"Wie viel Zweifel verträgt das Volk" im Hanns-Lilje-Forum "Lust und Last des Zweifelns"

Katrin Göring-Eckardt

29. April 2010

Anrede,

das Leben ist ein Supermarkt. Volle Regale, erschlagender Überfluss, an jeder Ecke lauert die zwingende Notwendigkeit, sich entscheiden zu müssen. 20 verschiedene Müslisorten. Wir seufzen und sehnen uns nach Entlastung vom Entscheidungsdruck. Wie schön was es früher, im Tante Emma Laden, da gab es Haferflocken und die hat man gekauft und fertig. In der DDR hingegen gab es nur manchmal Haferflocken, also noch weniger Entscheidung. Um handlungsfähig zu sein, geben wir uns Regeln vor, um wenigstens einen Teil der Optionen ausblenden zu können: Wir suchen nach den Schnäppchenpreisen zum Beispiel. Oder kaufen nur Bio. Oder Produkte von der gleichen Marke.

Unser Leben zeichnet sich aus durch Unübersichtlichkeit, kaum zu erfassende Wahlmöglichkeiten zugleich verbunden mit dem Zwang zur Entscheidung. Was richtig, wahr oder gut ist, scheint permanent in Frage zu stehen und verlangt nach vernünftiger und nachvollziehbarerer Begründung. Wir leben in einer pluralen Welt, in der Überzeugungen miteinander konkurrieren und Konsens mit großem Aufwand erst herbeigeführt werden muss. Oft genug vielleicht auch der Konsens mit mir selbst. Habe ich nicht immer A gedacht und dafür gestritten? Wie kommt es, dass ich mir jetzt auch B vorstellen kann? Wie kommt es, dass mich die Überzeugung eines Anderen zum Nachdenken, in Wanken, zum Umdenken bringt? Hänge ich mein inneres Fähnchen denn vielleicht nach dem Wind?

Je öfter jeder von uns anderen begegnet, die anderes denken, anders handeln, desto eher muss er prüfen, ob standhalten kann, was er für selbstverständlich gut und richtig hält. Dass Globalisierung und schier grenzenlose Kommunikation diesen Prozess entscheidend beeinflussen, liegt auf der Hand.

Wir sind also permanent einem Prozess der Reflexion ausgesetzt und könnten uns jeden Morgen neu die Frage stellen: Wer bin ich und wie soll ich leben? Womöglich sogar, wie sollte ich leben? Was heißt es, wenn ich den Wasserhahn aufdrehe und was bedeutet die Zusammensetzung des Frühstücks nicht nur für meinen Körper, sondern für die Menschen am anderen Ende der Welt? Und vor allem: Sollte ich mir schon morgens nach dem Aufstehen derartige Fragen stellen wollen? Das gilt auf individueller Ebene wie auf der gesellschaftlichen. Wie soll sich Gesellschaft organisieren? Was ist gerecht? Und wie sind die Prioritäten richtig zu setzen in Zeiten knapper Kassen?

Kurz gesagt: Tagtäglich haben wir die Qual der Wahl. Daraus entspringt oftmals ein Wahlzweifel. Dieser kann einmal oberflächlich und kaum der Rede wert sein, etwa wenn es um die Wahl des richtigen Deo-Sticks geht. Er kann aber auch um eine lebensentscheidende Wahl kreisen, etwa wenn es darum geht, den richtigen Lebenspartner zu finden.

Es scheint, als gebe es heute zwei Bewältigungsstrategien, um mit dieser Situation umzugehen: Fundamentalismus und Relativismus. Der Fundamentalismus überspringt die Außenwelt, die störenden anderen mit der anderen Meinung und dem anderen Leben, mithin den Zweifel - und tut einfach so, als wäre alles schön übersichtlich und als könne die Welt von einem einzigen Punkt der Wahrheit aus überblickt und geordnet werden. Zum Beispiel verdammt er dann den Konsum als solchen oder negiert die individuelle Wahl des Lebenspartners und macht sie zu einer Sache der – angeblichen - göttlichen Entscheidung.

Der Relativismus hingegen setzt den Zweifel absolut. Er glaubt an gar nichts, denn immer sagt er “Anything goes“. Man kann es so oder auch anders sehen. Na und? Heute dies, morgen das. Wenn mir mein Partner nicht mehr gefällt, suche ich mir eben einen neuen. Schon der Anspruch auf Wahrheit ist ihm dubios, ja geradezu lächerlich, angesichts der Vielfalt von Wahrheiten und Meinungen.

