„Die Durstigen tränken“ - Quellen und Perspektiven christlicher Spiritualität - Eisenacher Vorträge zu den Werken der Barmherzigkeit.

Wolfgang Huber

12. Juli 2007

Vortragsreihe der Föderation Evangelischer Kirchen in Mitteldeutschland zum Elisabethjahr 2007

I.

„Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mir zu trinken gegeben.“ (Matthäus 25, 35) Auf dieses Wort Jesu aus dem Matthäusevangelium bezieht sich die Rede von dem zweiten Werk der Barmherzigkeit. Sechs Werke führt Jesus an, die das Handeln der Gerechten von jenen unterscheiden, die „Verfluchte“ genannt werden (V. 41) – das siebente Werk der Barmherzigkeit, Tote zu bestatten, ergänzte Laktanz in Anlehnung an Tobias 1, 17 um der heiligen Zahl Sieben willen. Die Aufzählung der Taten der Barmherzigkeit in der Gerichtsrede Jesu weist ihnen eine ebenso herausragende Bedeutung zu wie etwa den Seligpreisungen der Bergpredigt. Das Leben und Handeln in Diakonie und Kirche hat sich immer wieder an ihnen orientiert.

Die sieben Werke der Barmherzigkeit als Bezugspunkt einer Vortragsreihe über Elisabeth von Thüringen zu wählen, legt sich wahrlich nahe. Die Überlieferung zeichnet sie, die heute vor fast genau 800 Jahren geboren wurde (man hat ihren Geburtstag auf den 7. Juli datiert), geradezu als Verkörperung der Barmherzigkeit. In zahlreichen Bildern und Statuen ist sie dargestellt, wie sie einem Bedürftigen mit der einen Hand einen Laib Brot, mit der anderen einen Krug voll Wasser reicht. In der Rentkammer der Fürsten zu Solms-Braunfels auf Schloss Braunfels ist die sogenannte „Kanne Elisabeths“ verwahrt; in die ehemals aus dem Altenberger Kloster stammende Silberkanne wurde (1803) eine Inschrift eingraviert, nach der Elisabeth aus jener Kanne Kranken zu trinken gegeben haben soll. In der Pflege der Kranken liegt nun auch ein Schwerpunkt des Handelns der historischen Elisabeth: Nach dem Tod ihres Mannes Ludwig siedelt sie von der Wartburg nach Marburg über; hier liegt der Ausgangspunkt dafür, warum Elisabeth – eingeheiratet in das Haus und Geschlecht der Landgrafen von Thüringen, später erhoben zur Patronin des Landes Hessen – eine historische Brücke bildet zwischen beiden Ländern. In Marburg stiftet sie aus ihrem Vermögen ein Hospital und gründet eine Gemeinschaft von Hospitalschwestern und –brüdern: ein für eine Fürstin höchst ungewöhnliches und vorbildhaftes Engagement. Zahlreiche Hospitäler nennen sich aus diesem Grund nach ihrem Namen; von hier aus ist es nicht vermessen, sie auch im evangelischen Sinne eine „Heilige“ zu nennen.

Der Heiligen sollen wir, so sagt es das Augsburger Bekenntnis, „gedenken ..., damit wir unseren Glauben stärken, wenn wir sehen, wie ihnen Gnade widerfahren und auch wie ihnen durch den Glauben geholfen worden ist; außerdem soll man sich an ihren guten werken ein Beispiel nehmen, ein jeder in seinem Beruf.“.

In dem gerade zitierten Artikel des Augsburger Bekenntnisses von 1530 wird freilich sofort hinzugefügt, dass man in der Heiligen Schrift keinen Grund dafür findet, die Heiligen anzurufen oder Hilfe bei ihnen zu suchen. Denn der einzige Heiland ist Jesus Christus. Seitdem ist die Anrufung der Heiligen evangelischen Christen genauso fremd ist wie die Verehrung ihrer Reliquien. Solche Reliquien werden gerade der heiligen Elisabeth in vergleichsweiser großer Zahl zugeschrieben.

Bleiben wir also dabei, dass wir der heiligen Elisabeth von Thüringen deshalb gedenken, weil sie unseren Glauben stärkt und wir uns an ihren guten Werken ein Beispiel nehmen. Dabei entspricht es in vorbildhafter Weise den Werken der Barmherzigkeit, dass für Elisabeth von Thüringen nicht der Lohn für gute Werke, sondern die Not des anderen die Triebfeder ihres Handelns war. Sie pflegte die Kranken. Sie reichte den Durstigen etwas zu trinken.

II.

