Ein Esra für Anhalt - Georg III. als weltlicher Fürst und geistlicher Hirte, St. Marienkirche Dessau

Hermann Barth

21. September 2007

Media-Box

Ein Esra für Anhalt

Download als pdf-Datei




Festrede beim Festakt der Evangelischen Landeskirche Anhalts und der Stadt Dessau-Roßlau aus Anlass des 500. Geburtstages von Georg III. von Anhalt

Wir rühmen heute die Person und das Wirken Georgs III. von Anhalt, rücken ihn, jedenfalls für einen Augenblick, aus dem Schatten der Reformatoren mit den bekannten Namen heraus und stellen ihn in das Licht ungeteilter Aufmerksamkeit. Die Hochschätzung, die er in diesen Tagen und Wochen erfährt, ist bloß ein schwaches Echo der Verehrung, die ihm schon zu Lebzeiten entgegengebracht wurde. Am 20. Mai 1539 schreibt Luther einen Brief an Georg. Er empfiehlt ihm darin den Magister Georg Ämylius und gibt das Lob, das der Magister für Georg findet, ausführlich wieder. Der Fürst solle sich dieses Lob getrost gefallen lassen. Und dann fährt Luther fort:

Denn unwürdig ist es des Lichtes und der Zierde, wenn sie unter einem Scheffel verborgen werden ... Wer wäre nicht zuversichtlich, dass, hätten wir in der Kirche nur drei herausragende Leitungsgestalten deines Schlages, ebendiese Kirche in Kürze auf das Glücklichste nach den besten Maßstäben reformiert würde - um von der höchsten und ersten Gabe, nämlich der reinen Lehre des Evangeliums, zu schweigen, die, wenn du an der Spitze stündest, gewiss die Herrschaft ausüben würde?(1)

Noch eine kleine Zwischenbemerkung zur Sprache: Der Brief ist in lateinischer Sprache geschrieben - wie zahlreiche andere Quellen zum Leben und Werk Georgs auch. Damals gehörte Latein zur universitären Grundausbildung. Georg schrieb sich 1518, also mit 11 (!) Jahren, an der Universität Leipzig ein und begann mit dem Studium der lateinischen Grammatik, der Rhetorik und Dialektik. Man wird mit seinen eigenen - ehrlich gesagt gar nicht so üblen - Lateinkenntnissen ganz klein und bescheiden, wenn man wahrnimmt, wie gewandt sich die Gebildeten in jenen Tagen der lateinischen Sprache zu bedienen verstanden.

Die Hochschätzung Georgs hat sich in mancherlei Beinamen niedergeschlagen: Georg der Gottselige ist er genannt worden. Luther hat von ihm gesagt: Er ist "frömmer als ich"; "fromm" hat dabei - so füge ich hinzu - einen weiteren Sinn als heutzutage; es bezeichnet nicht einen besonderen, nämlich spirituellen Lebensbereich, sondern die Übereinstimmung von Glauben und Leben, etwa in dem Sinn von  "rechtschaffen". Besonders angetan hat es mir aber ein Vergleich, den Philipp Melanchthon in seinem - einst in dieser Kirche in der Nähe von Georgs Gruft angebrachten - Trauergedicht für Georg gewählt hat. Das Gedicht ist in klangvollen lateinischen Distichen abgefasst:

... Sed fuit huic fontes doctrinae discere cura,
quam nobis gnatus tradidit ipse Dei ...
und so weiter.

