"Gott wirkt in verschiedenen Leuten doch ein und dasselbe" - Festvortrag anlässlich des 450. Todestags von Philipp Melanchthon, Schlosskirche zu Wittenberg

Nikolaus Schneider

18. April 2010

Festvortrag über den den anderen Wittenberger Reformator

Luther und Melanchthon waren grundverschiedene Leute. Aber, wie Luther selbst es sagte: "Gott wirkt in verschiedenen Leuten doch ein und dasselbe." [1] Starke Gegensatzpaare sind bemüht worden, um die beiden zu charakterisieren: der Kämpfer und der Vermittler, der Polterer und der Diplomat, der Feuerkopf und der Leisetreter. Das sind keine bloßen Zuschreibungen anderer; sie haben ihre Entsprechung in Luthers und Melanchthons Bild von sich selbst und voneinander.

1529 schreibt Luther[2]: "Ich bin dazu geboren, dass ich mit den Rotten und Teufeln muss kriegen und zu Felde liegen ... Ich muss die Klötze und Stämme ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, die Pfützen ausfüllen und bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muss. Aber Magister Philippus fährt säuberlich und still daher, baut und pflanzt, sät und begießt mit Lust, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich."

Luther und Melanchthon waren in erstaunlichem Maße frei von dem damals wie heute verbreiteten Drang, den anderen zu übertrumpfen und den Platz im Rampenlicht vorrangig für sich zu beanspruchen. Im Gegenteil, aus der Bindung an Christus gewinnen sie die Freiheit, das zu leben, wozu der Apostel Paulus uns im Philipperbrief (2, 3) alle anhält: "In Demut achte einer den andern höher als sich selbst".

Dieses einander gerade im Anderssein Wertschätzen und sich über Erfolge des anderen Freuen ist ebenso selten wie kostbar - und entscheidend für das Gelingen eines gemeinsamen Vorhabens, sei es die Reformation oder seien es Reformen.

Und nun: Alles Licht auf Melanchthon! Häufig ist er durch den großen Schatten Luthers verdeckt worden. Aber eine Schlüsselfigur für die Konsolidierung der reformatorischen Bewegung ist er nicht weniger gewesen als Luther, freilich auf andere Weise.

I. [Ad fontes - Zu den Quellen!]

"Der kleine Grieche" - so wurde Melanchthon von Luther gern genannt. "Klein" - das spielte auf seine geringe Körpergröße an, nicht einmal 1.55 m, doch wohnte in dem kleinen Körper ein großer Geist. "Grieche" - das bezog sich auf sein wissenschaftliches Fach, er war ein Gräzist von Rang. Mit seiner philologischen Genauigkeit stand er Luther zur Seite, als dieser auf der Wartburg begonnen hatte, die Bibel in die deutsche Sprache zu übersetzen. Er gehörte zum Team derer, die Luther bei allen späteren Bibelübersetzungen begleiteten.

Glaube und Bildung waren für ihn keine Gegensätze, sie brauchen sich gegenseitig. Er verfasste bedeutende theologische Texte, ohne von Haus aus Theologe zu sein oder später das Fach zu wechseln. So verkörperte er das reformatorische Prinzip des Priestertums aller Gläubigen.

Die Parole des Humanismus lautete: "Ad fontes! Zurück zum Urtext!" Solche Quellenlektüre setzt instand, Interpretationen anderer zu überprüfen. Sie leitet zum eigenständigen Denken an. Sie fördert die historische Betrachtung. Sie führt zu einem Verständnis geschichtlicher Entwicklungen, das Verständigung erleichtert.

Der Ruf "Zu den Quellen!" hat im Umgang mit der Bibel und ihren Übersetzungen bis heute seine kritische Kraft bewahrt. Er dringt auf Texttreue. Eine Bibelübersetzung - wie etwa für uns Protestanten die von Luther - mag noch so vertraut geworden sein: Texttreue hat Vorfahrt.

