Unbesorgt, aber nicht sorglos -
Hermann Barth
16. April 1999, Bochum, Vortrag beim Empfang aus Anlaß des 60jährigen Bestehens des Gesamtverbandes der evangelischen Kirchengemeinden des Kirchenkreises Bochum
Einige Ratschläge für den Weg der Kirche unter den Bedingungen des Pluralismus
"Machen Sie sich denn keine Sorgen um die Kirche?" So fragte mich kürzlich eine Journalistin gegen Ende eines längeren Interviews. "Nein", gab ich ihr zur Antwort, "wie sollte ich mir Sorgen um die Kirche machen, wenn Jesus ihr verheißen hat, daß nicht einmal die Pforten der Hölle sie überwältigen werden" (Matthäus 16,18)? Ich weiß, das ist nicht alles, was zu diesem Thema zu sagen ist. Die Frage der Journalistin ist nicht nur verständlich, sie ist auch berechtigt. Aber die Frage nach den Umbrüchen, in denen wir stecken, nach den Defiziten, die wir in der Kirche zu beklagen haben, nach den Veränderungen, mit denen wir darauf reagieren müssen - all das beansprucht heute so viel Aufmerksamkeit, daß es, gewissermaßen als Gegengewicht, notwendig ist, mit geradezu unverfrorener Einseitigkeit die andere Seite zu betonen: Über die Zukunft der Kirche braucht sich niemand Sorgen zu machen. Sie ist bei Gott in guten Händen - seit 2000 Jahren. Ich bin im übrigen davon überzeugt, daß eine solche Haltung der Gelassenheit und Zuversicht die beste Voraussetzung ist, um den Veränderungsbedarf in der Kirche nüchtern zu erkennen und die nötigen Reformen mutig anzupacken. Ängstlichkeit lähmt, Verlierermentalität macht nervös. In Gelassenheit und Zuversicht liegt die Kraft. Und ich unterstreiche es noch einmal: Diese Aussage ist keine psychologische Binsenweisheit und kein therapeutischer Kniff. Sie macht ernst mit der Verheißung Jesu: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende" (Matthäus 28,20). Im Glauben an diese Verheißung müßte alle Angst vor der Zukunft, alle Angst um die Zukunft der Kirche überwunden sein.
Wahr ist allerdings auch: Die Verheißung Jesu bezieht sich nicht auf eine bestimmte organisatorische Gestalt und materielle Ausstattung seiner Kirche. Was hat sich in dieser Hinsicht allein schon in den 60 Jahren verändert, auf die der Gesamtverband der evangelischen Kirchengemeinden des Kirchenkreises Bochum mit der heutigen Veranstaltung zurückblickt! Und wie relativiert sich der gegenwärtige Zustand in Bochum und in Deutschland erst, wenn wir - am Vorabend der bevorstehenden Jahrtausendwende - die gesamte 2000jährige Geschichte der weltweiten Kirche in den Blick nehmen! Die Kirche war in ihrer äußeren Gestalt nicht immer so, wie sie heute ist. Sie muß, um ihrem Auftrag und ihrer Bestimmung gerecht zu werden, nicht so bleiben, wie sie heute ist. Sie wird auch nicht so bleiben, wie sie heute ist - und wir alle, ob in Bochum oder in Hannover, ob vor Ort oder auf der gesamtkirchlichen Ebene, spüren den wind of change. Aber wie soll sie denn werden? Wohin soll sie verändert werden?
Ich halte nichts davon, ein ideales Modell von der äußeren Gestalt der Kirche zu entwerfen und dann die Realität nach diesem Modell umzukrempeln. Wir sind gut beraten, von den vorfindlichen Gegebenheiten auszugehen und Veränderungen Schritt für Schritt vorzunehmen. Der radikale Umbruch ist geschichtlich betrachtet die große Ausnahme; er hat Voraussetzungen, die heute so nicht vorliegen. Auch sehe ich keinen Grund für die Annahme, daß Gott und sein Wort unter den vorfindlichen Gegebenheiten nicht mehr wirksam werden könnten oder wollten. Es gibt eine Sehnsucht nach den Zuständen von morgen und übermorgen, die die Chancen von heute sträflich übersieht und vernachlässigt. Wir müssen die gegenwärtige Situation in Gesellschaft und Kirche sorgfältig zur Kenntnis nehmen und dementsprechend neu bestimmen, wie Auftrag und Bestimmung der Kirche am wirkungsvollsten erfüllt werden können. In diesem Sinne formuliere ich im folgenden - unter der Überschrift "Unbesorgt, aber nicht sorglos" - einige Ratschläge für den Weg der Kirche unter den Bedingungen des Pluralismus.
Nicht ohne Grund taucht hier das Stichwort "Pluralismus" auf. Denn es spielt - zusammen mit "Individualisierung" und "Postmoderne" - eine besondere Rolle bei der Erfassung und Beschreibung der gegenwärtigen Situation. Pluralismus, Individualisierung, Postmoderne - immer diese Fremdwörter! Kann man das denn nicht auch anders, einfacher und allgemeinverständlicher sagen? Man kann. Dann wäre zu reden vom Zerfall des Selbstverständlichen. Denn genau darum dreht es sich beim Aufkommen und bei den Folgen des Pluralismus und der Individualisierung: Die vertrauten Selbstverständlichkeiten lösen sich auf. Das macht den Pluralismus so anstrengend. Das macht aber zugleich seinen Reiz aus. Denn er führt zu einer Kultur der Differenz, des Dialogs und des Austausches. Die Kirchen können sich dem Pluralismus nicht entziehen. Sie sind ihm in ihrem Inneren und in der Welt, in der sie stehen, ausgesetzt. So kann auch die evangelische Kirche gar nicht anders, als sich auf die Bedingungen des Pluralismus einzustellen und sich eine pluralismusfähige Gestalt zu geben.
Mit diesen Bemerkungen ist schon vorgezeichnet, welche Schritte der Gedankengang nehmen soll. Ich beginne in einem 1. Teil mit einer Situationsbeschreibung: Was sind die Bedingungen des Pluralismus? Im 2. und 3. Teil werde ich zunächst die anstrengenden Seiten, sodann die Vorzüge und Chancen der vom Pluralismus geprägten Situation darlegen. Der 4. Teil ist der Frage gewidmet, welche Reaktionsmuster sich bei der Auseinandersetzung von Kirchen und Christen mit der Situation des Pluralismus beobachten lassen. Im 5. Teil schließlich will ich aus meiner Sicht die Aufgaben benennen, die sich der evangelischen Kirche unter den Bedingungen des Pluralismus stellen.
I. Die Bedingungen des Pluralismus
"Pluralismus" bezieht sich, ganz wörtlich genommen, auf eine Situation, in der man es nicht mit einer Einzahl, sondern mit einer Mehrzahl zu tun hat: Es gibt nicht nur eine politische Partei, sondern mehrere. Es gibt nicht nur ein Konzept für die politische oder die wirtschaftliche Ordnung, sondern mehrere. Es gibt nicht nur eine Kirche, sondern mehrere. Es gibt nicht nur eine Lebensform, in der Mann und Frau ihre Lebensgemeinschaft organisieren, sondern mehrere. Allgemeiner gewendet: Es gibt nicht die für alle verbindliche Lebensnorm, sondern die Menschen sehen sich einem Angebot unterschiedlicher, zum Teil gegensätzlicher Lebensnormen gegenüber. Verschiedene Wahrheitsansprüche konkurrieren miteinander. Pluralismus bedeutet darum immer: Nichts ist von vornherein klar und eindeutig vorgegeben, sondern die Menschen können und müssen eine Wahl treffen.
