„Wie lernen Gesellschaften?“ - Rede beim Johannisempfang der EKD in Berlin

Nikolaus Schneider

01. Juli 2010

"Frisch gewagt, ist halb gewonnen." Daraus folgt: "Frisch gewagt, ist auch halb verloren." Das kann nicht fehlen. Deswegen sagt man auch: "Wagen gewinnt, Wagen verliert." Was muss also den Ausschlag geben? Prüfung, ob man die Kräfte habe zu dem, was man wagen will, Überlegung, wie es anzufangen sei, Benutzung der günstigen Zeit und Umstände und hintennach, wenn man sein mutiges A gesagt hat, ein besonnenes B und ein bescheidenes C. Aber so viel muss wahr bleiben: Wenn etwas Gewagtes soll unternommen werden und kann nicht anders sein, so ist ein frischer Mut zur Sache der Meister, und der muss  dich durchreißen. Aber wenn du immer willst und fangst nie an oder du hast schon angefangen und es reut dich wieder und willst, wie man sagt, auf dem trockenen Lande ertrinken, guter Freund, dann ist "schlecht gewagt ganz verloren".

Verehrte Frau Bundeskanzlerin, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schwestern und Brüder!

Kommt Ihnen das bekannt vor? Etwa im Hinblick auf den gestrigen Tag?

Wann immer wir grundlegende Veränderungen zu bewältigen haben, als Politiker, Forscherinnen, Kirchenleute, als Unternehmerinnen oder Gewerkschafter - wir sind gut beraten, diese Schritte zu tun: „Prüfung, ob man die Kräfte habe zu dem, was man wagen will, Überlegung, wie es anzufangen sei, Benutzung der günstigen Zeit und Umstände und“ - das ist das Schwerste und deshalb Seltenste – „hintennach, wenn man sein mutiges A gesagt hat, ein besonnenes B und ein bescheidenes C.“

Die Herausforderungen und Aufgaben, vor denen wir stehen, sind einschüchternd. Ohne ein festes Herz, ohne Mut, ja ohne Wagnis geht gar nichts. Wir brauchen aber nicht die Tollkühnen und die Hasardeure, wir brauchen Menschen mit Umsicht und Sinn für Verantwortung. Denn dafür steht - weiß Gott – zu viel auf dem Spiel.

Für den Autor dieses kleinen Textes, den badischen Theologen und Pädagogen Johann Peter Hebel, ist das Jahr 2010 ein Jubiläumsjahr. Sein Geburtstag jährte sich am 10. Mai zum 250. Male. Er hat sich vor allem durch seine lebensklugen Kalenderbeiträge und -geschichten einen Namen gemacht. Er verstand sich nicht nur in den Schulen sondern auch gegenüber der Öffentlichkeit als Aufklärer und Lehrer. Wer aufklärt und lehrt, so wie es Hebel getan hat, gibt auch Hinweis, um Antwort zu geben auf die Frage: Wie lernen Gesellschaften?

Ich rücke diese Frage in den Mittelpunkt, weil unsere politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse - leider Gottes auch die kirchlichen - einen großen Reform- und Handlungsbedarf haben.

Der Zusammenbruch der Finanzmärkte stand im vorigen Jahr kurz bevor - mit allen unabsehbaren Folgen. Der Handlungsbedarf wuchs mit der Eurokrise in diesem Jahr weiter an. Sowohl der G8-Gipfel als auch der G20-Gipfel von Toronto haben vor wenigen Tagen die Reform der Finanzmärkte vertagt. Aber die Zeit drängt. Wie viele Banken- und Währungskrisen überstehen wir noch halbwegs glimpflich? Die weithin ungeregelten Finanzmärkte sind „wie ein Riss, wenn es beginnt zu rieseln an einer hohen Mauer, die plötzlich, unversehens einstürzt“. Es ist seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise nicht nichts geschehen. Aber es ist viel zu wenig geschehen.

