„Nimm und lies ...“ Gedanken über Buch und Bildung - Vortrag, gehalten aus Anlass der festlichen Wiedereröffnung der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden

Michael Beintker

30. April 2010

Meine Damen und Herren,


wer in einer Bibliothek über den Zusammenhang von Buch und Bildung spricht, setzt sich leicht dem Verdacht aus, Eulen nach Athen zu tragen. Sind Bibliotheken nicht die Orte, an denen uns wie sonst nirgendwo der Zusammenhang von Buch und Bildung vor Augen geführt wird? Und ergibt sich der Zusammenhang von Buch und Bildung nicht von selbst? Nicht grundlos betritt man eine Bibliothek mit einer gewissen Ehrfurcht – und das umso mehr, je älter sie ist und je umfangreicher ihre Buchbestände sind. Viele Bibliotheken haben den Charakter von Schatzkammern – Schatzkammern des Geistes, in denen den Leserinnen und Lesern die aufregendsten Erkundungen und Entdeckungen bevorstehen und wo niemand leer ausgehen wird. Bücher bilden. Und erst recht bilden Bücher, die an einem Ort wie diesem versammelt sind und ihren Leserinnen und Lesern Einblick in die unterschiedlichsten Epochen, Wissensgebiete und Denkweisen gewähren.

Die in uns aufsteigende Ehrfurcht beim Betreten einer Bibliothek hat die verschiedensten Ursachen. Es ist schon das Geruchsgemisch von alten Pergamenten, Papieren und Leimen, das eine Bibliothek wie diese so faszinierend werden lässt. Es können die jahrhundertealten Gebrauchsspuren der Menschen, die sich vor uns mit diesen Büchern beschäftigt haben, oder die Kunstfertigkeit der damaligen Buchbinder sein, die uns mit Respekt erfüllen. Auch die archi-tektonische Anlage der Bibliothek spricht mit. Es ist ein erheblicher Unterschied, ob wir durch das Vestibül eines in Beton gegossenen modernen Bücherfunktionstrakts gehen oder eine Biblio¬thek betreten, in der der Kunstfertigkeit des klassischen Bucheinbands auch eine Kunstfertigkeit in der bibliothekarischen Innenarchitektur und der Aufstellung der Buchbestände korrespondiert. Traditionsreiche Bibliotheken wie die Bibliothek der Franckeschen Stiftungen in Halle oder die Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar sind auch dem äußeren Erscheinungsbild nach Kunstwerke. Der vermuteten Würde des von ihnen beherbergten Geistes hatte die Aufstellung der den Geist vermittelnden Bücher zu entsprechen. Niemand wäre damals so schnell auf den Gedanken gekommen, dass man Bücher in Regalen wie Dosenobst in Vorratskellern stapeln könne. Das ist heute – schon aus Platzgründen – überall üblich. Da darf der Besucher der Johannes a Lasco Bibliothek aufatmen, ihn empfängt wahrlich kein lieblos arrangiertes Großmagazin. Die hier waltende Harmonie zwischen dem Geist der Bücher und der Atmosphäre des Raumes dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass er ausgesprochen gerne kommt und sogleich den Wunsch in sich verspürt, für einige Wochen dazubleiben – nur um zu lesen und auf literarische Ent-deckungsreisen zu gehen.

„Haben Sie diese Bücher alle gelesen?“ Diese Frage ist wohl schon jedem gestellt worden, dessen Wohnung reichlich mit Büchern gefüllt ist. In meinem Fall war es immer der Ofenreiniger, der bei der in früheren Zeiten fälligen jährlichen Reinigung des Kachelofens über die (keineswegs sehr üppigen) Regalwände eines jungen Assistenten staunte. Ich habe diese Frage wahrheitsgemäß beantwortet: Ich hätte diese Bücher keineswegs alle gelesen; viele stünden nur zum Nachschlagen da und etliche würden noch auf ihre Lektüre warten (manche übrigens bis heute). Das Beispiel meines Ofenreinigers zeigt, wie ehrfurchtgebietend eine Bücherwand werden kann. Diesen Umstand hat sich schon mancher zur Demonstration seines individuellen Bildungsprofils zunutze gemacht – etwa, indem er seine Gäste bewusst in der Hausbibliothek empfing und den Begrüßungscocktail so in die Länge zog, dass ihnen bestimmte Buchrücken und Prachteinbände auffällig werden mussten.