Heute über Elisabeth von Thüringen unter der Überschrift des zweiten Werkes der Barmherzigkeit nachzudenken, verpflichtet dazu, den „Durst“ zu identifizieren, mit dem wir es heute zu tun haben. Im 13. Jahrhundert waren Durst und Krankheit eng miteinander verbunden. Kranke konnten ihren Durst nicht selber stillen. Ihnen, wie man heute sagt, die nötige Basisversorgung zukommen zu lassen, hieß dafür zu sorgen, dass sie jedenfalls nicht unter Hunger und Durst zu leiden hatten. Heute ist diese Basisversorgung unumstritten und in entwickelten Ländern auch ohne Not und Sorge gewährleistet. Im Umgang mit Kranken treten ganz andere Fragen in den Vordergrund. Welche therapeutischen Interventionen muss man ihnen zukommen lassen; und müssen diese auch fortgesetzt werden, wenn eigentlich das Sterben an der Zeit ist? So wird heute gefragt; Patientenverfügungen und vorsorgende Vollmachten sollen dieser Frage Rechnung tragen. In diesem Zusammenhang wird dann auch gefragt, ob die künstliche Ernährung unerlässliche Basisversorgung oder eine gegebenenfalls auch zu beendende therapeutische Intervention sei. Wer solche Fragen stellt, fügt hinzu, dass das Benetzen von Lippen und Zunge, also die Linerung des Gefühls von Durst, bis zum letzten Atemzug Sterbender – auch dann, wenn sie nicht mehr bei Bewusstsein zu sein scheinen oder sich schon lange im Koma befinden, ein unerlässlicher Dienst am Nächsten ist. So zeigt auch die Erfahrung unserer Tage, dass es uns an den Kern der Menschlichkeit schlechthin führt, wenn wir vor die Aufgabe gestellt werden, die Durstigen zu tränken.

Auch noch in einer anderen Hinsicht ist die Aktualität des Themas nicht zu übersehen. Sauberes Trinkwasser ist ein knappes Lebensmittel und ein hohes Gut. Im Armutsgürtel der Erde haben viele Menschen keinen ausreichenden Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die hohe Kindersterblichkeit – mehr als dreißigtausend Kinder sterben auf unserem Globus Tag für Tag – hängt ganz besonders mit diesem Mangel an sauberem Trinkwasser zusammen. Der Zugang zu Wasser wird deshalb in wachsendem Maß zu einem politischen Konfliktthema. Am Beispiel des Konflikts im Nahen Osten kann man beispielhaft sehen, wie die Verdrängung der Palästinenser aus bestimmten Regionen durch Siedlungspolitik und Sicherheitszaun auch von dem Motiv bestimmt ist, die Herrschaft über das Wasser zu erringen. Herrschaft über das Wasser ist Herrschaft über die Menschen. Und Armut zeigt sich ganz elementar, wenn Menschen nicht über genügend Trinkwasser verfügen. Die Aufgabe, die Durstigen zu tränken, führt uns insofern in das große Thema der Bekämpfung der Armut. Wenn die von den Vereinten Nationen formulierten Milleniums-Entwicklungsziele eine Halbierung globaler Armut bis zum Jahr 2015 ins Zentrum rücken, dann ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser dabei ein Schlüsselthema. Durst ist eben, wie die Bergpredigt in ihrer Fassung der Seligpreisungen zeigt, immer auch ein Durst nach Gerechtigkeit.

Das erste, was ein Mensch tut, der zur Welt kommt, ist Schreien und Trinken. Im Durst drückt sich auf elementare Weise die leibhafte, ja triebhafte Bedürftigkeit des Menschen aus. Das erste, worin menschliche Armut sich zeigt, ist der Mangel an sauberem Trinkwasser. In diesem Mangel drückt sich auf elementare Weise der physische Charakter von Ungerechtigkeit aus. Doch der Durst des Menschen ist nicht nur physischer Natur. Und Armut zeigt sich nicht nur in materieller Hinsicht. Es gibt auch einen Durst nach dem Geist; und es gibt, wie auch die Seligpreisungen bereits sagen, eine geistliche Armut. Auch diejenigen, die geistlich Durst haben, wollen getränkt werden. Die intensive Frömmigkeit der Elisabeth von Thüringen – heute würden wir sagen: ihre Spiritualität – gibt Anlass dazu, diesen Aspekt des zweiten Werks der Barmherzigkeit ganz besonders zu bedenken.

III.

Spiritualität ist ein Wort mit wachsender Resonanz, ein aufsteigender Stern. Es hat eine Aura, an die sich Hoffnung knüpft. Die Aufmerksamkeit für Spiritualität bildet ein wichtiges Gegengewicht gegen den verbreiteten Materialismus unserer Zeit. Sie ist Ausdruck des Protests gegen die Kommerzialisierung von allem und jedem, die uns zugemessene Lebenszeit eingeschlossen. In ihr meldet sich der Widerspruch gegen einen umfassenden Herrschaftsanspruch der Ökonomie, der auch vor der Ökonomisierung der Seele nicht Halt macht – es sei denn, wir gebieten ihm Einhalt.

