Was bedeutet die Jahrtausendwende für das Christentum?

Hermann Barth

28. November 1998, Bonn, anläßlich der 63. Tagung mit Beamtinnen und Beamten der Bonner Ministerien

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit

Wir nähern uns dem Ende des zweiten Jahrtausends, und ich hoffe, daß es in Europa noch politically correct ist, die Jahre ausgehend von einem Ereignis zu zählen, das zweifellos - dem könnte wohl auch ein Anhänger anderer Religionen oder ein gänzlich Ungläubiger zustimmen - tiefen Einfluß auf die Geschichte unseres Planeten gehabt hat.

Das Nahen dieses Endes muß zwangsläufig eine Vision heraufbeschwören, die das Denken von zwanzig Jahrhunderten beherrscht hat: die Apokalypse. Die Vorstellung ist verbreitet, daß die letzten Jahre des ersten Jahrtausends geradezu obsessiv vom Gedanken an das Ende der Zeiten beherrscht waren. Zwar haben die Historiker die berüchtigten "Schrecken des Jahres 1000", die Vision von den ächzenden Massen, die auf einen neuen Tag warten, der nie kommt, inzwischen als Legende entlarvt. Aber sie sagen uns auch, daß der Gedanke ans Ende jenem schicksalhaften Tag um einige Jahrhunderte vorausgegangen war und ... ihm auch nachgefolgt ist; und so haben sich die diversen Millennarismen des zweiten Millenniums gebildet, zu denen nicht nur die der religiösen Bewegungen gehörten ..., sondern auch viele politische und soziale Bewegungen ..., die das Ende der Zeiten gewaltsam herbeiführen wollten, nicht um die Stadt Gottes als das himmlische Jerusalem zu verwirklichen, sondern um eine neue Stadt auf Erden zu bauen ...

Wir erleben - und sei's auch nur in der zerstreuten Weise, an die uns die Massenmedien gewöhnt haben - unsere Schrecken der Endzeit; und wir könnten sogar sagen, wir erleben sie im Geiste des "Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot" ..., indem wir das Ende der Ideologien und der Solidarität im Strudel eines unverantwortlichen Konsumismus feiern. So daß ein jeder mit dem Gespenst der Apokalypse spielt und es gleichzeitig exorziert, ja es um so mehr exorziert, je mehr er es unbewußt fürchtet und es in Form von brutalen Spektakeln auf die Bildschirme projiziert in der Hoffnung, es dadurch unwirklich gemacht zu haben. Aber die Stärke der Gespenster liegt gerade in ihrer Unwirklichkeit. Ich wage nun die Behauptung, daß der Gedanke an ein Ende der Zeiten heute typischer für die Welt der Nichtgläubigen als für die der Christen ist. Oder besser gesagt, die christliche Welt macht es sich zum Gegenstand des Nachdenkens, aber sie verhält sich so, als ließe es sich in eine Dimension projizieren, die nicht mit Kalendern zu messen ist; die Welt der Nichtgläubigen tut so, als ignoriere sie es, aber sie ist zutiefst von ihm besessen ...

Ich denke, zu verzweifeltem Millennarismus kommt es immer dann, wenn das Ende der Zeiten als unvermeidlich angesehen wird und jede Hoffnung abdankt ... Nur wenn man einen Sinn für die Richtung der Geschichte hat (auch wenn man nicht an die Wiederkunft Christi glaubt), kann man die irdische Wirklichkeit lieben und - mit Nächstenliebe - glauben, daß noch Platz für die Hoffnung ist.

Gibt es einen Begriff von Hoffnung (und von unserer Verantwortung für das Morgen), der Gläubigen und Nichtgläubigen gemeinsam sein könnte? Worauf könnte er sich begründen? Welche kritische Funktion könnte ein Nachdenken über das Ende haben, das nicht Desinteresse an der Zukunft, sondern unablässige Auseinandersetzung mit den Fehlern der Vergangenheit impliziert? Wenn es diese Hoffnung nicht gibt, wäre es gerechtfertigt, daß wir, auch ohne ans Ende zu denken, sein Nahen hinnehmen, uns vor die Mattscheibe setzen ... und warten, daß uns jemand unterhält, während die Dinge laufen, wie sie laufen. Zum Teufel mit denen, die nach uns kommen.