Sowohl der Fundamentalist als auch der Relativist verschließen sich gegen bestimmte Erfahrungen. Der Fundamentalist verpanzert sich gegen die Dimension des Anderen: des anderen Glaubens, des anderen Lebensstils, der anderen Gesellschaftsform. All das hat für ihn keine Bedeutung, denn alles, was von den eigenen, absolut gewissen  Fundamenten abweicht, ist nichts wert  oder dekadent oder gar gefährlich.

Der Relativist hingegen verschließt sich gegen die Erfahrung der Gewissheit, gegen das aufwühlende Gefühl, dass es etwas gibt, das einen existenziell ergreift und für das es sich mit ganzer Kraft zu kämpfen lohnt. Nehmen wir das Beispiel der Frauenrechte: Der radikale Relativist würde, wenn es um den weltweiten Kampf für Frauenrechte geht, lapidar sagen: Andere Völker, andere Sitten. Er würde den universalen Anspruch von Frauen auf gleiche Rechte angesichts der globalen Vielfalt der Kulturen als naive Forderung abtun.
 
Aber: Es gibt sie auch, die Dinge, für die es sich ohne Wenn und Aber einzusetzen lohnt. Nicht alles ist relativ. Zweifeln heißt denn auch nicht, gar nichts mehr für gültig zu erachten. Es heißt, den eigenen Wahrheitsanspruch zu überprüfen und in diesen Prozess auch andere Meinungen und Wahrheiten einfließen zu lassen.  Im Übrigen muss sich der Relativist ja immer fragen lassen, ob er sich nicht in einen Selbstwiderspruch begibt: Denn die Aussage „Alles ist relativ“ wird ja selbst als absolute Gewissheit vorgetragen - die soll und kann es aber angeblich ja gar nicht geben…

Und zugleich bleibt ja die Frage nach dem Unverfügbaren. Gibt es denn etwas, woran es sich lohnt, gerade nicht zu zweifeln? Vielleicht am „wie“, aber nicht am „ob“? Wir kommen wohl darauf zurück, wenn es um Religion geht. Aber auch ein wenig kleiner: Soll ich wirklich jeden Tag einmal am Grundgesetz zweifeln? Soll ich an der Liebe zweifeln oder an der Schönheit der Schöpfung?

Wem und auf was können wir vertrauen? Wovon sollen wir überzeugt sein in unübersichtlicher Pluralität voller Wahlmöglichkeiten und voller Zwang sich zu entscheiden? Gibt es das noch: Ideale? Wie können wir zu Überzeugungen gelangen, die unser Handeln leiten, jenseits von Relativismus, der alles in Zweifel zieht und ohne Fundamentalismus, der falsche Sicherheit verspricht?

Die Pluralisierung hat auch Auswirkungen auf die Moral. Werte pluralisieren sich, stehen in Frage und müssen begründet werden. Moralische Urteile haben keinen absoluten Anspruch mehr, aber setzen doch einen hohen Grad an Gewissheit voraus. Wie kann der herbeigeführt werden?

Hat die Wahrheit wirklich immer einen verdächtigen Unterton, wie der Schriftsteller Robert Musil meinte? Die Wahrheit ist oft weniger absolut, als wir das mitunter gerne hätten. Sie ist auf Raum und Zeit bezogen. Können wir also noch etwas sicher wissen? Wenn ja, was? Und wenn nein – was machen wir denn jetzt?

Vielleicht noch Mathe, Formeln, zwei plus zwei ist vier. Das hilft im Alltag schon enorm, außer bei Pipi Langstrumpf natürlich. Aber eben trotzdem nicht, wenn wir nach Maßstäben des Handelns suchen, moralisch, politisch. Das Leben entzieht sich einer Bewältigung durch formal logische Schlüsse. Denn es ist bunt, durcheinander, kompliziert und voller Wahlmöglichkeiten, die eine Entscheidung erfordern. Und noch dazu geht es dabei keineswegs nur rational zu. Jede Gewissheit wird ständig in Frage gestellt, ist überschattet von Zweifel und Unsicherheit. Anstrengend ist das, anstrengender jedenfalls, als wenn jemand als „Fundi“ durchs Leben geht, über jeden Zweifel erhaben und angefüllt mit fraglosen Gewissheiten. Schon komisch, dass es die auch in allen politischen Lagern und Parteien gibt. Und ein bisschen beängstigend, dass von Politikerinnen und Politikern häufig fundamentale Positionen erwartet werden. Nach  dem Motto: die sind doch in der CDU, da müssen sie doch für Atomkraft sein? Oder: wenn sie bei den Grünen sind, wie können sie nicht fundamental gegen jeden Militäreinsatz gestimmt haben? Ob die, die so fragen oder unterstellen nun selbst „Fundis“ sind oder nur hoffen, dass da jemand wäre, der oder die das statt seiner bitte erledigen könnte, bleibt offen …

