Kirche in der Stadt - Kirche für die Stadt
Manfred Kock
14. Oktober 1998, Besuch in der Bremischen Evangelischen Kirche
Hoffen ohne Illusion
Kirche in der Stadt - Kirche für die Stadt
"Die ganze Welt läuft hinter ihm her" - so heißt es im Evangelium, als der Mann aus Nazareth auf einem Esel in die Stadt Jerusalem einreitet. Die Massen jubeln ihm zu, die ganze Stadt ist auf den Beinen.
Wie wäre es, käme Jesus heute in eine unserer Metropolen?
Die Attraktivität des Nazareners scheint heute gesunken, die Begeisterung im Land ist abgeflaut. Ein überwiegend freundliches Desinteresse an der Botschaft Jesu herrscht vor. Das durchschnittliche Erscheinungsbild unserer Kirchengemeinden lockt nicht die breite Masse.
Aber auch die moderne Stadt bietet trotz aller faszinierenden Seiten kein Jubelbild. Wir sind eher bestürzt
- über den wachsenden Gegensatz von reich und arm,
- über die steigenden Zahlen der Arbeitslosen,
- über die wachsende Zahl der Obdachlosen,
- über die steigende Kriminalitätsrate.
Diese Situation ist nicht neu. Vor 150 Jahren beschrieb Johann Hinrich Wichern, der Gründer der Inneren Mission, seine Eindrücke über die Stadt so:
"Die großen Städte sind ... die Hauptschule aller Laster und Sünden des Volkes geworden. Alle Verhältnisse, in denen sie zu ihrer Größe, ihrem Glanz und ihrer Bedeutung geführt sind, sind als eben so viele Triebkräfte zum Wachstume des nun in ihnen grassierenden Verderbens in den oberen und untern Ständen zu achten. Alle Gegensätze des Guten und Bösen, des Ernstes und Frivolität, des leeren Überflusses und des darbenden Mangels, der täuschenden Pracht und des offen dargelegten Elendes, der sich brüstenden Intelligenz und der thierischen Verdumpfung sind hier durcheinander und jetzt auch gegen einander gerathen, und in dem Conflikte dieser Elemente entwickeln sich nun die Ereignisse, welche auf Jahrhunderte hin die Geschichte der Völker bestimmen werde ..".
1. "Kirche in der Stadt"
Was kann die Gemeinde Jesu mit ihrer Botschaft von Gottes Reich und Gerechtigkeit dort ausrichten? Wie kann sie Menschen ansprechen mit ihrer befremdlichen Predigt vom Wunder der Erlösung im Paradox von Kreuz und Auferstehung?
Die Botschaft ist ja mehrfach fremd: Sie ist aus einer ländlichen antiken Umgebung in die Großstädte der Gegenwart gewandert, sie ist aus dem Kulturkreis des östlichen Mittelmeeres bis an die Enden der Erde gezogen, aus dem Schoße Abrahams und aus dem jüdischen Denkhorizont in die Gefilde der Sachsen und Friesen.
Unsere Situation beschreibe ich so:
Am Ende dieses Jahrtausends, acht Jahre nach der Wiedervereinigung der östlichen und westlichen Landeskirchen, steht die evangelische Kirche in unserem Land an einer Epochenwende ihrer Arbeit. Teile der Bevölkerung haben zur Kirche kein Verhältnis mehr. Konfessionslosigkeit ist ein Massenphänomen.
In den ostdeutschen Landeskirchen ist der tiefgreifende Umbruch offensichtlicher als im Westen. Für die weit überwiegende Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland ist das Verhältnis zu Kirche, Christentum und Religion dadurch gekennzeichnet, daß sie schlicht und einfach nicht damit konfrontiert sind, biographisch nie damit konfrontiert waren und angesichts der beschriebenen Mehrheitsverhältnisse auch in ihrem Alltagsleben kaum konfrontiert werden. Fast Dreiviertel der Bevölkerung sind konfessionslos, allerdings mit erheblichen regionalen Unterschieden.
In den westdeutschen Landeskirchen kann das - wenn auch verzögert - ebenfalls Realität werden. Wenn auch rund 80 % der Menschen einer der Kirchen angehören - in vielen Großstädten sind es weit weniger - so leben doch viele der Kirchenmitglieder ohne kontinuierlichen institutionellen religiösen Bezug.