Dies, meine sehr verehrten Damen und Herren, waren nicht meine Worte. Es war ein etwas lang geratenes Zitat des italienischen Schriftstellers Umberto Eco - Sie erinnern sich vielleicht: "Der Name der Rose" - , und es ist Teil eines faszinierenden literarischen Dialogs mit dem Mailänder Erzbischof Kardinal Carlo Maria Martini. Die deutsche Übersetzung des Dialogs ist in diesem Jahr unter dem Titel: "Woran glaubt, wer nicht glaubt?" (Paul Zsolnay Verlag, Wien) veröffentlicht worden.

Was bedeutet die Jahrtausendwende für das Christentum? Dieses Thema läßt sich nicht ausschöpfen, schon gar nicht in einem Vortrag von 45 Minuten. Ich habe mich von Umberto Eco anregen lassen, drei Aspekte herauszugreifen:

1. Eco gibt in einer etwas ironischen Formulierung seiner Hoffnung Ausdruck, "daß es in Europa noch politically correct ist, die Jahre ausgehend von einem Ereignis zu zählen, das zweifellos ... tiefen Einfluß auf die Geschichte unseres Planeten gehabt hat". Er benennt das Ereignis nicht, aber jeder weiß, was er meint: die Geburt Jesu Christi. Ost und West, Nord und Süd, Gläubige und Ungläubige zählen - bis auf verschwindende Ausnahmen - die Zeit nach Christus. Politische Systeme, die das gezielt verschweigen und in Vergessenheit bringen wollten, sind Episode geblieben. Der eine und die andere mögen sich daran erinnern, daß die DDR die Angaben "vor Christus" und "nach Christus" durch "v.u.Z." und "n.u.Z." ersetzt hat. Man muß einen Moment nachdenken, was das heißen soll. Das zeigt nur die Lächerlichkeit. In keinem Schulbuch steht heute mehr "vor" oder "nach unserer Zeitrechnung". Aber was bedeutet den Menschen der Umstand, daß die Zeit nach Christus gezählt wird? Vielfach ist dieser Umstand zu einer Äußerlichkeit verkommen, die kaum noch verstanden wird. Der schon lange andauernde Prozeß der Säkularisierung hat sich weiter zugespitzt. Deutschland ist durch die wiedergewonnene politische Einheit nicht protestantischer, sondern säkularer geworden. Der Verzicht auf die religiöse Beteuerung bei der Ablegung ihres Amtseides, den der Bundeskanzler und die Hälfte seines Kabinetts geübt haben, wirft - so wenig es aus rechtlichen und theologischen Gründen erlaubt ist, den Verzicht zu beanstanden - ein bezeichnendes Licht auf unsere kulturelle Situation. Mit Riesenschritten nähern wir uns in Deutschland der säkularisierten Normalsituation in den modernen Staaten Europas und Nordamerikas.

Diese Feststellung kann man allerdings nicht treffen, ohne sogleich hinzuzufügen, daß es außerhalb der abendländischen Kultur und der dort wirksamen gesellschaftlichen Modernisierungsprozesse anders ist. Die Religion ist weltweit keineswegs auf dem Rückmarsch - wie ja auch in Europa und Nordamerika der Rückgang der organisierten Religiosität einhergeht mit einer wachsenden vagabundierenden Religiosität und einem entsprechenden Markt religiöser Möglichkeiten. Auch die christlichen Kirchen befinden sich in globaler Perspektive keineswegs in einem durchgängigen Schrumpfungsprozeß; es gibt Regionen der Welt mit spürbar wachsenden Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Es ist noch nicht ausgemacht, welchen Stellenwert Religion und Christentum in Zukunft haben werden. Die Vorstellung jedenfalls, daß sich die Säkularisierung unaufhaltsam im Aufwind und die Religion unaufhaltsam in einer Abwärtsspirale befindet, ist völlig verfehlt.

