich über die Belastungen des Alters, statt uns über seinen Segen zu freuen? Warum ist so wenig von der Dankbarkeit über die geschenkten Jahre zu spüren?

II.

Gegenwärtig verunsichern die gravierenden Veränderungen in der Alterspyramide unserer Gesellschaft die Menschen. Wesentlichen Anteil an dieser „schleichenden Revolution“ hat nicht allein die absolute Zahl alter Menschen, sondern insbesondere ihr relativer Anteil an der Bevölkerung. Dieser steigt in den nächsten Jahrzehnten – bei zugleich schrumpfender Gesamtbevölkerungszahl – stärker als je zuvor. Die Ursachen sind bekannt: Neben der gestiegenen Lebenserwartung ist vor allem die extrem niedrige Geburtenrate in Deutschland für diese Entwicklung verantwortlich. Vielen jungen Männern und Frauen in Deutschland fehlt derzeit der Mut, ihren Kinderwunsch zu realisieren. Die daraus resultierende „Unterjüngung“ der Gesellschaft stellt bisher sicher geglaubte Standards und Besitzstände in Frage. Die wachsende Zahl alter Menschen wird oft nur noch als fiskalische Größe wahrgenommen, die die gesellschaftliche Buchhaltung auf der Negativseite belastet.

Hinzu kommt, dass unsere Gesellschaft – den Veränderungen der Lebensphase „Alter“ zum Trotz – einem Jugend- und Fitnesskult anhängt. Jugendlichkeit gilt als Gegenbegriff zu Starrheit, Stagnation, Gebrechlichkeit, Einsamkeit und Verfall. Jugendlichkeit ist der entscheidende Maßstab für ein attraktives Erwachsenenleben. Alter gilt vielen als dessen Kehrseite, als etwas, das möglichst verdrängt und vermieden werden sollte.

Dieser Kult der Jugendlichkeit führt zusammen mit der Angst vor der zunehmenden Alterung der Gesellschaft dazu, dass die Fähigkeiten, Kompetenzen und Ressourcen des Alters nicht angemessen in den Blick treten. Zwar ist in jüngster Zeit viel von den Potenzialen des Alters die Rede. Auch der 5. Altenbericht, den die Sachverständigenkommission der Bundesregierung Ende des vergangenen Jahres ihrem Auftraggeber übergeben hat und der in Kürze von der Bundesregierung veröffentlicht werden soll, widmet sich den „Potenzialen des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft“. Er zeigt auf, das keine frühere Altengeneration über so viele Fähigkeiten und Ressourcen verfügte wie die heutige.

III.

Noch ein weiteres Problemfeld will ich skizzieren: Deutlich zeigt sich die Abwertung des Alters im Erwerbsleben. Die Älteren sind in den vergangenen Jahren immer früher in den Ruhestand entlassen worden. Nicht einmal die Hälfte aller Unternehmen beschäftigt Menschen jenseits des Alters von 50 Jahren. Wenn sich gut qualifizierte Männer und Frauen zwischen 40 und Anfang 50 hunderte Male erfolglos bewerben und auf Rückfrage gesagt bekommen „Ein Seniormanager ist bei uns 35“, dann ist das alarmierend. Eine solche Haltung diskriminiert nicht nur die Älteren, sondern überfordert auch die Generation der Jüngeren. Sie schadet dem sozialen Klima.

Allmählich scheint wieder ein Bewusstsein für den skandalösen Charakter dieser Haltung zu wachsen; hier und da ist ein Umsteuern zu beobachten. Berufliche und menschliche Erfahrung wird wieder stärker gewürdigt. Aber auch unter dem Gesichtspunkt der Rentenfinanzierung wird wieder gefragt, ob wir uns den frühen Ruhestand leisten können. Die Finanzierungsprobleme von Hartz IV führen vor Augen, dass der Ausschluss der über Fünfzigjährigen von der Berufstätigkeit unhaltbare gesellschaftliche Zustände heraufbeschwört.