Jedenfalls ist offensichtlich: Für viele hat die Kirche längst aufgehört, ein selbstverständlicher Bestandteil des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens zu sein.
Damit ergibt sich für die Kirchen ein Bedeutungswandel, ein Bedeutungsrückgang, dessen Auswirkungen wir in unserer kirchlichen Arbeit richtig einzuschätzen haben.
Es mag uns ein wenig trösten, daß nahezu alle gesellschaftlichen Institutionen in einer Identitätskrise stecken. Den Parteien und Gewerkschaften geht es ähnlich wie den Kirchen. Viele Menschen trauen Politik, Wirtschaft und Verbänden nicht mehr zu, daß mit ihrer Hilfe das Leben zu bewältigen ist. Institutionellen Verbindlichkeitsansprüchen und programmatischen Versprechungen begegnen die Menschen mit Institutionsverdrossenheit und tiefsitzendem Mißtrauen. Es herrscht verbreitet eine Scheu vor jeder formalisierten Bindung an Organisationen mit weltanschaulicher Tendenz. Und gegen Religion und christlichen Glauben hat man ohnehin Vorbehalte. Oder, was ebenso schlimm ist, man hat gar nichts dagegen und nichts dafür - man ist schlicht gleichgültig.
Die aufgezeigte Entwicklung im Osten ist nicht nur die Folge der konkreten Sozialismusgeschichte. Im Westen liegt es auch nicht daran, daß Menschen in der Kirche schlecht gearbeitet hätten. Hier vollzieht sich vielmehr ein komplizierter Prozeß, der auch als Auswirkung eines Freiheitsverständnisses zu verstehen ist, das im Protestantismus selber angelegt ist. Wenn Menschen die Freiheit ihres Gewissens zugesprochen wird, kann man nicht böse sein, wenn sie von dieser Freiheit auch in der Weise Gebrauch machen, daß sie sich von der Institution entfernen. Es gehört zu den Kennzeichen einer freiheitlichen Gesellschaft, daß die Menschen ihre religiösen Überzeugungen und weltanschaulichen Bekenntnisse nach Belieben wählen und wechseln können. Das ist zwar nicht die Freiheit, die unser Herr Jesus Christus gemeint hat, aber so haben es viele für sich verstanden.
Was die Kirche anzubieten hat, gerät suchenden und fragenden Zeitgenossen nicht mehr selbstverständlich in den Blick. Die Kirche ist als Institution weithin nicht mehr als erstes gefragt, wenn es um die Sinnfrage geht. Ihre Botschaft wird bestenfalls als freibleibendes Angebot gesehen. Der christliche Glaube hat seine Monopolstellung verloren. Er muß sich auf dem Markt der Sinnstifter als ein Angebot neben anderen behaupten.
Andererseits - und scheinbar in Widerspruch dazu - gibt es gleichbleibende, wenn nicht gesteigerte Erwartungen an die Kirchen. Sie sollen ihre Rolle für die Wertorientierung in der Gesellschaft eher noch entschlossener als bisher wahrnehmen. Diese Erwartung stützt sich auf das anerkannte soziale Engagement wie auf das relativ hohe Ansehen der Kirche in der Zeit der politischen Wende. Auch heute wird - trotz heftiger Kritik an einer zu engen Kooperation zwischen Kirche und Staat - erwartet, daß die Kirche Mund der Stummen und Stimme der Schwachen in der Gesellschaft ist.
Im Grunde stehen wir unter den gleichen Erwartungen wie zu Beginn der Industrialisierung im vorigen Jahrhundert. Darum zitiere ich noch einmal J. H. Wichern, der die Herausforderungen für die ‚Stadt' formulierte:
"Die innere Mission hat in den großen Städten die größte, die schwierigste Aufgabe zu lösen; darum muß sie auch hier zu dem Größten sich anschicken. Sie kann es auch, weil hier die größten Summen materieller und persönlicher Mittel zu Gebote stehen werden. Das Große aber, was von ihr gefordert wird werden muß, besteht darin, daß sie nicht diese oder jene einzelne Kraft, sondern die ganze Summe ihrer Gaben und Talente, ihrer Kräfte und Thätigkeiten entfaltet, daß sie Alles aufbietet, wozu sie in staatlicher, kirchlicher, allgemein sittlicher und sozialer Beziehung berufen ist; wie in einem mächtigen Centrum hat sie ihre Kräfte zusammenzufassen und zu organisiren - und zwar soll sie es im Anschluß an die Kirche thun. Wir setzen voraus, daß auch die kirchlichen Organe in den Städten... sich ihr nicht entziehen werden;..." (Aus: Die innere Mission der evangelischen Kirche. Eine Denkschrift an die deutsche Nation im Auftrage des Centralausschusses, neu herausgegeben von J. H. Wichern; Neuausgabe zum hundertjährigen Bestehen des Centralausschusses von Martin Gebhardt, Rauhes Haus Hamburg 1948, S. 82 f).