Evangelische Spiritualität wird gebraucht. Sie gehört zu den wichtigen Quellen, aus denen heraus wir Antworten finden können auf die Wiederentdeckung der Religion, die unsere Zeit bestimmt. Denn zu den Kräften, die wir in dieser Zeit brauchen, gehört ein starker, persönlicher, inniger Glaube.

Manche von uns haben diese Dimension lange vernachlässigt, weil wir den Glauben so stark mit dem Handeln verknüpft haben. Die öffentliche Meinung hat uns darin bestärkt: Diakonische Werke finden mehr Anklang als Gottesdienste, soziales Engagement ist beliebter als Beten. Aber diese Verengung haben wir verinnerlicht und angenommen, dass sich am Handeln die „Glaubwürdigkeit“ unserer Gottesbeziehung ablesen lasse. Darüber haben wir bisweilen den unmittelbaren Zusammenhang von Glaube und Tat vergessen. Nun aber fangen viele wieder an, dem Einkehren in Gottes Licht, dem Heimkehren in seinen Geist, dem Staunen vor seinem Geheimnis Raum zu geben. Die neue Zuwendung zu einer biblisch orientierten Spiritualität gehört zu den Kostbarkeiten in der derzeitigen Entwicklung unserer evangelischen Kirche. Freilich kommt es darauf an, dass die neue Spiritualität eine klare biblische Orientierung behält und dass christliche Existenz in ihrer Gänze gesehen wird: in der Einheit von Beten und Tun des Gerechten, wie Dietrich Bonhoeffer auf unüberholte Weise gesagt hat.

Er hat damit an eine alte Tradition angeknüpft, eine Tradition, in der auch Elisabeth steht: an die Einheit von Aktion und Kontemplation, von Beten und Arbeiten. Diese Tradition hat auch in der evangelischen Kirche Heimatrecht. Vor wenigen Wochen hat der Rat der EKD in seinem Votum zur Stärkung der Spiritualität über evangelische Kommunitäten und geistliche Gemeinschaften diese als einen „Schatz der evangelischen Kirche“ bezeichnet, „den es zu fördern und zu festigen gilt“. Die reformatorische Frage nach dem guten Baum, der allein gute Früchte bringt, gewinnt neue Aktualität. Die Väter und Mütter im Glauben haben immer wieder daran erinnert, dass bei einem guten Baum nicht zuerst die Früchte des Handelns und Tuns gefragt sind, sondern die Wurzeln des Hörens, des Einfindens, des Schweigens, Betens, Staunens und Singens. Nach meiner Wahrnehmung gilt es nicht länger als typisch protestantisch, dass wir das Innenleben des Glaubens, die spirituelle Landschaft im Herzen, die geistige Tiefe in der Seele vernachlässigen. Vielmehr werden wir gerade aus solcher geistigen Tiefe und theologischen Klarheit, aus dem Miteinander von theologischem Profil und spiritueller Dichte heraus auch in unseren Taten, in unserem Sagen und in unserem Trösten zu Tiefe und Klarheit kommen.

Solche Tiefe und Klarheit gewinnen wir nämlich gerade dann, wenn wir erkennen, dass unser eigenes, vermeintlich großes oder kleines Ich nicht der Mittelpunkt der Welt ist. Wir können dann all den bedrängten, weinenden, verzweifelten Menschen, die unsere Welt trotz aller sozialen und diakonischen Anstrengung weiter kennen wird, zusagen und verheißen, dass der Glanz Gottes dem Kummer, dem Dunkeln, dem Abgründigen und Bösen nicht das letzte Wort lässt. Sollen denn die Bedrängten, Vernachlässigten, Einsamen und Gequälten nicht nur in dieser Welt verlieren, wie es ja leider oft genug geschieht, sondern auch noch in jener Welt, aus der wir kommen, zu der wir gehen, und deren Frieden die Herzen trösten kann?

Ich bin davon überzeugt, dass neben kritischer Aufklärung und dialogischer Toleranz, neben sozialem Engagement und diakonischem Tun auch eine gereifte Innerlichkeit, auch eine an Bibel und Bekenntnis orientierte Sehnsucht nach einem Ankommen bei Gott eines der kräftigsten Widerstandsnester ist gegen allen religiösen Terrorismus und Fundamentalismus. Deshalb freue ich mich über die Wiederkehr der Spiritualität und will gern an ihr Anteil haben.

IV.