Gegenwärtig steht vor allem die Erhöhung des Renteneintrittsalters in der Diskussion. Die Erhebungen des Alterssurveys, mit denen die Lebensumstände von Menschen in der zweiten Lebenshälfte umfassend beobachtet werden, zeigt, dass sich die Älteren auf den Abschied von der Frühpensionierung bereits zunehmend einstellen und einen längeren Verbleib im Arbeitsleben einplanen. Allerdings setzt eine längere Erwerbsphase voraus, dass die Vorbehalte der Betriebe gegenüber älteren Arbeitnehmern so schnell wie möglich abgebaut und die Arbeitsbedingungen für Ältere verbessert werden. Gelingt dieses Umdenken nicht, steht zu befürchten, dass sich für viele Ältere nur die Dauer der Arbeitslosigkeit bis zum Renteneintritt verlängert und sich die finanzielle Absicherung verschlechtert. Eine solche Perspektive muss Widerspruch wecken – nicht nur den Widerspruch der Betroffenen, sondern auch den Widerspruch der Kirche.

IV.

Nicht nur in der letzten Arbeitsphase vor dem Rentenalter, sondern auch wenn die Pensionsgrenze erreicht ist, sind die Teilhabechancen der Älteren begrenzt. Das Rentenalter gilt zurzeit weithin noch als Lebensabschnitt, der im Privaten verbracht und gestaltet wird. Viele denken beim Stichwort „Ruhestand“ an einen verlängerten Urlaub, der mit Tätigkeiten gefüllt ist, für die im Erwerbsleben keine Zeit war. Andere Rollenbilder jenseits von Familie und persönlichen Hobbies gibt es derzeit kaum.

Ein Blick auf die Tätigkeiten, die Männer und Frauen nach Erwerbsleben und aktiver Familienphase faktisch ausüben, zeigt jedoch, dass viele ältere Menschen sich engagieren wollen. Sie möchten sich nicht nur „versorgen“ lassen, sondern wollen etwas gestalten und ihre Kräfte zu Gunsten anderer einbringen. Sie betreuen (Enkel-)kinder, pflegen die eigenen sehr alten Eltern oder den kranken Partner. Sie unterstützen, selbst wenn sie selbst bereits den 80. Geburtstag hinter sich haben, hilfsbedürftige Nachbarn und Bekannte.

Diese Tätigkeiten sind unverzichtbar und tragen erheblich zum sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Der Rückzug ins Private, der mit Erreichen des Rentenalters, spätestens jedoch mit dem Alter von etwa 70 Jahren angenommen wird, mag angemessen, ja unvermeidbar gewesen sein in Zeiten, in denen das Alter vor allem durch Gebrechen und nachlassende Kräfte definiert war. Heute hindert dieses Rollenbild, die Potenziale des Alters zu erkennen, und begrenzt die Chancen älterer Menschen ebenso wie die Nutzung ihrer Potenziale durch die Gesellschaft. Denn solche Chancen wie Potenziale liegen in der Übernahme von Verantwortung für das Gemeinwohl.

Beteiligung, nicht Ausschluss, Inklusion, nicht Exklusion: so muss die Perspektive lauten, die aus der Sicht des christlichen Glaubens in diese Debatte einzubringen ist. Gott gewährt allen Menschen in der Kraft des Heiligen Geistes Anteil an seiner Fülle. Er lässt jeden teilhaben an seiner Wirklichkeit. Menschen bejahen ihr geschöpfliches Dasein vor allem anderen in zwei Grundformen, wie Dorothee Sölle zu Recht gesagt hat: in Liebe und Arbeit. Diese Grundformen sind nicht auf bestimmte Lebensphasen eingegrenzt; das Ende der tätigen Bejahung des geschöpflichen Daseins wird nicht durch die Reichsversicherungsordnung bestimmt. Vielmehr ist ein tätiges Leben Menschenrecht und -pflicht zugleich. Als Gottes Ebenbilder sind alle, junge wie alte, einerseits aufgefordert, ihre besonderen Gaben einzusetzen. Zugleich ist es anderseits auch ein Grundbedürfnis der Menschen, durch Tätigsein zur Gestaltung der Gesellschaft beizutragen, solange die Kräfte dazu ausreichen. Denn die Teilhabe an der Gesellschaft hat fundamental mit der Erfahrung zu tun, etwas anderen zu Gute zu tun und von ihnen wahrgenommen und anerkannt zu werden. Wo die Chance dazu verweigert oder entzogen wird, ist die Würde des Menschen beeinträchtigt.