Die deutsche Version macht demgegenüber nicht viel her, aber jeder versteht sie:

... Seine Sorge war darauf gerichtet, die Quellen der Lehre kennenzulernen,
die uns der Sohn Gottes selbst offenbarte.
Diese Zierde ist es, die er den glänzenden Taten der Älteren hinzufügte,
er verschaffte seinem Heimatlande auch großen Nutzen.
Und nun der Vergleich: Wie Esra einst dem Volk Recht sprach
und zugleich das göttliche Gesetz auslegte,
so hatte er den Dienst des Fürsten wie des Hirten inne ...
(2)

Die biblische Gestalt des Esra ist, selbst in kirchlichen Kreisen, weder besonders bekannt noch besonders populär. Er war - im Auftrag des persischen Königs Artaxerxes - der Reorganisator des nachexilischen Israel. Ich lasse dahingestellt, wieviel Georg und die historische oder die biblische Gestalt des Esra tatsächlich gemeinsam haben. Melanchthon hat sie jedenfalls in einer Reihe gesehen, und darum habe ich meiner Festrede den Titel gegeben:

Ein Esra für Anhalt - Georg III. als weltlicher Fürst und geistlicher Hirte.

Eine Festrede muss sich zeitlich wie thematisch beschränken. Ich nehme darum meinen Ausgang bei einem späten Text Georgs und verdeutliche an ihm (sowie an ergänzenden Dokumenten) seine Auffassung in einigen grundlegenden theologischen und kirchlichen Fragen.

I. Über eine Predigtveröffentlichung als Vermächtnis

Als 1552 in Dessau die Pest grassierte, hat Georg dort von Gründonnerstag bis Ostersonntag vier Predigten über Psalm 16 gehalten. Der Psalm fängt an mit der Bitte: "Bewahre mich, Gott, denn ich traue auf dich." Und er endet im Ton der Zuversicht: "Du wirst mich nicht dem Tod überlassen und nicht zugeben, dass dein Heiliger die Grube sehe. Du tust mir kund den Weg zum Leben". Es liegt am Tage, warum Georg gerade diesen Psalm gewählt hat. Er wollte den Menschen, wie er es selbst ausdrückt, nicht die "geistliche Seelsorge schuldig" bleiben. Als sich die Krankheit ausbreitete, habe ich - so schreibt er - "sie aus besonderer innerer Zuneigung trösten und stärken wollen". Von Melanchthon ließ er sich als Predigthilfe eine Auslegung des Psalms schicken. Vom Sommer 1552 an schrieb er die Predigten (samt einer Vorrede) in einer ausführlicheren Fassung nieder. Wenige Monate nach Abschluss des Manuskripts ist er am 17. Oktober 1553 gestorben. Schon dieser äußerliche Umstand macht die Predigten und die Vorrede zu einer Art Vermächtnis. Der Vermächtnischarakter wird noch verstärkt durch den Inhalt. Gerade die Vorrede thematisiert eine Reihe von Grundsatzfragen - so als habe Georg in Vorahnung seines Todes noch einmal bündig festhalten wollen, was ein Christenmensch und was die Kirche zu beherzigen haben. Speziell an diese Teile der Vorrede knüpfe ich in den folgenden Abschnitten an(3) .

II. Über die unterschiedlichen Aufgaben in der Christenheit

Immer dann, wenn sich die Christenheit erneuern will - ob das im 16. Jahrhundert ist oder jetzt an der Schwelle zum 21. -, ist es für sie unerlässlich, sich über Wesen und Auftrag der Kirche, über die Aufgabe des ordinationsgebundenen Amtes und über die Rolle der Christenmenschen in Kirche und Öffentlichkeit zu verständigen. Was sind ihre zentralen Aufgaben, und welche Ausrichtung ist ihnen von der biblischen Botschaft her vorgegeben? Mit einem Begriff, der aus der Wirtschaftssprache entlehnt ist, kann man die Frage auch so formulieren: Was ist ihr "Kerngeschäft"? Über die Jahrhunderte hinweg sind die Antworten, die Georg gibt, klärend und orientierend.