Wollten wir den Zweifel in Kategorien unterteilen, könnten wir, wenn es um die Überprüfung von Überzeugungen und Gewissheiten geht, von einem „testenden Zweifel“ sprechen.

Auch wenn klar ist, dass nichts absolut gewiss sein kann, so ändert sich doch nicht jeden Tag und permanent alles. Das, was sich zu Tradition verdichtet hat, bietet Anhaltspunkt in seiner Zeit. Institutionen gelten dann etwas und vermögen tagtägliches Alltagshandeln vom permanenten Zweifel entlasten. Sie geben weiter, was eine Mehrheit für selbstverständlich gewiss hält. Wir sagen Common Sense dazu: er gibt  Sinn und Orientierung, indem er einen gemeinsamen Raum schafft, der dem permanenten Zweifel enthoben ist.
 
Kommen Sie in ein fremdes Land, einen anderen Kulturkreis gar, werden Sie zunächst einmal schauen, welche Regeln hier verabredet sind, was gerade traditionsbedingt nicht hinterfragt wird. Welche Sitten und Gebräuche gelten, welche Werte und Normen. Sie werden sich einzufühlen versuchen und vielleicht sogar einfügen.

Das zeigt zwar, dass es immer und überall noch Strukturen und Handlungen gibt, die verbindlich sind. Es täuscht aber nicht darüber hinweg, dass in der Moderne mit ihrer unüberschaubaren Pluralität Kräfte wirken, die destabilisieren und de-institutionalisieren. Gleichzeitig ist es natürlich auch so, dass wir jede dieser Verbindlichkeiten gut heißen müssen. Ein patriarchales System, das  Frauen keine eigenen Rechte lässt, ist nicht deswegen gut, weil es Orientierung gibt!

Zu zweifeln kennt sicher verschiedene Intensitäten. Sich entscheiden zu müssen zwischen Müsli mit Nüssen und Schoko oder mit getrockneten Früchten stürzt uns nicht in eine Gewissheitskrise. Etwas anderes ist der oben bereits angesprochene Wahlzweifel schon, wenn jemanden am Abend vor der Hochzeit Zweifel beschleichen, ob das Versprechen, das man am nächsten Morgen geben will, wird tragen können. Und ob er oder sie auch der oder die Richtige ist. Unerträglich kann der Zweifel beispielsweise sein bei der Frage, ob der Arzt dem Flehen des schwerstkranken Patienten entsprechen soll und Behandlungen einstellt, die sein Leben verlängern könnten. Manchmal hat man in solchen Momenten das Gefühl, vor eine unentscheidbare Wahl gestellt zu sein. Das Hin und Her und Her und Hin des Zweifels lässt sich nicht nach einer Seite hin auflösen, es scheint endlos weiter zu gehen.

Und natürlich gibt es den Zweifel an sich selbst, an Gott und der Welt, ob überhaupt noch etwas gewiss, verlässlich, vertrauenswürdig ist. Zweifel, der nicht selten ver-zweifeln lässt. Man nennt diesen Zweifel an allem und jedem den „existenziellen Zweifel“. Erstmals formuliert hat ihn der Philosoph René Descartes und damit, so sagt man, den neuzeitlichen Rationalismus begründet. In seinem Gedankenexperiment gab es den „Betrügergott“, der dann Anlass für einen radikalen Lebens- und Glaubenszweifel war. Diese Kategorie des Zweifels ist mit Sicherheit aufwühlender und dramatischer als der Wahlzweifel.

Interessant übrigens, dass dieser radikale Zweifel bei Descartes in die radikale Einsamkeit führte: in die Einsamkeit des Ichs, das nichts anderes tut als denken: Cogito ergo sum. Ich denke, also bin ich.