Die Sicherung der Energieversorgung der Gesellschaften ist eine Schlüsselaufgabe, Gewinnen oder Erhalten, um Stabilität zu gewinnen oder zu erhalten, um sie weiter zu entwickeln. Wie brisant die Lage ist, zeigt beispielhaft die Katastrophe im Golf von Mexiko. Der noch wenig gezügelte Weltenergieverbrauch führt bei abnehmenden Vorräten an fossilen Brennstoffen zu immer riskanteren Erschließungstechnologien.

Und glaube niemand, die relativ beste Lösung liege dann eben doch in der Atomtechnologie. In den vergangenen Konflikten um die zivile Nutzung der Kernenergie ging es vorrangig um Sicherheits- und Risikoprobleme des Betriebs von Atomkraftwerken. Viel brisanter aber ist die Frage der Endlagerung der strahlenden Abfälle. Aus dem Bau und Betrieb von Atomkraftwerken kann man aussteigen, aber aus den Abfällen, die bisher zusammengekommen sind, kann die Gesellschaft nicht aussteigen, und zwar ganz gleich, ob man Betreiber oder nur Nutzer, Befürworter oder Gegner der Atomtechnologie ist. Das gibt den Ereignissen um Asse II ihre große Brisanz. Was sich in dem Salzstock abgespielt hat und abspielt, ist ein Menetekel.

Ein Menetekel ganz anderer Art ist der Befund einer vergleichenden Untersuchung von ca. 45.000 Jugendlichen der Klassenstufe 9. Bei männlichen Jugendlichen mit muslimischem Hintergrund ist die beunruhigende Tatsache festzustellen, dass sie um so mehr eine Machomentalität pflegen, je stärker ihre religiöse Bindung ist. Dies signalisiert erhebliche Defizite der Integrationsbereitschaft und der Integrationserfolge. Die Untersuchung sieht eine wesentliche Ursache in dem Einfluss, den Imame ohne Bindung an die deutsche Kultur und Sprache in den Moscheen ausüben. Sie sieht aber auch große Defizite bei der Aufnahmebereitschaft der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Denn Integration ist ein wechselseitiger Prozess.

Die drei Beispiele machen deutlich: Es sind Situationen sehr unterschiedlicher Art, in denen Gesellschaften gefordert sind zu lernen – und das ist nichts anderes als: ihr Verhalten zu ändern mit dem Ziel, in einer Gesellschaft zu leben, die geprägt ist von Toleranz, sozialer Gerechtigkeit sowie innerem und äußerem Frieden.

Wir müssen eine lernende Gesellschaft werden. Wir müssen uns als Lerngemeinschaft begreifen und wechselseitig in Anspruch nehmen.

Was macht eine lernende Gesellschaft aus?

Eine lernende Gesellschaft wird aus Schaden klug.

Jeder Mensch lernt diese elementare Lektion von Kindesbeinen an: Aus Schaden wird man klug. Oder: Wer nicht hören will, muss fühlen.

Eine andere Frage ist es, wie kräftig und dauerhaft der Lernimpuls ist, der von eingetretenen Schadensfällen ausgeht. Es besteht immer die Gefahr der Verflüchtigung: Zunächst ist der Schrecken groß und die Ankündigung von durchgreifenden Konsequenzen laut. In der Differenzierungsphase entstehen Debatten über die tatsächliche Schadenshöhe und die wahrscheinlichste Schadenursache - einschließlich der Konsequenz, dass sich klar zurechenbare Verantwortlichkeiten auflösen. Schließlich setzt die Gewöhnung ein: die Gewöhnung an die Schadensfolgen, aber auch an den Gedanken, dass solche Havarien - das war ja das verharmlosende Wort, mit dem die Verantwortlichen der Sowjetunion die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl benannten - nie ganz auszuschließen sind. Nicht nur die Gewohnheit, auch die Gewöhnung ist eine Großmacht, im letzteren Fall eine der Nivellierung.

Zu Fehlsteuerungen führt auch die Gleichzeitigkeit von Lernprozessen und ökonomischen Prozessen. Latent ist es so, dass Gewinn Sicherheit schlägt, auch zu Lasten der Gesundheit, und dass stabile Gewinnkonstellationen technologische Innovationen behindern, auch zu Lasten einer intakten Umwelt. Die Steuerung gesellschaftlicher Prozesse durch die exklusive Ausrichtung auf maximale Gewinne kann zu gravierenden Fehlentwicklungen führen.