Zunächst zum "Kerngeschäft" des Christenmenschen und der Obrigkeit(4): "Ein jeder Christ, besonders aber der, der von Gott in den Stand der Obrigkeit eingesetzt wurde, ist verpflichtet, seinem Nächsten ... in leiblichen und vergänglichen Dingen und Nöten treu und fleißig zu dienen, sie zu leiten und ihnen mit Rat, Beistand und Hilfe zur Seite zu stehen." Dieser Satz behält seine Gültigkeit, selbst über viereinhalb Jahrhunderte hinweg. Anders ist es mit der Fortsetzung, jedenfalls insoweit von Christenmenschen in staatlichen Ämtern die Rede ist: Aber nicht nur dies, "sondern jeder Christ ist auch dazu verpflichtet, Gottes Ehre und die Seligkeit der Seelen mit allem Ernst zu fördern und das, was sich diesbezüglich als hinderlich und nachteilig erweist, abzuwenden." Im Blick auf Christen in staatlichen Ämtern würden wir heutzutage nicht mehr von einer Pflicht sprechen, "die Seligkeit der Seelen mit allem Ernst zu fördern". Bei dieser Anmerkung geht es mir nicht um Tadel oder Besserwisserei. Wir können das 16. Jahrhundert nicht an den Maßstäben des 21. messen. Aber es geht mir um die Wahrnehmung der Differenz. Der freiheitliche demokratische Staat ist, anders als die christlichen Gesellschaften des 16. Jahrhunderts oder die islamischen Staaten, soweit sie bis heute die Scharia zum allgemeinen Gesetz erheben, durch weltanschauliche Neutralität gekennzeichnet - auch wenn diese Neutralität nicht die Form des Laizismus annehmen muss, sondern wie hierzulande eine fördernde Neutralität sein kann.

Das "Kerngeschäft" derer, die Gott "zum geistlichen Amt und zum Kirchendienst berufen und bestimmt hat", ist nach Georgs Beschreibung identisch mit dem geistlichen Auftrag eines jeden Christenmenschen - getreu dem reformatorischen Gedanken vom Priestertum aller Getauften. Genau betrachtet unterscheidet Georg im Blick auf den geistlichen Auftrag zwischen einem positiv-gestaltenden und einem negativ-abwehrenden Aspekt. Beides war ihm auch persönlich eine Herzenssache. Ich habe mir - so schreibt er^(5) - "zu Herzen genommen", dass "die Seelsorger, die Gottes Wort nicht verkündigen, mit dem Propheten Jesaja 'stumme Hunde'" (56,10) zu heißen verdienen. Dann zählt er zunächst auf, was zum positiv-gestaltenden Aspekt der Verkündigung des Wortes Gottes gehört: Ich habe "die Hauptstücke der christlichen Lehre vorgetragen: Gottes Gesetz, das Evangelium, Erkenntnis der Sünde, den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus ... Ebenso habe ich die rechtschaffenen Früchte dieses Glaubens gelehrt und zu Gottesfurcht, Buße, Glaube, Liebe und anderen Tugenden ermahnt. Ich habe" - und damit geht er zum negativ-abwehrenden Aspekt über - "vor alten und neuen Ketzereien aufrichtig gewarnt sowie vor allen anderen falschen Lehren, vor Rotten und Sekten und allen Missbräuchen, die gegen das göttliche Wort gerichtet sind, und ebenso vor unbedachtem Lebenswandel, vor Ungehorsam und Aufruhr."