Für die besonderen Gaben von Menschen, die wir heute oft als „Potenzial“ bezeichnen, wurde früher das schöne biblische Wort „Talent“ verwendet. Ich gebe zu, dass ich für dieses Wort durchaus eine Schwäche habe. Denn während im gängigen Sprachgebrauch Potenziale vor allem genutzt werden, sind Talente zu fördern. Wenn man einen Menschen daraufhin anschaut, welche „Potenziale“ in ihm stecken, fragt man zugleich: Potenziale wofür? Darin steckt die Gefahr, ihn ganz überwiegend unter dem Gesichtspunkt seiner Brauchbarkeit und seiner gesellschaftlichen Nützlichkeit anzusehen. Wenn man aber fragt, über welche Talente jemand verfügt, blickt man stärker auf die Gaben und Begabungen, die in ihm stecken, die seine Persönlichkeit ausmachen und die sich in seiner Lebensgeschichte entfalten sollen. Deshalb wäre es mir lieb, wenn das gute alte Wort „Talent“ in der heute verbreiteten Rede von den Potenzialen nicht verloren ginge. Es macht außerdem deutlich, dass die Gesellschaft insgesamt Verantwortung dafür trägt, dass Menschen sich entsprechend ihren Begabungen entfalten können. Die Talente von Menschen zu fördern, heißt, ihnen zu helfen, dass die ihnen anvertrauten Gaben ans Licht kommen können.

V.

Die Talente der Menschen sind die Grundlage, auf die sich die Leistungen und Erfolge einer Gesellschaft gründen. Gegenwärtig müssen wir erkennen, dass unsere Gesellschaft auf unterschiedlichen Feldern nicht genügend Möglichkeiten bereitstellt, damit die Talente alter Menschen sich entfalten können. Die unerträglich hohe Arbeitslosigkeit macht es einer großen Anzahl von Personen unmöglich, ihren Lebensunterhalt aus eigener Kraft zu sichern. Die Bildungsmisere hindert vor allem Kinder aus so bildungsfernen Schichten an der Entfaltung ihre Begabungen. Angesichts dieser gravierenden Missstände wird die Benachteiligung und Abwertung des Alters leicht übersehen. Doch unserer Gesellschaft geht vieles verloren, wenn sie vergisst, dass alte Menschen  – komplementär zu den besonderen Stärken der Jungen – Fähigkeiten und Erfahrungen haben, die für das Gemeinwesen unverzichtbar sind. In einer immer älter werdenden Gesellschaft ist es auch ein Gebot der Generationengerechtigkeit und -solidarität, dass die alten Menschen ein mitverantwortliches Leben führen und sich z.B. in der Kommune, in Initiativen, Vereinen und Verbänden engagieren.

Um die Talente Älterer angemessen wahrzunehmen, brauchen wir zunächst ein realistischeres Altersbild, das die Potenziale und Chancen ins Blickfeld rückt ohne die möglichen Einschränkungen zu verschweigen.

Da ist die 83-Jährige, die schon ihr ganzes Leben in dem kleinen Dorf verbracht hat, in dem sie noch immer wohnt. Seit langem ist sie verwitwet. Sie versorgt ihre inzwischen 50jährige behinderte Tochter und bestellt nach wie vor jahrein jahraus den großen Obst- und Gemüsegarten.

Da ist der 69-Jährige aus dem gleichen Dorf, der mehr als 30 Jahre lang die öffentlichen Anlagen des Landkreises gepflegt hat. Die schwere körperliche Arbeit hatte ihm schon während der letzten Berufsjahre zu schaffen gemacht. Nur wenige Jahre nach der Frühpensionierung erlitt er einen leichten Schlaganfall und verbringt seine Zeit seitdem vor allem mit Fernsehen und Kreuzworträtseln.

Da ist der 88-jährige ehemalige Realschullehrer, dessen Leidenschaft seit jeher das Reisen gewesen ist. Noch immer reist er, wenn auch seltener in ganz ferne Länder. Seit dem Einritt in den Ruhestand ist er auch selbst als Reiseleiter tätig, vornehmlich für Seniorinnen und Senioren.