Eine lernende Gesellschaft nutzt die Erfahrung vorangegangener Generationen.

Es gehört zu den anspruchsvollsten kulturellen Aufgaben, den Ertrag von Erfahrungen über die Generationenschranke zu bewahren. Jede Kultur bringt z.B. Sprichwörter hervor, in denen die Summe vieler Einzelerfahrungen zu Sätzen geronnen ist. Damit ist dafür gesorgt, dass nicht jede Generation die gleichen Fehler machen muss.

Schön wär's, wenn es heißen könnte: „... dass nicht jede Generation die gleichen Fehler macht“. Aber es gibt keine Garantie, dass die Orientierung an der Erfahrung früherer Generationen die Fehler verlässlich vermeiden hilft - zum einen weil die Sprichwörter in einem sehr allgemeinen Ton sprechen, zum anderen weil sie auf die aktuelle Situation hin erst einmal ausgelegt werden müssen.

Die überlieferten Sprichwörter erfreuen sich heute nicht einer ungeteilten Zustimmung. Manche sehen in ihnen eine typische Redeweise alt gewordener Gesellschaften, die in einer stark veränderten Welt immer noch Halt an den früheren Orientierungspunkten suchten. Aber das ist im Unverstand geredet. Es ist gerade die Aufgabe der Auslegung von Erfahrungssätzen früherer Generationen, plausibel zu machen, dass ein alter Text, weil er nicht in den Sackgassen späterer Zeiten feststeckt, eine besondere Kraft entfaltet, die neue Situation zu deuten.

Eine lernende Gesellschaft macht selbst Erfahrungen.

Während es im vorangegangenen Abschnitt um geliehene, von früheren Generationen überlieferte Erfahrung ging, handelt es sich hier um die Auswertung eigener Erfahrung. Man könnte auch sprechen von einem learning by doing oder von der Anwendung des Prinzips von Versuch und Irrtum.

Ein anschauliches Beispiel dafür sind die Erprobungsgesetze: Es findet gewissermaßen ein Probelauf statt. Man greift zu diesem Mittel, wenn nicht genügend Anhaltspunkte oder Vorerfahrungen vorliegen, wie sich eine gesetzliche Regelung in dem betreffenden Bereich auswirkt. Die Leitfrage heißt: Hat sich der untersuchte Gegenstand bewährt? Bewährung heißt: Er funktioniert und erfüllt die ihm zugedachte Aufgabe.

Eine lernende Gesellschaft schätzt das stärkere Argument.

Seit Platon die Form des Dialogs in die Prozesse der Erkenntnis- und Willensbildung des Gemeinwesens eingebracht hat, wissen wir: Das Lernen von Gesellschaften vollzieht sich im Austausch von Argumenten. Deshalb sind lernende Gesellschaften auf Partizipation angelegte Wissensgesellschaften. Sie funktionieren nicht in hierarchischen Strukturen von oben nach unten, sondern in Gleichberechtigung aller, die an dem Austausch beteiligt sind.

Ihr Kraftzentrum hat die Demokratie im Parlament, wo mit der Macht der Argumente gestritten wird; wo Positionen immer wieder den Nachweis ihrer Überzeugungskraft erbringen, sich dabei den Argumenten anderer ausliefern und dadurch revisionsfähig bleiben müssen. Aber das muss auch gelebt und eingefordert werden.

Es tut einer lernenden Gesellschaft gut, sich für Gottes Wort zu öffnen.