Doch es besteht kein Zweifel. Bei der Suche nach Spiritualität beobachten wir mancherlei Vagabundieren. Kritische Beobachter machen darauf aufmerksam. So schreibt Joachim Galuska: „In unserer Gesellschaft besteht ein spirituelles Defizit und viele Menschen sind auf der Suche. Die klassischen Wege der Kirche sind aber für viele nicht gangbar, da sucht man sich dann seine eigenen – mit den entsprechenden Um- und Irrwegen.“ Joachim Galuska ist ärztlicher Direktor der Fachklinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie Heiligenfeld. Er hat es unter anderem mit Menschen zu tun, die bei dieser Suche psychisch auf der Strecke bleiben.

Die neue Spiritualität, von der Widerstandskraft gegen die Verzweckung unseres Lebens und die Instrumentalisierung unserer Seele erhofft wird, gerät selbst in den Sog des Konsumismus. Kritisch notiert beispielsweise Markus Brauck: „Welcher Gott der richtige ist, wann das Ende der Welt kommt – das interessiert immer weniger. Gefragt ist, was nutzt. ...  Der spirituelle Mensch als Konsument. Das Angebot entspricht der Nachfrage. Nichts führt religiösen, pseudoreligiösen und spirituellen Gruppen so sehr Menschen zu wie das Gefühl, dass die Welt mehr zu bieten haben müsste, als sie es tut. ... Die Schulmedizin genügt nicht. Die Wissenschaft genügt nicht. Psychologie genügt nicht. Kirchen genügen nicht.“

Es werden spirituelle Haarschnitte angeboten, vermeintliche Experten bestimmen in Kirchen die Punkte, an denen sich Energieströme verstärken, Spiritualität vermischt sich mit Wellness und Kommerz. Es werden auch „Tropfen heiligen Wassers aus der Quelle zu Lourdes“ verschickt, eingetrocknet auf Postkarten, damit man sich Flaschen davon bestellen möge Wer auf Elisabeth schaut, erkennt den Unsinn in einem solchen Vorgang. Wasser ist nicht dazu da, auf Postkarten eingetrocknet zu werden, Wasser ist zum Trinken da, es soll Durstige tränken. Eine vagabundierende Spiritualität breitet sich aus, verspricht berufliche Erfolge, Gesundheit, Kräfte zur Lebensbewältigung und Gotteserfahrungen unterschiedlichster Art.

Aber auch noch diese vagabundierende Spiritualität enthält Hinweise auf eine Sehnsucht, die Menschen ohne kirchliche Bindung mit solchen verbindet, die kirchlich engagiert sind. Sie suchen nach Erfahrungen, die stärker sind als die verwirrenden und kräftezehrenden Eindrücke des Alltags, sie suchen nach einer Mitte ihrer Lebenspraxis, die Orientierung gibt und wenigstens den Hinweis darauf, dass das Leben „mehr als alles“ ist. Jede Spiritualität bezieht sich auf etwas Absolutes, auf die Gottheit oder ihre Offenbarung, auf das Nichts oder die Leere, auf das, was die Welt im Innersten zusammenhält.

V.

Spiritualität ist kein spezifisch christliches Phänomen. Es gibt selbstverständlich eine muslimische Spiritualität, es gibt die Spiritualität buddhistischer Mönche oder indianischer Riten und vieles andere mehr.

Man geht auf die Suche in fernöstlichen Traditionen, in esoterischen Praktiken, aber durchaus auch in christlichen Kirchen. Manchmal hat die Spiritualität unserer Tage weniger ein spirituelles Gegenüber im Auge als vielmehr die Methoden, die Zugang zu einem Absoluten versprechen. Atemübungen oder Phantasiereisen, Kerzen oder Klangschalen, Steinmeditationen oder Stilleübungen mögen Hilfen auf einem Wege sein, aber nicht das Ziel. Andererseits transportieren die Methoden auch unerkannte Inhalte, die dem Suchenden verborgen bleiben und ihn, weil nicht reflektiert, ungeprüft besetzen können.

Trotz dieser vielfältigen Gestalten ist festzuhalten: Der Begriff Spiritualität ist christlichen Ursprungs. Er leitet sich vom Spiritus Sanctus, dem Heiligen Geist, her. Wo der Heilige Geist Fühlen, Denken und Handeln eines Menschen bestimmt, ist sein Leben spirituell. Frömmigkeitspraxis, Lebensgestaltung und Glaube sind in diesem Wort zusammengefasst. „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten“, schreibt Luther in seiner Erklärung zum Dritten Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses.