Diese Situation ist typisch für die Moderne, also für das Zeitalter, das für den Bereich von Religion und Glauben durch die Reformation eingeläutet wurde und das heute insbesondere von den Folgen der Aufklärung und der Industrialisierung geprägt wird. Im Zuge der Modernisierung werden die traditionellen Strukturen untergraben, die während des Großteils der Menschheitsgeschichte eine einheitliche Lebenswelt bewahrt haben. Man kann das heute noch in Ländern der südlichen Hemisphäre "beobachten, wo die Modernisierungsprozesse eben erst eingesetzt haben. Da gibt es Dörfer - in Indien zum Beispiel, in entlegenen Gebieten Afrikas oder auf dem Hochland Südamerikas -, wo die Menschen noch heute so leben, oder fast so, wie ihre Vorfahren in vergangenen Jahrhunderten. Dieses Leben, in und aus einer Tradition, ist vor allem durch eine große Einheitlichkeit gekennzeichnet - die Menschen in so einem Dorf sehen ähnlich aus, sprechen dieselbe Sprache, haben denselben Glauben und dieselben moralischen Werte und (wenn ich das so ausdrücken darf) absolvieren ihre Biographie in denselben Abschnitten und nach denselben Regeln. Und dann kann man beobachten, wie diese oder jene moderne Institution diese Einheitlichkeit stört, manchmal langsam, oft mit Schwindel erzeugender Geschwindigkeit ... Die traditionelle Dorfkultur in ihrer altgewohnten Einheitlichkeit gerät ins Wanken. Die alten Angebote verlieren ihre Ausschließlichkeit. Neue Angebote entstehen in mehr und mehr Lebensbereichen. Oder man könnte es auch so beschreiben: Was früher ein Gebot war, wird nun ein Angebot unter vielen" [Peter L. Berger, Pluralistische Angebote: Kirche auf dem Markt, in: Leben im Angebot - Das Angebot des Lebens, Gütersloh 1994, S. 33-48, dort 36f].
Man muß hier vorsichtig sein und darf nicht übertreiben: Traditionelle Gesellschaften waren nicht immer so einheitlich wie das eben beschriebene Dorf, und auch in modernen Gesellschaften gibt es starke, vereinheitlichende Traditionen. Außerdem hat es auch Prozesse der Pluralisierung in vormodernen Zeiten gegeben. Die Heilige Schrift selbst, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament, gibt einer Pluralität von Glaubensverständnissen und Lebensdeutungen Raum. Die Modernität ist aber gekennzeichnet durch die Verstärkung und weltweite Ausdehnung der Pluralisierung [vgl. Berger, aaO S. 37].
Die Kirchen sind dem Pluralismus nicht nur von außen ausgesetzt, also dadurch, daß sie heute in einer Welt mit unterschiedlichen, konkurrierenden Lebensnormen, Wahrheitsansprüchen und Religionen stehen. Die Pluralisierung hat die Kirchen längst auch in ihrem Inneren erfaßt: Es gibt unterschiedliche theologische Richtungen, unterschiedliche Auslegungen der Gebote Gottes für das persönliche Leben und das Zusammenleben der Menschen, unterschiedliche Frömmigkeitsstile, unterschiedliche Auffassungen über die dem Kirchenraum und dem Gottesdienst gemäße Musik. Und diese unterschiedlichen Spielarten - ist das überhaupt hier noch das passende Wort? - vom Verständnis des christlichen Glaubens und eines christlichen Lebens, von Frömmigkeit und Kirchenmusik stehen keineswegs immer schiedlich-friedlich nebeneinander. Vielmehr zeigt sich auf all diesen Feldern sehr rasch, daß es sich um Wahlmöglichkeiten, genauer: um Alternativen und Entscheidungszwänge handelt, daß sich also die einstigen Selbstverständlichkeiten auflösen und an ihre Stelle die verunsichernde Koexistenz unterschiedlicher oder gar gegensätzlicher Möglichkeiten tritt.
Bevor ich die Situationsbeschreibung abschließe, muß ich noch einem Mißverständnis vorbeugen, der Vorstellung nämlich, irgend jemand stünde heute vor der Alternative, ob er oder sie den Pluralismus wolle oder nicht. Die Welt, in der wir leben, ist pluralistisch, ob uns das gefällt oder nicht. Man kann sich mit dem Pluralismus auf verschiedene Weise auseinandersetzen, man kann ihm auch entfliehen oder sich seinen Auswirkungen entziehen wollen, darauf komme ich später zurück. Die Wahl aber, unter den Bedingungen des Pluralismus zu leben oder unter anderen Bedingungen zu leben, haben wir nicht mehr. Darum ist es gut, sich nüchtern Rechenschaft darüber zu geben, was er für Folgen hat, negative und positive, belastende und hilfreiche.
II. Die anstrengenden Seiten des Pluralismus
Pluralismus verunsichert, darum ist Pluralismus anstrengend. Nehmen wir ein Beispiel: Vor ein paar Jahren wurde in einer der Hauptkirchen Hamburgs eine Techno-Nacht veranstaltet, andere Orte und Gemeinden folgten nach. Die einen träumen von einer Partnerschaft der Kulturen, von Gregorianik und Techno, von christlicher Tradition und Jugendszene. Andere sind tief verunsichert. Sie erkennen ihre Kirche nicht wieder. Ich zitiere einige dieser kritischen Stimmen [abgedruckt auf der Debattenseite des DS vom 16. Februar 1996]: "Diese seelenlose Musik in Düsenjägerlautstärke ist nicht geeignet, eine auf Gott bezogene Atmosphäre zu schaffen ... Die spirituelle Atmosphäre des Raumes zerstört diese Musik gerade." Und: "Techno, als Musik auch bei Jugendlichen heftig umstritten, wirkt wie eine Droge. Bei diesem Tanz gibt es keinen Tanzpartner, also kein Wir, keinen verantwortungsvollen Wirklichkeitsbezug ... Das Menschenbild des Evangeliums ist ein anderes ... Die Kirche muß offen sein für alle, nicht aber für alles, schon gar nicht für solche Techno-Partys. Die Versöhnung mit Gott ist mehr als die Versöhnung von Stilelementen." Und schließlich: "Mit Techno fängt man Mäuse ... Das ist das ganze Geheimnis: Man ist scharf auf das Showbusineß und unterwirft sich dem Medium, weil es die Botschaft ist ... Aus dem Kreuz droht ein Warenzeichen zu werden."
An diesen kritischen Stimmen läßt sich gut ablesen, was die anstrengenden Seiten des Pluralismus sind:
1. Wenn die bisherigen Selbstverständlichkeiten zerbrechen, entsteht ein Verlust an Geborgenheit. Musik im Kirchenraum und im Gottesdienst - für lange Zeit war klar, was ging und was nicht, welche Bandbreite an Möglichkeiten dafür in Betracht kam und was jenseits dieser Bandbreite lag. Plötzlich gilt nicht mehr - oder droht, nicht mehr zu gelten -, woran ich mich gewöhnt hatte. Das Koordinatensystem, in dem ich Orientierung fand, paßt nicht mehr. Alles wird umgekrempelt. Die Folge ist: Ich fühle mich unbehaust, ich vermisse die Geborgenheit.