Christinnen und Christen sind davon überzeugt, dass ihnen in der Heiligen Schrift der lebendige Gott in seinem Wort begegnet. Sich von ihm ansprechen zu lassen bedeutet gleichzeitig, eine Auszeit vom Problemdruck zu nehmen; Distanz zur bedrängenden Gegenwart zu bekommen und auf diese Weise neue Perspektiven zu gewinnen. In Jesus Christus wird Gott so lebendig, dass sich seine Gebote und Weisungen in die Lebensgeschichte des Mannes aus Nazareth verwandeln. Seine Geschichten und sein Lebensvorbild sprechen neben dem Verstand alle unsere Sinne an und schaffen Bindungen, die von den Ansprüchen gegenwärtiger Zwänge befreien. Hierbei zeigt sich ein effektives Lernprinzip: wir lernen in Beziehungen besonders gut. Zur intellektuellen Anleitung kommt das persönliche Vorbild. Einsicht verbindet sich mit Ermutigung. Und es sind nicht nur gläubige Christen, die sich von der Bibel und von der Person Jesu Christi ansprechen lassen.

Eine lernende Gesellschaft bringt Schritte der Verhaltensänderung zu Wege. Das ist nah verwandt mit dem biblischen Gedanken der Umkehr. Dieser Gedanke enthält die Zusage, dass eine wahrhaftige Auseinandersetzung mit den dunklen Seiten der Geschichte möglich ist. Und dieser Gedanke enthält ein Wissen darum, dass es ein „Zu spät“ gibt. Auch wenn ich deutlich machen will, dass es für die Gesellschaften, die lernwillig und lernfähig sind, Wege aus der Krise gibt - die Gefahr des „Zu spät“ dürfen wir nicht verschweigen. Die angenehmen und beruhigenden Botschaften werden vorgezogen. So sind wir Menschen. Es ist schwer, neue Wege zu wagen. Aber wer seine Verantwortung wahrnehmen will, muss mutig neue Schritte gehen.

Niemand kann im Voraus übersehen, wie weit das eigene Denken und Handeln trägt. Darum gilt es, alle notwendigen Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen und das Menschenmögliche zu tun, damit auch die nächsten Generationen Leben und Zukunft haben. Mehr ist von uns Menschen nicht verlangt, aber auch nicht weniger.

Die Geschichte ist für uns Menschen ein offener Prozess, zu komplex und vielschichtig, um die Entwicklungen ausrechnen und vorherplanen zu können. Das gilt mehr oder weniger auch für unsere persönliche Geschichte. Keine von uns ist die Macherin ihres Lebens, keiner der Macher seines Lebens. Die Grenzen des menschlichen Maßes sind uns gesetzt. Deshalb bekennen Christinnen und Christen: Die Zukunft liegt in Gottes Hand. In ihr sind wir geborgen. Dann ist, wie es auch kommt, in jedem Fall gut für uns gesorgt.
Ans Ende stelle ich ein Zitat von Johannes Calvin. Und zwar aus aktuellem Anlass. Auf der Internetseite calvin.de findet sich für jede Woche ein Calvinzitat, für die laufende Woche das folgende:

Ein Christenmensch sollte sich „in seinem Herzen von jenem törichten und jämmerlichen Trost der Heiden fernhalten: Diese wollten nämlich ihr Herz gegen das Unglück wappnen und haben das Unglück deshalb dem ‚Schicksal‘ zugeschrieben; sie erklärten dann aber, gegen das ‚Schicksal‘ sich zu ereifern, sei töricht, da es blind und unberechenbar sei und mit verbundenen Augen Schuldige und Unschuldige gleichermaßen verwunde. Die Frömmigkeit hat genau die umgekehrte Regel: Gottes Hand allein regiert und waltet Glück und Unglück, und zwar stürmt sie nicht unbedacht daher, sondern teilt uns in herrlich geordneter Gerechtigkeit Gutes wie Böses zu“ (Institutio III, 7.10).

Haben Sie das gehört? „Gottes Hand ... stürmt nicht unbedacht daher, sondern teilt uns in herrlich geordneter Gerechtigkeit Gutes wie Böses zu.“ Und das in der Woche, an deren Ende das Viertelfinale Argentinien - Deutschland steht.

Ich sage mal so: Das muss doch eine Vorbedeutung haben. Nachdem Diego Maradona als Spieler bei der WM 1986 es selbst in die Hand nahm, was die Hand Gottes tut und so den argentinischen Sieg herbeigeführt hat, gehört „in herrlich geordneter Gerechtigkeit“ am Samstag der Sieg … uns.