Wicherns Beschreibung der elenden städtischen Zustände und sein Ruf zur Bündelung der Kräfte könnten aus unseren Tagen stammen. Eine Vielzahl von missionarischen und diakonischen Aktivitäten wimmelt in unseren Städten. Miteinander stehen sie alle vor Bergen von ungelösten Problemen.
Wie soll man in dieser Situation den Mitmenschen glaubwürdig und einladend vermitteln, daß das Wohl und Heil der Welt an der Botschaft des Mannes aus Nazareth hängt? Darüber gehen die Meinungen - auch innerkirchlich - weit auseinander. Von der revolutionär erneuernden Elite, die als "Vortrupp des Lebens" antritt, über die liberale volkskirchliche Angebotskirche, vom bekenntnisbewußten konservativen Luthertum über die evangelikale Stadtmission bis zur freikirchlichen charismatischen Richtungsmeinde reicht die Vielfalt der Missions-Modelle. Diese Vielfalt ist nicht völlig neu. Immer gab es unterschiedliche, miteinander konkurrierende, missionarische Modelle - von der Christenheit in biblischer Zeit an, aber die Ratlosigkeit hat heute besondere Ausmaße.
Die Bündelung der Kräfte steht trotz der vorhandenen Strukturen der modernen Diakonie immer noch als unerledigte Aufgabe an. In einer Zeit rückläufiger Finanzen in den öffentlichen Kassen und bei den Kirchensteuern ist die Lösung dieser Aufgabe besonders dringlich.
Doch es geht nicht nur um die diakonischen Aktivitäten im engeren Sinn. Die Diakonie ist zwar ein Aktivposten in unserer Gesellschaft. Wir müssen aber zurückweisen, wenn oberflächliche Kritik nur die speziell sozialen Aufgabenfelder für gesellschaftlich relevant erklärt. Auch unsere verkündigende und seelsorgerliche Arbeit ist wichtig für diese ganze Gesellschaft, nicht nur für die religiös Interessierten.
Die Kirche stellt ein kollektives Gedächtnis dar, das Glaubenserfahrungen und Werte bewahrt und weitergibt. Allein dadurch, daß die Botschaft verkündigt wird - auch wenn im einzelnen Gottesdienst nur kleine Zahlen sich sammeln - erinnert sie daran: Menschen sind nicht einfach Konsumenten und Arbeitsmaschinen. Wer denn, wenn nicht die Kirche, wird in einer kommerzialisierten, am Gelde und an Rentabilität orientierten Gesellschaft den Wert und die Würde des Menschen einschärfen, die unabhängig ist von dem, was einer zahlen und zählen kann?
Christen müssen Farbe bekennen, Flagge zeigen, Profil wagen mit ihrer Botschaft und mit ihrem Dienst in dieser Stadt und für diese Stadt. Denn in diese Stadtlandschaft hinein geht der Zug des Christus. Und wir sind gefragt, wie wir dem begegnen. Er kommt auf dem bescheidenen Reittier der kleinen Leute.
Stadt und Land bieten aus sich heraus kein Jubelbild und keinen Anlaß für palmwedelnde Menschenmassen. Eher kommt es zu Drohgebärden bei Demonstrationen und Aufmärschen von Berg- und Stahl- und Müllmännern. Eher kommt es zu Massenaufläufen bei Castor-Transporten im Schutz von zehntausenden uniformierter Polizisten. Eher kommt es zur Erschütterung über die im Steinhagel sterbenden Friedenshoffnungen in Nahost, über die endlosen Vergeblichkeiten in Bosnien und im Zaire usw., usw. Jubel findet - außer vielleicht dann und wann im Weser-Stadion - nicht statt.