2. Die Beschreibung der Situation des Pluralismus bedient sich nicht zufällig immer wieder des Begriffs "Angebot". Dieser Begriff steht in einem engen Zusammenhang oder hat jedenfalls eine Geistesverwandtschaft mit der Welt des Marktes. Zum Markt aber gehört unweigerlich die Spannung zwischen Schein und Sein, die Werbung gaukelt uns manches vor, was von der Wirklichkeit nicht eingelöst wird. Zum Markt gehört es auch, daß ich etwas ausprobiere, daß ich die eine Marke der anderen vorziehe, daß ich einfach nur den Reiz der Abwechslung auskoste. Es ist sehr anstrengend, etwas, das ein Gebot zu sein schien, auf einmal in der Rolle des Angebots zu erleben, etwas, das eine selbstverständliche Geltung für sich beanspruchte, als eine Möglichkeit unter mehreren zu erkennen. Es ist darum anstrengend, weil ich nicht mehr etwas Vorgegebenes übernehme und hinnehme, sondern ständig eine Wahl zu vollziehen habe.
3. Die Verunsicherung durch den Pluralismus geht dort am tiefsten, wo das Nebeneinander verschiedener Möglichkeiten alles gleich gültig und damit gleichgültig zu machen scheint. Diese Auswirkung des Pluralismus wird in der evangelischen Kirche immer dann deutlich spürbar, wenn neue, abweichende theologische Auffassungen und Strömungen durch die Medien in die Öffentlichkeit gespült werden. Das war so bei bestimmten Ausprägungen der feministischen Theologie. Das ist nicht minder so bei den hanebüchenen Behauptungen, die der Göttinger Neutestamentler Gerd Lüdemann, auch mit der Schützenhilfe des SPIEGEL, in die Welt posaunt hat: Die Bibel sei "gar nicht Gottes Wort, sondern ein Werk der katholischen Kirche des zweiten Jahrhunderts". Christenmenschen fragen sich, wenn sie derartige Behauptungen zu lesen bekommen: Was stimmt denn nun? Was gilt in der Kirche? Woran kann ich mich noch halten?
III. Vorzüge und Chancen des Pluralismus
Angesichts solcher Wirkungen fällt es nicht ganz leicht, von Vorzügen und Chancen des Pluralismus zu sprechen. Aber es ist gerade ein Kennzeichen des Pluralismus, daß er ein Doppelgesicht hat: Seine Vorzüge und Chancen sind ohne seine anstrengenden Seiten nicht zu haben. Drei dieser Vorzüge und Chancen will ich besonders hervorheben:
1. Pluralismus befreit
Jede einheitliche Lebenswelt hat etwas Beengendes. Abweichungen von der selbstverständlichen Norm sind eigentlich gar nicht vorgesehen. Wenn und wo sie sich regen, werden sie entweder übergangen oder ausgegrenzt oder beseitigt. Die Verhältnisse in vielen dörflichen Lebensgemeinschaften gaben auch hierzulande bis vor wenigen Jahrzehnten noch eine ungefähre Anschauung von solcher Beengung. Sich anders zu kleiden, einen anderen Geschmack zu haben, anderen religiösen Vorstellungen anzuhängen, andere Auffassungen über das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern und über die Ziele und Methoden der Erziehung zu vertreten - all das war, wenn nicht unmöglich, so doch jedenfalls sehr schwierig. Bis heute gibt es noch enge kirchliche Milieus, in denen - um nur ein paar Beispiele zu nennen - das Gebet oder der Umgang mit der Heiligen Schrift oder die Einstellung zur vorehelichen Sexualität stereotyp vorgeprägt sind. Demgegenüber stellt der Einzug des Pluralismus einen Prozeß der Befreiung dar. Denn er schafft Alternativen. Er gibt dem und der einzelnen mehr Freiraum zur persönlichen Entfaltung. Individualisierung ist in manchen kirchlichen und gesellschaftlichen Kreisen noch immer ein Schimpf- und Schreckenswort. Aber dabei ist ein Klischee gemeint. Pluralismus und Individualisierung sind Geschwister. Sie stehen - zumindest auch - für eine Befreiungsgeschichte. Eine einheitliche Lebenswelt, die wenig oder keine Ausweichmöglichkeiten zuläßt, hat etwas Erdrückendes. Sobald Alternativen da sind, ist die alles überwältigende Macht des zuvor geschlossenen Systems gebrochen.
2. Pluralismus bereichert
Das Leben ist bunt und vielfältig. Eine einheitliche Lebenswelt bedeutet immer den Ausschluß vieler anderer Farben aus dem weiten Spektrum des Lebens. Pluralismus hingegen bereichert.
Die Fülle der Möglichkeiten kann zur Last werden. Jeder kennt die Erfahrung der Qual der Wahl. Die Buntheit des Angebots kann auch Mißtrauen, Angst und Kritik hervorrufen. Fast jeder Kirchentag hat zu solchen Reaktionen geführt: Ist denn da die Einheit in der Vielfalt noch gewahrt? Oder wird unter der Hand eine Verfälschung vorgenommen? Auf eine kritische Prüfung der Geister darf sicherlich nicht verzichtet werden. Aber der Glaube an den Heiligen Geist, der lebendig ist und Leben schafft, verträgt sich andererseits nicht mit Ängstlichkeit. "Gottes Geist bewirkt einen schöpferischen Pluralismus" [Michael Welker, Kirche im Pluralismus, Gütersloh 1995, S. 28].
Ich beziehe das durchaus auch auf das Nebeneinander und Miteinander der christlichen Kirchen. Weil die Einheit der Kirche - ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, eine Hoffnung - schon vorhanden und sogar erfahrbar ist, halte ich nichts davon, das Ziel der einen großen Kirche zu proklamieren, in der alle Unterschiede überwunden sind. Manchmal leiden wir darunter, daß am selben Ort mehrere christliche Gemeinschaften nebeneinander, schrecklicherweise vielleicht sogar gegeneinander bestehen und arbeiten. Am Sonntagmorgen läuten die Glocken, und die einen gehen nur in das, die andern nur in jenes Gotteshaus. Ist es wünschenswert, daß dieser Zustand aufhört und eines Tages an einem Ort auch nur eine christliche Gemeinde besteht? Ich sage nein. Diese Erwartung ist nicht nur illusionär, sie ist in meinen Augen auch gar nicht zu wünschen. So wie es verschiedenartige Menschen gibt, so wird es auch verschiedenartige Kirchen geben. Wir brauchen eine Form und Vorstellung von Ökumene, in der den Christen kein schlechtes Gewissen gemacht wird, wenn sie in ihren Kirchen im großen und ganzen so weiter leben, wie sie es gewohnt sind. Das ist realistische Ökumene. Was ich mir wünsche, ist nicht das Verschwinden aller Unterschiede, sondern ein Gefühl der Beheimatung in der eigenen kirchlichen Tradition, Aufmerksamkeit für die Schönheit und den Reichtum auch der anderen kirchlichen Traditionen und darum Achtung voreinander und füreinander, in einer bekannten Formel: die versöhnte Verschiedenheit der Kirchen.