Der bei uns ablaufende Säkularisierungsprozeß bestimmt natürlich auch die Perspektive, unter der die Jahrtausendwende gesehen und begangen wird. Dieses Datum, diesen Anlaß gibt es nur, weil die Zeit nach Christus gezählt wird. Aber wo wird das bei den Vorbereitungen und Planungen für die Jahrtausendwende spürbar? Vor einiger Zeit wurde dem Fernsehrat des ZDF darüber berichtet, wie die Programmplanung des Senders im Blick auf die Jahrtausendwende aussieht. Das auffälligste Merkmal dieser Planung ist es, daß die Jahrtausendwende kaum vorkommt, sondern daß es im wesentlichen um die Jahrhundertwende geht, um die tiefgreifenden politischen Verschiebungen, die bahnbrechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse, die revolutionären ökonomischen Veränderungen. Das ist mir in mancher Hinsicht durchaus sympathisch. Wenn in manchen Überlegungen zur Zukunft leichthin von Aufgaben für das nächste Jahrtausend gesprochen wird, kommt mir das in der Regel einigermaßen größenwahnsinnig vor: Das Maß des Menschenlebens ist gewiß nicht das Jahrtausend. Aber für das Verständnis der Tiefendimensionen der gegenwärtigen Welt hat es schon seine Bedeutung, ob man im Vorfeld des Jahres 2000 vor allem und fast ausschließlich auf das zu Ende gehende Jahrhundert oder nicht mindestens ebenso intensiv auf die beiden zurückliegenden Jahrtausende blickt. Zusammen mit anderen Mitgliedern des Fernsehrats habe ich kritisch nachgefragt, und es wird ja auch eine Reihe von Sendungen geben, die sich der christlichen Wurzeln unserer Kultur annehmen. Aber selbstverständlich ist dies keineswegs mehr. Nicht weil man es bekämpfen und verdrängen wollte. Es wird einfach nicht wahrgenommen. Es ist nicht bewußt. Es gilt nicht als wichtig.

Für Kirchen und Christen ergibt sich aus dieser Lage eine klare Aufgabenstellung. Sie müssen sich dem Verschweigen und Vergessen Gottes entgegenstemmen. Sie dürfen sich von der allgemeinen Stimmungslage der Säkularisierung nicht dazu verleiten lassen, in einer Art Selbstsäkularisierung die scheinbar altmodischen Themen des Glaubens schamhaft zu verbergen und sich statt dessen auf die scheinbar interessanteren aktuellen Fragestellungen zu werfen. Der Vorsitzende des Rates, Präses Kock, hat Anfang dieses Monats vor der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland gesagt: Das ist "die größte Not unserer heutigen Kirche und unserer heutigen christlichen Existenz: Wir verstecken das Evangelium mehr, als es aller Welt bekannt zu machen ... Wir trauen der biblischen Botschaft nicht zu, die Ohren und Herzen unserer Zeitgenossen zu erreichen - und stürzen uns deshalb auf die aktuellen Themen und Fragen, von denen in der Öffentlichkeit die Rede ist, und hängen der Vermutung an, wir fänden so das Interesse der Menschen. Aber es ist ein Irrglaube, anzunehmen, Kirchen und Christen würden um so mehr Aufmerksamkeit finden, je stärker sie sich an der allgemeinen politischen und gesellschaftlichen Diskussion beteiligen. Kirchen und Christen müssen Stimme Gottes in dieser Welt sein. Ihr Auftrag ist es, die Sache mit Gott in die Öffentlichkeit zu tragen und dort in Zuspruch und Anspruch zu entfalten."