Und davon ganz abgesehen: Zu Zweifeln ist ja nicht immer eine Frage von „alles oder nichts“. Oft es ist eine Frage der Haltung: verstehen wir Zweifel als quälend und etwas, das stört und das bestensfalls nicht vorkommt – dann landen wir in Fundamentalismus und Tyrannei. Oder lassen wir alles fahren, wenn nichts mehr gewiss sein kann, dann müssen wir auch nicht mit soviel Anstrengungen danach suchen, dann ist gerade alles egal – und werden zu Relativisten, wenn nicht zu großen Zynikern.

Oder nehmen wir den Zweifel als etwas, das ohnehin unumgänglich ist in der Welt, wie wir sie vorfinden und der noch dazu produktiv ist? Sie ahnen es, der letzten der drei Möglichkeiten will ich den Vorzug geben. Denn Zweifel bewahrt vor Erstarrung und Festlegungen, denen ihre Auswirkung gleichgültig sind und den Schaden nicht sehen wollen, den sie anrichten können.  Und er bewahrt vor Relativismus, denn solange wir an dem einen zweifeln, suchen wir ja noch nach dem verbindlichen anderen.

Nur im aufrichtigen Zweifel und nur, wenn wir anerkennen, dass anderes auch wahr, sinnvoll und gut sein kann. Wir stoßen auf eine weitere Kategorie des Zweifels, jenen Zweifel, der uns zu Toleranz gegenüber anderen führen kann. Er führt uns nicht in die existenzielle Einsamkeit, sondern öffnet uns anderen gegenüber. Toleranz ist in der Pluralität der Moderne unerlässlich. Demokratie ohne Zweifel kann es nicht geben. Das Gegenteil davon ist Tyrannei, die absolute Wahrheiten zu kennen meint oder jedenfalls als solche festgelegte mit aller Macht und Gewalt durchzusetzen bereit ist. Demokratische Gesellschaften haben eine Opposition. Die Opposition zweifelt, zweifelt an, im besten Falle redlich. Ohne Zweifel gäbe es keine Debatten, nicht im, nicht außerhalb des Parlaments. Zweifel aber garantiert, dass immer wieder gerungen wird um Freiheit, um Rechte, auch um Gerechtigkeit.

Und umgekehrt gilt: Zweifel ist auch auf Absicherung durch den demokratisch verfassten Staat angewiesen. Ein liberaler Verfassungsstaat hat Verfahren institutionalisiert, die den Zweifel schützen und schätzen. „Im Zweifel für den Angeklagten“ heißt es im Strafrecht. Und eine liberale Demokratie schützt die Freiheit der anderen Meinung. Das ist die Voraussetzung für Zweifel, nur so kann er seine wünschenswerte Wirkung entfalten.

Wie soll Politik gestaltet werden, die Zweifel zulässt und sein störendes Potential sogar schätzt, aber dennoch handlungsfähig bleibt? Entschieden werden muss und soll ja nun einmal doch. Jener Politiker, der sich seiner Sache ganz gewiss ist, ist klar im Vorteil. Er muss nicht lange überlegen, er kann schnell und zielsicher handeln. Diese Sicherheit gibt Selbstvertrauen, diese Sicherheit vermag auch zu überzeugen. Derjenige aber, der zweifelt, zögert vielleicht und handelt weniger kurz entschlossen.

Dennoch führt Zweifel nicht zur Lähmung. Denn es gibt Kerngewissheiten, die nicht verhandelbar sind. Freiheit und Gleichheit aller sind solche Gewissheiten. Anderes aber, Ausgestaltungen und plurale Handlungsoptionen haben nicht die Qualität absoluter Gewissheit. Sie können in Zweifel gezogen und müssen verhandelt werden.

„Im Zweifel für den Zweifel“ heißt denn auch ein schönes Stück auf dem neuen Album der Band Tocotronic. Dem kann ich nur zustimmen, wenn die Alternative heißt: Die eigene Unsicherheit überspielen, indem man so tut, als habe man auf alles und jedes eine eindeutige Antwort.  Doch natürlich ist das gerade für eine Politikerin und einen Politiker leichter gesagt als getan. Politiker gelten als „Entscheider“ - bei vielen Themen erwarten die Bürgerinnen und Bürger zu Recht klare Ansagen und eindeutige Regelungen. Es sollte zum Beispiel kein Zweifel über die Verkehrsregel „Rechts vor links“ bestehen und auch nicht darüber, ob Diebstahl eine Straftat ist oder nicht. Viele Dinge müssen in einem Gemeinwesen zweifelsfrei geregelt sein. Sonst ist die Anarchie nicht weit.