Unter all diesen Weisen, das Wort Gottes auszulegen und zu verkündigen, schlägt sein Herz erkennbar am meisten für den Unterricht im Katechismus(6): Ich habe "die einfachen Leute auf das heilige Bekenntnis unseres christlichen Glaubens ... verwiesen, um sich damit in allen Anfechtungen und besonders in der Todesnot zu trösten und aufrechtzuhalten. Denn unser heiliges Bekenntnis und der ganze Katechismus ist die rechte Laienbibel, in der der ganze Inhalt der christlichen Lehre, die ein jeder Christ zur Seligkeit wissen muss, inbegriffen ist. Sie bilden den Auszug und Kern der ganzen Heiligen Schrift, und die Heilige Schrift ist nichts anderes als die Erklärung und Auslegung des Katechismus." Beim letzten Halbsatz hat ihn die Begeisterung für den Katechismus sozusagen "aus der Kurve getragen". Denn dabei kommt der Grundsatz "unter die Räder", dass nach reformatorischer Auffassung allein die Heilige Schrift norma normans, also die Norm, die alles andere normiert, ist, während Bekenntnis und Katechismus norma normata, also eine Norm, die ihrerseits von der Heiligen Schrift ausgelegt und regiert wird, sind. Diese kritische Anmerkung soll aber nicht relativieren, dass Georgs Leidenschaft für den Unterricht im Katechismus unverminderte Beachtung und Unterstützung verdient. Denn um die Auskunftsfähigkeit in Fragen der christlichen Lehre ist es auch heute - ob bei den Gemeindegliedern, ob bei den Mitgliedern des Kirchenvorstandes, ob bei der Pfarrerschaft - nicht zum Besten bestellt. Allerdings haben wir - bei allem Respekt vor Luthers Kleinem Katechismus oder dem Heidelberger Katechismus - derzeit auch keinen Katechismus, der die Anforderungen erfüllt, der nämlich auf der Höhe theologischer Einsicht, im Angesicht gegenwärtiger Fragestellungen und in der Sprache unserer Zeit die christliche Lehre erschließt. Der höchste Preis gebührt dem, der diese Lücke füllt.

Zur Klarheit darüber, was in der Christenheit wessen "Kerngeschäft" ist, gehört auch die rechte Unterscheidung zwischen geistlichen und politischen Angelegenheiten, geistlichen und politischen Mitteln. Dazu ist die Vorrede zu den vier Predigten über Psalm 16 nicht sehr ergiebig, wohl aber eine andere nur wenig jüngere Predigtveröffentlichung(7): Ich habe mich - so schreibt Georg dort - "im Blick auf mein aufgrund kirchlicher Berufung ausgeübtes Amt niemals weiter eingelassen, als es Gottes Wort anbelangt und wo ich zu christlichem Frieden hätte dienen können. Denn der heilige Paulus schreibt ja in 2. Korinther 10: 'Die Waffen unserer Ritterschaft sind nicht fleischlich, sondern mächtig vor Gott, ... damit wir zerstören die Anschläge ..., die sich erheben wider die Erkenntnis Gottes ...'. Das betrifft das Amt, dem das geistliche Schwert des göttlichen Wortes anbefohlen ist. Was aber das weltliche Schwert, die Verteidigung und die äußerlichen Sachen anbelangt, so kann ich meinerseits nicht finden, dass es unsre Berufung gewesen wäre, uns da einzumischen ... Vielmehr sollten wir dies Gott und der Obrigkeit anvertrauen und ... für die Obrigkeit den barmherzigen Vater ... aufrichtig bitten, dass er sie ... zu christlichem Frieden leiten und führen und alles, was dem hinderlich ist, ... mit Gnaden abwenden möge".

III. Über den Umgang mit der Heiligen Schrift

In den Jahren 1539-1541 war Luthers Bibelübersetzung einer Revision, sozusagen einer "Generalüberholung", unterzogen worden. Die vier in Anhalt herrschenden Fürsten - neben Georg seine Brüder Johann und Joachim sowie ihr Vetter Wolfgang - bestellten aus der in Wittenberg gedruckten Auflage für den Gebrauch in den Gemeinden mehrere hundert Exemplare mit dem anhaltischen Wappen. Zur Einführung der revidierten Übersetzung gaben sie ihr ein Anschreiben an die Leser(8) mit auf den Weg. Dieser Text ist eine Fundgrube für ihre Würdigung der Bibel.

