"Ihr Ende schaut an – Evangelische Märtyrer des 20. Jahrhunderts" - Ansprache zur Präsentation des Buches der Ev. Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte in Leipzig

Manfred Kock

17. März 2006

Was wird der Menschheit im Gedächtnis bleiben von dem gerade zu Ende gegangenen 20. Jahrhundert? Der industrielle Aufbruch oder die Zeit des Wirtschaftswunders? Der technische Fortschritt, das ungeheure Wachsen der Mobilität, die Beschleunigung der weltumspannenden Kommunikation per Telefon und Internet? Oder das Ende des Kolonialismus und des Ost-West-Gegensatzes mit dem Fall der Mauer?

Oder sind es die Hungerkatastrophen von Biafra, Äthiopien und Somalia und der andauernde Skandal, dass 12 Millionen Kinder jährlich verhungern?

Oder ist es die Erinnerung an das Jahrhundert der Hochrüstung, der schrecklichen „totalen Kriege“, der Vertreibungen, der Zwangsarbeit, der Folter? Oder steht im Vordergrund die unvorstellbare Menschenverachtung in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern mit ihrer bürokratischen Gründlichkeit und technischen Perfektion? Oder sind es Stalin und Mao, die ihre Herrschaftsbereiche mit grausamer Brutalität von ihren Gegnern „gesäubert“ haben?

Mit dem heute vorgelegten Buch wird der evangelischen Märtyrer und Märtyrerinnen im Europa des 20. Jahrhunderts gedacht. Es sind Menschen, die in KZs wie Buchenwald oder Treblinka oder im Lagersystem des „Archipel Gulag“ ihres Menschseins beraubt, schon ehe sie ins Feuer, ins Gas, ins Wasser oder in die Kälte gejagt wurden. Alles wurde ihnen weggenommen, der Name, die Würde, die Hoffnung. Die Hölle im 20. Jahrhundert ist ein gänzlich leerer Raum, so beschreibt der italienische Jude Primo Levi seine Grunderfahrung in Auschwitz. In den Lagern des Nationalsozialismus ebenso wie in denen des Stalinismus wurden Menschen ihrer Individualität und Personalität beraubt und zur bloßen Nummer gemacht. Schon mit dem Eintritt ins Lager sollte ihr Menschsein völlig ausgelöscht werden. „Mein Name ist 174 517; wir wurden getauft, und unser Leben lang werden wir das tätowierte Mal auf dem linken Arm tragen.“ schreibt Primo Levi. Ein endgültiger Sieg der Barbarei? Gebe Gott, dass die Klage darüber nie verstummt. Denn die Klage ist der erste Schritt ins Vertrauen auf Gott, der sich an sein Geschöpf erinnert und an das Volk seiner Wahl. Dem gab er Namen und Identität und hat es ausgeweitet auf uns, gibt uns einen Namen, schenkt uns unsere Identität und verleiht uns unverlierbare Würde. Er lässt die namenlos Gemachten, die Geschändeten und Unterdrückten nicht ins Vergessen versinken. Sie werden nicht in der Einsamkeit ihrer Zelle, in der vollkommenen Leere eines Lagers verkümmern zu einem Nichts. Gott gewährt eine letzte Geborgenheit, rettet den Sinn eines Lebens, dessen Spur sich im Feuer verliert. Er hebt die Menschen auf in seinem Gedächtnis.

Um diesem Gedächtnis zu entsprechen, hat der Rat der EKD im Jahre 1998 beschlossen, Namen und Schicksal von Menschen zu dokumentieren, die im 20. Jahrhundert zu Märtyrern geworden sind. Die Evangelische Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte konnte in München eine Projektstelle besetzen und an die Arbeit gehen.

Erstaunlich spät ist es zu diesem Auftrag gekommen. Es bedurfte eines besonderen Anstoßes, der beim Festakt zum 50. Jahrestag der Verabschiedung der Grundordnung der EKD am 15. Mai 1998 gegeben wurde. Der damalige Vorsitzende der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft, der leider allzu früh verstorbene Prof. Dr. Joachim Mehlhausen, hatte in seinem Festvortrag an die von der verfassungsgebenden Kirchenversammlung in Eisenach durch den Versammlungspräsidenten Gustav Heinemann erstellte „vorläufige, aber nicht vollständige“ Liste von Personen erinnert, die als Bekenner des christlichen Glaubens in den Konzentrationslagern und Gefängnissen seit 1933 ums Leben gekommen sind. Mehlhausen fragte dabei: „Ist es nicht merkwürdig, dass uns einige dieser Namen heute fremd sind? Und ist es nicht noch merkwürdiger, dass keine spätere Synode der EKD diese Namensliste zu Ende geschrieben und irgendwo ehrenvoll festgehalten hat?“