Die evangelische Kirche hat den Weg zur Jahrtausendwende und das Jahr 2000 unter das Motto gestellt: "Unsere Zeit in Gottes Händen". 2000 n. Chr. heißt: zweitausend Jahre mit Christus. Aber das ist natürlich nicht mehr als ein Plakat. Es genügt nicht, möglichst viele biblische Formulierungen zu wiederholen. Sie sollen verstanden werden, und darum müssen sie gedolmetscht werden. Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland hat jetzt beschlossen, auf ihrer nächsten Tagung im November 1999 in Leipzig das Schwerpunktthema "Mission und Evangelisation" zu behandeln. Sie will damit auf ihre Weise dazu beitragen, Christen zu ermutigen, über ihren Glauben Auskunft zu geben, sie sprachfähig und gesprächsbereit zu machen. Es ist zu bequem, sich darüber zu beklagen, daß die Einladung zum Glauben heute von vielen nicht angenommen wird. Kirchen und Christen müssen verständlicher davon reden lernen, wozu sie dabei einladen.

2. Umberto Eco hat mit Blick auf die nahende Jahrtausendwende daran erinnert, daß es in der Vergangenheit mehrfach millennaristische (wir sagen häufig auch: chiliastische) Bewegungen gegeben hat, also Kreise, die von apokalyptischen Ängsten und der Erwartung des nahenden Endes der Zeiten in den Bann geschlagen waren. Die Verknüpfung mit der Jahrtausendwende ergibt sich bekanntlich daraus, daß das 20. Kapitel der Offenbarung des Johannes, des letzten Buches des Neuen Testaments, die Vision enthält, wonach der Teufel für tausend Jahre gefesselt ist, danach aber für eine kleine Zeit losgelassen wird, bis er in einem letzten Kampf endgültig besiegt wird und ein neuer Himmel und eine neue Erde erscheinen. In den vergangenen Jahren hat es in den Kirchen immer wieder Stimmen gegeben, die vorausgesagt haben, daß, je näher das Jahr 2000 rücke, solche chiliastischen Vorstellungen und Hysterien um sich greifen würden. Kirchen und Christen hätten darum im Vorfeld der Jahrtausendwende eine besondere seelsorgerliche Aufgabe darin, apokalyptischen Ängsten zu wehren und den symbolischen, nicht wörtlichen Gehalt der biblischen Rede von den tausend Jahren deutlich zu machen. "Tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache", heißt es schon im 90. Psalm, und der 2. Petrusbrief nimmt das in seinem 3. Kapitel auf, wenn er die Verunsicherung der frühen Christengemeinden über den Zeitpunkt der Wiederkunft Christi mit dem Satz kommentiert: "Eins aber sei euch nicht verborgen, daß ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag." In seiner Pressekonferenz zur Eröffnung der Vorbereitungen der römisch-katholischen Kirche auf das, wie es dort heißt, Heilige Jahr 2000 hat der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Lehmann, ausdrücklich hervorgehoben: "Eine aufmerksame Beobachtung fordern ... die verschiedenen Tendenzen sektenhafter und säkularisierter Apokalyptik. Ihr Einfluß auf Bewußtsein und Mentalität weiter Kreise sollte nicht unterschätzt und so weit wie möglich eingegrenzt werden. Es ist bekannt, daß die Jahrtausendwende immer wieder solche Geister angezogen hat, mit denen die Kirche sich freilich sehr nüchtern auseinandergesetzt hat."

Ob die letzte Jahrtausendwende tatsächlich solche Geister angezogen hat, ist allerdings mehr als fraglich. Umberto Eco vertritt sogar die eindeutige Auffassung, die berüchtigten Schrecken des Jahres 1000 seien "inzwischen als Legende entlarvt". Auch im Blick auf die bevorstehende Jahrtausendwende sehe ich keine Anzeichen für das Hervorbrechen apokalyptischer Ängste und hysterischer Erwartungen des Weltendes. Ich habe diesen Voraussagen immer mißtraut. Manchmal werde ich wieder verunsichert - so etwa durch einen Bericht der Süddeutschen Zeitung vom vergangenen Mittwoch. Dort ist die Rede von der Sekte der "Concerned Christians", deren Anführer Kim Miller den Weltuntergang zur Jahrtausendwende angekündigt habe und deren Anhänger auf dem Weg nach Jerusalem seien, um dort zusammen mit ihrem Anführer aus dem Weltuntergang erlöst zu werden. Und dann heißt es wörtlich:

Im gelobten Land sind die "Concerned Christians" nur ein Problemfall unter vielen. Schon jetzt haben sich Beobachtern zufolge über 100 amerikanische Christen in Jerusalem angesiedelt, um die Jahrtausendwende zu erleben. Millionen Pilger werden erwartet, und der Diplomat Hezi Leder aus der israelischen Botschaft in Washington sagt, das Land sei "sehr besorgt, daß Menschen, die das Ende des Millenniums fürchten, nach Israel kommen, um dort etwas anzustellen". Auch Sektenexperte Hal Mansfield [,Direktor des Religious Movement Research Center in Colorado,] ahnt, daß sich "der Wahn um dieses künstliche Datum" kaum auf Millers Sekte beschränken wird. Gruppen wie diese gebe es allein in den USA "zu Hunderten".

Aber das sind doch alles bedeutungslose Spinnergruppen von in diesem Fall nicht einmal 100 Personen. Im allgemeinen sind die Menschen unserer Zeit viel zu abgebrüht, als daß sie sich von einem kalendarischen Datum in Ängste und Hysterien treiben lassen würden.

Sie sind allerdings nicht blind für die Abgründe, an denen wir entlanggehen und auf die wir uns zubewegen: in den 80er Jahren die drohend aufeinandergerichteten atomaren Waffenarsenale, heute - auch wenn der atomare overkill immer noch fortbesteht - stärker die Migrationsbewegungen, die an die Pforten des Wohlstands klopfen, die Anzeichen einer unaufhaltsamen Klimaveränderung oder die erschreckenden Möglichkeiten einer Manipulation menschlichen und nichtmenschlichen Lebens. Aber das alles wird weithin erlebt, wie Umberto Eco formuliert, "in der zerstreuten Weise, an die uns die Massenmedien gewöhnt haben". Das Motto heißt: "Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot" - übrigens ein biblisches Zitat, genommen aus dem 22. Kapitel des Jesajabuchs, in dem der Prophet angesichts des drohenden Untergangs von Land und Volk diesen Ausspruch als schlagenden Beweis für den Mangel an Schuldeinsicht und Umkehrwillen nimmt: "Zu der Zeit rief Gott, der Herr Zebaoth, daß man weine und klage und das Haar abschere und den Sack anlege. Aber siehe da, lauter Freude und Wonne, Rinder töten, Schafe schlachten, Fleisch essen, Wein trinken: 'Laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot!' Aber meinen Ohren ist vom Herrn Zebaoth offenbart: 'Wahrlich, diese Missetat soll euch nicht vergeben werden, bis ihr sterbt.'"

Ist es heute nicht sehr ähnlich? Die Jahrtausendwende produziert keine apokalyptischen Ängste und keine Endzeithysterie. Darum bedarf in dieser Hinsicht auch kaum jemand der nüchternen Mahnung und des aufrichtenden Zuspruchs. Die Jahrtausendwende wird weltweit in einem Taumel von großen Spektakeln und rauschenden Festen gefeiert werden. Mancherorts sind zur Jahrtausendwende schon alle Hotelzimmer und Restaurantplätze ausgebucht. Großbritannien baut in Greenwich den Millennium Dome, ein Bauwerk, dessen Kuppel größer und höher als die des Petersdoms werden soll. Bei dem machtvollen Bau des Petersdoms kann man mit Kardinal Martini ja noch sagen: Die Kirche errichtet solche Symbole, weil sie Geheimnisse feiert, nicht Erwartungen befriedigt. Aber was feiert der Millennium Dome? Das Bombastische ist hier Ziel in sich.

Der Taumel der rauschenden Feiern bedeutet aber keineswegs, daß die apokalyptischen Ängste und die Endzeithysterie vergangen und abgetan, gewissermaßen im Geist der Aufklärung überwunden seien. Sie sind schon noch da, aber sie sind abgesunken, verdrängt - und wirken um so nachhaltiger im Untergrund. Wie Umberto Eco treffend formuliert: "so daß ein jeder mit dem Gespenst der Apokalypse spielt und es gleichzeitig exorziert, ja es um so mehr exorziert, je mehr er es unbewußt fürchtet und es in Form von brutalen Spektakeln auf die Bildschirme projiziert in der Hoffnung, es dadurch unwirklich gemacht zu haben. Aber die Stärke der Gespenster liegt gerade in ihrer Unwirklichkeit."