Da ist die 73-jährige ehemalige Buchhändlerin, die sich seit ihrem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben zusammen mit anderen alten und jungen Menschen in ihrem Stadtteil für ein innovatives Wohnprojekt engagiert. Die Gruppe gründete eine soziale Baugenossenschaft und schuf einen Gebäudekomplex mit 38 Wohneinheiten, in dem heute alte Menschen und junge Familien deutscher und türkischer Herkunft miteinander leben und sich gegenseitig unterstützen.

Vier alte Menschen – vier ganz verschiedene Lebensstile im Alter. Die Gerontologie hat dargelegt, dass die Unterschiede zwischen Einzelpersonen, die durch Veranlagung, soziales Milieu, Umwelt und Lebensstil entstehen, mit dem Alter nicht kleiner, sondern größer werden. Einflussfaktoren sind neben der gesundheitlichen Verfassung die Bildungsvoraussetzungen und sozialen Lebenslagen. Interessen, Bedürfnisse, finanzielle Ressourcen und auch geschlechtsspezifische Unterschiede sind zu erkennen.

Natürlich enthält die Feststellung, dass Menschen so unterschiedlich altern, wie sie leben, eine Binsenweisheit. Doch sie ist nicht überflüssig; denn es fällt offenbar immer noch schwer, der Ausdifferenzierung des Alters auch praktisch Rechnung zu tragen. Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass es nach wie vor pauschale Altersgrenzen für die Ausübung von Berufen oder die Mitarbeit in Gremien gibt. Diese sind in einer alternden Gesellschaft dringend zu überprüfen. Die in den USA herrschende Auffassung, dass generalisierte Altersgrenzen mit dem Recht auf Selbstbestimmung unvereinbar seien, pflegt vielen von uns umso mehr einzuleuchten, je näher wir selbst solchen Grenzen kommen.

VI.

Vordringlich ist das Bemühen um Rahmenbedingungen, die ein mitverantwortliches Leben der Älteren fördern. Denn diese Bedingungen können sich die Älteren nicht alleine schaffen. Sie sind eine gesellschaftliche Gestaltungsaufgabe, die viele unterschiedliche Maßnahmen erforderlich macht.

Dazu gehört, dass eine flexiblere Verteilung der Lebensarbeitszeit über den Lebenslauf ermöglicht wird. Bei einem höheren Renteneintrittsalter sollte die Option bestehen, mit zunehmendem Alter auch weniger zu arbeiten als in anderen Lebensphasen. Eine größere Flexibilität in der Verteilung der Lebensarbeitszeit ist auch eine familienpolitisch dringliche Veränderung. Sie kann zu einer Auflösung des „Lebensstaus“ beitragen, der vielen jungen Menschen die Entscheidung für Kinder erschwert.

Verändern muss sich auch das Verständnis von Bildung im Alter. Auch im Alter ist Bildung nicht nur „Konsum“, der individuellen Freizeitinteressen dient, sondern sie ist und bleibt eine Investition. Bildungsangebote können die Bereitschaft der Älteren wecken und fördern, sich in der Gesellschaft aktiv zu betätigen. Denn vielen alten Menschen fällt wegen der allgemeinen Abwertung des Alters das Zutrauen schwer, dass sie nach dem Erwerbsleben oder nach der aktiven Familienzeit für die Gesellschaft nützlich sind. Manche müssen erst daran erinnert werden, über welche Erfahrungen und Kompetenzen sie verfügen. Manchen fehlt der Mut, sich im Rentenalter etwas Neues aufzubauen sowie die eigenen Kräfte zu entfalten und weiter zu entwickeln. Bildung trägt dazu bei, die Talente der Älteren zu erhalten und zu fördern.

Notwendig sind auch neue Gelegenheiten für das freiwillige Engagement der Älteren. Kommunen, Organisationen und Verbände müssen beteiligungsfreundlicher werden. Sie dürfen die freiwillig Engagierten nicht nur für die mehr oder weniger unliebsame Arbeiten einsetzen, für die sich sonst niemand findet. Notwendig sind vor allem neue Räume für Mitbestimmung und aktive Mitgestaltung.