II. [Vom hochbegabten Bachelor zum vielgefragten Gutachter]

Melanchthon war 22 Jahre alt, als er den akademischen Grad eines Baccalaureus biblicus erwarb. Die Thesen, die er dafür in einer Disputation zu verteidigen hatte, machten Furore, etwa wo es um das Verhältnis zwischen der Heiligen Schrift und den Konzilien ging. Er erkannte:

"Für einen Christen ist es nicht notwendig, über die Dinge hinaus, die ihm durch die Schrift bezeugt werden, noch weitere zu glauben. Die Autorität der Konzilien ist geringer zu achten als die Autorität der Schrift." [3]

Luther, der später kurz und bündig formulieren sollte: "Auch Konzilien können irren", wohnte der Disputation bei und schrieb unter ihrem Eindruck einen Brief nach Regensburg an seinen Weggenossen Johann von Staupitz:

"Philipps Thesen (...) sind ziemlich frech, aber höchst vernünftig. Er hat so geantwortet, dass er uns allen als das erschien, was er ist, nämlich als ein Wunder. Wenn Christus will, wird dieser Mann viele Martin Luthers übertreffen (...). Deshalb wird Philipp, obwohl er auch jetzt schon stark ist, mit der Zeit noch stärker werden. Amen." [4]

Mit dieser Prognose sollte Luther mehr als Recht behalten. Melanchthons Reputation zeigt sich beispielsweise daran, wie häufig er zur Lösung von Religionskonflikten herangezogen und im Zuge dessen um ein Gutachten gebeten wurde. Von ihm stammt nicht zuletzt die Confessio Augustana, das Augsburger Bekenntnis von 1530. Es ist sein "Haupt- und Meisterwerk" genannt worden. Tatsächlich sind die Artikel dieser Bekenntnisschrift Miniaturen von großem theologischem Gewicht. Die entscheidenden Artikel kommen mit wenigen Zeilen aus.

III. [Die Leidenschaft für Ausgleich und Kompromiss]

Nicht nur unter Theologen, aber gerade unter ihnen gibt es das Gegenüber von zwei Typen, die sich im Denkstil wie im Verhältnis zu Konflikt und Kompromiss charakteristisch unterscheiden. Der eine spitzt zu, der andere gleicht aus. Der eine liebt das Entweder-Oder und die scharfe Profilierung, der andere ist ein Freund von Kompromiss und Vermittlung. Der eine versteht sich als Zertrümmerer, der andere als Brückenbauer. Es ist kein Ausdruck von denkfauler Harmonisierung, wenn man zu dem Ergebnis gelangt: Die Kirche braucht beides.

Gewiss ist: Melanchthon war - von Naturell und Überzeugung - ein Brückenbauer und Vermittler. An ihm können bis in die Gegenwart ökumenische Leidenschaft und die Synthese von Prinzipientreue und geschmeidigem Verhandlungsgeschick Maß nehmen. Ein Melanchthon würde uns nicht nur im evangelisch-katholischen Verhältnis, er würde uns auch als Promotor für die Umsetzung des Verbindungsmodells im deutschen Protestantismus und damit für das Zusammenwirken der lutherischen, unierten und reformierten Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland gut tun. Gewiss ist auch: Die Brückenbauer und Vermittler erfahren im protestantischen Kontext nicht immer die gebührende Wertschätzung. Seit Jahrhunderten wird Melanchthon aus dem eigenen Lager Unzuverlässigkeit nachgesagt. Der Leisetreter und Kompromissler habe den Gegnern viel zu viel zugestanden.