Das Staunen von Menschen, die offenbar nicht viel lesen, über die Bücherschätze anderer wird bisweilen auch bei denjenigen aufleben, die leidenschaftlich gerne lesen und Bücher zu ihren besten Freunden rechnen. Eine solche Situation pflegt dann einzutreten, wenn sie in eine Bibliothek kommen und noch nicht sehr abgebrüht im Umgang mit Büchern sind. Schon ein mittelgroßes Haus mit – sagen wir: – fünfzig- oder hunderttausend Bänden besitzt ein hinreichendes Potential zur Einschüchterung auch noch der emsigsten Leser. Schon der Blick in den Katalog wird diesen schmerzhaft verdeutlichen, dass ihr Leben viel zu kurz ist, um alle diese Bücher in sich aufnehmen und sie angemessen verarbeiten zu können.

In einer Bibliothek werden nicht nur die Pfade zum Wissen und zur Weisheit gelegt, sondern auch die Wege gewiesen, die zu unüberschreitbaren Grenzen führen, ja bisweilen abrupt an einer Wand des Nichtwissens enden. Ganze Universen des Wissens breiten sich vor einem aus, aber man kann immer nur einige kleine Wissensinseln inmitten der unermesslichen Ozeane des Nichtwissens aufsuchen. Glücklich kann sich schon schätzen, wer wenigstens ein Gefühl für die richtigen Inseln zu entwickeln vermochte und weiß, wie man sie findet. Es ist ein keineswegs nebensächlicher Aspekt von Bildung, dass man gelernt hat, richtig zu suchen und an der passenden Stelle nachzuschlagen. Die Ehrfurcht beim Betreten einer Bibliothek ist in tiefstem Sinne die Ehrfurcht vor dem in ihr versammelten kollektiven Wissen, das keinem einzelnen in seiner Ganzheit erschwinglich ist – die Ehrfurcht vor den schier unendlichen Gedankenbewegungen, die sich in und zwischen die Zeilen der Bücher eingeschlichen oder auch eingeprägt haben und die nur darauf zu warten scheinen, entdeckt zu werden.

Wie beim Hochleistungssport gibt es freilich auch hier Optimisten, die die uns gezogenen Grenzen an Aufnahmevermögen und Lebenszeit wenigstens etwas hinausschieben möchten. Man kann das Lesen doch trainieren, sagen sie uns. So ist mir einmal ein Ingenieur begegnet, der in seiner Freizeit das „Hobby“ (er nannte es ausdrücklich so) pflegte, Doktorarbeiten zu lesen. Nach Dienstschluss begab er sich jeden Tag in den Lesesaal der nächstgelegenen Universitätsbibliothek und arbeitete sich bis zum vorgerückten Abend systematisch durch alle erreichbaren neuen Dissertationen, wobei er die philosophischen und theologischen Arbeiten bevorzugte (deshalb kamen wir uns näher), aber dabei keineswegs die mathematischen, physikalischen, zoologischen oder zahnmedizinischen Spezialuntersuchungen verschmähte. Ich weiß nicht, ob er eine Frau hatte und wie diese seinen Wissensdurst beurteilt hätte. Sein außergewöhnliches Hobby erschloss sich anderen kaum. Er selbst war allerdings glücklich, wenn er von vielen Doktorarbeiten umgeben war und dann sagen konnte: „Auch das habe ich schon gelesen.“