Man mag sich zunächst wundern, warum die Fürsten Bibeln aus Wittenberg heranschaffen ließen. Gab es denn in Dessau oder Zerbst keine Drucker? Ja, schon. Aber offenbar ließ ihre Qualität zu wünschen übrig - natürlich nur damals. Im Anschreiben an die Leser heißt es nämlich: "Da zu befürchten ist, dass beim Nachdruck der [Wittenberger] Ausgabe nicht derselbe Fleiß und dieselbe Umsicht aufgewandt würden und ... dass es nicht überall dieselben fleißigen und treuen Korrektoren gibt ..., deshalb haben wir mit bester Absicht die Bestellung aufgegeben, etliche Exemplare ... mitanzufertigen für die Kirchen unseres Landes und für euch, unsere Untertanen. Diese mögt ihr nun als die rechten, unverfälschten Originale mit Dankbarkeit aufnehmen und anerkennen".

Diese äußerlichen Umstände sind noch heute interessant zu lesen, und sie kommen mir, was die Umsicht beim Korrekturlesen angeht, aus der täglichen Arbeit im Kirchenamt außerordentlich bekannt vor. Sie dienen den Fürsten aber vor allem als Gleichnis für die Bedeutung, die die Bibel für das Leben der Kirche hat: "Alle Irrtümer kommen ursprünglich daher, dass man die Heilige Schrift zuerst unachtsam und nachlässig behandelt und dann mit der Zeit davon abkommt und sie liegen lässt ... Anstelle des göttlichen Wortes hat man menschlichen Unfug und Willkür in die Kirche gebracht ... Die Lehre und Erkenntnis des reinen Glaubens an Jesus Christus, unseren Herrn und einzigen Trost und Heiland, wurde verdunkelt und zugescharrt ..., bis der allmächtige und barmherzige Gott seine Gnade verliehen hat, dass diese großen, schrecklichen Irrtümer und Missbräuche durch Doktor Martinus entdeckt und das Licht des heiligen Evangeliums wieder an den Tag gebracht wurde ... Deshalb ermahnen wir euch, ihr Seelsorger überall in unseren Landen, dass ihr mit allem Ernst und  treuem Fleiß fortfahrt, das göttliche Wort aus Pflicht gegenüber eurem Amt zu lesen und zu bedenken". Eine Mahnung, die in heutigen Reformprozessen offenbar nicht weniger dringlich ist als im Zeitalter der Reformation. Heute wird die Mahnung z.B. so formuliert(9): "Wo evangelisch draufsteht, muss Evangelium erfahrbar sein."

IV. Über die Reformation als Erneuerungsbewegung

Georg macht die Reformation daran fest, dass sie Irrtümer und Missbräuche abgestellt und das Licht des Evangeliums wieder an den Tag gebracht habe. Mit dieser Darstellung legt er offenkundig Wert darauf, die in der Reformation erneuerte Kirche als die alte wahre Kirche zu verstehen. Es ist leider ein verbreitetes Selbstmissverständnis evangelischer Kirchen, ihre Anfänge in der Reformationszeit anzusiedeln. Für Georg hingegen beginnt die Geschichte der reformatorischen Kirchen keineswegs erst im 16. Jahrhundert, sie reicht genauso wie die römisch-katholische Kirche und die orthodoxen Kirchen zurück bis zu den gemeinsamen Anfängen der Kirche.

In der Vorrede zu den vier Predigten über Psalm 16 nimmt er diesen Gedanken auf, indem er an einen Ausspruch Luthers erinnert(10): "Dr. Martinus, als er neben mir in Merseburg auf dem Stuhl gesessen hat und sich von mir verabschieden wollte ..., da hat er seine Augen und Hände aufgehoben und gesagt: 'Ich danke meinem lieben Gott, dass ich keine neue Lehre erfunden oder eingeführt habe, sondern bei der alten wahren Lehre geblieben bin und daran festgehalten habe ...'. Diese Rede hat mich hoch erfreut, und ich erzähle sie deshalb, weil es nicht seine Absicht gewesen ist, Neuerungen einzuführen, wie ich selbst und andere es einst vermuteten. Sondern er ist allezeit unverrückt fest geblieben bei der Schrift und den Artikeln unseres christlichen Glaubens, und er hat nur die Gegenlehre und die Missbräuche bekämpft."

Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Huber, hat vor kurzem in einem Vortrag zum Stand der Ökumene(11) an solche Überlegungen angeknüpft und sie auf die aktuelle evangelisch-katholische Diskussionslage bezogen: Eine Auseinandersetzung darüber, welche unserer Kirchen "Kirche im eigentlichen Sinne" sei, ist - so sagte er - "dem ökumenischen Miteinander nicht förderlich. Betrachten wir diese Auseinandersetzung im Licht des Evangeliums, fällt einem unwillkürlich das Beispiel der beiden Jünger Jesu ein, Jakobus und Johannes, die im Himmel die besten Plätze zugesichert bekommen wollten. Jesus antwortete: 'Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein; und wer unter euch der erste sein will, der soll aller Knecht sein ...'. Im Licht des Evangeliums ist es peinlich, wenn wir darüber streiten, ob die römisch-katholische oder die evangelische Kirche näher bei Christus sitzen darf. Die evangelische Kirche ist die katholische Kirche, die durch die Reformation hindurchgegangen ist. Evangelische und katholische Christen teilen 1500 Jahre gemeinsamer Kirchengeschichte ... Wir haben keinen Grund, zu verschweigen, dass die Reformation Martin Luthers das Evangelium in aller Klarheit zum Ausdruck bringen wollte. Wir evangelischen Christen werden weiterhin 'Kirche im eigentlichen Sinne' sein, wenn wir das Evangelium verkündigen, Taufe und Abendmahl feiern, Gemeinschaft halten und Nächstenliebe üben; doch wir sind es in ökumenischer Gemeinschaft um so überzeugender ... Eine Legitimation allein aus den Anstößen und Bekenntnissen der Reformation reduziert die eigene Herkunftstiefe in unzulässiger Weise ... Die biblischen Erzählungen, die altkirchlichen Bekenntnisse, die Inspirationen der Kirchenväter wie der großen mittelalterlichen Theologen enthalten einen ungehobenen Schatz, der, gemeinsam genutzt, auch die heutige ökumenische Sprache bereichern wird."

V. Über den Dank für das Empfangene

Im Hebräerbrief steht die Mahnung: "Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben!" (13,7) Sie hat, in einem weiteren Sinn genommen, durchaus etwas zu tun mit der Erinnerung daran, dass die Reformation kein kompletter Neuanfang ist, auch gar nicht sein wollte, sondern eine Herkunftsgeschichte von großer Tiefe besitzt. Auch die reformatorischen Ansätze selbst sind nicht "vom Himmel gefallen", sondern Wiederentdeckung von Verlorengegangenem. Luther legte - ich habe es bereits erwähnt - größten Wert darauf, dass er nichts neu erfunden, sondern lediglich Verschüttetes freigelegt hat. Er war sich sehr wohl im klaren, was er und die Reformation insgesamt den vorangegangenen Generationen zu verdanken haben.