Gleichwohl muss es in einer Demokratie Raum für den Zweifel geben. Denn in einer offenen Gesellschaft müssen politische Entscheidungen offen für Revisionen und Verbesserungen sein. Das bringt den Politiker in eine ambivalente Lage: Er muss für klare und schnelle Entscheidungen stehen. Andererseits: Um in einer Demokratie mit all ihren vielstimmigen Debatten nicht als einsamer Entscheider oder verkappter Autokrat dazu stehen, muss er offen für Kritik sein. Notfalls sogar für Selbstkritik. Oder noch weitergehender: Natürlich gibt es politische Entscheidungen, die „im Zweifel“ getroffen werden. Eher in der Hoffnung, das Richtige zu tun, als in der Gewissheit. Das zugleich oder auch nur später zuzugeben, ist freilich gefährlich, wenn auch ehrlich.

Und vor allem kann die Politikerin nie sicher sein, wie das Volk auf ihr Verhalten reagiert, ob der Zweifel im je konkreten Fall von den Menschen erwünscht ist oder nicht…  Einmal kann der Zweifel für mehr Glaubwürdigkeit sorgen, das andere Mal den Politiker als zögerlich und wankelmütig dastehen lassen, letzteres ist eindeutig der Regelfall, meiner Erfahrung nach.

Anders gesagt: Immerzu muss der Politiker zweifeln, ob er zweifeln darf. Das macht ihn manchmal ganz schön ver-zweifelt.

Ein Beispiel für eine Politik ohne Zweifel ist sicher die Steuersenkungsprogrammatik der FDP. „Steuern runter!“. Diese Forderung wurde eines Tages zum Mantra  erklärt und war ab sofort immun gegen Zweifel und gegen Kritik. Und auch gegen Zahlen: Selbst noch so leere Kassen konnten dieser FDP-Kernbotschaft  nichts anhaben. Bis heute ist es in Stein gemeißelt. Es ist hier nicht der richtige Ort, um in ins Detail zu gehen. Auch möchte ich nicht durch unnötiges Parteigezänk an meinen Ausführungen zweifeln lassen. Nur so viel:  Während die FDP-Strategen offenbar meinten, glaubwürdiger dadurch zu sein, dass sie ihr vor der Bundestagswahl abgegebenes Versprechen nicht brachen, sahen das viele Bürger offenbar anders. Umfragen zeigten schon bald nach den Wahlen, dass die Mehrheit der Menschen gegen Steuersenkungen sind – auch die Mehrheit derjenigen „Besserverdienenden“, die zu den Profiteuren der FDP-Vorhaben gehören sollten, waren dagegen. Hier zeigt sich: Manchmal ist das Volk weiter als die Politiker und erwartet statt zweifelsfreien Forderungen und Versprechen Offenheit für Skepsis – und dass Politiker bereit sind, von einmal getroffenen Entscheidungen auch wieder abzurücken.

„Im Zweifel fürs Zerreißen/der eigenen Uniform“ heißt es in dem oben erwähnten Tocotronic-Song. Übertragen in die Politik könnte das heißen: Die Bürgerinnen und Bürger wollen nicht immer uniformierte, immer gleiche Aussagen, die gebetsmühlenartig vorgetragen werden.

Zugegeben: Das ist natürlich gerade in Wahlkampfzeiten leichter gesagt als getan. Trotzdem habe ich öfters das Gefühl, dass gerade die verlockende Haltung „Ich weiß auf alles eine Antwort“ bei den Bürgern eher einen politischen Zynismus befördert  - nach dem Motto: „Wir wissen doch eh, dass die Politiker ihre Versprechen nicht halten werden.“ Warum also nicht gleich mehr Zweifel zulassen, wenn das politische „Vorher/Nachher“-Bild, also das Image vor und nach der Wahl, oft genug unvorteilhaft ausfällt?

Andererseits wünscht man sich das ja auch mitunter, dass wenigstens die Politiker wissen, was sie tun, eine überzeugende einfache Antwort haben und die Welt zum Guten hin verändern.