Gegenwärtig werden viele Anstrengungen unternommen, um freiwilliges Engagement besser zu würdigen und anzuerkennen. Doch das vorherrschende Verständnis von einem tätigen Leben setzt dieses – der Krise der Arbeitsgesellschaft zum Trotz – noch immer weitgehend mit dem „Erwerbsarbeitsleben“ gleich und wertet damit ungewollt die Arbeit all derer ab, die keinen bezahlten Arbeitsplatz (mehr) haben. Doch zu den produktiven Tätigkeiten, die für eine Gesellschaft sinnvoll sind, gehören bezahlte wie unbezahlte Arbeiten.

Auch dies ist eine der im Alltag häufig vergessenen Binsenweisheiten. Dringend muss sich eine größere Aufgeschlossenheit für Lebens- und Arbeitskonzepte entwickeln, in denen die Erwerbsarbeit nicht den einzigen Sinngeber darstellt. Das ist nötig, damit junge wie alte Menschen ihr freiwilliges Engagement als das verstehen können, was es ist: ein unentbehrlicher Beitrag für das Gemeinwesen und für den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

VII.

Nach evangelischem Verständnis ist dieses Engagement ein Wesensmerkmal der Kirche. Das Recht auf Beteiligung aller Christinnen und Christen gehört zu den Errungenschaften der Reformation. Nach meiner Überzeugung gehört dieses Recht zu den Grundrechten in der Kirche. Die Reformatoren begründeten es im Rückgriff auf die biblische Vorstellung vom Priestertum aller Glaubenden.

Gegenwärtig engagieren sich in unserer Kirche weit mehr als eine Million Frauen und Männer an vielen Orten und auf diversen Tätigkeitsfeldern. Die offiziellen Erhebungen zum freiwilligen Engagement in Deutschland, Freiwilligensurvey genannt, weisen aus, dass „Kirche und Religion“ zu den ganz großen Beteiligungsbereichen unserer Gesellschaft gehören. Auch im Vergleich zu anderen gesellschaftlichen Sektoren ist es um das freiwillige Tätigsein in der Kirche also recht gut bestellt. Ein auffälliges Ergebnis des Freiwillgensurvey besteht darin, dass das freiwillige Engagement älterer Menschen ab 60 in den letzten Jahren erheblich gewachsen ist. Für uns als Kirche ist dabei besonders erfreulich, dass neben dem Bereich „Soziales“ auch der Bereich „Kirche und Religion“ von dem zunehmenden Engagement der Älteren profitiert.

Ein Blick auf die Zukunftsperspektiven unserer Kirche zeigt, dass dem freiwilligen Engagement, insbesondere dem freiwilligen Engagement der Älteren, in den kommenden Jahrzehnten eine noch größere Rolle zukommen wird, als das heute schon der Fall ist. Denn der Wandel der Altersstruktur, der unsere ganze Gesellschaft betrifft, ist in der Kirche überproportional stark ausgeprägt. Im Jahr 2030 werden mehr als 40 Prozent der Kirchenmitglieder älter als 60 Jahre sein, gegenwärtig liegt ihr Anteil noch unter einem Drittel. Gleichzeitig ist, so lange man nur den demographischen Wandel zu Grunde legt und nicht mit dem Gewinn neuer Kirchenmitglieder in großer Zahl rechnet, ein deutlicher Rückgang in der Gesamtzahl der Kirchenmitglieder zu erwarten. Einzig die Zahl der älteren Kirchenmitglieder bleibt über die Jahre weitgehend konstant und gewinnt damit natürlich an relativem Gewicht.

Diese Entwicklungen erfordern nicht nur erhebliche strukturelle und organisatorische Veränderungen; ebenso wichtig ist es vielmehr, sich auf diese neue Situation inhaltlich und mental einzustellen. Ganz sicher wird sich die Arbeit von und mit Freiwilligen in der Kirche verändern, denn trotz der recht positiven Bilanz bedarf es auf diesem Feld der Innovation. Die Stimmen verdienen Gehör, die mehr Mitgestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten für freiwillig Engagierte in der Kirche einfordern; dringend ist es, – ebenso wie im Blick auf die berufliche Arbeit in der Kirche – auch im Blick auf die ehrenamtliche Arbeit in der Kirche eine Kultur der Anerkennung und der Wertschätzung zu entwickeln. Eine Sonderauswertung des Freiwilligensurveys zeigt das deutlich. Ein Drittel der befragten Freiwilligen ist mit den Möglichkeiten zur Mitsprache und Mitentscheidung unzufrieden, die im Rahmen des kirchlichen Engagements geboten werden.