Nehmen wir die Herkunft des Wortes ernst, dann bezeichnet Spiritualität ein Beziehungsgeschehen. Gottes Geist wirkt auf den Menschen ein, und der Mensch nimmt diese Wirkung wahr, er nimmt sie auf und setzt sie in sein Leben um. Das Gegenüber, auf das Christinnen und Christen sich beziehen, ist nicht die Leere oder ein anonymes Absolutes, sondern der Gott, der sich in Jesus Christus gezeigt und auf den hin er gelebt hat. Insofern ist christliche Spiritualität exklusiv. Aber weil dieser Gott lebendig und unverfügbar ist, ist sie nicht eng. Wie jede Beziehung gestaltet sie sich gemäß der persönlichen Lebenssituation der Beteiligten, sie bleibt ein Prozess.

Christliche Spiritualität meint also nicht nur einen Sektor des Lebens, sondern das Leben im Ganzen. Sie ist eine Frömmigkeitskultur, die authentisch gelebt wird; sie kennzeichnet den Lebensstil des Christenmenschen. Sie ist, wie Fulbert Steffensky sagt, „geformte Aufmerksamkeit“. Sie ist Wahrnehmung Gottes im Glück der Menschen, in der Schönheit der Natur und im Gelingen des Lebens. Sie ist aber ebenso die Wahrnehmung der Augen Christi in den Augen eines hungernden Kindes, wie es bei Elisabeth geschah oder die Erfahrung seiner Nacktheit in einem nackten Bettler, von der die Legende des Martin von Tours erzählt. Christliche Spiritualität ist eine Spiritualität der Umkehr. Sie folgt dem großen Finger Johannes des Täufers auf Grünewalds Isenheimer Altar: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ In der Spiritualität geht es nicht um meinen Geist, sondern um den Geist Gottes. Christliche Spiritualität ist deshalb nicht Vergeistigung, sondern Verleiblichung des Glaubens im gelebten Leben. Geistlicher Durst und physischer Durst, das Trinken von klarem Wasser und das Innewerden in geistlicher Klarheit verbinden sich aufs Engste.

Spiritualität ist, wie Karl-Friedrich Wiggermann zusammenfassend gesagt hat, „Entfaltung des gelebten christlichen Glaubens ... Christen brauchen spirituelle Glaubenszugänge, die lebensgeschichtliche Tiefe erreichen. Sie sind wahrnehmbar in Gottesdienst, Frömmigkeit, Übung, Lebensgestaltung und elementarisierter Theologie. ... Spirituelle Glaubenszugänge zielen ... auf die verbindliche Zusage des Heiligen Geistes; sie verharmlosen nicht Anfechtungen und Zweifel, sondern nehmen sie als Phänomene ihrer Zeit ernst. ... Spiritualität schafft religiöse Beheimatung. Diese wiederum setzt einen weltoffenen und weitherzigen Glauben frei, der sich in einem scheinbar alles zersetzenden Agnostizismus und Relativismus nicht auflöst, sondern auch in solchen Bedrohungen spirituelle Glaubenszugänge schafft.“

VI.

Seit den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts stand im Mittelpunkt der Wahrnehmung zumindest in der Evangelischen Kirche die politische und soziale Verantwortung. Auch empirische Umfragen bestätigten: „Das Soll der Kirche ist ...: Seelsorge, Diakonie und Verkündigung, in dieser Reihenfolge.“ Seelsorge firmierte dabei bezeichnender Weise unter der Feststellung: „Die Evangelische Kirche kümmert sich um die Sorgen und Probleme der Einzelnen.“

Dreißig Jahre später aber heißt es als Ergebnis einer vergleichbaren Untersuchung: „Dies sind die drei Aufgaben, die man der Kirche zuweist: Sie soll durch die Verkündigung ihrer Botschaft, durch Gottesdienste und Seelsorge geistliche Kommunikationsmöglichkeiten bereithalten, den Menschen durch Übergangsrituale in biographischen Umbruchssituationen helfend zur Seite stehen und sich für Notleidende einsetzen.“ Jetzt taucht aber auch die Erwartung auf, die Kirche sollte „Raum für Gebet, Stille und innere Zwiesprache geben.“

Die Verschiebung ist evident. Die politisch-soziale Aktion ist nicht in den Hintergrund getreten; aber es ist sichtbar geworden, dass sie eine Basis braucht. Und die ist vernachlässigt worden, man lebte von der Substanz.