Melanchthon lässt uns einen Blick in sein Innerstes tun, wenn er nach dem gescheiterten Abendmahlsgespräch zwischen Luther und Zwingli 1529 bilanziert: Die beiden "können nicht übereinstimmen, welches doch mein sehnlichster Wunsch wäre. Da disputieren sie über das Abendmahl, als ob sie in den Himmel gesehen und Jesus gefragt hätten, wie er die Worte: 'Das ist mein Leib' verstanden habe. Sie werden es hier auf Erden doch nicht ausmachen, und es ist wohl auch nichts für uns Schwache, alles ergrübeln und erforschen zu wollen. Genug [, das berühmte satis des Augsburger Bekenntnisses, also: Genug], wenn wir nur wissen und glauben, was zu unserem Heil nötig ist. Das Übrige macht nur krank, woran der Herr keinen Gefallen hat." [5]

IV. [Reformation durch Bildung - Reformation der Bildung]

Melanchthons Leben und Wirken zeigen anschaulich: Die Reformation war eine Bildungsbewegung! Das bringt der erste Teil des Leitmotivs des heutigen Festaktes zum Ausdruck: "Reformation durch Bildung". Der zweite Teil des Leitmotivs macht deutlich, dass die Reformation dazu zugleich auf eine Reform der Bildung zwingend angewiesen war. Von ihrem Erfolg hing der Fortgang der Reformation ab. Melanchthon hat sich mit Leidenschaft um dieses Thema gekümmert. Es war ihm eine Schlüsselfrage für das Gelingen des Lebens: des einzelnen Menschen und des Zusammenlebens in der Gesellschaft.

Vom Lehrer konnte er sagen: Er "trägt zur Erhaltung lebensförderlichen Wissens bei, zur Bildung der Gesinnung und des Urteilsvermögens von Menschen, zur Bewahrung des Friedens und zur Verringerung vieler Missstände im öffentlichen Leben." [6] Melanchthon selber war ein sehr erfolgreicher Lehrer: Bis zu 600 Menschen saßen in seinen Lehrveranstaltungen. Er war der Star unter den Professoren - selbst Luther hat es nicht auf diese Zahlen gebracht.

Melanchthon wusste, dass Langeweile ein Feind des Lernens ist, Abwechslung soll die Lust am Lernen erhalten. Heute gehört Methodenwechsel zu den Anforderungen an guten Unterricht. Von der Schule konnte er in einer Weise als von einem Paradies schwärmen, wie wir es nach unseren Schulkarrieren kaum nachvollziehen können:

Was sollte denn "das menschliche Leben [zur Zeit des Paradieses] anderes gewesen sein als eine fröhliche Schule, in der die Älteren und Besseren ihre Mitmenschen über religiöse und naturwissenschaftliche Fragen, die Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die Himmelsbewegungen und alle Obliegenheiten des menschlichen Lebens belehrt hätten? ... Das Abbild dieses überaus glücklichen Zustandes ist das schulische Leben." [7] Kein Wunder, dass er sich das Reich Gottes als himmlische Akademie vorstellte.

Bildung muss mehr sein als Wissensvermittlung und sie muss funktionalistische Verengungen hinter sich lassen. Die Lebenshaltung, das Verständnis des Menschen und der Welt, das Denken über Gott - sie entscheiden darüber, wie wir mit uns selbst und miteinander umgehen. Religiöses und biblisches Wissen sind aus diesem Grund integrierender und orientierender Bestandteil von Bildung.

Wenn es um die Bildung der Persönlichkeit geht, wenn Bildung der Schlüssel zu einem Leben in Frieden ist, wenn gebildete Menschen dazu nötig sind, öffentliche Übel abzustellen, dann müssen Schulen und Hochschulen flächendeckend vorhanden sein. Und dann darf Bildung kein Privileg Weniger sein.

Es ist ganz wesentlich Philipp Melanchthon zu verdanken, dass sich die Reformation die Einrichtung eines öffentlichen Schulwesens und die Gründung von Universitäten auf die Fahnen schrieb. Kaum eine Schule oder Universität in der Zeit der Reformation wurde ohne seine Mitwirkung gegründet. Es gehörte zu den Aufgaben reformatorischer Gemeinden, Schulen zu gründen und Lehrer zu bezahlen. Und die Gemeinden haben sich von dieser Bildungsbegeisterung anstecken lassen. Es gab nicht wenige evangelische Gemeinden, die ein Schulhaus bauten, bevor sie ein Kirchengebäude errichteten.