3. Pluralismus nötigt zur Entscheidung
Diese Aussage mag zunächst überraschen. Aber wo das Selbstverständliche zerfällt, tritt die bewußte Entscheidung, die bewußte Wahl an die Stelle der bloßen Übernahme der Tradition, des bloßen Sich-Einfügens in das Übliche. Der US-amerikanische Soziologe Peter L. Berger sieht in diesem Umstand den entscheidenden Grund, um den christlichen Kirchen eine positive Einstellung zum Pluralismus zu empfehlen: "Die pluralistische Dynamik ... untergräbt die Selbstverständlichkeit; gerade dieser Verlust der Selbstverständlichkeit eröffnet die Möglichkeit des Glaubens! In einer traditionellen Gesellschaft, in der Religion eingebettet ist in ein geschlossenes Netz von Selbstverständlichkeiten, hat es kaum Sinn, von Glauben zu sprechen. Der Mensch in so einer Gesellschaft glaubt nicht an die Götter, er weiß von ihnen. Das heißt, Religion ist einfach Teil eines geschlossenen Systems von angeblichem Wissen. Glaube impliziert einen Entschluß, ja eine Wahl des einzelnen. Das setzt mindestens einen Grad von Entschlußfreiheit voraus; gerade dieser fehlt aber, wenn die Religion etwas Selbstverständliches ist. Man könnte es sogar schärfer formulieren: Glaube wird erst dann möglich, wenn die Selbstverständlichkeit der Welt ins Wanken kommt. Das geschieht oft durch Ereignisse in einer individuellen Biographie. Es kann auch geschehen durch gesellschaftliche Entwicklung - wie, zum Beispiel, durch das Aufkommen des Pluralismus. Glauben setzt voraus die Alternative des Nicht-Glaubens; der Pluralismus, so kann man es sagen, institutionalisiert die Alternativen." Er "bietet die Gelegenheit, den Glauben als lebendige Möglichkeit neu zu erleben, in einer reineren Form, wie sie in den Selbstverständlichkeiten einer traditionellen Ordnung eben nicht oder nur selten vorkommt" [aaO S. 44-47].
IV. Reaktionen von Kirchen und Christen auf den Pluralismus
Ich sagte es schon: Kirchen und Christen können sich heutzutage nicht aussuchen, ob sie den Pluralismus haben wollen oder nicht. Sie müssen sich mit ihm auseinandersetzen. Sie müssen eine Antwort auf die Situation des Pluralismus finden. Sie tun das auf unterschiedliche Weise:
1. Eine verbreitete Antwort ist die Anpassung. Damit meine ich ein Verhalten und eine Strategie, den vielfältigen Bedürfnissen der Kirchenmitglieder und der Gesellschaft weit entgegenzukommen und es vielen, möglichst allen recht zu machen. So verstehe ich den Ratschlag von Jürgen Fliege [in der "Berliner Zeitung" vom 22. Januar 1996]: "Das Unternehmen Kirche geht den Bach runter. Keine Frage! Da holen sich ... die Münchner Kirchen den besten Unternehmensberater der Welt, McKinsey, an Bord des bedrohten Schiffes. Er soll helfen. Er analysiert wochenlang die Lage, befragt Hunderte von Leuten und entdeckt: Die Kirche hat ein gutes Produkt. Es gibt auch riesige Marktlücken. Aber: Alles wird ziemlich miserabel präsentiert. Keine Kundenorientierung. Falsches Management, schlechte Verkäufer ... Die Therapie, das Unternehmen zu sanieren, ist denkbar einfach. Aber für richtige eingefleischte Kirchenleute geradezu ekelerregend. McKinsey findet nämlich heraus, daß kaum einer in der Kirche ist, um zu hören, daß Jesus Gottes eingeborener Sohn ist. Sie kommen nicht wegen der Predigt, sondern trotz der Predigt! Sie sind durchweg alle da, um in den Krisen des Lebens nicht allein dazustehen. Die Menschen wollen begleitet werden und nicht missioniert. Bibel ade, scheiden tut weh! Begegnung und Begleitung und Rituale - willkommen!" Es fällt nicht schwer, sich auszumalen, wohin ein solcher Therapievorschlag führt: Die Kirche fragt nicht mehr nach ihrem Ursprung und ihrem von Gott kommenden Auftrag, sie orientiert sich allein an den Modeströmungen und den wechselnden Bedürfnissen ihrer "Kunden". Sie macht alles mit, sie schwimmt überall mit, besser: sie läßt sich treiben und überallhin mitschwemmen. Das ist gleichbedeutend mit der Selbstaufgabe der christlichen Kirche, gleichbedeutend mit Verrat an der Heiligen Schrift, die alleinige Lehrnorm und Richtschnur des kirchlichen Redens und Handelns zu sein hat.
Ich füge ausdrücklich hinzu, daß ich nichts dagegen habe, vielmehr gerade dafür plädiere, sorgfältig auf die Bedürfnisse der Kirchenmitglieder und der Gesellschaft zu achten und den Menschen gerade an den Knotenpunkten des Lebens beizustehen. Heike Schmoll, die Kirchenredakteurin der FAZ, hat [in der Ausgabe vom 29. Dezember 1995] dazu den Kirchen einige bedenkenswerte Ratschläge ins Stammbuch geschrieben: "Nichts scheint weniger im Mittelpunkt des kirchlichen Interesses zu stehen als die religiösen Bedürfnisse der Kirchenmitglieder oder derer, die es einmal waren ... Der einzelne erwartet von der Kirche nach wie vor, daß sie Not lindert, Anteil nimmt, Trost spendet, Perspektiven in schwierigen Situationen weist. Er hofft darauf, daß die biblische Überlieferung durch kirchliche Verkündigung zur Grundlage der religiösen Selbstauslegung gemacht wird. Dafür sind Kasualien an bestimmten Umbrüchen des Lebens geeignet ... Im Blick auf die Amtshandlungen gibt es eine lange Geschichte enttäuschter Erwartungen. Dem ein Ende zu machen und das Interesse an Amtshandlungen auch scheinbar unkirchlicher Menschen ernst zu nehmen wäre nötiger als manches populistische Vorhaben zur Imagewerbung oder Marketing-Strategien zur Wiedergewinnung verlorener Kirchenmitglieder ... Die Kirche muß sich auf die Lebenswirklichkeit des einzelnen einlassen als nachfragende Kirche, die Deutungsangebote für bestimmte biographische Momente bereithält. Das heißt zum einen, sich einer Wirklichkeit zu öffnen, die oft nicht mit der kirchlichen übereinstimmt. Zum anderen sind Pfarrer und Kirchenmitglieder dazu gezwungen, ihre dogmatisch geprägte Sprache aufzugeben. Denn niemand wird diese Kirchensprache noch verstehen."
Für wenig glücklich halte ich es allerdings, die Kirche in diesem Zusammenhang als Dienstleistungsbetrieb oder Dienstleistungsunternehmen zu kennzeichnen. Jedenfalls dann nicht, wenn die Kundenorientierung, die für einen Dienstleistungsbetrieb oder ein Dienstleistungsunternehmen der Dreh- und Angelpunkt des geschäftlichen Erfolges ist, zum ersten oder gar zum einzigen Maßstab wird. Die Orientierung an der Heiligen Schrift kann die Kirche dazu nötigen, lieber Kunden zu verlieren als ihren Wünschen zu entsprechen. Es gab Zeiten und Umstände, in denen - wie wir spätestens im Rückblick erkennen - die Kirche ihren von Gott erhaltenen Auftrag um der Kundenorientierung willen verraten hat.