Der damalige Präses der EKD-Synode, Dr. Jürgen Schmude, und weitere Mitglieder des Rates der EKD griffen seinerzeit in verschiedenen Kontexten das Anliegen von Herrn Mehlhausen auf und unterstützten es nachdrücklich. Die Arbeitsgemeinschaft nahm sich vor, das Thema im Sinne eines Projektes systematisch ausführlich zu behandeln, und richtete eine Projektgruppe ein. Deren Vorsitzender war in der Nachfolge von Joachim Mehlhausen seit dem Jahr 2000 Prof. Dr. Harald Schultze aus Magdeburg. Ihm vor allem ist es zu danken, dass das seinerzeit in der Arbeitsgemeinschaft nicht ganz unumstrittene Projekt - das kann man ja jetzt offen an- und aussprechen - gut in Gang und dann sogar auf Touren und schließlich mit dem heutigen Tag zu einem gewissen, vorläufigen Abschluss kommen konnte. Ich übermittle daher an dieser Stelle Ihnen, lieber Herr Schultze, sowie allen anderen Mitgliedern der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte den sehr herzlichen Dank des Rates der EKD und schließe Herr Kurschat und Frau Bendick ein, die vor allem für dieses Projekt gearbeitet und geforscht haben.

Dem Projekt kam zugute, dass - zwar außerhalb der Arbeitsgemeinschaft, aber in ihrer Nähe bzw. ihrem weiteren Umfeld angesiedelt - Herr Björn Mensing und "Altbischof" Heinrich Rathke mit zwei beachtlichen Veröffentlichungen zur Wirkungsgeschichte und aktuellen Bedeutung christlicher Märtyrer Schneisen in den weithin unerforschten Dschungel geschlagen und wichtige Namen und Lebensschicksale zusammengestellt hatten.

Zudem hatte die EKD zusammen mit der Deutschen Bischofskonferenz das Buch „Zeugen einer besseren Welt: Christliche Märtyrer“ vorgelegt, im dem 26 Kurzbiographien christlicher Märtyrer des vergangenen Jahrhunderts gesammelt sind.

Wenn vom 20. Jahrhundert gesprochen wird, so verbergen sich dahinter im Grunde genommen zwei Eckdaten. Das eine Eckdatum ist dabei das Jahr 1917, das Jahr der Russischen Revolution, mit dem eine große, christentumsfeindliche Diktatur in Europa ihren Anfang nahm. Das andere Eckdatum, das nicht unbedingt ein Enddatum darstellen muss, ist das Jahr 1989, in dem die Teilung Deutschland durch den Fall der Berliner Mauer überwunden werden konnte. Hierzu noch zwei präzisierende Bemerkungen. Erstens: Die Ränder sind in jedem Falle unscharf. Auch vor 1917 kann es in Europa evangelische Glaubenszeugen und Märtyrer gegeben haben. So ist es zum Beispiel nicht auszuschließen, dass in irgendeinem europäischen Land vor 1917 Männer, die aus christlicher Motivation den Kriegsdienst verweigert haben, bestraft oder gar getötet worden sind. Ebenso ist es denkbar, dass in einem europäischen Land noch nach 1989 Christen und Christinnen Bedrängung und Tod erleiden mussten. Fände man Belege für einen solchen Fall, dann würde auch 1989 nur noch in einem ungefähren Sinn als Eckdatum gelten können. Zweitens: Die Epoche von 1917 bis 1989 umschließt insbesondere die Zeit der kommunistischen Diktatur in Europa, die während 1945 bis 1989 auch die eine, östliche Hälfte Deutschlands betraf. So richtig es im Prinzip ist, christliche Märtyrer und Glaubenszeugen vor allem in totalitären Systemen zu vermuten und zu suchen, so wenig darf das Anlass dazu bieten, etwa die nationalsozialistische Schreckensherrschaft mit dem SED-Regime gleichzusetzen. Im Grunde muss innerhalb des 20. Jahrhunderts neben den unscharfen Randdaten 1917 und 1989 ein markanter Block herausgehoben werden, der die Jahre 1933 bis 1945 umfasst. So ist das vorgelegte Buch auch angelegt. Denn sehr viele, ja, wohl die meisten der aufgeführten Märtyrer kamen im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Diktatur ums Leben.