Die paradiesischen Schulen, von denen Melanchthon schwärmte, hat es flächendeckend nie gegeben. Auch die von ihm und nach seinen Idealen gegründeten Schulen waren im günstigen Fall eher Abschattungen als "Abbilder dieses überaus glücklichen Zustandes". Gleichwohl hat Melanchthon sein Ideal nie zurückgenommen. Denn reformerische Leidenschaft lebt auch davon, dass ein die Realität überschießendes Mehr die Reformer vor Zynismus oder Resignation bewahrt.

Also nicht: schöne Idee, und gut, dass wir darüber geredet haben. Gute Ideen brauchen institutionalisierte Formen, damit sie nachhaltig wirken und geschichtsmächtig werden. Das war Melanchthon klar. Das "Megathema" Bildung war seine Sache. Und es muss unsere Sache sein - mit konkreten Folgen. Dazu gehört der Einsatz

  • für den Ausbau der frühkindlichen Bildung, weil gerade in den ersten Lebensjahren die Bildungserlebnisse besonders prägend sind,
  • für einen gerechten Zugang zur schulischen wie zur universitären Bildung, der soziale Hemmnisse in Bildungsbiographien überwindet,
  • für die Überwindung falscher Alternativen zwischen Förderung in der Breite und Elitenförderung,
  • für ein Bildungsverständnis, das neben Fach- und Anwendungswissen auch Orientierungswissen vermittelt und die Persönlichkeitsentfaltung in den Mittelpunkt stellt,
  • für den Religionsunterricht an öffentlichen Schulen, weil sowohl die persönliche Bildung als auch das Zusammenleben verschiedener Religionen in einer zunehmend multireligiösen Gesellschaft die Gesprächsfähigkeit in religiösen Fragen brauchen,
  • für eine an der Universität verortete und vernetzte Theologie, die das Bildungspotential der Heiligen Schrift erschließt und kraftvoll in den interdisziplinären Dialog einbringt.

Die Unterscheidung und die Verbindung von Glauben und Wissen war und ist ein entscheidendes kirchliches und ein gesellschaftliches Thema - das galt für Philipp Melanchthon und das gilt auch für uns heute.

Fußnoten

  1. Aus: Luthers Tischrede vom 8. Mai 1539 (WA Tr Bd. 4, S.386).
  2. Aus: Luthers Vorrede zu Melanchthons Kolosserbriefkommentar (WA Bd. 30/2, S.68).
  3. Aus seinen Baccalaureatsthesen von 1519 (zitiert nach: Melanchthon deutsch, hg. v. M. Beyer u.a., Band 2, Leipzig 1997. S. 9-11. dort 10).
  4. Zitiert nach: Melanchthon deutsch, Bd. 2 [siehe FN 3], S. 9.
  5. Zitiert nach: U. Birnstein, Der Humanist. Was Philipp Melanchthon Europa lehrte, Berlin 2010, S. 80f. Dr. Heinz Scheible, der im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften den Briefwechsel Melanchthons edierte, machte nach dem Vortrag darauf aufmerksam, dass es sich nicht um einen authentischen Brief Melanchthons handeln könne, da er mit den echten Briefzeugnissen Melanchthons nicht übereinstimme. Dies habe schon Nikolaus Müller, Georg Schwartzerdt, der Bruder Melanchthons und Schultheiß zu Bretten, Leipzig 1908 (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte 96/97), S. 201, nachgewiesen. Dieser und ein weiterer gefälschter Brief vom Augsburger Reichstag 1530 erschienen erstmals bei Johann Friedrich Wilhelm Tischer, Philipp Melanchthons Leben, ein Seitenstück zu Luthers Leben, 2. Aufl. Leipzig 1801, S. 194-198.
  6. Aus seiner "Rede vom Lob des schulischen Lebens" (zitiert nach F. Schorlemmer [Hg.], Was protestantisch ist, Freiburg/Basel/Wien 2008, S. 270.
  7. Ebd. S. 269.