In ihrem ursprünglichen und engeren Sinn hat die Mahnung des Hebräerbriefes freilich ein unmittelbares Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler, Geber und Empfänger vor Augen. In Georgs Fall bedurfte es der Einschärfung einer solchen Mahnung nicht. Auf Schritt und Tritt begegnet man bei ihm der dankbaren Erwähnung derer, die ihn in seiner Erkenntnis gefördert und in seinem Denken geprägt haben. Eine wichtige Rolle in seiner Bildungsgeschichte spielte sein Vetter Bischof Adolf. Darüber schreibt er im Rückblick(12): "Es ist hinlänglich bekannt, wie ich von meiner Jugend an im geistlichen Stand von meinem lieben Herrn Vetter ... väterlich erzogen und zu Gottesfurcht und Zucht, auch in Sonderheit zur Lektüre göttlicher Schrift angehalten worden bin". Zum Mentor Georgs hat Adolf bald nach dessen Immatrikulation in Leipzig Magister Georg Helt aus Forchheim bestellt. Bei ihm erhielt Georg nicht nur eine gründliche humanistische Ausbildung, sondern er wurde auch in das Studium der Heiligen Schrift und der Kirchenväter eingeführt. Helt war bis zu seinem Tod einer der wichtigsten Berater Georgs, vor allem aber auch ein väterlicher Freund. Nach dem Tod Helts im Jahr 1545 schrieb Georg an Luther und Melanchthon(13): "Von den übrigen unzähligen Wohltaten, welche mir Gott durch ihn erwiesen, will ich schweigen ...: wie väterlich er gegen mich gesinnt war, wie treu und gewissenhaft er für mich gesorgt hat. Denn das vermag ich durch Worte nicht zu schildern. Die wehmütigste Sehnsucht nach ihm weckt es in mir, dass er die Geheimnisse meines Herzens wusste und ich dessen mannigfaltige Versuchungen ... in seine Brust ausschütten und mich ihm als dem treuesten und innigsten Freunde anvertrauen durfte, bei dem es mir nie an heilsamen Ratschlägen und kräftigen Tröstungen gebrach." Der Ton des dankbaren Gedenkens wird noch einmal gesteigert im Blick auf Luther. Mit ihm stand Georg seit 1533 in einem regen Briefverkehr, in dem es freilich nicht immer um anspruchsvolle Fragen von Theologie und Kirchenleitung ging. Unter den wenigen erhaltenen Briefen Georgs ist auch das Begleitschreiben zu einer Lieferung eines ordentlichen Stücks Wildbret aus der Jagd der anhaltischen Fürsten(14). Nach Luthers Tod sandte Georg einen Brief an seinen Vetter Wolfgang(15): "Mit ganz erschrockenem und bekümmertem Gemüt habe ich verstanden, dass wir unsers lieben Vaters Dr. Martini leiblichen Gegenwart nun sollen beraubt sein ... Mit gutem Rat ist er dem Anhaltischen Hause nicht wenig nütze gewesen ... Der Allmächtige sei gelobt und wolle uns ja um unserer Sünde und Undankbarkeit willen mit diesem Fall nicht strafen, dass solche heilsame Lehre wieder verrückt werde ... Darum es in diesen gefahrvollen Zeiten hochnötig ist, Gott zu bitten, dass er uns in christlicher Einigkeit und reiner Lehre den lieben Philipp [Melanchthon] und andere Herren gnädiglich wolle lange der Christenheit zugut erhalten. Amen."

Es ist anrührend, dass in der Vorrede zu den vier Predigten über Psalm 16 dem dankbaren Gedenken Georgs an seine Lehrer das nicht minder dankbare, ja überschwengliche Gedenken an seine Mutter, die zu diesem Zeitpunkt schon mehr als 20 Jahre tot ist, zur Seite tritt. Um dem Eindruck zu wehren, die besondere Hervorhebung geschehe bloß aus familiärer Verbundenheit, rechtfertigt er sein Vorgehen ausdrücklich(16): "Gott befiehlt: 'Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren', und in der Heiligen Schrift wird hin und wieder auf die Wohltaten der Eltern verwiesen ... Deshalb steht es mir auch zu, dass ich der Wohltaten unserer lieben Frau Mutter gedenke und sie nicht in Vergessenheit geraten lasse." Er bezieht dann noch die Mutter seines Vetters Wolfgang ein und sagt von ihnen: "Beide heißen sie Margarete und waren edle Perlen in unserem Haus. Und sie haben uns nicht nur im Blick auf die zeitlichen Güter treu vorgestanden, sondern uns auch zu Gottes Ehre sowie zu Gottesfurcht und tugendhaftem Leben aufgezogen und angehalten". Dass Georg den beiden Frauen auf diese Weise ein Denkmal setzt, ist weit mehr als der Glücksfall eines individuellen Lebensweges. Vielmehr erinnert es an die kaum zu überschätzende Rolle vieler Mütter oder Großmütter bei der Weitergabe des Glaubens, und zwar in ganz unterschiedlichen geschichtlichen Epochen und kulturellen Kontexten. Und das gilt bis heute: Jede noch so mutige Reform in unserer Kirche hängt daran, dass wir Menschen - Eltern, Paten, Freunde - gewinnen, die das Evangelium weitererzählen, von Herz zu Herz, von Seele zu Seele, weil sie sich Zeit nehmen für die Kinder und Enkel, mit ihnen singen und beten. Der Traditionsabbruch würde vielfach noch weit dramatischer vonstatten gehen, wären da nicht Frauen, die etwas von der Glaubenstradition bewahrt haben und weitergeben.