Ein weiterer Aspekt wird heute immer wichtiger: Wissen ist  heute – nicht zuletzt dank des Internets - freier verfügbar als früher. Es bildet sich so etwas heraus wie eine global vernetzte Zivilgesellschaft der Wissenden. Sie stellt Herrschaftswissen immer stärker unter  Rechtfertigungsdruck. Wer trotzdem mit dem Anspruch des zweifelsfreien Wissens aufritt, hat es angesichts dieses „Wissens von unten“ schwer, seine Machtposition aufrecht zu erhalten. Er muss offen sein für den testenden Zweifel, der aus dem globalen Netz in Form alternativen Wissens erklingt.

In der Politik muss zwar entschieden werden, sicher, aber nicht immer lassen sich politische Probleme und Prozesse nach einem einfachen „Entweder/Oder“ ordnen.  Meistens sind die Sachverhalte, mit denen wir es zu tun habe, viel zu komplex für einen solchen schlichten Dezisionismus.

Der renommierte Religionssoziologe Peter L. Berger und der Kultursoziologe Anton Zijderveld nennen das in ihrem gerade auf deutsch erschienenen Buch „Lob des Zweifels“ die „Politik der Mäßigung“. Gemeint ist damit auch eine Politik, die ihren eigen Regelungsanspruch relativiert, ohne ihn deshalb gleich aufzugeben. Eine Politik, die offen ist für überprüfenden, testenden Zweifel, für Revisionen und Gegenfragen. Eine Politik, die sich weniger auf technokratische Rundum-Lösungen verlässt, sondern sanftere und flexiblere Lösungen entwirft. Ich möchte nicht missverstanden werden: Keineswegs möchte ich mich für einen schlanken Staat stark machen. Was ich meine ist ein ehrlicher Staat: Ein Staat, der nicht zu viel verspricht – eben weil er daran zweifelt, dass ein Staat, der sich für alles zuständig erklärt, heute  funktionieren kann, wie ein guter und gerechter König.

Ein Beispiel für den gewissermaßen „eingebauten“ Zweifel, für eine Politik der Mäßigung, waren die Arbeitsmarktreformen der rot-grünen Koalition. Von Anfang an war uns damals klar, dass man bei so einer Riesenreform nicht alles richtig machen kann. Die langen und mühsamen Diskussionen über einzelne Paragrafen waren eben auch Ausdruck von Zweifel. Da wir wussten, dass diese Reform nicht der Weisheit allerletzter Schluss sein konnte, haben wir am Ende dem realistischen Zweifel sogar darin Ausdruck verschafft, dass wir in das Gesetz geschrieben haben, dass die Maßnahmen regelmäßig evaluiert werden. Offenheit und Reversibilität waren hier Teil des Programms und das nicht, um sich nicht festzulegen, damit man später nicht auf die verabschiedeten Gesetze „festgenagelt“ werden konnte. Nein, die Vorläufigkeit war Ausdruck des Gefühls, dass die Materie viel zu komplex ist, als dass die Politik die Lösungen für bestimmte Probleme ein für allemal parat haben könnte. Vor allem galt der Zweifel dem Verhalten der Menschen. Ein, wie ich finde, mehr als berechtigter Zweifel: würden die Menschen sich tatsächlich so verhalten, wie wir annahmen? Im Zweifel übrigens NEIN. Beispiel Pauschalierung der Transferleistungen ALG 2 und Sozialgeld.

Manchmal halten die Menschen den Zweifel aber auch nicht aus. Beispiel Afghanistan: Dass dort nicht alles so läuft, wie wir es uns wünschen und wir uns über die richtige Strategie nicht sicher sind, weckt in vielen Menschen offenbar den Wunsch nach klaren Ansagen: „Abzug jetzt und sofort!“. Vielleicht ist der Zweifel hier deshalb so schwer zu ertragen, weil sich hier ein Zweifel hinsichtlich des vorhandenen Wissens mit einem moralischen Zweifel vermischt. Es geht ja nicht einfach nur um Fakten, sondern um Menschenleben. Andererseits ist gerade das der Grund dafür, dass keine einfachen Antworten gegeben werden können.