Während dieser Leser zu seiner eigenen Erbauung einfach darauf los las, also etwas tat, was man als zufallsgeneriertes „Bücher-Surfen“ bezeichnen kann, lassen sich die Lesefähigkeiten auch unter dem Gesichtspunkt der Effektivität beim Erreichen von Zielen betrachten. Mit Kursen des richtigen Lesens und Schnell-Lesens, der Lesetechnik und des diagonalen Augengleitens bei gleichzeitiger komplexer Sinnerfassung lässt sich heute Geld verdienen. Wer seine Lesegeschwindigkeit von schlappen 150 auf 450 und mehr Worte pro Minute zu steigern gelernt hat, soll solche Meisterwerke des menschlichen Denkens wie Kants „Kritik der reinen Vernunft“ oder Hegels „Phänomenologie des Geistes“ in einem bibliomanen Rauschzustand in weniger als einer Woche in sich aufnehmen können. Bestimmte Philosophieseminare in Amerika sollen schon lange nach diesem Muster arbeiten. Man sagt, es habe sich bewährt, obwohl über die tatsächlichen Leistungen der so durch die berühmten Werke gehetzten Leser nicht viel bekannt ist.

Angesichts der eigenen Schwierigkeiten im Umgang mit anspruchsvollen Texten und der vielen Zeit, die man braucht, um auch nur einige Seiten daraus angemessen zu verstehen, mag man sich mit einem Vierzeiler trösten, den Karl Kraus dem Polyhistor gewidmet hat:

Zu wenig Verstand muß unterm Fluch des vielen Wissens wanken.
Ich sehe dich stets mit einem Buch und nie mit einem Gedanken.

Vielleicht kommt einem auch die Figur des „Papiersäufers“ in den Sinn, dem Elias Canetti eine seiner unübertrefflichen Charakterstudien gewidmet hat: „Der Papiersäufer liest alle Bücher, es kann sein, was es will, wenn es nur schwer ist. Er gibt sich nicht mit Büchern zufrieden, von denen man spricht; sie sollen rar und vergessen sein, schwer zu finden. Es ist vorgekommen, dass er ein Jahr nach einem Buch gesucht hat, weil niemand es kennt. Hat er es schließlich, so liest er’s rasch, kapiert es, merkt sich’s und kann immer daraus zitieren. Mit 17 sah er schon aus wie jetzt mit 47. Je mehr er liest, um so mehr bleibt er sich gleich. Jeder Versuch, ihn mit einem Namen zu überraschen, schlägt fehl; auf jedem Gebiet ist er gleich gut beschlagen. Da es immer etwas gibt, was er noch nicht kennt, hat er sich noch nie gelangweilt. Doch hütet er sich zu sagen, was ihm unbekannt ist, damit ihm kein anderer beim Lesen zuvorkommt. – Der Papiersäufer sieht wie ein Kasten aus, der sich nie geöffnet hat, um nichts zu verlieren.“

Es mag etwas befremden, wenn ausgerechnet in einer Bibliothek solche Gedanken geäußert werden. Muss man an Tagen wie diesen nicht eher die Leselust und die Freude am Buch propagieren? Sind die Papiersäufer à la Canetti nicht schon Auslaufmodelle? Tatsächlich leben wir in Zeiten, in denen in summa entschieden zu wenig gelesen wird, weil nach Dieter Hildebrandts satirischem Scharfblick nicht wenige Zeitgenossen Bildung vornehmlich mit Bildschirm in Verbindung bringen und bei Buch zuerst an Buchung denken.

Aber alle Produkte haben Nebenwirkungen, so auch Bücher. Viel zu wenig ist bekannt, dass es auch ein Lesen gibt, das eher schadet als nutzt – ein Lesen, das Bildung verhindert, statt Bildung zu fördern. Das darf auch an einem Ort gesagt werden, der eigentlich davon lebt, dass gern und viel gelesen und fleißig studiert und geforscht wird. In jenen legendären Lesezeiten am Ende des 18. Jahrhunderts, als sich das Publikum zu Leseklubs, Lesegesellschaften und Lesegemeinschaften zusammenschloss, um der Begeisterung für die Welten der Bücher regelrecht zu frönen und so etwas wie eine kollektive Buch-Sucht zu entfalten, warnte ausgerechnet ein Päd¬agoge vor den schädlichen Wirkungen des übermäßigen Lesens. Joachim Heinrich Campe schrieb um 1785: „Das unmäßige und zwecklose Lesen macht zuvörderst fremd und gleichgültig gegen alles, was keine Beziehung auf Literatur und Bücherideen hat; also auch gegen die gewöhnlichen Gegenstände und Auftritte des häuslichen Lebens; also auch gegen das frohe Gewühl des Kleinen um uns her [...]. Hierzu gesellt sich nicht selten eine träge Unlust zu jedem anderen hausväterlichen und hausmütterlichen Geschäfte.“