Die Geschichte vom Einzug Jesu, mit den Palmenzweigen der Huldigung, mit dem Lobpreis der Hosianna-Rufe, lehrt nicht den vordergründigen Jubel. Sie ruft zum Mut im Alltäglichen. Die Geschichte bietet uns einen Ort der Geborgenheit, einen Platz, an dem wir unsere Ohnmacht aushalten können.
Also nicht einstimmen in die großen Begeisterungsstürme! Denn die Geschichte vom Einzug Jesu in die Stadt hat nur äußerlich eine Begeisterungsstruktur. Sie knüpft nur formal an die Einzugsrituale der Großen, der Könige, der Stars. Die sind immer zwiespältig einzuschätzen.
Ohren- und Augenzeugen des Einzugs Adolf Hitlers in Wien im Jahre 1938 beim Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich berichten von einer irrsinnigen Begeisterung. Da war eine Masse versammelt, die teilhaben wollte an der Macht, die Hoffnung gewinnen wollte aus der Verheißung von Raum für das Volk. Carl Zuckmayer hat in seinen Erinnerungen die andere Seite dieser Begeisterung beschrieben. Er berichtet von denen, die mit ihren Ängsten in den Häusern saßen. Sie wußten, was bald auf sie zukommen würde. Sie hatten Angst, daß sie geholt würden von den neuen Herren. Sie wußten, daß sie Opfer sein würden. Und Zuckmayer schrieb: "Der Einzug war ein Hexensabbat des Pöbels und ein Begräbnis aller menschlichen Würde". Diese Einschätzung wurde bestätigt durch das historische Ergebnis.
2. Was erwarten wir für unsere Stadt? Für das Leben in der Stadt, für den Glauben in der Stadt, für ihre Zukunft?
Christa Wolf sagt in ihrem Buch "Kassandra" (S. 97): "Die meisten beginnen zu spüren, was kommen wird. Ein Unbehagen, das viele als Leere registrieren, als Sinn-Verlust, der Angst macht... zick-zack-laufen. Australien ist kein Ausweg".
Also stehen wir da im Zwiespalt der Sorgen und Freuden, der Ängste und Wünsche, von Zweifel und Glauben; im Zwiespalt der Gefühle in einer zweideutigen Welt. Und wir sind mittendrin in der Bewegung.
"Alle Welt läuft ihm nach!"
Die Stadt ist ein verwirrend vielfältiges Gebilde. Die vielen Facetten ihrer Wirklichkeit lassen sich ordnen zu einem dreigeteilten Bild.
- die für die Orgien des Konsums gestylten Citys und Zentren, mit gläsernen musikberieselten Arkaden und Passagen, mit Kinopalästen und Fußgängerbereichen - für die Schönen, die fit sind, die Reichen, Mobilen, die Yuppies und Singles, und für alle, die ihnen gleich sein möchten und sich oft genug übernehmen;
- in die ordentlichen Wohnviertel, sortiert nach kleinen, mittleren und höheren Bürgereinkommen;
- in die Abschnitte der sozialen Verwahrlosung, brutalisiert, kriminalisiert, in dichtem Hochhaus-Milieu, Asylunterkünften, Obdachlosenzentren. Längst geht es noch nicht so elend zu wie in der Welt der Müll- und Straßenkinder Indiens oder Südamerikas. Aber es gibt Anzeichen für eine Entwicklung in dieser Richtung.
Das Dreifachbild ist nicht geschlossen und zueinandergeordnet, es ist vielmehr durcheinandergestückelt und zertrennt, äußerlich durch die Schneisen des Verkehrs, innerlich durch Desinteresse. Die Solidarität der Menschen in der Stadt verkommt in Eitelkeit und Elend, in Selbstdarstellung und Selbsthaß.
Noch hält der Dom dieser Stadt die Erinnerung wach an eine Zeit, in der ein gemeinsamer Kult die Gemeinschaft trug;
noch hält der Dom die Sehnsucht wach nach einer diese Gemeinschaft prägenden Glaubenswelt.
Aber neben diesen Dom sind andere Dome getreten, unter denen einer in Köln sinnigerweise "Cinedom" heißt, Kultstätte für allabendlich zelebrierte, gleichzeitige, aber nicht gemeinsam zelebrierte Religion mit einer säkularen Eucharistie aus Popcorn und Cola.