2. Eine andere Antwort auf die Situation des Pluralismus ist die Ablehnung oder Verweigerung. "Die Grundhaltung hier beruht auf dem Entschluß, keine Konzessionen zu machen. Soziologisch gesehen kann man da zwei Versuche unterscheiden. Es kann der Versuch unternommen werden, die gesamte Gesellschaft für die eigenen Werte zu erobern bzw. zurückzuerobern. Das würde heißen, der Pluralismus wird verboten, abgeschafft. Notwendigerweise impliziert das ein politisches Projekt" [Berger, aaO S. 41]. Aktuelle Beispiele sind die fundamentalistischen Bestrebungen in einigen islamischen Ländern, aber auch bei der sogenannten Christlichen Rechten in den USA. "Es gibt eine bescheidenere und eher erfolgreiche Form der Ablehnung. Hier findet man den Versuch, eine einheitliche Welt en miniature (also im kleinen), als Subkultur, zu konstruieren. Man überläßt die Gesamtgesellschaft dem Pluralismus und zieht sich zurück auf eine kleine Gemeinschaft, deren Leben man nach den traditionellen Regeln ordnet" [Berger aaO]. Besonders deutlich greifbar wird diese Spielart der Verweigerung gegenüber dem Pluralismus in den Sekten.
Sich der Situation des Pluralismus entziehen zu wollen kann keinen Erfolg haben. Im besten Falle verschafft die Flucht vor der Wirklichkeit eine kurze Atempause, im schlechteren Falle werden Menschen zur Realitätsverleugnung oder Realitätsblindheit verleitet, im schlechtesten Falle werden Zwangsmittel angewendet, um die verhaßte Vielfalt zurückzuschneiden und die verlorene einfache Wahrheit neu zu etablieren.
3. Eine dritte Antwort verbindet sich für mich mit dem Stichwort "vorauseilender Gehorsam". Damit meine ich ein Verhalten, das den Pluralismus fälschlicherweise als Gleichrangigkeit aller miteinander konkurrierender Normen, Weltanschauungen und religiösen Überzeugungen versteht und darum für eine Selbstzurücknahme der eigenen, gegenwärtig vorherrschenden Kultur oder Religion eintritt.
Ich denke dabei insbesondere an die Diskussion über die multikulturelle Gesellschaft. Unstrittig ist: In Deutschland koexistieren gegenwärtig unterschiedliche kulturelle und religiöse Prägungen. Ziel muß es sein, die Menschen für die Achtung der jeweils anderen Prägung zu gewinnen und ihnen den Reichtum interkultureller Begegnung, auch interreligiösen Austausches bewußt zu machen. Aber das bedeutet nicht, daß die deutsche Gesellschaft - etwa beim Recht, bei der Stellung der Frau oder im Erziehungswesen - ihre Verwurzelung in der jüdisch-christlichen Tradition und in der Aufklärung zur Disposition stellt oder aufgibt. Pluralismus heißt nicht: Alles muß gleich oder gleich gültig gemacht werden. Die evangelischen Kirchen haben vor wenigen Wochen mit der Veröffentlichung eines Impulspapiers einen Konsultationsprozeß zum Verhältnis von Protestantismus und Kultur begonnen. Ich empfehle diese Initiative Ihrer Aufmerksamkeit und hoffe auf Ihre Beteiligung. Der Konsultationsprozeß ist als ein evangelischer Beitrag zur bevorstehenden Jahrhundert- und Jahrtausendwende gedacht. Am Ende dieses Jahrhunderts und Jahrtausends vertreten manche Beobachter die Auffassung, das Christentum sei dabei, seine kulturprägende Kraft einzubüßen und kulturell irrelevant zu werden. Die Kultur sei in der Zukunft - wenn überhaupt religiös, dann - multireligiös bestimmt. Darum müßten die Religionsgemeinschaften näher zusammenrücken und das Gemeinsame stark machen. Aber wer in der kulturellen Situation Deutschlands die Kirchen in eine Allianz mit den Religionsgemeinschaften hineinführen will, muß aufpassen, daß er nicht zu einer Exotisierung des Christentums in Deutschland beiträgt. Eines der Ziele des Konsultationsprozesses besteht demgegenüber darin, das Bewußtsein dafür zu schärfen, daß unsere Kultur auf die prägenden und kritischen Kräfte des christlichen Glaubens bleibend angewiesen bleibt und speziell die von der Reformation neu entdeckte Botschaft von der christlichen Freiheit auch im dritten Jahrtausend ein unentbehrlicher Beitrag zur Kultur einer freiheitlichen Gesellschaft ist.
Um mangelndes Selbstbewußtsein und falsche Selbstzurücknahme geht es auch in der Diskussion über Volkskirche und Minderheitskirche. Der katholische Theologe Norbert Greinacher hat in einem Interview [mit dem Evangelischen Kirchenboten für die Pfalz, Nr. 7/96, S.8f] dafür plädiert, daß die beiden großen Kirchen in Deutschland von der Vorstellung der Volkskirche "endgültig Abschied nehmen" und sich als Minderheitskirche sehen und einrichten sollten. Die Kirchen - so sagte er - "müssen ihre augenblickliche Situation in dieser deutschen Gesellschaft neu überdenken. Sie werden immer mehr zu Minderheits- oder 'Diaspora'-Kirchen ... Volkskirche bedeutet, daß Kirche und Volk identisch sind ... Diesen Anspruch müssen wir auch innerlich aufgeben. Die Christen waren immer Minderheiten. Ich persönlich fühle mich in dieser Rolle sehr wohl ... Für die gesellschaftliche Relevanz ist die Zahl der Gemeindeglieder nicht ausschlaggebend ... Was sich alles ändern könnte, habe ich im Kontakt mit lateinamerikanischen Christen gelernt. Dort habe ich Bistümer und einzelne Kirchen auf nationaler Ebene erlebt, die in ihrer Nachfolge Jesu glaubwürdig für die Ärmsten eintreten. Sie sind keine Körperschaften öffentlichen Rechts und haben wenig Geld." Hier geht einiges durcheinander. Es wird ein Popanz von Volkskirche aufgebaut und zugleich eine Idealisierung der Minderheitenkirche vorgenommen - als ob es nicht in den europäischen Nachbarländern ungezählte Beispiele von Minderheitskirchen gäbe, die weder eine gesellschaftliche Relevanz haben noch sich durch eine besondere Glaubwürdigkeit in der Nachfolge Jesu auszeichnen. Norbert Greinacher hat auch ein merkwürdiges Verhältnis zu Zahlen. Er beruft sich sogar auf die konfessionelle Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung. Wie er dabei aber zu dem Schluß kommen kann, die beiden großen Kirchen in Deutschland würden immer mehr zu Minderheitskirchen, ist mir schleierhaft. Zum 31. Dezember 1993 - das sind die letzten verläßlichen Zahlen - gehörten in den alten Bundesländern 83,9 % der deutschen Bevölkerung den christlichen Kirchen an, in ganz Deutschland sind es 72,5 % der deutschen Bevölkerung. Diese Zahlen machen deutlich, daß sich eine Bewertung, wie sie Norbert Greinacher vornimmt, weniger an den tatsächlichen Verhältnissen als vielmehr an ideologischen Voreingenommenheiten orientiert. Keine Frage - die Situation der Kirchen in Deutschland befindet sich in einem langsamen, aber unübersehbaren Veränderungsprozeß. Eine vernünftige, nüchterne Reaktion auf diesen Veränderungsprozeß zeichnet sich aber gerade dadurch aus, daß sie den Kirchen einen Rat gibt, wie sie das Beste aus ihrer gegenwärtigen Mehrheitssituation machen und wie sie sich auf die in Gang befindlichen Veränderungen einstellen können. Wer mit Rezepten für eine vermutete oder gewollte Kirche von morgen die Kirche von heute behandelt, der trägt nicht zur Verbesserung, sondern zur Verschlimmerung der Lage bei.