Man fühlt sich an die im letzten Jahrhundert gegen das neue Medium des Fernsehens gerichtete Kritik erinnert, wenn Campe dann die Verkümmerung der häuslichen Sozialbeziehungen durch das Lesen so glossierte: „Hat man endlich gar durch öfters anhaltendes Stillsitzen, und durch einseitige Beschäftigung Seelenkräfte bei un¬natürlicher körperlicher Ruhe, erst vollends seine Säfte verdickt, seine Nerven geschwächt, seine Verdauungskräfte gelähmt, seine Eingeweide schlaff gemacht; dann fahre hin, häusliche Glückseligkeit!“

Nicht jedes Lesen ist lebensdienlich. Und nicht jedes Lesen ist erkenntnisfördernd. Hinter der von Campe geübten Kritik am unmäßigen Lesen verbirgt sich auch ein Einwand, der eine lange Tradition aufzuweisen hat. Er lässt sich in die Frage kleiden, was der Gewinnung von Erkenntnis besser dient: das Gespräch im Kreis von Interessierten, die gemeinsam an der Klärung eines Problems arbeiten, oder die Lektüre im stillen Kämmerlein, bei der man mit sich, seinen Büchern und seinen Gedanken allein ist. Mir scheint, dass die antiken Philosophen in ihren Schulen nicht nur wegen der Kostbarkeit der Schreibmaterialien und des Mangels an Kopiergeräten mit¬einander disputiert, statt sich mit Artikeln instruiert haben, und es auch kein Zufall war, dass Sokrates gerade dadurch berühmt geworden ist, dass er selbst kein einziges Buch geschrieben hat. Der eigentliche Ort des Erkennens war der lebendige Dialog von Rede und Gegenrede, in dem Meinung und Gegenmeinung aus der Situation heraus aufeinanderstießen, sich rieben und attackierten, aber auch ergänzten und so zu fruchtbaren neuen Fragestellungen und Einsichten vorstießen.

Bücher verhielten sich zu dieser Situation wie vorbereitende Hilfsmittel und nach¬bereitende Protokolle. Ja, Platon lässt Sokrates die Legende vom ägyptischen König Thamus erzählen, der zur Erfindung der Schrift bemerkt haben soll: „[...] diese Kunst wird Vergessenheit schaffen in den Seelen derer, die sie erlernen, aus Achtlosigkeit gegen das Gedächtnis, da die Leute im Vertrauen auf das Schriftstück von außen sich werden erinnern lassen durch fremde Zeichen, nicht von innen heraus durch Selbstbesinnen.“

Das Bewusstsein für den erkenntnisfördernden Vorrang des gesprochenen vor dem ge¬schriebenen Wort hat übrigens auch die Technik des Lesens beeinflusst. Griechen wie Römer lasen ihre Bücher anders als wir, nämlich laut und langsam – sie lasen sie sich gewissermaßen selber vor, so wie dann auch die Christen ihre Texte laut vor sich hinlasen. Erst an den jungen Universitäten des 13. Jahrhunderts begann sich das zu ändern. In Paris und Oxford gingen die Lesenden zum stillen Lesen über, forcierte sich das Lesetempo – ein Zustand, der sich nach der Erfindung des Buchdrucks immer mehr beschleunigte. Die damit verbundenen Verluste an dia¬logischer Authentizität bewogen Steffano Guazzo, den Autor des Buches „La Civile Conversatione“ 1576 zu der Äußerung, dass es ein großer Fehler sei, anzunehmen, dass das Wissen eher im Umgang mit Büchern als im Umgang mit kundigen Menschen zu erwerben sei. Hinzu komme, „daß der Geist eines einsamen Menschen stumpf und träge wird, wenn er niemanden hat, der ihn stimuliert, herausfordert und mit ihm diskutiert. Oder aber er wird überheblich und aufgeblasen, weil er aufgehört hat, sich mit anderen zu messen.“

