Statement des Ratsvorsitzenden der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm in der Pressekonferenz zur Vorstellung der EKD-Denkschrift

„Solidarität und Selbstbestimmung im Wandel der Arbeitswelt“

28. April 2015

Ich freue mich, dass wir als Evangelische Kirche in Deutschland mit diesem Text evangelische Maßstäbe ethischer Verantwortung in der Arbeitswelt vorlegen können.

Wir knüpfen damit an und entwickeln weiter, was der Rat der EKD vor acht Jahren in seiner Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in  evangelischer Perspektive“ zu den Herausforderungen und Kriterien wirtschaftlichen Handelns in Unternehmen gesagt hat.

Der Text wurde seinerzeit viel beachtet. Vermisst wurde in der öffentlichen Debatte eine evangelische Perspektive auf die Fragen der Arbeit, der Sozialpartnerschaft sowie insbesondere auf die Rolle und Verantwortung der Gewerkschaften. Im Auftrag des Rates der EKD hat sich die Kammer der EKD für soziale Ordnung darum mit den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen und insbesondere den veränderten Rollen von Staat, (Sozial-)Wirtschaft und Zivilgesellschaft beschäftigt und den Text verfasst, der Ihnen heute vorliegt.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich Herrn Horn und den Mitgliedern der Sozialkammer danken, die diesen Text erarbeitet und zusammen mit dem Rat profiliert haben.

Und ich möchte Sie jetzt in die zentralen theologisch-ethischen und kirchlichen Akzente einführen, die dieser Text setzt.

Der Mensch ist von Gott beauftragt, in der Schöpfung zu arbeiten, sie zu gestalten und zu bewahren – und zwar in Zusammenarbeit mit Anderen, und unabhängig von menschlichen Aufträgen, von Einkommen und Hierarchien. So überliefert es die Bibel (Gen 2,15). Zugleich ist das ist eine Überzeugung, die wir als Christen mit anderen Religionen teilen. In der Arbeit wird der Mensch zum Mitgestalter seiner Welt. Arbeit kann sinnvoll nur als Gemeinschaftswerk verstanden werden, in das alle ihre Begabungen und Berufungen einbringen. Arbeit ist auf Kooperation und Solidarität angewiesen. Und Arbeit braucht Begrenzung: die Ruhe des Sabbats nach einer erfüllten Arbeitswoche. Ein christliches Leben verbindet diese beiden Dimensionen des menschlichen Daseins, nach dem Prinzip „Bete und arbeite – Ora et labora.“

Dieses Prinzip, das ursprünglich aus der Tradition klösterlichen Lebens stammt, ist mit der Reformation gewissermaßen „verweltlicht“ worden. Martin Luther hat den Berufs-Begriff von seiner ursprünglichen Beziehung auf das Ordensleben gelöst und auf weltliche Tätigkeiten übertragen: Wie die Geistlichen oder Mönche all ihre Tätigkeit in besonderer Weise als Gottesdienst verstanden haben, so sollen – wenn es nach Luther geht – alle Menschen ihre jeweiligen, ganz weltlichen Tätigkeiten als Gottesdienst, als ihre Berufung, ihren „Beruf“ betrachten. Die alltägliche Arbeit, der jemand nachgeht, wird damit zum konkreten Ort der Verantwortung für die Welt. Das ist die entscheidende Erkenntnis, die zur Ausbildung der protestantischen Arbeitsethik geführt hat. Deswegen ist die Gestaltung der Arbeit für eine Kirche, die in der Tradition der Reformation lebt, ein besonderes Anliegen.

Dieses Verständnis von Arbeit war kulturgeschichtlich durchaus prägend. Doch es ist bei diesem „reformatorischen“ Verständnis von Arbeit als weltlicher Gottesdienst natürlich nicht geblieben. Schon im 18. Jahrhundert ist die geistliche Begründung des Berufs, wie sie für Luther wichtig war, weithin verloren gegangen. Arbeit wurde weniger mit „Berufung“ in Zusammenhang gebracht als mit Erwerbstätigkeit und Zwang. Theologisch-sozialethisch und praktisch-konkret sind damit ganz andere Fragen aufgerufen: Wie lässt sich mit der Entfremdung des Menschen von dem, was er tut, umgehen? Wie lässt sich Arbeit menschenwürdig gestalten? Welchen Sinn gibt Arbeit meinem Leben? Gibt es einen Weg, der von einem Selbstverständnis als „Job-Holder“ wegführt, hin zu einem identitätsstiftenden, verantwortungsvollen Berufsethos?

Noch einmal andere Fragen und Herausforderungen stellen sich angesichts der Umorientierung der Erwerbsarbeit in Richtung einer wissensbasierten Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft, wie wir sie in den letzten 20 Jahren erleben. Wie kann es gelingen, die Anforderungen lebenslangen Lernens als Chance größerer Freiheit zu erleben und nicht als Überforderung? Wie lassen sich die Risiken von Selbstökonomisierung und Selbstrationalisierung angemessen einschätzen und wirksam begrenzen? Wie kann unter den Rahmenbedingungen wachsenden Zeit- und Kostendrucks die Arbeit im Bereich personennaher Dienstleistungen so gestaltet werden, dass die Ebene zwischenmenschlicher Begegnung nicht verloren geht?