Wer zweifelt, der zaudert und zögert leichter. Aber was ist am Zaudern eigentlich so schlimm? Ist Schnelligkeit per se gut? Müssen Entscheidungen immer wie aus der Pistole geschossen kommen? Sollte man sich manchmal nicht etwas mehr Zeit nehmen? Die Vulkanwolke hat uns da vielleicht etwas zum Nachdenken gebracht: Muss immer alles jetzt und sofort sein? Kann „Gut Ding“ nicht auch einmal „Weile“ haben? Ist mehr Muße nicht wünschenswert?

Auch in der Politik können wir uns fragen: Muss es immer dieser „Sofortismus“ sein? Oft wird durch schnelle Antworten und Bescheidwisserei der Zweifel am eigenen Tun überspielt. Leider passiert das oftmals in der Hoffnung, dass die möglichen Fehler oder Fehleinschätzungen nicht zu schnell auffliegen.

Hinter der Forderung nach Entschleunigung versteckt sich deshalb keineswegs  der egoistische Politikerwunsch nach mehr Freizeit angesichts voller Terminkalender. Den gibt es auch, aber das ist hier nicht die Frage. Er ist im Sinne des großen Ganzen. Denn Entschleunigung schafft Zeit zum Hinterfragen der Entscheidungen, Zeit für konstruktiven, testenden Zweifel. Sie schafft Raum, um die Entscheidungen überlegter zu machen.

Gerade die komplexe Welt, in der wir heute leben, verlangt eine Verlangsamung der Entscheidungen. Das wäre dann das, was man Nachhaltigkeit nennt. Nachhaltige, dauerhafte Lösungen brauchen Zweifel und Zaudern – sie brauchen Überlegung, die über das Hier und Jetzt hinausreicht und –weist.

Sie brauchen Entlastung vom unmittelbaren Entscheidungsdruck. Wir brauchen eine „zweifelsoffene“ Politik, die allerdings ein gewisses Maß an Entschleunigung voraussetzt. Das würde auch zu mehr Glaubwürdigkeit führen. Denn:  Zweifeln heißt ja nicht Nicht-Wissen. Der Zweifelnde ist ja nicht ahnungslos oder ein Vertreter des ‚gefährlichen Halbwissens‘. Der Zweifelnde weiß meist sehr viel und genau das ist sein Problem.  Das Problem ist wohl, dass unser Zweifel heute, angesichts der massen- und dauerhaften Beobachtung durch allerlei und aller Welt Medien immer öffentlicher Zweifel ist. Ich kann eben kaum noch in Klausur gehen und nachdenken, andere um ihre Gedanken bitten, ohne dass ein Mikrofon am langen Arm hereinreicht. Ich weiß nicht, ob ich darüber nun klagen soll. Das hat eine positive Seite: die Transparenz von Prozessen, auch von Denkprozessen. Negativ ist natürlich, dass die Vereinfachung einer nicht ausgereiften Idee und insbesondere ihrer Schattenseiten, die noch nicht ausreichend bedacht wurden, manche Kreativität töten, bevor sie begonnen hat. Und den Mut, sich dem Denkprozess auszusetzen, gibt es auch nicht direkt bei Aldi im Doppelpack.

Lassen Sie mich zum Schluss noch eine Frage aus theologischer Sicht aufwerfen: Wie viel Zweifel verträgt eigentlich das Gottes-Volk?

Klar ist zu sehen, dass der Protestantismus ein Verhältnis zur Moderne hat, die es ihm gut möglich macht, in ihr zu existieren. Denn es ist Erbe und Vermächtnis der Reformation, das freie Gewissen des Einzelnen unhintergehbar anzuerkennen. Subjektivität, individuelle Rechte sind durch die Aufklärung ausgestaltet und auch gegen die Kirche erkämpft – aber haben eben ihren Ursprung doch im reformatorischen: Zweifel. Luther Betonung des sola fidei, allein der Glaube, hat Platz auch für den Zweifel. Wir können glauben und dabei mit dem Zweifel leben, sehr gut sogar. Glaube und Glaubenszweifel sind hier keine Widersprüche, sondern gehören gleichsam organisch zusammen. Auch wenn wir den Glauben selbst für unverfügbar halten können, bleiben die Fragen des „wie“ erhalten. Oder die Warum-Frage oder die „Wo war Gott“-Frage; der Zweifel bleibt also.