Eco stellt die provozierende These auf, "daß der Gedanke an ein Ende der Zeiten heute typischer für die Welt der Nichtgläubigen als für die der Christen ist ... Die Welt der Nichtgläubigen tut so, als ignoriere sie es, aber sie ist zutiefst von ihm besessen." Besessenheit verlangt nach Heilung. Welches sind die heilenden Kräfte, die im christlichen Glauben stecken? Dieser Frage wende ich mich im 3. Abschnitt zu.

3. Wieder knüpfe ich an Umberto Eco an, der sich selbst einen Ungläubigen nennt. "Zu verzweifeltem Millennarismus kommt es", sagt er, "immer dann, wenn ... jede Hoffnung abdankt ... Nur wenn man einen Sinn für die Richtung der Geschichte hat ..., kann man die irdische Wirklichkeit lieben und - mit Nächstenliebe - glauben, daß noch Platz für die Hoffnung ist ... Wenn es diese Hoffnung nicht gibt, wäre es gerechtfertigt, daß wir, auch ohne ans Ende zu denken, sein Nahen hinnehmen, uns vor die Mattscheibe setzen ... und warten, daß uns jemand unterhält, während die Dinge laufen, wie sie laufen." Das Hohe Lied auf Glaube, Hoffnung und Liebe! Und zugleich der verzweifelte Schrei nach Glaube, Hoffnung und Liebe! Das macht die Verantwortung der Kirchen und der Christen heute so groß: Selbst die Ungläubigen erkennen, daß ohne einen Sinn für die Richtung der Geschichte niemand die Kraft aufbringt, seinen Nächsten und die Kreatur zu lieben, und daß in einer Welt ohne Hoffnung alles dafür spricht, sich vor die Mattscheibe zu setzen und sich vom Spektakel des Endes unterhalten zu lassen, von "Apocalypse now", "Independance Day", "Armaggedon" oder Filmen der Reihe "Millennium" in einer unserer privaten Fernsehkanäle.

Kirchen und Christen haben den Sinn für Anfang, Mitte und Ziel der Geschichte. Sie haben jedenfalls die Botschaft davon: "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit". Das ist ein Satz aus dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes, ein Satz übrigens, den die römisch-katholische Weltkirche zum Motto der gesamten Vorbereitung auf die Jahrtausendwende gemacht hat und der bei der EXPO 2000 in Hannover das Programm in dem gemeinsamen christlichen Pavillon inhaltlich prägen wird. "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit" - das gibt unserem zerbrechlichen und flüchtigen menschlichen Leben das richtige Maß und stellt uns zugleich hinein in eine Perspektive, in der die Angst vor der Vergänglichkeit und Nichtigkeit und Vergeblichkeit menschlichen Schaffens und Wirkens überwunden ist. Im Hebräerbrief folgt auf den Satz darum auch der mahnende Zuspruch: "Laßt euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade." Kirchen und Christen können wie im zu Ende gehenden so auch im kommenden Jahrtausend keine größere und schönere Aufgabe haben als diese: Hoffnung geben, auf daß das Herz fest werde. Paul Gerhardt hat das alles in den wunderschönen Vers gefaßt: "Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, laß fahren, was das Herze betrübt und traurig macht. Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl." In dieser Hoffnung läßt es sich gut auf die Jahrtausendwende zugehen und in das nächste Jahrtausend hineingehen.