Die Liste der Fragen ließe sich mühelos verlängern. Es bleibt unsere grundlegende Aufgabe in Kirche und Theologie, dass wir uns gemeinsam mit Arbeitnehmern und Arbeitgebern, mit Politik, Verbänden und Gewerkschaften um Perspektiven für eine selbstbestimmte Sinndeutung der Arbeit bemühen, und dass wir immer wieder deutlich machen, dass unsere Arbeitswirklichkeit einer ethischen Verantwortung bedarf. Sie muss sich an den Bedürfnissen des Nächsten und am Gemeinwohl orientieren.

Mit der Denkschrift „Solidarität und Selbstbestimmung“ wollen wir deshalb dazu anregen, „Elemente einer kommunikativen Arbeitsmoral“ (S.33) zu entwickeln. Dazu gehört die Bereitschaft zur Kooperation. Dazu gehört Offenheit für neue Problemkonstellationen. Und dazu gehört die Bereitschaft, kreative Lösungen zu suchen.

Zielperspektive einer solchen kommunikativen Arbeitsmoral ist eine ethische Orientierung für die Arbeit, die nicht bei den eher äußerlichen Motivationen bleibt („Arbeit dient dem Lebensunterhalt. Es geht ums Geldverdienen“). Es geht um mehr: um eine ethische Orientierung der Arbeit, die über solche Primärmotivationen hinausgreift, indem sie durch kommunikative Formen der Anerkennung die Identität des Menschen prägt und auf diese Weise zur Selbstintegration der Person beiträgt. Das ist die Herausforderung.

Was heißt das?

Auf der Ebene der Unternehmen heißt es, Arbeit als Gemeinschaftswerk im sozialen Miteinander zu verstehen.

Ein Unternehmen ist mehr als der äußere Rahmen für eine Tauschbeziehung ‚Arbeit gegen Lohn‘. Im Unternehmen wird die Arbeit des Einzelnen in eine Wertschöpfungskette gestellt. In einen inneren Bezug zu anderen Tätigkeiten. Das Bewusstsein für diese Sinn- und Wertegemeinschaft ist in den Unternehmen stark gestiegen. Es gibt große Bemühungen, Identifikation zu stiften zwischen dem Unternehmen und denen, die darin zusammen arbeiten. Aber die Herausforderungen sind enorm: rasante technologische Entwicklungen, flexiblere Arbeitszeiten und Beschäftigungsformen, verstärkte Arbeitsteilung – das will integriert sein. Das sind nicht nur die Manager gefordert, sondern auch die Mitarbeitervertretungen, die Betriebsräte und die Gewerkschaften. Es gilt, das Ethos einer solidarischen Gemeinschaft angesichts aller Umbrüche neu zu formen.

Auf der Ebene der Politik und der Verbände heißt es, sich der Verantwortung für eine menschengemäße Ausgestaltung der Arbeitswelt als Daueraufgabe zu stellen: Durch Rechtssetzung ­– etwa, was die Rahmenordnung der Arbeitszeiten angeht, oder die Mitbestimmungsregelungen, oder die notwendigen Qualifikationen, aber auch durch die gesetzlichen Grundlagen des Tarifvertragswesens. Es geht im Prinzip darum, das individuelle Arbeitsrecht durch das kollektive Arbeitsrecht weiterzuentwickeln und zu konkretisieren. 

Das Arbeitsrecht lässt sich in diesem Sinn als Ausdruck der Würde der arbeitenden Menschen verstehen. Es sichert seine Würde im Arbeitsprozess, eine „Berechtigung des Arbeiters nicht nur aus seiner Arbeit, sondern in und an seiner Arbeit“, wie der Sozialökonom Eduard Heimann formuliert hat.

Diese Würde gewinnt Gestalt durch faire Lohnvereinbarungen der Tarifpartner, die es erlauben, dass der Mensch von seiner eigenen Arbeit leben kann. Und sie gewinnt darin Gestalt, dass der Arbeitnehmer die Möglichkeit hat, im Rahmen der Mitbestimmung an der an der Ausgestaltung und Weiterentwicklung der Arbeitsbedingungen mitzuwirken. Wer arbeitet, muss von der Arbeit und in der Arbeit leben können.

Die Denkschrift macht deutlich, dass eine gelingende Sozialpartnerschaft im Interesse aller am Wirtschaftsleben Beteiligten ist. Sie will ausdrücklich zu einer Kultur des konstruktiven Umgangs mit den damit verbundenen und für den Erfolg des Modells der Sozialen Marktwirtschaft so wichtigen Instrumenten ermutigen.



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