Ansprache bei der Preisverleihung Webfish für die beste christliche Internetseite während des Ökumenischen Kirchentages in München

Katrin Göring-Eckardt

14. Mai 2010

Der Webfish ist der Preis für die besten christlichen Internetseiten. Er ist der einzige evangelische Medienpreis für das Internet. Wir verleihen ihn in diesem Jahr zum 14. Mal. Vierzehn Jahre – das ist im Internet eine lange Zeit, wir waren als Kirche schon früh dabei, gute Webseiten auszuzeichnen.

Die Frage ist, was ist eine gute Webseite? Auf den Webfish-Seiten stehen die Kriterien des Wettbewerbes: Interaktivität, Design, Barrierefreiheit.

Diese Maßstäbe gelten im Allgemeinen für gute Websites. Wir haben Barrierefreiheit, d.h. die Zugänglichkeit von Internetseiten für Menschen mit Behinderungen frühzeitig in unseren Kriterienkatalog aufgenommen, denn Teilhabemöglichkeiten für alle an den Informationen und Dialogen ist uns ein hoher Wert.

Aber was sind die spezifisch christlichen Merkmale, die wir auszeichnen wollen? Sind die ausgezeichneten Seiten etwa besonders christlich? Um es deutlich zu sagen, inhaltlich haben wir die Seiten nicht bewertet. Der Webfish ist kein Glaubens-TÜV oder ein theologisches Gütesiegel.

Allerdings gibt es schon Maßstäbe, wie sich christliche Websites im Internet positionieren. Ich habe mir daraufhin einmal die Internetauftritte von Gemeinden, Kirchenkreisen und Landeskirchen näher angesehen. Sehr häufig war ich beeindruckt, gerade auch davon, was offenbar ehrenamtliche Webmaster für ihre Kirchengemeinden leisten.

Eines wurde mir jedoch deutlich: wie verschieden die Schwerpunkte gesetzt wurden. Und das sagt ja viel über das eigene Selbstverständnis. Ich fand Kirchengemeinden, die stellen sich dar, als wäre Information das Wichtigste. Kirche so gesehen, spricht dann hauptsächlich den Verstand an.

Einige Landeskirchen navigieren mich sofort zu den so genannten Amtshandlungen, Kirche so verstanden, will sich als lebensbegleitend darstellen, von der Taufe bis zur Beerdigung, Kirche will immer mit dabei sein.

Und bei vielen Kirchenkreisen stehen soziale und diakonische Angebote im Vordergrund, hier sieht sich Kirche als „Kirche für andere“, sie ist sozial engagiert Kirche.

Oft macht also bereits die Navigationsstruktur deutlich, was wichtig ist. Bei meiner Heimatkirche, der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, - und es hat mich sehr gefreut, dass sie beim Webfish unter die besten zehn Webseiten kam - lauten die Hauptnavigationspunkte: Aktuell & Presse, Unsere Kirche, Leben & Glauben, Kultur & Tourismus, Geschichte und Service & Kontakt. Welche Ausrichtung hat die mitteldeutsche Kirche? Kultur und Tourismus scheinen auf den ersten Blick in meiner Kirche wichtig zu sein – so prominent habe ich dies zumindest bei keiner anderen Landeskirche gefunden.

Manchmal scheinen die Schwerpunkte jedoch eher zufällig zu sein. In einigen Fällen mag dies an dem liegen, der den Internetauftritt betreut. Wenn der Kantor einer Kirchengemeinde auch der Webmaster ist, erscheint die Gemeinde schnell als kirchenmusikalisches Schwergewicht. Ist die Jugenddiakonin die Webmasterin, dreht es sich auf der Homepage vielleicht überwiegend um Jugendarbeit.

Wer die Gemeinden vor Ort kennt, kann dieses im Web gezeichnete Bild einer Gemeinde aus eigener Erfahrung korrigieren. Aber für immer mehr Menschen ist das Internet das Medium, das den ersten Kontakt vermittelt – und wenn der nicht gelingt, dann war es der einzige Kontaktpunkt.

Dies gilt nicht nur für die Kirche, sondern auch für andere Einrichtungen, Vereine und Institutionen. Die Anmutung und Ausrichtung einer Homepage ist entscheidend, ob ein Kontakt entsteht. Der Webauftritt ist die digitale Visitenkarte, und wie sollten Wert darauf legen, wie sie gestaltet ist.

Wie sich eine Kirche im Netz darstellt, sollte daher theologisch durchdacht sein und nicht irgendwie zufällig. Für mich ist dabei nicht nur die Anmutung entscheidend, sondern die Kommunikationsstrategie, wie wir uns als Kirche zu unseren Mitspielern in der digitalen Welt des Internet verhalten und uns in Beziehung setzten.