Modernisierung und Pluralität gehen auch an den Religionen und religiösen Institutionen nicht spurlos vorüber. Eine Auswirkung unter vielen ist die gestiegene Erwartung der Gläubigen an ihre Kirche und diejenigen, die Verantwortung übernommen haben, sie zu leiten. Ja, ich bin überzeugt davon: der Zweifel wird häufiger und stärker. Darauf muss es Antworten geben. Und auch wer von außen auf die Kirche blickt, wer neugierig ist und fragt, was da geglaubt und gelebt wird, erwartet überzeugende Antworten.

Wer dem oder der Zweifelnden gegenüber damit argumentiert, man habe das schon immer so gemacht und im Übrigen durch die Jahrhunderte hindurch dem Zeitgeist widerstanden, der wird den Anforderungen vernünftiger Begründung nach der Zeitenwende der Aufklärung nicht länger gerecht.

Das Problem der katholischen Kirche ist es ja gerade, dass es ihr nicht zu gelingen scheint, eine mittlere Position einzunehmen und Angebote zu machen jenseits von Beliebigkeit aber auch jenseits vom Anspruch, über jeden, noch den allerleisesten Zweifel erhaben zu sein. Papst Benedikt predigt an gegen den Relativismus der Welt, der die Werte abhanden gekommen seien. Das ist ja nicht falsch. Doch er führt dabei die ihm anvertraute Institution hinein in die Sackgasse absolut geglaubter Gewissheit. Für einen Zweifel, der zu Toleranz führt ist hier ebenso wenig Raum wie für den testenden Zweifel. Vom (protestantischen) Glaubenszweifel ganz zu schweigen.

Wer wollte mit so wenig Liebe zur Welt, wie sie nun einmal ist in all ihrer Unvollkommenheit, in ihr Gehör finden können?

Den Zweifel für unnötig zu erklären, weil es schon eine Antwort gibt, die unhinterfragbar sei, wird ihn eher mehren denn ausräumen. Und im Gegenteil gilt auch für den Zweifel im Glauben ähnliches wie für ihn im Bezug auf gesellschaftliche Prozesse. Es geht nicht ohne ihn, er macht Glauben erst möglich und er hält unseren Glauben lebendig. Ja, vielleicht kann man sogar sagen: Je mehr jemand zweifelt, desto tiefer und authentischer glaubt er auch.

 Zu zweifeln, immer wieder, bewahrt uns bei allem Wunsch nach Orientierung davor, starr zu werden in Denken und Handeln, weltfremd auch und davor, eben nicht mehr nah beim Menschen zu sein.

Würde zu glauben verlangen, zu allem nur ja und amen zu sagen, wären wir zu recht intellektuell beleidigt. Es scheint natürlich einfacher und auch entlastender zu sein, sich nicht mit Ungewissheiten zu belasten und zum Beispiel wortwörtlich zu nehmen, was in der Bibel überliefert ist. Doch wer selbst nicht zweifelt, wird schwer zulassen können, dass andere es tun. Es wäre ja eine Anfrage an ihn. So führt der Versuch, das Zweifeln zu verbieten in eine Spirale aus Intoleranz, an deren Ende religiöser Fanatismus steht. Religiöser Fundamentalismus lehnt die Freiheit des Zweifelns ab. Er muss sie ablehnen, weil er sich sonst selbst gefährdet.

Zweifeln ist anstrengend. Es macht Mühe. Und wir müssen aushalten können, dass Glaubensvorstellungen in Raum und Zeit immer relativ sind. Nicht der Glaube selbst, denn das ist eben nicht das Ende des Glaubens sondern seine Bedingung, sein Anfang, auch sein Neuanfang. Anzuerkennen, dass jede Tradition einen historischen Kontext hat, dem sie entspringt heißt ja nicht, dass sie nicht trotzdem weiterträgt und für sinnvoll erachtet wird. Die Offenheit, sich den überlieferten Glaubensvorstellungen historisch-kritisch zu nähern (auch das ein Verdienst der protestantischen Theologie) hilft, den Glauben aus seiner Zeit heraus zu verstehen. Aber das macht zu glauben nicht beliebig, sondern führt heran an den Kern dessen, was durch alle Zeiten hinweg geglaubt worden ist und geglaubt werden kann.

Zweifel ist richtig und Zweifel ist notwendig. Wer nicht zweifelt, kann sich nicht freuen an dem, was ihm danach gewiss scheint, was er glauben können will. Oder mit Goethe: „Denn wenn wir die Zweifel nicht hätten, wo wäre denn frohe Gewissheit?“