Das war eigentlich ein schöner Schluß. Aber in der Einladung ist die Ankündigung enthalten, ich würde auch berichten, wie sich die evangelische und die katholische Kirche auf das Jahr 2000 vorbereiten und was sie konkret für das Jahr 2000 planen. Die damit geweckten Erwartungen sollen nicht gänzlich enttäuscht werden. Allerdings würde es sie gewiß ziemlich langweilen, wenn ich Ihnen einen Überblick über die Fülle der geplanten Aktivitäten geben wollte. Manches habe ich beiläufig auch schon erwähnt. Ich konzentriere mich auf einige ausgewählte Punkte:

1. Den kirchlichen Auftakt zur Jahrtausendwende wird eine Veranstaltung mit gottesdienstlichem Charakter am Vorabend des 1. Advent 1999 bilden. Man kann mit dieser Auftaktveranstaltung nicht warten bis zur Jahreswende. In den letzten Tagen des Jahres 1999 und den ersten Tagen des Jahres 2000 und ganz besonders an Silvester und Neujahr wird überall auf der Welt ein solches Feuerwerk von Ereignissen stattfinden, daß keine einzelne Veranstaltung mehr wahrgenommen wird. Im übrigen ist die Jahrtausendwende inhaltlich durch die Geburt Christi bestimmt und darum terminlich nicht auf den 1. Januar, sondern auf das Weihnachtsfest bezogen. Dem Weihnachtsfest aber gehen in der Ordnung des Kirchenjahres die Adventssonntage voraus. Als Ort der Auftaktveranstaltung wird gegenwärtig der Platz vor der Dresdner Frauenkirche favorisiert, ein Ort, der die Schrecken dieses zu Ende gehenden Jahrhunderts ins Gedächtnis ruft und der zugleich versinnbildlichen kann: Aus Niedergang und Zerstörung soll und wird die Kirche wieder zu neuem Leben finden.

2. Die Mitte kirchlichen und christlichen Lebens ist der Gottesdienst. Hörfunk und Fernsehen geben die Möglichkeit, den Gottesdienst auch zu denen zu bringen, die zu Hause bleiben oder bleiben müssen. Die stärkste Verbreitung unter den Rundfunkgottesdiensten hat der Sendeplatz des ZDF Sonntag für Sonntag um 9.30 Uhr. Für das Jahr 2000 haben sich die evangelische und katholische Rundfunkarbeit zusammengetan, um aus den ZDF-Gottesdiensten eine inhaltlich zusammenhängende Reihe zu bilden. Sie können wie bisher auch je für sich genommen werden. Aber im Jahr 2000 gibt es die zusätzliche Attraktion, daß diese Gottesdienste mit einer gezielten Auswahl hervorgehobener Orte und Kirchengebäude ein Gesamtbild des Christentums und seiner 2000jährigen Geschichte erstehen lassen. Zu der Gottesdienstreihe wird es ein Begleitbuch geben, so daß der Anreiz verstärkt wird, sich von Sonntag zu Sonntag auf ein neues Kapitel der Geschichte des Christentums und des christlichen Glaubens zu freuen.

3. Papst Johannes Paul II. hat in seinem grundlegenden Apostolischen Schreiben "Tertio millennio adveniente" von 1994 für die römisch-katholische Kirche angeregt, die bestehenden Martyrologien zu ergänzen, insbesondere die Erinnerung an vorbildliche christliche Persönlichkeiten zu erhalten, die in diesem Jahrhundert unter den totalitären Herrschaftssystemen für den christlichen Glauben Zeugnis abgelegt und oft das eigene Leben eingesetzt haben. So sehr in der christlichen Kirche das Bekenntnis im Mittelpunkt steht: "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit", so sehr bedarf sie daneben und darunter der Erinnerung an die Glaubenszeugen, die anschaubar und nachvollziehbar, in den Grenzen menschlicher Möglichkeiten, aber immer auch weit über alles hinaus, was Menschen ihren eigenen Kräften zugetraut hätten, gezeigt und vorgelebt haben, was Nachfolge Jesu Christi heißt. Derselbe Hebräerbrief, der bekennt: "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit", stellt die "Wolke der Zeugen" vor Augen und spricht die Mahnung aus: "Gedenkt an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt ihrem Glauben nach." Es ist ein besonders schönes Zeichen ökumenischer Verbundenheit, daß die römisch-katholische Kirche in Deutschland die Anregung gegeben hat, zur Jahrtausend- und Jahrhundertwende ein Buch über die Glaubenszeugen des 20. Jahrhunderts gemeinsam vorzubereiten und herauszugeben. Jetzt und in Zukunft werden die Kirchen nichts gewinnen, wenn sie sich in wechselseitiger Konkurrenz profilieren. Wir sind aus der Perspektive des Glaubens wie aus der Perspektive der Welt eine Kirche. Der Makel der einen Kirche wirkt sich früher oder später auch als Makel der anderen Kirche aus, und der Schmuck der einen Kirche wird früher oder später auch die andere Kirche schmücken. Die evangelischen und katholischen Glaubenszeugen sind für die christliche Wahrheit aufgestanden, und sie sind - jedenfalls so weit es das auch für den christlichen Glauben gibt - ein Ruhmesblatt für die eine Kirche Jesu Christi.