4. Weder Anpassung noch Ablehnung noch "vorauseilender Gehorsam" sind eine geeignete Antwort auf die Situation des Pluralismus. Was es für die evangelische Kirche heißt, sich dem Pluralismus zu stellen, und welche Aufgaben ich für sie unter den Bedingungen des Pluralismus sehe, das will ich im folgenden, abschließenden Teil darstellen.
V. Aufgaben der evangelischen Kirche unter den Bedingungen des Pluralismus
Acht Aufgaben sind es, die für mich im Vordergrund stehen. Ich fasse sie jeweils in einen knappen Satz:
1. Der Sehnsucht nach der einfachen Wahrheit widerstehen
Die Entstehung des Pluralismus ist kein bloßer historischer Zufall. Die Zustimmung, die er findet, hängt vielmehr damit zusammen, daß er es erlaubt, der Einsicht gerecht zu werden: Die Wahrheit hat viele Seiten. Ich meine diesen Satz nicht in einem skeptischen oder zynischen Sinne. Das Johannesevangelium legt Pilatus die Frage in den Mund: "Was ist Wahrheit?" Viele Ausleger und Leser der Bibel hören aus dieser Frage einen skeptischen und zynischen Ton heraus: 'Was soll ich mit der Frage nach der Wahrheit anfangen? Jeder hat seine eigene Wahrheit. Darum gibt es keine Wahrheit.' Nein, das meine ich nicht. Mir geht es um die Einsicht, daß die Wahrheit größer ist als meine und deine Wahrnehmung, mit anderen Worten: daß in dieser Welt keinem von uns die ganze Wahrheit zugänglich ist und wir darum in Selbstbegrenzung und Demut auch auf andere Seiten der Wahrheit zu sehen und zu hören haben. Keine einzelne Person, keine gesellschaftliche Gruppe, keine Weltanschauung, keine Konfession verfügt über die Wahrheit. Diese Einsicht hat, weil sie letztlich auf der Einschärfung des Unterschieds zwischen Mensch und Gott beruht, theologische Qualität. Darum steht es gerade den Kirchen gut an, der Sehnsucht nach der einfachen Wahrheit - und damit der fundamentalistischen Versuchung - zu widerstehen und den Pluralismus zu pflegen.
Das ist politisch wichtig. Denn ohne Pluralismus gibt es keine freiheitliche Demokratie. Es ist aber auch für die Kirchen wichtig. Auseinandersetzungen über das rechte Verständnis des christlichen Glaubens und die angemessene Ordnung der Kirche sind kein Betriebsunfall, kein Unglück, das besser zu vermeiden wäre, sondern Konflikte dieser Art gehören zum Weg der Kirche durch die Geschichte untrennbar hinzu.
Die Zustimmung zum Pluralismus versteht sich, weil er so anstrengend ist, nicht von selbst. Er ist ja nicht das freundliche und nette Miteinander älterer Gentlemen, die auch bei unterschiedlichen Meinungen schiedlich-friedlich miteinander umgehen. Er ist der ständig in labilem Gleichgewicht gehaltene Wettstreit gegensätzlicher Kräfte. Darum ist die Versuchung groß, sich in den sicheren Hort der einfachen Wahrheit zu flüchten. Um so mehr kommt es darauf an, daß Kräfte da sind, die den Pluralismus nicht einfach hinnehmen, sondern aus Überzeugung wollen und ihn pflegen.
2. Die Fähigkeit zur Toleranz stärken
Der Pluralismus läßt sich dadurch am wirkungsvollsten pflegen, daß die Fähigkeit der Menschen gestärkt wird, abweichende Überzeugungen auszuhalten, also: Toleranz zu üben. Unter Toleranz verstehen manche inzwischen: alles gutheißen, jedem rechtgeben. Das heißt aber zugleich: Niemand hat recht. Eine solche Haltung zu leben und Überzeugungen wechseln wie Modeartikel hat seinen Preis. Man wird als Chamäleon für andere undefinierbar und verleitet außerdem zur Intoleranz: Denn wo nichts ist, braucht auch nichts respektiert zu werden [vgl. Richard Schröder, Rede zu Luthers Todestag in Eisleben am 18. Februar 1996, S. 3]. Recht verstandene Toleranz ist anspruchsvoller. Sie zielt auf das Aushalten und Austragen der Differenzen. Sie erwächst aus der Demut gegenüber der Wahrheit, die kein einzelner für sich in Anspruch nehmen kann, und ist darum mit der abweichenden Überzeugung in der gemeinsamen Suche nach der Wahrheit und darum auch im Streit um die Wahrheit verbunden. Vor allem aber: Toleranz kann und wird sehr wachsam und energisch sein, wenn der Toleranz und dem Pluralismus selbst der Boden unter den Füßen weggezogen zu werden droht. Pluralismus kann nichts anfangen mit einer schläfrigen, bequemen, sich gegenseitig in Ruhe lassenden Toleranz. Er braucht die wache, kämpferische Toleranz, die den Streit nicht nur möglich macht, sondern gerade sucht.
3. Die menschlichen Kräfte nicht überfordern
Die anstrengenden Seiten des Pluralismus auszuhalten und seine Vorzüge und Chancen zu nutzen stellt hohe Ansprüche - Ansprüche an die Ich-Stärke, an die Konfliktfähigkeit, an geistige Beweglichkeit. Die Verunsicherung, die mit dem Zerfall des Selbstverständlichen einhergeht, läßt sich nicht leicht aushalten. Außerdem laufen diese Prozesse bei verschiedenen Menschen auch verschieden ab: Was für den einen immer noch selbstverständlich ist, ist für die andere längst erledigt und abgetan. Ich plädiere dafür, auf solche Unterschiede zwischen den Menschen, vor allem auf ihre unterschiedliche Fähigkeit, die anstrengenden Seiten des Pluralismus auszuhalten, Rücksicht zu nehmen. Es gibt einen bilderstürmerischen Eifer, die Auflösung alter Selbstverständlichkeiten gar nicht abzuwarten, sondern diese mutwillig zu zerschlagen. Das ist nicht nur ein vorwitziger Vorgriff auf Entwicklungen, die zu einem gegebenen Zeitpunkt noch gar nicht absehbar sind. Es zeugt häufig auch von einem unbarmherzigen intellektuellen Hochmut, der sich selbst zum Maßstab für alle anderen macht und jede Rücksicht auf den emotionalen Haushalt gerade vieler einfacher Menschen vermissen läßt.