Wer wie die Alten die Rolle der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht für das Er¬kennen schätzt, wird eine Bibliothek nicht allein anhand der Zahl der Bücher und der Leseplätze bewerten, sondern ihre Qualität auch daran zu messen haben, wie die Verantwortlichen es verstehen, die an den Büchern interessierten Menschen untereinander ins Gespräch zu bringen. Symposien und Tagungen sind Veranstaltungsformen, auf denen der lebendige Dialog aufleben soll, der wie kein anderes Medium die ursprünglichen Situationen und Stationen des Erkennens präsent werden lässt. Sie müssen freilich so gestaltet werden, dass sie dem Werkstattgespräch und der öffentlich geführten Debatte den ihnen zustehenden Raum lassen. Eine gute Tagung erkennt man daran, dass die auf ihr geführten Diskussionen eigene Akzente zu setzen vermögen. Vor¬tragsparcours, die den Zuhörern lediglich das Recht zu einigen Rückfragen an die Referenten gestatten, werden dem nicht gerecht. Man braucht solche Tagungen eigentlich nicht zu besuchen, weil man ja ohnehin alles nachlesen kann, was dort gesagt worden ist.

Gute Tagungen erkennt man am erkenntnisfördernden Gesprächsklima. Gute Bücher erkennt man daran, dass sie mit ihren Lesern etwas machen und sie etwas sehen lehren, was sie zuvor nicht wahrgenommen haben und was dann sogar ihr Leben verändert. Bücher können also einiges mehr mit ihren Lesern anstellen, als die Kritik der papiernen Gedankenlosigkeit und des Lesens um des Lesens willen sichtbar werden lässt. Man muss sie freilich wirken lassen. Und wirken können sie nur, wenn man sie nicht verschlingt, sondern achtsam und bedachtsam mit ihren Worten umgeht, wenn man sie liest und wieder liest, wenn man sich also Zeit nimmt für sie, weil es sich lohnt, sich in ihnen einzuleben. In einer bewussten Gegenbewegung gegen das effektive Schnelllesen gelte hier der Grundsatz: Weniger ist mehr. Man muss gerade nicht alles gelesen haben, was als lesenswert und bestsellerverdächtig gepriesen wird, man darf getrost Lücken ha¬ben und sich zu ihnen bekennen. Die in bestimmten Fragebögen gerne gestellte Frage nach den drei Büchern, die man auf eine Insel mitnehmen würde, ist ausgesprochen lese- und zugleich lebensfreundlich.

„Bücher verändern das Schicksal der Menschen“, schreibt Carlos María Domínguez zu Beginn einer Erzählung, in der die Wirkung von Büchern eine erhebliche Rolle spielt. So man¬cher habe „Der Tiger von Malysia“ gelesen und sei an einer fernen Universität Dozent für Literatur geworden. Hesses Demian habe Zehntausende Jugendliche zum Hinduismus geführt, Hemingway habe sie zu Sportlern gemacht, Dumas habe das Leben Tausender Frauen auf den Kopf gestellt „und nicht wenige sind durch ein Kochbuch vor dem Selbstmord bewahrt worden“.

Bücher trotzen den Diktatoren und bilden zur Freiheit. Wenn man sie verbietet und auf den Index setzt, werden sie erst recht gelesen. Wer eine Diktatur von innen erlebt hat, wird die befreiende Macht des verbotenen Buches nicht hoch genug schätzen können. Der sogenannte „Giftschrank“, in dem in einer angeblich wissenschaftlichen Zwecken dienenden DDR-Bibliothek die Werke der Gegenwartsphilosophie aufbewahrt und nur gegen eine Sondergenehmigung zu entleihen waren, war regelrecht eine Aufforderung zum Lesen – weit wirksamer als jede Empfehlung von Marcel Reich-Ranicki. Wenn es dann noch geschah, dass George Orwells antitotalitäre Fabel „Farm der Tiere“ von den „Zollorganen“ (sie hießen wirklich so) im durchschnüffelten Weihnachtspäckchen gelassen wurde, dann war das eine Genugtuung der besonderen Art, die einen diebisch freute. Die Kontrolleure hatten nämlich die Angabe auf dem Inhaltszettel „Orwell – ein Tierbuch“ für bare Münze genommen.

