"Die Welt zu Gast bei Freunden - Ein evangelischer Blick auf das Motto der Fußball-Weltmeisterschaft" - Rede zum Johannisempfang in Berlin

Wolfgang Huber

22. Juni 2006

Ob Miroslav Klose in einer bestechenden Form oder, wie Jürgen Klinsmann vorgestern versicherte, in einer bestechlichen Form ist, mag heute Abend auf sich beruhen. Denn Bestechungsabsichten bestehen in diesem Kreis nicht. Aber die Freude ist unverkennbar. Erst dreizehn Tage, ich glaube es kaum, dauert bisher die Fußball-Weltmeisterschaft in unserem Land. Wir lernen Neues, auch über uns selbst.

So vorgestern in der Ostkurve des Olympiastadions: Auch die deutschen Fans stehen bei der Nationalhymne von Ecuador. Die Dame aus Ecuador, die bei der Nationalhymne ihres Landes nicht nur ihre Fahne schwenkt, sondern auch ein Kruzifix darüber hält, hat inmitten der deutschen Fans ihren respektierten Ort. Sie dankt es damit, dass sie auch die deutsche Hymne von Herzenslust mitsingt – wie alle anderen auch. Ich glaube, Sie stimmen mir zu:  Das ist neu.

Ich erinnere mich meines leichten Erschreckens bei einem anderen Anlass: Am 10. November 1989, die Zufälle des Kalenders hatten mich genau an diesem Tag nach Berlin geführt, war ich auf dem Weg zum Brandenburger Tor. In die U-Bahnen stiegen unendlich viele Menschen; manche hatten Deutschlandfahnen mit. Damals fand ich das eher bedrohlich. Heute nehme ich das Frühstücksbrot aus dem Brotkasten, von einer schwarz-rot-goldenen Binde umwickelt, die von Weltklasse spricht. Die Kinder in meiner Nachbarschaft setzen sich nicht vor den Fernseher, ohne zuvor an den Kühlschrank zu gehen. Den Stift mit den drei Farben holen sie heraus. Ein Spiel ohne tätowierte Wange: die Mädchen wie die Buben in unserem Nachbarhaus könnten sich das nicht verzeihen.

Der haushohe Favorit Brasilien siegte, wie wir alle wissen, in seinem ersten Spiel gegen die Mannschaft Kroatiens 1:0. Nur wenige hat das überrascht. Völlig überraschend hingegen war der Jubel der Fans beider Mannschaften nach dem Schlusspfiff: Die Fans Brasiliens jubelten über die doch etwas mühsam gewonnenen drei Punkte; die Fans Kroatiens freuten sich darüber, dass ihre Mannschaft mitgehalten hatte. Als Augenzeuge habe ich das genauso empfunden. Das nüchterne Resultat vermag das Ergebnis dieses Aufeinandertreffens nicht darzustellen: Beide Teams fühlten sich als Sieger. Einträchtig verließen die Fans beider Mannschaften das Stadion.

Evangelische Christen freuen sich in diesen Tagen an dem großen Fest des Sports in unserem Land. Wir bekräftigen in der Mitte dieser Fußballwochen die Erfahrung: Fußball ist ein starkes Stück Leben. Wie jede wichtige Lebenserfahrung so rücken wir auch dieses Erleben in das Licht der biblischen Botschaft. An die kühnen Sportvergleiche des Apostels Paulus habe ich schon bei anderer Gelegenheit erinnert, der die des Sports Unkundigen aufklärt: Wisst ihr nicht, dass die, die in der Kampfbahn laufen, die laufen alle, aber einer empfängt den Siegespreis? Lauft so, dass ihr ihn erlangt. Die heiter Gestimmten suchen nach fußballerischen Fachausdrücken in der Bibel und stoßen dabei auf die erstaunlichsten Fragen. Zum Beispiel: Kain geht mit Abel aufs Feld. Was passiert dann? Oder: Laut Altem Testament sitzen die Ältesten oft im Tor. Was machen sie da? Und schließlich: Hosea behauptet, dass Israel abseits gehe. Wer ist Hosea?

Doch solchen Spuren gehe ich heute nicht weiter nach. Es geht mir vielmehr um das Motto der Fußballweltmeisterschaft selbst. Die Welt zu Gast bei Freunden – dieses Motto hat einen eminent biblischen Bezug.