Bei den Neuanfängen christlicher Spiritualität geht es auch darum, von denen zu lernen, die in den Formen christlicher Frömmigkeit zu Hause sind. Das einfache Alphabet der Frömmigkeit lernen wir am leichtesten, indem wir uns den Erfahrungen derer anschließen, die in diesem Alphabet geübt sind. Dazu gehört auch Elisabeth von Thüringen. Fulbert Steffensky beschreibt dieses Lernen folgendermaßen: „Es ist tröstlich zu wissen, dass das eigene Haus Schätze der Weisheit birgt und dass wir nicht völlig angewiesen sind auf die Spiritualitätskonzeptionen aus anderen religiösen Gegenden. Es ist schön, wenn man über den eigenen Tellerrand schauen kann und die Schätze der anderen nicht verachten und sich selber als einzigartig erklären muss. Komisch aber wirkt man, wenn man nur in den Vorgärten der Fremden grast und der eigenen Tradition nichts zutraut. Wenn man weiß, was die eigenen Schätze sind, dann kann man sich in Freiheit und Gelassenheit den fremden zuwenden.“

Vielleicht ist es kein Zufall, dass diese Sätze von einem evangelischen Theologen stammen, der über eine lange Erfahrung und eine tiefe Übung in katholischer Spiritualität verfügt – nämlich dort, wo die vita spiritualis in der katholischen Kirche vor allem beheimatet ist: im klösterlichen Leben. Damit hängt es zusammen, dass gegenwärtig viele Menschen ein wachsendes Interesse an den Ritualen der katholischen Kirche entwickeln. Die öffentliche Wahrnehmung beim Wechsel im Papstamt hat das gezeigt. Die evangelische Kirche wird die reichen Formen der Schwesterkirche nicht imitieren. Wohl aber erwacht eine Sensibilität für eine Übereinstimmung von Formen und Inhalten. Es hatte sich mancherorts in den Gottesdiensten unter dem Anspruch,  Zugewandtheit und Nähe zu demonstrieren, eine saloppe Vertraulichkeit breit gemacht. Der Umgang mit den überlieferten Formen wurde zuweilen mit ironischem Unterton praktiziert. Diese Tendenz klingt ab. Man lernt: Nähe und Feierlichkeit passen zueinander, und eine Wiederkehr geprägter Formen ist kein Schade.

VII.

Spiritualität ist nicht handlungsorientiert. Doch, mit Ernst gelebt, bestimmt sie menschliches Handeln zutiefst.

Besorgte Kultursoziologen stellen fest: Es gibt in unserer Gesellschaft eine Weigerung, erwachsen zu werden. Das zeigt sich im Wunsch, so lange wie möglich in der elterlichen Wohnung zu bleiben, an sehr langen Ausbildungszeiten, an der Ausweitung der Jugendkultur bis in das dritte Lebensjahrzehnt und an der späten, oft zu späten Bereitschaft, sich auf eigene Kinder einzulassen. Oder auch lebenslang in der Erwartung, andere hätten für das Gelingen des Lebens zu sorgen, vor allem der Staat; der Staat als Vater oder Mutter, die man gelegentlich hintergeht, gegen die man pubertär rebelliert und von denen man doch alles erwartet. Erfüllt der Staat diese Erwartungen nicht, wendet man sich enttäuscht ab und resigniert.

Dazu ist Elisabeth ein geradezu beunruhigendes Gegenbild. Denn ihr wurden, wie wir heute sagen würden, Kindheit und Jugend geraubt. Ihr wurde schon als Kind abverlangt, was sich heute Erwachsene nicht mehr zutrauen: eine feste eheliche Bindung einzugehen. Als Vierjährige wird sie verlobt, als Vierzehnjährige heiratet sie einen auch nur sieben Jahre älteren Mann und bringt drei Kinder zur Welt. Als Neunzehnjährige lässt sie in Abwesenheit ihres Mannes die Vorratsspeicher des Landgrafen öffnen, um das Vorhandene unter der notleidenden Bevölkerung zu verteilen. Als Zwanzigjährige verabschiedet sie ihren Mann, der zum Kreuzzug aufbricht und wird ihn nie wieder sehen. Schon bei der Geburt des dritten Kindes ist sie allein. Ein neues Leben beginnt – in einem Alter, in dem heute die wenigsten schon für ihr erstes Leben eine Gestalt kennen, geschweige denn für ein neues.

Kind zu sein, sich anzuvertrauen, sich fallen zu lassen, andere in der Verantwortung zu wissen, bleibt eine tiefe Sehnsucht auch im Leben von Erwachsenen. Sie hat ihr Recht. Sie ist ein Kontrapunkt zu den Herausforderungen des Lebens, auf die man mit selbständigen Entscheidungen und der Übernahme von Verantwortung für sich und für andere reagieren muss.

Die Frage ist: Wo bin ich Kind, wo Erwachsener? Christliche Spiritualität ist eine Antwort: Versteh dich als Kind Gottes. Lass ihm die letzte Verantwortung. Versteh dich ihm gegenüber als der Nehmende. Von ihm empfängst du Impulse und Kraft für die andere Seite deines Seins, für das Erwachsensein.