In ihrer Rede beim Bankett anlässlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur im vergangenen Dezember sprach Herta Müller über ihre Jugend im rumänischen Banat. Sie, die sie als Kind Kühe gehütet habe, sei gegen den Willen ihrer Mutter auf das Gymnasium gekommen. Eigentlich sollte Herta Müller im Dorf Schneiderin werden: „Sie wusste, dass ich in der Stadt verdorben werde. Und ich wurde verdorben. Ich fing an, Bücher zu lesen.“ Herta Müller erzählte, wie das Dorf ihr immer mehr wie eine Kiste vorgekommen sei, in der man geboren wird, hei¬ratet und stirbt. Im Dorf seien alle vor dem Staat geduckt, aber untereinander und gegen sich selbst kontrollwütig bis zur Selbstzerstörung gewesen. „Feigheit und Kontrolle – beides war später auch in der Stadt gegenwärtig. Privat Feigheit bis zur Selbstzerstörung, staatlich Kontrolle bis zur Zerrüttung des Individuums. Es ist vielleicht die kürzeste Form, die Tage der Diktatur zu beschreiben.“ Sie habe das Glück gehabt, in der Stadt Freunde, eine Handvoll junger Dichter, zu treffen. Ohne sie hätte sie keine Bücher gelesen und keine Bücher geschrieben. Und noch wichtiger: Ohne sie hätte sie die Repressalien nicht ausgehalten. Literatur könne es nicht ändern, dass es in dieser Welt bis zum heutigen Tage Diktaturen aller Couleur gebe. Aber Literatur könne durch Sprache eine Wahrheit erfinden, die zeigt, was in und um uns herum passiert, wenn Werte entgleisen. Literatur spreche mit jedem Menschen einzeln – nichts spreche so eindringlich mit uns selbst wie ein Buch. „Und erwartet nichts dafür, außer dass wir denken und fühlen.“

Der freiheitsstiftende Charakter der Bücher, die Herta Müller vor Augen hatte, darf durchaus auch für jene Art von Literatur in Anspruch genommen werden, die hier in der Johan¬nes a Lasco Bibliothek gesammelt wird und weniger erzählerisch veranlagt ist, als dass sie im Stil der wissenschaftlichen Arbeit daherkommt und ihre Themen geistig und geistlich reflektiert. Reformierte theologische Literatur ist oft genug eine Literatur gewesen, die sich gegen Widerstände zu behaupten hatte und darin ebenfalls sehr eindringlich mit ihren Lesern gesprochen hat. Auch für gute theologische Literatur gilt, dass sie ihre Leser anregt, sie zu neuen Entdeckungen reizt und Einfluss auf ihr Leben nimmt. Dieser Einfluss erwächst aus dem Gegenstand, dem gute theologische Literatur verpflichtet ist – den freiheitsstiftenden Zusagen des Evangeliums, die der Heidelberger Katechismus mit einer berühmt gewordenen Formel als den „einzigen Trost im Leben und im Sterben“ gewürdigt hat.

„Tolle lege – nimm und lies!“, und du wirst Dinge entdecken, über die du nur noch stau¬nen kannst. Das ist die klassisch gewordene Einladung zum Lesen, die man sich gut als Inschrift über dem Portal einer Bibliothek vorstellen kann. Nimm und lies, und dir werden sich weite Räume erschließen. Du wirst Einsichten gewinnen und Fragen stellen, von denen du nicht mehr lassen kannst. Die Bücher, die dir stolz ihren Rücken zeigen – und in jeder Bibliothek zeigen sie dir zuallererst ihren Rücken – werden sich dir in dem Maße öffnen, in dem du nach ihnen greifst und in ihre Welt eindringst.