Das beginnt früh. Bereits in der Abrahamsgeschichte begegnet uns das Motiv der Gastfreundschaft (Gen 18). Abraham sitzt bei den Terebinthen von Mamre am Eingang seines Zeltes, als drei Männer vor ihm auftauchen. Abraham empfängt sie nach allen Regeln der Kunst orientalischer Gastfreundschaft: Er verneigt sich und grüßt: Habe ich Gunst in deinen Augen gefunden, so gehe doch nicht an deinem Knecht vorüber. Mit dieser Einladung beginnend, entfaltet sich vor unseren Augen ein Gemälde orientalischer Gastfreundschaft, wie sie vor dem Hintergrund des nomadischen Lebens mit seinen zahlreichen Gefährdungen gute Sitte war. Aber es geschieht mehr als das. Im Laufe des Gastmahls entpuppen sich die Gäste als Boten Gottes, die Abraham und Sara - dem kinderlos altgewordenen Paar - Nachwuchs ankündigen. So bergen die Gäste ein Geheimnis in sich und die Gastfreundschaft bleibt nicht unbelohnt: Für Abraham und Sara wird sie zum Segen der Nachkommenschaft.

Diese Erzählung hat ihre Besonderheit darin, dass Abraham in der Gestalt dreier Männer Gott selbst zu Gast hat. An anderen biblischen Stellen dagegen erscheint Gott als Gastgeber. Er versorgt sein auserwähltes Volk in der Wüste mit Manna, er schützt es und gibt ihm das verheißene Land. Nach Psalm 23 gewährt Gott dem Glaubenden fortdauernde Gastfreundschaft: Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Gastbereitschaft gilt als ein Grundzug humaner Existenz. Dem Volk Israel wird sie aus besonderem Grund nahe gelegt. Weil es in schwerster Zeit – nämlich in der Zeit großer Hungersnot – Gastrecht in Ägypten in Anspruch nahm, soll es sich gerade den Fremden gegenüber als gastfrei erweisen. Weil alle menschliche Existenz geschenkte, verdankte Existenz ist, legt es sich nahe, mit anderen zu teilen, was einem anvertraut ist: das Glück des Lebens. Denn der Herr euer Gott, ist der Gott aller Götter und der Herr über alle Herren … der die Person nicht ansieht und schafft Recht den Waisen und Witwen und hat die Fremdlinge lieb, dass er ihnen Speise und Kleider gibt. Darum sollt ihr die Fremdlinge lieben, denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland (Dtn 10, 17 ff.).

Im Neuen Testament nimmt Jesus selbst die Rolle des Gastgebers ein. Nach der Darstellung des Johannesevangeliums beginnt sein öffentliches Wirken mit der Hochzeit zu Kana, wo er das vom Scheitern bedrohte Fest rettet, indem er Wasser zu Wein wandelt. Und das Reich Gottes erscheint in seiner Verkündigung als ein großes Festmahl, zu dem er einlädt. Und ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen (Mt 8, 11).

Am ersten Pfingstfest erleben die in Jerusalem versammelten Menschen das Wunder einer göttlichen Begeisterung. Obwohl sie verschiedener Nationen und Sprachen sind, bewirkt Gottes Geist in ihnen ein Verstehen, das alle Grenzen überwindet. Diese Geisterfahrung begleitet die Kirche auf ihrem Weg durch die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag.

Es ist gewiss nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, dass der  missionarische Erfolg des christlichen Glaubens sich auch dieser Gastfreundschaft verdankt. Das Mönchtum etabliert das Ideal der Gastfreundschaft auf besonders eindrückliche Weise. Schon Basilius von Cäsarea macht die Beherbergung von Fremden und Bedürftigen zu einer zentralen Aufgabe der Klöster, an die deshalb Spitäler und Herbergen angegliedert werden. Und in der Regel des Benedikt von Nursia, die das Leben in vielen Klöstern bis auf den heutigen Tag bestimmt, heißt es: Alle Gäste, die zum Kloster kommen, sollen wie Christus aufgenommen werden. Bis hin zu den Angeboten der Bahnhofsmission und vergleichbaren Anlaufstellen auf Flughäfen spüren wir die Auswirkungen dieser kirchlichen Tradition.

Die Welt zu Gast bei Freunden. Als Kirche haben wir gute Gründe dafür, das Motto der Fußballweltmeisterschaft zu begrüßen, es zu bekräftigen und öffentlich für den Geist, der darin Ausdruck findet, einzutreten.