Wenn wir uns ein verorten wollen, benötigen wir ein Koordinatensystem, an dem wir uns orientieren können. Wie und wo verorten wir uns im Internet? Da gibt es verschiedene Wege. Man trifft selten auf sie, weil sie eben keinen Wert darauf legen, gefunden zu werden, aber es gibt sie: Internetseiten von Gemeinden, die selbstgenügsam ihr Programm abspielen und sich von der Netzwelt abkapseln, sich quasi vor der Welt hinter virtuellen Kirchenmauern verstecken. Sie gestalten ein Gegenprogramm zur Netzwelt. Es ist wie ein Rückzug ins Kloster aus Angst vor der Welt. Dann wird der Weg ins "deep web" gewählt, den Teil des Internet, den keine Suchmaschine durchforstet. Man verlinkt sich nicht mit anderen Websites, man meldet seine Site nicht bei Suchmaschinen an, eigentlich will man mit der eigenen Internetseite keine neuen Menschen erreichen, sondern ist zufrieden, wenn die Homepage der internen Gemeinde-Kommunikation dient. Kurz: man ist auf der virtuellen Insel glücklich und kümmert sich nicht um die Welt. Schade eigentlich.

Statt Rückzug aus der Welt gibt es auch den Weg, ganz auf die Welt zu setzen und nur in ihr präsent zu sein, der Glauben geht ganz in der Welt auf. Wer diesen Ansatz konsequent weiter denkt und aufs Internet überträgt, der wird seine Inhalte nicht mehr auf seiner eigenen Website einstellen, sondern sie nur auf Portalen einbringen und so versuchen, deren Qualität zu heben. Qualitativ hochwertige Videos würden wir auf YouTube hochladen, unsere informativen Texte auf Wikipedia einstellen und unsere sozialen Netzwerke über Facebook organisieren. Wir sind im Netz überall da, haben aber keinen Ort mehr, wo wir wir selbst sind. Kirche hätte sich im Netz aufgelöst. Das ist das andere Extrem.

Zwischen den beiden Extremen, zwischen Netz-Weltflucht einerseits und vollständiger Integration in die Netzwelt hinein gibt es viele Spielarten, die wohl besser zu unserem theologischen Verständnis passen.

Ich denke, Ziel einer gelingenden Online-Strategie muss es sein, dass unsere Online-Darstellung auch zur Kirche passt, wie sie vor Ort erlebbar ist, wie wir Kirche verstehen.

Hierbei gibt es nicht nur den einen richtigen Weg, sondern verschiedene Ansatzpunkte. Es geht darum, im Netz Eigenständigkeit zu bewahren und gleichzeitig da zu sein, wo die Menschen auch sind.

Solche Überlegungen haben auch die Konzeption von evangelisch.de bestimmt, dem protestantischem Portal. Neben Nachrichten aus evangelischer Perspektive hat evangelisch.de eine eigene Community und bietet ein sicheres soziales Netzwerk an, wo Menschen darauf vertrauen können, dass ihre Daten nicht weitergegeben werden. Bei evangelisch.de kann man sich über Glaubensthemen unterhalten, aber auch Kochrezepte tauschen. Man kann sich verlinken zu anderen sozialen Netzwerken und auf den großen Marktplätzen der digitalen Netzwelt spazieren gehen. Und über kirchliche Amtshandlungen kann man sich auch informieren – und das nicht zuletzt.

In den letzten Jahren haben wir in der evangelischen Kirche einen Reformprozess begonnen. Gemeinden sollen dabei auch Profil gewinnen. Mit ist wichtig, dass auch das Online-Profil zum Leitbild der Ortsgemeinde, des Kirchenkreises oder Landeskirche passt. Wir brauchen im Netz Profile und keinen Einheitsbrei.

Die Webseiten der Preisträger – im Hinblick auf den Goldenen Webfish CrossChannel.de muss man überlegen, ob man überhaupt noch von Webseiten reden kann – zeigen, dass sie sich auch diese theologischen Gedanken gemacht haben. Ihre Web-Angebote setzen ihr theologisches Profil um.

Wenn eine Seite missionarisch sein will, muss sie interaktiv sein, denn ohne Interaktion lassen sich keine Menschen erreichen. Dies zeigt Crosschannel.de.

Wenn eine Seite auf Beteiligung setzt, bietet sich ein Wiki an, dies tut die Volxbibel, bei dem jeder mitschreiben kann.

Wer zum Gebet einladen will, dessen Seite muss Spiritualität ausstrahlen, so wie wie-kann-ich-beten.de.

Und wer eine Junge Gemeinde im Netz sein will, der lässt Gott am besten bei sich chillen – dazu lädt die Junge Gemeinde Karow ein.

Unsere Webseiten können und sollen unsere Theologie widerspiegeln und dabei zeigen, wie vielfältig unsere Kirche ist. Diese Vielfalt zeigt sich hier beim Ökumenischen Kirchentag, hier vor Ort in München, aber auch im Netz. Deshalb freue ich mich, dass mit wie-kann-ich-beten.de hier auf dem ÖKT auch erstmals eine ökumenische Seite ausgezeichnet wird.

Und nun freue ich mich, Ihnen nun Ihre Preise übergeben zu können.