4. Fit werden für den Wettbewerb
Diese Formulierung ist ein bißchen flapsig. Ich kann's auch seriöser sagen: Sich dem Wettbewerb stellen. Jedenfalls bedeutet Pluralismus unausweichlich Wettbewerb mit den anderen Angeboten der Lebensdeutung, der Lebenshilfe und der Lebensorientierung.
Um diesen Wettbewerb zu bestehen, muß man die Fähigkeit haben oder entwickeln, sich auf die veränderte Situation einzustellen. Eine einmal erworbene Stellung, ein einmal gewonnener Ruf haben - glücklicherweise - lange Bestand. Das verschafft Zeit für die erforderliche Umstellung und Anpassung. Aber wer sich auf den alten Lorbeeren zu lange ausruht, verschläft die Chance des Wandels.
Zur Umstellung auf eine gewandelte Situation gehören für die evangelische Kirche gewiß auch strukturelle Veränderungen. In letzter Zeit ist viel die Rede von Entbürokratisierung, von Entschlackung verfetteter zentraler Verwaltungen, von der Verlagerung von mehr Kompetenz und Verantwortung auf die mittlere und untere Ebene. Da ist einiges dran, allerdings ist auch manche wohlfeile Übernahme des allgemeinen Verschlankungsgeredes untergemischt. Sie hier in Bochum stecken, wie ich höre, mitten drin in einer intensiven Diskussion über geeignete Schritte der Regionalisierung, damit auch über Leistungsfähigkeit und Aufgabe der ortsgemeindlichen Ebene, über das Verhältnis zwischen Ortsgemeinde und funktionalen Diensten, über vertretbare und vielleicht sogar nützliche Sparmaßnahmen. Ich will nicht verbergen, daß ich, jedenfalls unter den absehbaren Umständen, ein entschiedener Anhänger der flächendeckenden, parochialen Organisation der evangelischen Kirche bin. Die Ortsgemeinde ist heute und bleibt für mich in Zukunft das feste Standbein kirchlicher Arbeit. Aber bei den konkreten Entscheidungen geht es meist nicht um ein Entweder - Oder, sondern um ein Mehr und Weniger. Darum ist mit allgemeinen Präferenzen noch nicht sehr viel gesagt. Wie dem auch sei - die Entscheidung über die Anpassung an eine veränderte Situation fällt nicht auf dem Gebiet der Strukturen. Mir jedenfalls fehlt dieser Glaube an Strukturen. Die Entscheidung fällt auf dem Gebiet der Inhalte.
Dazu zählt vorrangig, daß das Angebot der evangelischen Kirche erkennbar ist. Es gibt die Versuchung, das zu sagen und zu tun, von dem man glaubt, es werde gern gehört und gesehen. Aber dabei bleibt die eigene Identität, das, was uns auszeichnet und die Menschen sonst nirgends - oder fast nirgends - bekommen, häufig auf der Strecke.
Ein Beispiel kann am besten verdeutlichen, was ich meine. Wolf Biermann erzählt folgende Begebenheit aus der Zeit, als er zu DDR-Zeiten noch in der Chausseestraße in Ostberlin wohnte:
"Mich besuchten mal 30 oder 40 Pastoren ... Diese Pastoren aus dem Osten und dem Westen hatten eine Tagung oder so was. Sie kamen in meine Bude und wollten mit mir die letzten Probleme der Menschheit lösen ... Da war - ich erinnere mich noch - ein Pfarrer, ich glaube aus dem Westen. Der wollte sich sympathisch machen, indem er mir etwas sagte, von dem er glaubte, daß es mir gefällt. Es war nämlich die Rede auf die Auferstehung gekommen, und er sagte: 'Na ja, Herr Biermann, das ist ja alles dummes Zeug mit der Auferstehung. Da sind wir ja längst darüber hinweg. Das ist doch alles Quatsch.' ... Ich geriet in einen gedämpften Wutanfall über diesen Menschen. Ich geriet ins Predigen. Vielleicht war die Anwesenheit so vieler Pastoren schuld daran. Ich hielt ihm eine Predigt darüber, warum nach meiner unchristlichen Meinung die Auferstehung Jesu der wichtigste Teil der Leidensgeschichte ist. Wer die Auferstehung preisgibt, der ist von Gott und allen guten Geistern verlassen" [aus: Evangelische Kommentare 1992, S. 740f].
Ja, es gibt sie, diese Pfarrer und Christen, die vor lauter Anbiederung oder Feigheit das Zeugnis der Heiligen Schrift glattbügeln und gefällig machen. Das Besondere des christlichen Angebots geht auf diese Weise gerade verloren.
5. Einen Standpunkt beziehen
Ich führe damit nur weiter, was ich unter dem vorigen Punkt bereits begonnen habe: Den Wettbewerb mit anderen Angeboten der Lebensdeutung, der Lebenshilfe und der Lebensorientierung zu bestehen verlangt Menschen mit Standpunkt, mit Überzeugungen, Menschen, die etwas zu vertreten haben, kantige, profilierte Aussagen und nicht glatt geschliffene Allerweltsweisheiten.
Das hat Konsequenzen auch für das kirchliche Reden, sowohl nach innen wie nach außen. Im Blick auf das Verfahren halte ich es für geboten, mit den öffentlichen Äußerungen kollektiver kirchenleitender Organe - Synoden, Rat der EKD, Kirchenleitung einer Landeskirche - viel sparsamer umzugehen. Die Äußerungen solcher Gremien sind in aller Regel das Ergebnis einer langwierigen Konsensbildung. Konsens zu stiften darf nicht gering geschätzt werden, ich komme gleich darauf zurück. Ausgewogenheit muß nicht Konturlosigkeit bedeuten. Ausgewogenheit ist auch nicht notwendig identisch mit blasser Abstraktion. Gleichwohl hat Konsensbildung ihren Preis. Sie nimmt Schärfen heraus und verzichtet auf viele Zuspitzungen. Diesen Beschränkungen unterliegen kirchliche Einzelstimmen in geringerem Maße. Sie haben zudem den in der heutigen Mediengesellschaft unschätzbaren Vorteil, daß eine bestimmte Position mit einem bestimmten Namen und einem bestimmten Gesicht verbunden werden kann. Im Blick auf den Inhalt sollte die Regel gelten: lieber keine öffentliche Äußerung als eine ohne klaren Standpunkt. Kürzlich sagte ein evangelischer Laie aus dem akademischen Bereich zu mir: "Ihr müßt mehr Mut zu fundamentalistischen Aussagen haben." Wenn ich von dem ungeeigneten Begriff "fundamentalistisch" einmal absehe - ich verstehe sehr gut und billige auch, was mein Gesprächspartner meinte. Die Kirchenmitglieder und die Öffentlichkeit haben die Wischi-Waschi-Aussagen satt. Sie sind der belanglosen, nach allen Seiten abgesicherten, unentschiedenen Aussagen überdrüssig. Aber sie hören aufmerksam zu, wenn sie spüren, daß Menschen reden, die etwas zu vertreten haben. Diesem Anspruch gerecht zu werden fällt nicht leicht. Man kann sich ganz schön in die Nesseln setzen. Ich weiß, wovon ich rede. Aber man darf solchem Streit nicht aus dem Wege gehen. Konflikte helfen, die unterschiedlichen Positionen zu klären. Ich füge aber ausdrücklich hinzu: Einen profilierten Standpunkt öffentlich zu vertreten ist kein Selbstzweck. Wer sich noch keinen klaren Standpunkt gebildet hat, für den oder die ist es viel besser, zu schweigen als zu reden. Und nicht zuletzt ist zu bedenken, daß es nicht wenige Fragen gibt, in denen Christen mit guten Gründen ganz unterschiedlicher Meinung sein können. Aktuell wird dies deutlich an den Stellungnahmen, die aus der evangelischen Kirche zum militärischen Eingreifen der NATO-Staaten in Jugoslawien abgegeben wurden.