Unsere Kirche hat sich deshalb zur Fußballweltmeisterschaft wie nie zuvor für ein Sportereignis engagiert. Mit dem Angebot des public viewing an kirchlichen Veranstaltungsorten, zu dem sich über 2600 Gemeinden angemeldet haben, werden Räume der Begegnung geöffnet, die einen weiteren Kreis von Menschen ansprechen, als dies mit anderen Veranstaltungen gelingt. Wir verbinden das mit der Hoffnung, dass die kirchlichen Orte vertrauter werden und dadurch auch mit ihrem Kernangebot stärker genutzt werden, insbesondere mit ihren Gottesdiensten. Auch mit Angeboten an den Spielorten stellt sich die evangelische Kirche zu diesen fröhlichen Zeiten wie auch in traurigen Augenblicken mitten ins Leben.

Ob das Stadion der richtige Ort für das Evangelium sei, bin ich dabei gefragt worden. Ob die Nähe zu einer Sportart und zu einem Sportbetrieb, die inzwischen so stark von kommerziellen Interessen bestimmt sind, nicht dem Auftrag der Kirchen schaden, wurde zu bedenken gegeben. Ich bleibe bei meiner Antwort: Das hängt von der Eindeutigkeit ab, in der hier Gottes Güte bezeugt und seine Vergebung gewährt wird. Es hängt an der Klarheit des Widerspruchs, wenn Menschen in ihrer Seele beschädigt werden. Es hängt daran, ob dies – wie in der Kapelle des Olympiastadions – das Eingangswort bleibt: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele. Gewiss braucht das Evangelium keine Stadionkapelle. Aber das Stadion braucht das Evangelium. Denn dass Gottes Wort dort einen Ort hat, ist gut für die Menschen.

Heute füge ich hinzu: Ich bin davon überzeugt, dass ein christlich geprägter Ort des Gebets keinen Andersglaubenden kränkt oder gar ausgrenzt. Deshalb fehlte mir jedes Verständnis dafür, dass die Organisatoren der WM die Kapelle im Olympiastadion, die pünktlich zu diesem großen Fest des Sports fertig gestellt wurde, während des bisherigen Verlaufs des Turniers versperrt und nicht für die Spieler zugänglich gemacht haben. Ich gehe zuversichtlich davon aus, dass diese Fehlentscheidung wenigstens für die verbleibende Zeit des Turniers revidiert worden ist.

Die Welt ist zu Gast bei Freunden. Eben deshalb darf es in unserem Land keine Areale geben, die vom Gebot der Gastfreundschaft ausgenommen sind und die zu betreten man als Ausländer vermeiden muss. Hier ist staatliches Handeln im Maß des Möglichen gefordert; aber die Entwicklung solcher No-go-Areas erfordert darüber hinaus den Widerstand aller Anhänger einer offenen und freiheitlichen Republik – in diesen Tagen und über diese Tage hinaus. Alles andere käme einer Kapitulation vor rechtsextremen Denkweisen und Zielsetzungen gleich. Nicht nur die Weltmeisterschaft eröffnet a time to make friends. Die englische Übertragung des WM-Mottos kann überall und jederzeit Maxime unseres Handelns sein.

Menschen aus anderen Ländern interessieren uns nicht nur als Devisenbringer oder als Katalysatoren unseres Wirtschaftswachstums. Sie interessieren uns als Menschen. In den Erlebnissen dieser Tage spiegeln sich Rahmenbedingungen dafür wider, wie die Welt bei uns dauerhaft zu Gast sein kann. Am Beispiel dieser Tage lässt sich lernen, wie die, die es wollen, in unserem Land heimisch werden und mit uns eine gemeinsame Zukunft entwickeln können. Ein selbstbewusstes Verständnis der eigenen Wurzeln, das Einhalten der Spielregeln und das Interesse aneinander sind solche Bedingungen, ohne die Integration nicht gelingen kann.

Interkulturelle Kompetenz brauchen wir nicht nur in den Wochen der WM, wir brauchen sie auf Dauer. Diese Kompetenz ist aber nur zu erlangen, wenn wir genauso verantwortungsvoll wie fröhlich, genauso gelassen wie ernst mit den eigenen Traditionen umgehen. Toleranz kann nur dort gelebt werden, wo die gesellschaftliche Öffentlichkeit mit und in der Vielfalt unterschiedlicher Meinungen, Religionen und Weltanschauungen, Lebensentwürfe und Grundorientierungen gemeinsam gestaltet wird.