Die klassisch gewordene Einladung zum Lesen stammt interessanterweise aus einem Kindermund. „Nimm und lies“, so riefen Kinderstimmen immer wieder aus dem Nachbarhaus, und man weiß nicht genau, ob es sich bei ihrem „tolle lege“ um ein römisches Kinderspiel ge¬handelt habe, bei dem das Heben (tolle) und Einziehen (lege) eines simulierten Ankertaus eine Rolle gespielt habe, wie Adolf von Harnack vermutet hat, oder tatsächlich um eine Aufforderung zum Lesen. Aurelius Augustinus jedenfalls, der, in Tränen aufgelöst, davor zurückschreckte, sich dem Anspruch Gottes auf sein Leben auszuliefern, hörte diese Kinderstimmen als Aufforderung zum Lesen. Ihm schien es so, als habe er den göttlichen Befehl empfangen, die Schrift aufzuschlagen und die erste Stelle zu lesen, auf die seine Blicke träfen. So habe er nach dem daliegenden Römerbrief des Paulus gegriffen und den ersten Abschnitt gelesen, der ihm vor die Augen gekommen sei: Lasset uns wandeln „[n]icht in Fressen und Saufen, nicht in Kammern und Unzucht, nicht in Hader und Neid, sondern ziehet an den Herrn Jesus Christus und hütet euch vor fleischlichen Gelüsten“ (Röm 13,13f). Weiter wollte er nicht lesen, brauchte es auch nicht: „Denn kaum hatte ich den Satz beendet, durchströmte mein Herz das Licht der Gewißheit, und alle Schatten des Zweifels waren verschwunden.“

Hätte von Harnack recht mit der Annahme, dass die Kinder so etwas wie ein Schiffchenspiel gespielt hätten , hätte es sich um eines der produktivsten Missverständnisse der Weltgeschichte gehandelt – ein Missverständnis übrigens, das dann doch keines gewesen ist. Auf jeden Fall wäre die Weltgeschichte ohne das mehrsinnige „Nimm und lies“ anders verlaufen, als sie nach jener Pauluslektüre des Augustinus dann verlaufen ist.

Inzwischen mehren sich die Anzeichen, dass wir in ein Zeitalter eingetreten sind, in dem das konventionelle Buch und mit ihm die traditionelle Bibliothek immer entbehrlicher werden. Die digitale Revolution mit den elektronischen Galaxien des Internets scheint die Menschheit in einen Zustand versetzt zu haben, der die von der Erfindung des Buchdrucks eingeleitete Medienrevolution noch übertrifft. Die Möglichkeiten der Speicherung und Abrufbarkeit des verfügbaren Menschheitswissens an beinahe jedem Ort des Planeten gelten als der Fortschritt schlechthin. Ein einziges E-Buch beherbergt mehr als ein ganzes Bücherregal. In eine Bibliothek braucht man nicht mehr zu fahren, nachdem ihre wesentlichen Bestände digitalisiert wurden und per Mausklick über das passende Internet-Portal angesteuert werden können. Schon ein einfaches Mobiltelefon kann dabei gute Dienste leisten. Der lektorale Sinn des alten „Nimm und lies“ wird künftig vermutlich auf „Click and copy“ lauten.

Es kann nicht darum gehen, die enormen Vorteile schlechtzureden, die mit den neuen Informations- und Vernetzungstechnologien geschaffen worden sind. Wir alle profitieren davon, dass uns fast jede gewünschte Information in kürzester Zeit zur Verfügung steht. Dennoch bemerken wir auch Probleme und Anzeichen von Unbehagen. Die in unserem Zusammenhang entscheidende Frage lautet, ob E-Book und Internet das Lesen von Texten und Büchern fördern oder ob sie das Lesen behindern.

Eine solche Frage erscheint auf den ersten Blick etwas Widersinniges an sich zu haben. Muss man doch ständig lesen, wenn man multimedial unterwegs ist. Aber wie liest man dann? Hier ist eine Tendenz verstärkt worden, die die großen Text- und Sinnzusammenhänge ganzer Bücher immer mehr in kleinere Leseportionen auflöst und sich den Blick auf das Ganze durch das Segment des Ausschnitts verstellt. Man liest viel, aber von allem wenig. Damit büßt man das Verständnis für das komplexe Erfassen von Sinnzusammenhängen und die damit verbundene geistige Anstrengung ein.