Zum Schluss komme ich noch einmal auf das Trauergedicht zurück, mit dem Melanchthon Georgs gedacht hat. Er hat darin gewürdigt, was Georg - die "glänzenden Taten" früherer Generationen fortführend - für sein Heimatland Anhalt geleistet hat. In den 450 Jahren, die seither verstrichen sind, hat es immer wieder - mehr oder weniger bekannte - Persönlichkeiten gegeben, die sich die Wohlfahrt dieses kleinen Landes haben angelegen sein lassen. Darin ist die Bitte erfüllt worden, mit der Melanchthons Gedicht endet, und sie soll an diesem Abend im Blick auf Gegenwart und Zukunft des "askanischen Stammes" - wie Melanchthon das Volk Anhalts mit einem historischen Namen nennt - auch das letzte Wort haben:

O Gott, den askanischen Stamm mögest du bewahren und regieren.
Denn keine Wohlfahrt wird uns zuteil, es sei denn, du gäbest sie.

Oder, weil es so viel schöner klingt, auf Lateinisch:

O Deus, Ascaniam stirpem servesque regasque.
Nulla venit nobis te nisi dante salus.

Fußnoten:

  1. WA Br VIII 430ff.
  2.  J. Chr. Hönicke, Urkundliche Merkwürdigkeiten aus der Herzogl. Schloß- und Stadtkirche zu Deßau, besonders das Anhaltische Fürstenhaus betreffend, Dessau 1833, S. 50ff.
  3. Das wäre nicht möglich gewesen ohne die Vorarbeit und freundliche Unterstützung von Dr. Achim Deters. In seiner Herausgeberschaft erscheint in diesen Tagen: Georg III. von Anhalt (1507-1553). Reichsfürst, Reformator und Bischof. Ausgewählte Schriften, Leipzig 2007. Diese Edition und seine einleitende Darstellung von Leben und Wirken Georgs III. waren mir eine große Hilfe.
  4. Zitate bei Detmers (s. oben FN 3) 146.
  5. Zitate bei Detmers 146-148.
  6. Zitat bei Detmers 151.
  7. Es handelt sich um die Anrede an den Leser aus der Veröffentlichung von zwei Predigten über die falschen Propheten aus dem Jahr 1552 (vgl. Detmers 52ff, Zitat: 143f).
  8. Vgl. Detmers 46ff, Zitate: 49-51.
  9. Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, 2006, 8 und 45.
  10. Zitat bei Detmers 152f.
  11. Überlegungen zum Stand der Ökumene. Vortrag vor der Hamburgischen Kommende des Johanniterordens am 25. August 2007 (im Internet unter: http://www.ekd.de/vortraege/2007/070825_huber_hamburg.html).
  12. Zitat bei Detmers 11.
  13. Zitat bei Detmers  11f
  14. WA Br IX 541.
  15. Zitat bei Detmers 32f.
  16. Zitat bei Detmers 157f.



erweiterte Suche

 

Das könnte Sie auch interessieren...


Gesucht: Landeskirchen?

EKD-Kirchenkarte

Zu den verschiedenen Kirchen in den Regionen finden Sie am schnellsten über unsere Kirchen-Karte.