Toleranz bedeutet nicht Beliebigkeit. Sondern sie entwickelt sich dort, wo Differenzen im Respekt vor der Gleichrangigkeit des Gesprächspartners fair und friedlich ausgetragen werden. Eine Gesellschaft ist im Spielfluss, wenn in ihr eine wache Toleranz herrscht, aus der Menschen unterschiedlicher Herkunft, sozialer Abstammung und Religion einander mit Respekt und Freundlichkeit begegnen, ohne das Eigene oder das Fremde deswegen abzuwerten. Evangelische Christen sehen den Grund dieser aktiven, selbstbewussten und gelassenen Toleranz in jener christlichen Freiheit, die auf der Botschaft von der Rechtfertigung des Menschen allein aus Gnade gründet und zu einem selbstbestimmten, im Glauben verwurzelten Leben führt, das sich in der Übernahme von Verantwortung für die Gesellschaft zeigt.

Die Integration von Migrantinnen und Migranten ist eine der gesellschaftlichen und politischen Schlüsselaufgaben der kommenden Jahre. Versäumnisse und Fehleinschätzungen der letzten Jahrzehnte müssen revidiert, Migrantinnen und Migranten muss Teilhabe an der Gesellschaft ermöglicht, ihre Bereitschaft dazu muss geweckt und gefördert werden. Ein realistischer Blick für entstehende Schwierigkeiten und die klare Formulierung von Erwartungen an Zuwandernde müssen sich mit der Bereitschaft verbinden, Wege zu ebnen und eine gemeinsame Basis für das Zusammenleben zu entwickeln.

Die evangelische Kirche hat das Zuwanderungsgesetz als einen wichtigen Schritt in diese Richtung verstanden. Mit ihm ist der Perspektivwechsel von einer vornehmlich defensiv ausgerichteten Migrationspolitik hin zu einem pragmatischeren und konstruktiveren Verständnis von Zuwanderung angebahnt. Die Aufgabe der Integration wurde gesetzlich verankert und Maßnahmen wurden rechtlich geklärt, die Zugewanderten tatsächliche Hilfestellungen an die Hand geben werden. Die erhoffte rechtliche und soziale Integration hat sich für viele Migrantinnen und Migranten jedoch in vielerlei Hinsicht noch nicht realisiert; manche Diskussionen wecken Zweifel daran, ob der Konsens, der dem Zuwanderungsgesetz zugrunde lag und der durch das Gesetz gefestigt werden sollte, schon ausreichend gefestigt ist.

Der von Ihnen, Frau Bundeskanzlerin, geplante Integrationsgipfel oder die Initiativen von Herrn Minister Schäuble zum Dialog mit dem Islam werden, so hoffe ich, einen Prozess befördern, den unser Land dringend braucht. Ich hoffe im Übrigen auch, dass in absehbarer Zeit wichtige humanitäre Fragen, die bisher noch offen sind, befriedigend geklärt werden können. Dazu zählt aus der Sicht unserer Kirche insbesondere der Status von Menschen, die bisher nur auf der Grundlage befristeter Duldungen in Deutschland leben, aber sich erfolgreich um die Integration bemüht haben. Dabei ist insbesondere auch an Familien zu denken, deren Kinder in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Der Status dieser Personengruppen sollte, so ist unser Wunsch, dauerhaft zu Gunsten der Betroffenen geklärt werden.

In siebzehn Tagen, so hoffen wir, werden die Freude mit dem Weltmeister, die Begeisterung über hochklassigen Sport, das Lob für gelungene Organisation und der Dank für Fairness und Frieden groß sein. Spielerisch und organisatorisch wird es nach dem Schlussspiel heißen: Nach der WM ist vor der WM. Deshalb schicken wir zur Halbzeit unserer WM in besonderer Verbundenheit alle guten Wünsche nach Südafrika, dem Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft im Jahre 2010. Unseren Freunden vom Südafrikanischen Kirchenrat stehen wir gern, wo nötig, ebenso mit Rat und Tat zur Seite wie den Nachbarn in Europa bei der kommenden Europameisterschaft.

Das Motto der Fußball-WM 2006 darf auf diese Zukunft vorausweisen. Es erinnert an die Gesellschaft im Spielfluss, die Spielregeln jenseits des Rasens und die geschenkte Begeisterung aus der Begegnung. Auch für die nächsten Tage soll der Satz gelten, mit dem das Neue Testament den biblischen Sinn der Gastfreundschaft zusammenfasst: Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beheimatet. Deshalb achten wir in denen, die als Fremde zu uns kommen, die Menschen. Sie könnten sich, ohne dass wir es merken, als Engel erweisen. Menschen daraufhin anzuschauen, ist der Blick des Glaubens. Dass dieser Blick immer mehr Menschen bestimmt, ist unser Ziel, während der Fußball-WM wie darüber hinaus.