Ein vergleichbares Phänomen wie die Flucht aus dem Erwachsensein ist die verbreitete Neigung, Öffentlichkeit zu suchen, nach Möglichkeit Fernsehöffentlichkeit. Man will gesehen werden. Manche sind süchtig danach.

Dass jemand mich wahrnimmt, sich zu mir verhält, sei es anerkennend, sei es kritisch, ist wichtig für mein Selbstverständnis und für mein Selbstbewusstsein. Wenn niemand mich sieht, wer bin ich dann? Das galt immer schon, das ist ein Aspekt des Menschen als „politisches Tier“, als soziales Wesen. Doch was schützt mich davor, von dieser Sehnsucht nach Anerkennung und deshalb auch von der Öffentlichkeit abhängig zu werden? Es gibt einen solchen Schutz: das Bewusstsein, dass Gott mich sieht, mich ernst nimmt, sich zu mir verhält. Deshalb ist die Geborgenheit in Gott eine Bedingung gelebter Freiheit. Wer diesen Zusammenhang in sein Innerstes aufgenommen hat, für den wird der Glaube zum Teil der eigenen Vernunft, der eigenen Sinne, der eigenen Leiblichkeit, des eigenen Verhaltens. Er hat eine spirituelle Heimat gefunden.

Demgegenüber ist die Verweigerung des Erwachsenseins Ausdruck einer spirituellen Heimatlosigkeit. In der Sucht nach Öffentlichkeit drückt sich das Fehlen einer Anerkennungserfahrung in der Tiefe aus.  Spiritualität dagegen ist zugelassenes Kindsein, das aus der Quelle des Lebens schöpft. Weil sie erwachsen werden lässt, kann sie das gesellschaftliche Leben prägen und öffentliche Bedeutung erhalten. Sie kann dabei helfen, in Gesellschaft und Öffentlichkeit Verantwortung zu übernehmen, ohne sich dabei von der Frage beherrschen zu lassen, ob man dabei selbst gut zur Geltung kommt.

VIII.

Wer sich an Elisabeth von Thüringen erinnert, muss sich die Frage stellen, ob im eigenen Leben, aber auch in unserer Gesellschaft die „Kultur der Barmherzigkeit“ noch eine Chance hat, der die heilige Elisabeth die letzte Phase ihres kurzen Lebens in rastloser Hingabe widmete. Wenn wir uns fragen, was in unserer Gesellschaft diese Kultur der Barmherzigkeit gefährdet und wie sie bewahrt beziehungsweise erneuert werden kann, stößt auch in dieser Hinsicht auf eine Frage der Spiritualität.

Spiritualität ist nötig, um Menschen davor zu bewahren, dass sie innere oder äußere Verunsicherung dadurch beantworten, dass sie Opfer suchen. René Girard hat diesen Mechanismus der Opfersuche immer wieder beschrieben. Es handelt sich um ein anthropologisches Grundmuster. Davon zeugen die antiken Mythen, die Sündenbockriten aller Zeiten, Hexenjagden und Judenpogrome bis hin zum Holocaust; davon zeugen aber auch die Völkermorde, Terrorhandlungen und Menschenjagden unserer Gegenwart. Mit der Ausstoßung und Tötung eines Opfers reinigt und befriedet sich eine Gemeinschaft: sie ist heil, das Opfer nichtswürdig. Die Passion Jesu, so Girard, folgt genau diesem Muster. Mit der Hinrichtung Jesu wird der Friede zwischen Kaiphas und Pilatus hergestellt, das Volk findet seine Ruhe. Aber die Bewertung ist in den Evangelien diametral anders als in der antiken Welt: Die Täter werden verurteilt, das Opfer gerechtfertigt. Vorbereitet durch das Alte Testament mit der Josephsgeschichte oder mit den Berichten über Prophetenverfolgungen, bekräftigt durch die Praxis Jesu von Nazareth, erwächst aus dieser Erzählung die Kultur einer Sorge um das Opfer. Sie hat die Grenzen der christlichen Welt längst überschritten und ist weithin moralisches Allgemeingut geworden. Sie steht aber nach wie vor im Wettbewerb mit der archaischen Form der Selbsterlösung durch das Opfer – auch in unserem Land. Das zeigt sich, wenn unter jungen Leuten „Looser!“ oder „Du Opfer!“ gängige Schimpfworte sind, und wenn gerade Menschen, die bereits Opfer sind wie Asylsuchende, Behinderte oder Obdachlose noch einmal zu Opfern von Angriffen werden.