Darüber hinaus fällt beim freiwilligen Engagement in der Kirche das sehr unterschiedliche Engagement der Geschlechter. Während es der Kirche offenbar gut gelingt, Frauen für eine freiwillige Tätigkeit zu gewinnen, engagieren sich die Männer eher in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Dieses Partizipationsdefizit sollten wir nicht einfach als naturgegeben hinnehmen. Ebenso ist die große Bereitschaft der Frauen zur Mitarbeit keineswegs für alle Zeit gesichert. Denn die Sonderauswertung zeigt, dass vor allem die Frauen mit den Mitgestaltungs- und Mitentscheidungsmöglichkeiten beim kirchlichen Engagement unzufrieden sind (35%, Männer 24%). Dafür haben sie einigen Grund: Nur jede sechste engagierte Frau übt eine Leitungs- oder Vorstandsfunktion aus, bei den freiwillig in der Kirche engagierten Männern ist es mehr als jeder dritte.

Diese Ungleichverteilung muss nachdenklich stimmen. Denn dem Prinzip des Priestertums aller Glaubenden entspricht die evangelische Überzeugung, dass Frauen und Männer in gleicher Weise an den Leitungsaufgaben in der Kirche zu beteiligen sind. Auch im Hinblick auf die neuen Altersgenerationen, für die Mitbestimmung und Mitgestaltung bei freiwilligem Engagement immer selbstverständlicher wird, müssen die Partizipationsmöglichkeiten verbessert und ausgebaut werden. Die Kirche muss beteiligungsfreundlicher werden. Für die Zukunft des freiwilligen Engagements in der Kirche ist es entscheidend, dass wir dem Streben nach Selbstbestimmung wie nach Mitbestimmung Raum geben.

Dem Priestertum aller Glaubenden und der Gleichwertigkeit von freiwilliger und beruflicher Arbeit Geltung zu verschaffen, bedeutet nicht, die Unterschiedlichkeit der Rollen aufzulösen. Dennoch werden sich die Aufgaben beider Gruppen verändern. Freiwillig Engagierte werden neue Verantwortung für die Präsenz des Glaubens im Alltag übernehmen. Sie werden das kirchliche Leben nach innen und außen prägen. Für die Hauptamtlichen wird die Begleitung, Koordination und Integration freiwillig geleisteter Arbeit zu einer zentralen Aufgabe, die hohe Fachlichkeit und damit auch hohe Kommunikationsfähigkeit erfordert. Auf diese Aufgabe müssen wir alle hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, insbesondere die Pfarrerinnen und Pfarrer, bereits in der Ausbildung vorbereiten.

In der Gleichwertigkeit und wechselseitigen Anerkennung von freiwilliger und beruflicher Arbeit liegt der Schlüssel für gelingende Zusammenarbeit. In einer so verstandenen „Lerngemeinschaft der Verschiedenen“ können auch ganz neue Räume für das freiwillige Engagement von alten Menschen entstehen. Ein ermutigendes Beispiel ist das Modellprogramm „Erfahrungswissen für Initiativen in der Kirche“, das alte Menschen ermutigt und befähigt, im Raum der Kirche neue Initiativen zu starten und Verantwortung zu übernehmen.

Paulus hat die Gleichwertigkeit der Verschiedenen in der Nachfolge Christi mit dem Bild vom Leib und seinen Gliedern umschrieben. An die Gemeinde in Korinth schreibt er: „Ihr aber seid der Leib Christi und jeder einzelne ist ein Glied an ihm“. Die von ihm beschriebene Gemeinschaft lebt von der Gleichwertigkeit in Verschiedenheit, nur in ihr ist sie lebendig. In diesem Bild ist Platz für ganz unterschiedliche Talente und damit auch für den Segen, den jedes Lebensalter in sich trägt.