4. Die evangelische und katholische Kirche haben zwischen 1994 und 1997 in höchst erfolgreicher Weise einen Konsultationsprozeß zur wirtschaftlichen und sozialen Lage initiiert. Dieses Modell hat Pate gestanden bei dem Vorhaben der evangelischen Kirche, am Anfang des kommenden Jahres durch die Veröffentlichung eines Impulspapiers einen Konsultationsprozeß zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur zu beginnen und ihn im Laufe des Jahres 2000 zum Abschluß zu bringen. Am Ende dieses Jahrtausends und Jahrhunderts ist bei manchen der Eindruck entstanden, das Christentum sei dabei, seine kulturprägende Kraft einzubüßen. Religionskritische Argumente haben im Osten Deutschlands durch die marxistisch-leninistische Propaganda weite Verbreitung gefunden. Religion erscheint hier als unwissenschaftlicher Aberglaube und freiheitsfeindliche Legitimation von Unterdrückung und Selbstunterdrückung. Die Pointe ist jedes Mal: Religion ist kulturell schädlich. Auch in der westdeutschen Öffentlichkeit sind solche Gedanken durchaus geläufig, obwohl sie weniger aggressiv vertreten werden. Die Kirche gilt den Kritikern weniger als kulturell schädlich als vielmehr als kulturell irrelevant. Wie wird die Entwicklung im nächsten Jahrhundert weitergehen? Werden die Kirchen die Kraft aufbringen, auch in der Zukunft kulturell relevant zu bleiben, und das heißt: sich nicht in die Nische zu verkriechen, sondern in Auseinandersetzung mit der Kultur der jeweiligen Gegenwart eine spezifische kulturelle Gestalt anzunehmen, zugleich die Entwicklung der Kultur kritisch zu begleiten und wie in den vergangenen 2000 Jahren des christlichen Abendlandes kulturprägend zu wirken? Fragen wir diese sollen Gegenstand der Konsultation innerhalb der Kirche, aber vor allem auch zwischen Kirchen und Öffentlichkeit, Kirche und Kultur werden.

Damit schließt sich der Kreis. Ich hatte begonnen mit Umberto Ecos ironisch formuliertem Gedanken, ob es in Europa wohl noch politically correct sei, "die Jahre ausgehend von einem Ereignis zu zählen, das zweifellos ... tiefen Einfluß auf die Geschichte unseres Planeten gehabt hat". Kirchen und Christen müssen und können unter sehr unterschiedlichen kulturellen Bedingungen leben und wirken. Auch wenn ihnen der Wind ins Gesicht bläst, werden sie sich nicht verstecken und sich von ihrer Aufgabe verabschieden - der kalte Wind im Gesicht kann ganz schön erfrischend und belebend sein. Aber das ist kein Dauerzustand, den man geradezu anstreben sollte. Umberto Eco läßt keinen Zweifel daran, daß er - als Ungläubiger! - den christlichen Glauben als Sauerteig und als kritische Masse der Kultur bejaht und fördert. Ich verstehe das als Ansporn für Kirchen und Christen, selbstbewußt und guten Mutes auf das nächste Jahrtausend zu gehen.



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