Ob die Sorge um die Opfer, ob Barmherzigkeit in einer Gesellschaft lebendig ist, das hängt, so können wir folgern, davon ab, wie kraftvoll die Erzählung präsent ist, auf der die Bereitschaft zur Barmherzigkeit beruht. Die Vergegenwärtigung dieser Erzählung und ihrer Bilder – im Gottesdienst, in der Meditation, im betrachtenden Gebet – hat für die Erneuerung einer Kultur der Barmherzigkeit große Bedeutung.

Der Auszug der Barmherzigkeit aus unserem Bewusstsein und die Reduktion der Wirklichkeit auf das Messbare hängen unmittelbar miteinander zusammen. Ob wir bereit sind, Zeit aufzuwenden, um den Durstigen zu tränken, hängt eng mit der Frage zusammen, ob in unserem Leben für ein Jenseits Raum  ist: ein Jenseits unserer Interessen, ein Jenseits unseres Lebens, ein Jenseits unserer Zeit. Verbreitete Formen der Lebensgestaltung lassen zwischen beruflichen Anforderungen und selbst erhobenen Ansprüchen im Freizeitbereich für ein „Jenseits“ kaum Raum. Klaus Dörner spricht von der „Diesseitsfalle, in der der Mensch vor lauter Entlastung vom Anderen, Fremden, Äußeren im Saft der reinen Immanenz schmort.“ Prägnant gibt Woody Allen die ambivalente Haltung vieler Zeitgenossen wieder: „Natürlich gibt es eine jenseitige Welt. Die Frage ist nur: Wie weit ist sie von der Innenstadt entfernt, und wie lange hat sie geöffnet?“

Ob die verfügbare Wirklichkeit als geschlossenes System verstanden wird oder ob sie in eine umfassendere Wirklichkeit eingebettet ist, der sie sich verdankt und vor der wir verantwortlich sind, ob die Welt ihrer eigenen Logik überlassen bleibt oder ob die Horizonte des Universums offen sind, das bestimmt das Lebensgefühl der Menschen grundlegend. Davon hängt ab, wie sie ihr Leben wahrnehmen und gestalten, wie sie ihren Ort im Kosmos finden, wie sie mit der Endlichkeit des eigenen Lebens umgehen.

Die Möglichkeit dazu, einen solchen Ort in der Wirklichkeit zu finden, wird in den Erzählungen des Glaubens erschlossen. Damit sie wirken können, müssen sie immer wieder erinnert, meditiert und  neu gedeutet werden. Sie verbinden sich mit den Personen, mit denen zusammen wir uns an sie erinnern. Sie wollen nicht nur gewusst werden, sie wollen Teil der persönlichen Spiritualität werden. Der Zugang dazu, unseren Ort in dieser größeren, von Gott bestimmten Wirklichkeit zu finden, erschließt sich in der Feier des Glaubens. Aus ihr lebt auch die persönliche Spiritualität. Aber diese Teilhabe an der Wirklichkeit Gottes will verleiblicht werden und in unserem Alltag einen festen Ort erhalten. Deshalb brauchen wir eine Übung der Spiritualität, feste Formen der Frömmigkeit, die uns in guten wie in schweren Tagen tragen und zum Schwarzbrot unseres Glaubens werden können. Dass biblische Texte – die Losungen zum Beispiel – in unserem Leben einen festen Ort haben, ist dafür genauso wichtig wie der Raum für Zeiten der Stille, die Praxis der Meditation und die Übung des Gebets.

Christliche Spiritualität hat einen eigenen Rhythmus; immer wird sie in zwei Schritten beschritten, in den Schritten von Beten und Arbeiten, von Einatmen und Ausatmen. Es geht in ihr um die Zuwendung zur Mitte wie um die Rückkehr zur Weite des Lebens; es geht darum, dass wir Einkehr halten in der Wirklichkeit Gottes und dadurch ankommen können in der Wirklichkeit unserer Welt.

Diese Spiritualität findet ihre Genüge nicht darin, dass wir uns selbst wohlfühlen, indem wir unserer religiösen Wellness einen Dienst tun. Denn sie weiß, dass der Glaube, der uns mit Gott verbindet, uns auch aneinander weist. Sie sieht auch keinen Selbstzweck darin, sich fremde religiöse Formen auszuborgen. Sondern sie achtet die Schätze, die ihr im christlichen Glauben anvertraut sind, und gewinnt daraus die Weite, auch die Schätze anderer zu würdigen.

So wird der Durst gestillt, der das menschliche Leben prägt, nicht nur der physische Durst, nicht nur der Durst der Armut, sondern auch der geistliche Durst. Der Zweischritt, auf dem das geschieht, der Zweischritt von Gebet und Tat, tritt uns an großen Zeuginnen und Zeugen des Glaubens vor Augen, in diesem Jahr 2007 und hier zu Füßen der Wartburg ganz besonders in der Gestalt der Elisabeth von Thüringen.



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