Was ist die tiefe innere Wurzel der Kinokult- und Popszene? Was bedeuten die feierlichen Vernissagen in den Galerien und Museen, was lockt Tausende zu den philharmonischen Weihestunden sonntags um elf in die Konzertsäale? Was macht die Faszination aus von Konsumtempeln mit Parfüms der Marken "Love" oder "Eternity"? Was steckt hinter den politisch klingenden Graffitys mit provozierender Parole, den Bruchstückchen von Anklage und Hoffnung, penetrant und störend? Welche Sehnsüchte trägt die Liturgie der Fan-Gesänge in den Fußballstadien? Ahnen wir, was diese Rituale der Vergewisserung in Wort und Klang, in Bewegung und Symbol von innen nach außen transportieren? Ahnen wir etwas von der Trauer und Wut über den Zerfall der Stadt? Ahnen wir etwas von den Sehnsüchten nach Frieden und Erlösung und besseren Zeiten?
3. Die Chance der Stadt - ihre Vielfalt
"Alle Welt läuft ihm nach", sagen die Pharisäer untereinander. In ihrem Jubel tun die Leute in Jerusalem unwissend das Richtige. Sie preisen den Christus Gottes, und dieser nimmt die Huldigung an, obwohl dann das Ende folgt: Verwerfung, Urteil, tödliches Volksbegehren, Folter und Kreuzestod. Der Schlüssel zu dieser Einzugsgeschichte: Jesus ist König, anders, als die Welt es erwartet, trotz des Jubels jetzt und der Ablehnung dann. Jesus ist der Sieger, auch wenn die Welt ihn überwindet.
Nicht im Kreisen um sich selbst, nicht mit Geld oder Waffen, nicht durch körperliche Drohung oder durch moralischen Druck wird die Stadt geheilt.
Der auf dem Esel zeigt, wie das Heil in die Stadt zieht: als Macht der Demut und Menschlichkeit. Nur solche Macht verdient den Lobpreis.
Fromme christliche Tradition ist immer wieder der großen Machtversuchung aufgesessen und hat den Christus, den die Menge bejubelt, unter der Hand zur großen Identifikationsfigur gemacht.
Unter die Fittiche eines Mächtigen zu kriechen, Schutz zu suchen bei einem, der Herr ist über alle Höllenqualen der Seele und des Leibes, das ist eine verlockende Versuchung. Sie erspart das Denken und das Fühlen und vor allem die Entscheidung.
Aber auf dem Esel kommt einer, der Nähe sucht und schenkt, statt die Macht zu demonstrieren. Der Esel ist das Lasttier der Machtlosen. Daran haben sich Spiritualität und Aktionen der Christen heute zu orientieren.
4. Christsein in der Stadt
Christsein in der Stadt kann gelingen, wenn Kirche nicht im Dorf, nicht hinter Mauern bleibt, wenn sie sich einstellt auf die, die Gott suchen, ohne es zu wissen, auf die, die sich verlieren im unübersichtlichen Markt religiöser Angebote.
Es mag sein, daß kirchliche Formen nötig sind, die zunächst unverbindlich scheinen, flüchtig, mit den Ausflüchten ins Anonyme.
Der Mann auf dem Esel steht nicht als Symbol für den Stallgeruch und die Intimität von Binnengruppen. Gut, daß auch in Großstadtkirchen Zugehörigkeit entstehen kann. Berührung und Händereichen. Aber solche Ereignisse dürfen nicht enge, dörfliche Strukturen nachahmen, dürfen keine Schrebergärtenzäune aufrichten zu exklusiver Abschottung.
Der auf dem Esel einzieht, trifft die skeptischen, reservierten, oft verletzten und manchmal auch rauhbeinigen Großstädter.
Laßt uns im Namen Jesu nicht die Laufkundschaft verachten und nicht die, die in allen Ecken nach irgendetwas suchen. Laßt uns Freude empfinden über Sympathisanten und Neugierige, ohne sie gleich zu normieren. Was immer wir und die Menschen erwarten, - ER, der Einziehende - entzieht sich der Vereinnahmung. Er reitet auf dem Esel.
Die Stadt ist offen, daher brauchen wir die Kirche, die geöffnet ist, nicht nur im übertragenen Sinne, sondern auch wörtlich: Für ein Wegtauchen, für eine Zeit der Stille, weil diese Stadt die kultischen Alternativen braucht als Symbol der göttlichen Alternative zu den Götzen der Welt, in deren Kultstätten gehandelt, gemakelt und gemäkelt wird.