6. Grenzen markieren
Pluralismus bedeutet nicht Grenzenlosigkeit. Das ergibt sich allein schon daraus, daß der Pluralismus eine Position, die den Streit der Überzeugungen abschaffen und zur einfachen Wahrheit zurückkehren will, nicht akzeptieren kann. Wo die Grenzen zu ziehen sind, muß für jeden Bereich einzeln entschieden werden. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und insbesondere die darin verankerten Grundrechte bilden gewissermaßen Grenzpfähle für das, was politisch und rechtlich in unserem Gemeinwesen akzeptiert werden kann. Es ist nicht hinnehmbar, wenn politische Gruppierungen gegen die im Grundgesetz festgeschriebene Verfassungsordnung agitieren oder gar handeln. Auch die Berufung auf den Pluralismus zieht hier nicht. Es gibt Grundwerte, die selbst dem Wert des Pluralismus vorgeordnet sind. Freilich haben diese Grundwerte nicht automatisch Bestand. Man muß für sie werben, für sie eintreten, notfalls für sie kämpfen. Prinzipiell nicht anders verhält es sich im kirchlichen Bereich. Auch hier gibt es Eckpunkte - insbesondere die Heilige Schrift und die in einer Kirche gültigen Bekenntnisse -, die auch durch eine Berufung auf den Pluralismus nicht verrückt werden können. Es gibt Streitfälle, bei denen nicht von vornherein zu entscheiden ist, ob es lediglich um die sachgemäße Auslegung oder um die Infragestellung und Verrückung der Eckpunkte selbst geht. Aber klar muß bleiben, daß sich die evangelische Kirche an Grundlagen gebunden hat, die dem Pluralismus innerhalb der Kirche selbst Grenzen setzen.
7. Zur Konsensbildung beitragen
Eine pluralistisch verfaßte Gesellschaft und Kirche sind, wenn sie sich nicht der Beliebigkeit und Gleichgültigkeit ausliefern wollen, darauf angewiesen, die in ihnen gültigen Konsense zu bewahren oder sie neu zu stiften. Der Wettstreit der unterschiedlichen Überzeugungen läßt sich auf die Dauer nur organisieren und aushalten, wenn es einen Grundbestand an Gemeinsamkeit gibt. Dazu zählt für die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, wie schon angesprochen, die Zustimmung zu der verfassungsmäßigen Ordnung des Grundgesetzes und für die evangelische Kirche - auch davon war bereits die Rede - die Selbstbindung an die Heilige Schrift und die sie auslegenden Bekenntnisse. Die Konsensbildung muß aber darüber hinausgehen und konkreter werden. Ein erfolgreicher Beitrag dazu war der von der evangelischen und katholischen Kirche initiierte Konsultationsprozeß zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland. Bei allem notwendigen Streit über die in einer veränderten Situation geeigneten politischen und wirtschaftlichen Maßnahmen bedarf es in einem Gemeinwesen des Konsenses über die grundlegenden Konstruktionsprinzipien der wirtschaftlichen und sozialen Ordnung. In der evangelischen Kirche hat die Einsicht in die Notwendigkeit der Konsensbildung in den Fragen der Lehre und des Glaubens eine lange Tradition. Diese Fragen können nicht mit wechselnden Mehrheiten entschieden werden, sondern verlangen nach einer Klärung im magnus consensus, also in breiter Übereinstimmung.
8. Das Selbstverständliche neu aneignen
Über das, was sich von selbst versteht, braucht man nicht mehr nachzudenken und sich und anderen keine Rechenschaft mehr zu geben. Auch das ist ein Grund, warum das Selbstverständliche immer wieder zerfällt. Aber beim Zerfall des Selbstverständlichen kann es nicht bleiben. Wo er eingetreten ist, entsteht ein Vakuum, ein Vakuum an Lebensdeutung, Lebenshilfe und Lebensorientierung. Um so mehr kommt es darauf an, das, was sich einmal von selbst zu verstehen schien - an Glaube, Liebe und Hoffnung -, neu zu verstehen und sich in aktueller, womöglich veränderter Gestalt neu anzueignen.
Der italienische Schriftsteller Umberto Eco, der sich selbst einen Ungläubigen nennt, hat in einem Dialog mit Kardinal Martini gesagt:
"Nur wenn man einen Sinn für die Richtung der Geschichte hat ..., kann man die irdische Wirklichkeit lieben und - mit Nächstenliebe - glauben, daß noch Platz für die Hoffnung ist ... Wenn es diese Hoffnung nicht gibt, wäre es gerechtfertigt, daß wir, auch ohne ans Ende zu denken, sein Nahen hinnehmen, und uns vor die Mattscheibe setzen ... und warten, daß uns jemand unterhält, während die Dinge laufen, wie sie laufen" (aus: Umberto Eco/Carlo Maria Martini, Woran glaubt, wer nicht glaubt?, Paul Zsolnay Verlag, Wien 1998).
Das hohe Lied auf Glaube, Hoffnung und Liebe! Und zugleich der verzweifelte Schrei nach Glaube, Hoffnung und Liebe! Das macht die Verantwortung der Kirchen und der Christen heute so groß: Selbst die Ungläubigen erkennen, daß ohne einen Sinn für die Richtung der Geschichte niemand die Kraft aufbringt, seinen Nächsten und die Kreatur zu lieben, und daß in einer Welt ohne Hoffnung alles dafür spricht, sich vor die Mattscheibe zu setzen und sich vom Spektakel des Endes unterhalten zu lassen.
Kirchen und Christen haben den Sinn für Anfang, Mitte und Ziel der Geschichte. Sie haben jedenfalls die Botschaft davon: "Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit". Das ist ein Satz aus dem 13. Kapitel des Hebräerbriefes. Diese Botschaft gibt unserem zerbrechlichen und flüchtigen menschlichen Leben das richtige Maß und stellt uns zugleich hinein in eine Perspektive, in der die Angst vor der Vergänglichkeit und Nichtigkeit und Vergeblichkeit menschlichen Schaffens und Wirkens überwunden ist. Im Hebräerbrief folgt auf den Satz darum auch der mahnende Zuspruch: "Laßt euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, daß das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade." Kirchen und Christen können wie im zu Ende gehenden so auch im kommenden Jahrtausend keine größere und schönere Aufgabe haben als diese: Hoffnung geben, auf daß das Herz fest werde. Paul Gerhardt hat das alles in den wunderschönen Vers gefaßt: "Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, laß fahren, was das Herze betrübt und traurig macht. Bist du doch nicht Regente, der alles führen soll, Gott sitzt im Regimente und führet alles wohl." In dieser Hoffnung läßt es sich gut auf die Jahrhundert- und Jahrtausendwende zugehen und zugleich in die nächsten 60 Jahre Gesamtverband hineingehen.