Noch ein weiterer Gesichtspunkt, der mir wichtig ist: Es gab sehr viel mehr unerschrockene Glaubenszeugen, als es Märtyrer und Blutzeugen gab. Ein Martin Niemöller zum Beispiel hat das Konzentrationslager Dachau überlebt - Gott sei Dank! Und es ist auch wichtig und für die Zukunft unerlässlich, sich der Fülle der Glaubenszeugen zu erinnern, die aufgrund ihres Glaubens zum Widerstand kamen, sich totalitären Systemen und menschenverachtenden Personen und Institutionen mutig in den Weg stellten. Alle Märtyrer sind zwar Glaubenszeugen, aber nicht alle Glaubenszeugen mussten zu Märtyrern werden.

Zwar nicht für diesen hier versammelten Kreis, wohl aber im Blick auf einen Missbrauch des Märtyrertitels in der Öffentlichkeit will ich betonen, dass der religiöse Begriff des Martyriums zur Kennzeichnung von Selbstmordattentätern völlig ungeeignet ist. Märtyrer nach christlichem Verständnis sind Glaubenszeugen, die um ihres Glaubens willen Gewalt erdulden, keinesfalls aber selber anderen willkürlich Gewalt zufügen.

Schließlich: Das vorgelegte Buch macht Mut zum Handeln aus Glauben und Lust zur Demokratie. Denn die liberale Demokratie ist ein System, in dem es sozusagen qua definitionem keine Märtyrer geben muss. Man kann nämlich in einem demokratischen Staat nicht nur anderer Meinung sein als die herrschenden Gruppen und Parteien, man kann und darf auch widersprechen und widerstehen, ohne dies mit dem eigenen Leben bezahlen zu müssen. Wer an die Blutzeugen und Märtyrer erinnert, der trägt damit immer auch zur Stärkung der Demokratie bei. Das ist vielleicht in einer Zeit wie der unseren, die von Krisenstimmung und Orientierungsbedürfnis geprägt ist, nicht der unwesentlichste Dienst, den die Kirche ihrer gesellschaftlichen Umwelt erweisen kann. Was Menschen widerfahren kann, was sie füreinander zu tun in der Lage sind, und das, was sie einander antun können, hält sich nicht immer die Waage.

Im 43. Kapitel des Jesajabuches steht eine Gottesverheißung: Wenn du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, daß dich die Ströme nicht ersäufen sollen; und wenn du ins Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.  Viele der Märtyrer haben sich durch dieses Versprechen gehalten gewusst. In den letzten 24 Stunden vor seiner Hinrichtung schrieb Helmuth James von Moltke an seine Frau: „Wie gnädig ist der Herr mit mir gewesen! ... Er hat mich zwei Tage so fest und klar geführt: der ganze Saal hätte brüllen können, wie der Herr Freisler, und sämtliche Wände hätten wackeln können, und es hätte mir gar nichts gemacht; es war wahrlich so, wie es Jesaja 43, 2 heißt: Denn so du durch Wasser gehst, will ich bei dir sein, dass dich die Ströme nicht sollen ersäufen; und so du durch Feuer gehst, sollst du nicht brennen, und die Flamme soll dich nicht versengen.“

Viele der Männern und Frauen, derer wir heute gedenken, konfrontierten auch ihre Richter, ihre Bewacher und schließlich ihre Henker mit ihrem Bekenntnis zu Gott. Sie hatten Jesus Christus als ihren einzigen Trost vor Augen, glaubten, dass der Tod wohl das Ende ihres Lebens, aber nicht das Ende der Treue Gottes sein würde. Dietrich Bonhoeffers letzte Worte: „Das ist das Ende, - für mich der Beginn des Lebens“, haben viele Märtyrer der 2. Hälfte dieses Jahrhunderts begleitet in den Folterkellern der Militärdiktatoren Südamerikas, in den Gefängnissen des südafrikanischen Apartheidsregimes, in den Verliesen der Stasi und des KGB.

„Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ Wie wir in das Klagen einstimmen können, so dürfen wir auch auf diese tröstliche Zusage bauen.

Wenn wir heute der Menschen gedenken, die der Lüge widersprochen haben, die sich eingemischt haben, die den aufrechten Gang gegen die Unterdrücker gewagt haben, wird deutlich, was von diesem 20. Jahrhundert bleiben wird: Neben den Namen der Täter, deren Gräueltaten nicht vergessen werden dürfen, sind es die Namen der Opfer. Mit deren Namen verbindet sich die Erinnerung auch an die vielen Namenlosen, die Widerstand geleistet oder sich dem Mitmachen verweigert haben und dies mit ihrem Leben bezahlen mussten. Darum müssen die Lebensentscheidungen gerade der Frauen und Männer weitererzählt werden, die unter der rechtlosen Willkür gelitten und dagegen Widerstand geleistet haben. Sie dürfen nicht vergessen werden.