Die Menschen leiden - zwischen Arbeitslosigkeit und Überlastung, zwischen der Sehnsucht nach Verbindlichkeit und den Versuchungen des schnellen Wechsels von Beziehungen. Für das Leben dieser Menschen ist die uns anvertraute Botschaft lebensnotwendig. Auf diese Menschen müssen kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingehen. Sie müssen mit auf die Suche nach Antworten gehen oder mindestens teilhaben an den Spannungen, wenn Antworten ausbleiben.
Doch unwissentlich sind alle diese Reaktionen menschenmögliche Stellungnahmen zur Ankunft Gottes unter den Menschen. Sie sind die ambivalenten, ja, paradoxen Preisungen des Heils. Auch wir befinden uns vielleicht, ohne es zu wissen, in der Nähe Jesu. Sein Leidensweg ist mißverständlich, widersprüchlich, aber er steht für den Abgrund der Liebe.
Das laßt uns von ihm erwarten: Den festen Glauben daran, daß die Liebe nicht umsonst ist, auch nicht, wenn sie scheinbar scheitert. Keine Geste guter Nachbarschaft zwischen Fremden und Einheimischen ist überflüssig, so unbeholfen sie manchmal auch wirkt. Kein Asyl, das den Ausgestoßenen und Abgestoßenen gewährt wird, ist zwecklos, so wenig es Ursachen beseitigt und die Vertreibung von Menschen verhindern kann. Der Bezug zum Eselsreiter muß erkennbar bleiben. Dann gilt auch für unsere kleine Kraft: Das Scheitern ist insgeheim der Sieg. Wir brauchen nur den richtigen Blick dafür. Nicht Jubilieren ist angesagt, sondern Nachfolge. Das ist unser Weg. Auch an der Schwelle des Jahres 2000 und über diese Schwelle hinweg gilt: Kreuz, Kreuz und nicht Triumph, Triumph.
Auch in großen Städten sind wir in der Versuchung, mit den vorfindlichen sogenannten Kerngemeinden zufrieden zu sein. Daher werden Arbeitskonzepte - wenn man überhaupt welche entwickelt und nicht einfach so weitermacht wie immer schon - meistens auf die Stabilisierung des Gewohnten setzen.
Das steht wirklichen Aufbrüchen im Wege. Wir dürfen nicht steckenbleiben im engen sozialen Milieu. Wir brauchen eine Umgestaltung, die uns öffnet für Suchende und Fragende. Vor allem müssen wir die kompetenten sogenannten ‚Laien' stärker einbeziehen, die ihre weltliche Verantwortung, ihre berufliche Erfahrung, in diesen Suchprozeß einbringen können.
Pfarrerinnen und Pfarrer sind eben nicht die Monopolisten kirchlicher Mission, wohl aber müssen sie auskunftsfähig sein und andere sprachfähig machen für das, was Jesu Botschaft auf die jeweiligen Situationen zu sagen hat.
Der Eselsreiter kommt. Wir bleiben nicht am Wege stehen, sondern wir gehen den Weg mit ihm den Weg des Kampfes, der Not und des Kreuzes.
Laßt uns die Stationen dieses Weges bedenken. In wenigen Wochen bricht wieder die Adventszeit an. Sie ist eine wichtige Chance des Glaubens an den Eselsreiter. Damit uns deutlich werden kann, daß wir IHN zum Bruder haben. Er treibt die Furcht aus und erfüllt uns mit Hoffnung, Seine Ankunft in Niedrigkeit ist seine Herrlichkeit, Zeichen für diese Stadt.
Überall in der Welt setzen Menschen Zeichen gegen die Phantasien der Macht und gegen die Todesdrohungen der Mächtigen. Es sind Zeichen der Hoffnung, so klein und unscheinbar sie auch oft sind.
Wenn wir anderen die Angst nehmen, werden unsere eigenen Ängste geringer.
In unserem Land gibt es immer mehr Menschen, die die Not und die Nichtigkeit spüren - inmitten der Fülle von Gütern und Waren. Sie merken, wie man vor dem Tod schon tot sein kann, wenn man nur für sich selber alles zu gewinnen meint in kurzen, oberflächlichen Glücksmomenten. Und sie machen sich daran, das ganze Leben zu entdecken. Das ist die Bewegung gegen den Tod. Sie kommt in diese Welt mit dem Mann auf dem Esel.