Das sektorale Lesen ist nichts schlechthin Neues. Es kam in dem Maße in Gebrauch, in dem das Kopieren von Texten üblich wurde. Man las die kopierten Ausschnitte. Und oft las man nicht einmal diese. Es genügte eigentlich, sie kopiert in der Ablage zu wissen – irgendwann würde man sie ja zur Kenntnis nehmen. Die Gewohnheit des Kopierens, Ablegens und uneingelösten Leseversprechens ist im Zeitalter von Google und Co. deutlich verstärkt worden. Die Verwaltung von Daten- und Textströmen läuft der Aneignung von Texten und der denkenden Auseinandersetzung mit ihnen zunehmend den Rang ab. Insofern zeichnen sich die neuen Medien zwar durch eine beachtliche Nutzerfreundlichkeit aus, aber leserfreundlich sind sie eigentlich nicht. Denn sehr viele Bücher wollen nicht nur genutzt, sondern ganz einfach in Ruhe gelesen und durchgelesen werden.

Bibliotheken können Orte sein, die einem wieder Lust auf den Umgang mit leibhaftigen Büchern wecken. Schon das Rascheln von Seiten, die Maserungen des Papiers, die tastbaren Spuren der Bleilettern, die Anmut des Einbands – das unwiderstehliche Empfinden, dass sich uns hier eine „Tür in der Zeit“  öffnet –, nehmen uns für das traditionelle Buch ein. „Nichts verleiht einem Zimmer so viel Wärme wie ein Bücherregal“, bemerkte unlängst der Computerwissenschaftler David Gelernter und fügte hinzu: „Von den vielen kleinen gewöhnlichen Gegenständen, mit denen wir tagtäglich umgehen, tragen Bücher wahrscheinlich am meisten dazu bei, die abweisenden Plastikoberflächen des modernen Lebens auszugleichen.“

Es wird immer Menschen geben, bei denen sich die Widerständigkeit gegen abweisende Plastikoberflächen durchsetzt und die nach der sinnlichen Erfahrung des Buches verlangen. Es ist nicht zu befürchten, dass das herkömmliche Buch in das digitale Nirwana abtauchen wird. Wahrscheinlicher wird das Gegenteil eintreten: Im ungebremsten Fluss von Daten und Zeichen, der immer mehr und immer intensiver von uns Besitz ergreift, werden wir das konventionelle Buch und seine Lebensverträglichkeit umso mehr zu schätzen wissen.

Solche Wertschätzung hat Robert Gernhardt auf seine Weise in Reime gebracht:

Ums Buch ist mir nicht bange. Das Buch hält sich noch lange.
Man kann es bei sich tragen und überall aufschlagen.
Sofort und ohne Warten, kann man das Lesen starten.
Im Sitzen, Liegen, Knien, ganz ohne Batterien.
Beim Fliegen, Fahren, Gehen – Ein Buch bleibt niemals stehen.
Beim Essen, Kochen, Würzen. Ein Buch kann nicht abstürzen.
Die meisten andren Medien, tun sich von selbst erledigen.
Kaum sind sie eingeschaltet, heißts schon: Die sind veraltet!
Und nicht mehr kompatibel – Marsch in den Abfallkübel
zu Bändern, Filmen, Platten, die wir einst gerne hatten,
und die nur noch ein Dreck sind. Weil die Geräte weg sind
und niemals wiederkehren, gibts nichts zu sehn, zu hören.
Es sei denn, man ist klüger und hält sich gleich an Bücher,
die noch in hundert Jahren, das sind, was sie stets waren:
Schön lesbar und beguckbar, so stehn sie unverruckbar
In Schränken und Regalen und die Benutzer strahlen:
Hab’n die sich gut gehalten! Das Buch wird nicht veralten.

Möge es denn so sein! Möge sich auch diese Bibliothek gut halten! Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.