Zukunft der Kirche - Kirche der Zukunft

Manfred Kock

1. Juli 1998

Glaube allein

1. Kirche im Umbruch

Der Titel meines Vortrags nimmt den Titel eines Buches auf, das 1964 erschien. Es enthält eine Auswahl von Arbeiten des holländischen Ökumenikers Johannes Christiaan Hoekendijk. Der beschreibt hellsichtig und provozierend unsere Kirche, gar nicht beruhigend, sondern aufrüttelnd. Man könnte meinen, das Buch sei nicht vor 30 Jahren erschienen, sondern eben erst.

Mit Nüchternheit sah er den Traditionsabbruch voraus und den Weg der Kirche in eine Minderheitsrolle. Die Menschen in der Kirche sollten davor aber nicht in Schrecken fallen. Lethargie sollte sich in Mut, Verschlossenheit in Offenheit verwandeln. Diasporafest müsse die Kirche werden, schreibt Hoekendijk. Ihre zu groß gewordenen Häuser sollten sie nicht hindern, den Ruf zum Aufbruch zu hören. "Geben wir uns keinen Illusionen hin: Der Weg in die Welt von morgen führt in die Wüste." Aber, so fährt er fort: "Die Wüste, in die wir jetzt vielleicht beängstigt starren, wird ein Land sein, das urbar werden wird, und ein Ort sein, an dem die Neue Welt von morgen schon angebrochen ist."

1.1. Mitgliederschwund und Beziehungslosigkeit

Acht Jahre nach der Wiedervereinigung der östlichen und westlichen Landeskirchen steht die evangelische Kirche in unserem Land an einer Epochenwende ihrer Arbeit. Teile der Bevölkerung haben zur Kirche kein Verhältnis mehr. Konfessionslosigkeit ist ein Massenphänomen.

In den ostdeutschen Landeskirchen ist der tiefgreifende Umbruch offensichtlicher als im Westen.

Für die weit überwiegende Mehrheit der Menschen in Ostdeutschland ist das Verhältnis zu Kirche, Christentum und Religion dadurch gekennzeichnet, daß sie schlicht und einfach nicht damit konfrontiert sind, biographisch nie damit konfrontiert waren und angesichts der beschriebenen Mehrheitsverhältnisse auch in ihrem Alltagsleben kaum konfrontiert werden. Fast drei Viertel der Bevölkerung sind konfessionslos allerdings mit erheblichen regionalen Unterschieden .

In den westdeutschen Landeskirchen kann das - wenn auch verzögert - ebenfalls Realität werden. Wenn auch rund 80% der Menschen einer der Kirchen angehören, so leben doch die meisten Noch-Kirchenmitglieder ohne kontinuierlichen institutionellen religiösen Bezug.

Damit ergibt sich für die Kirchen ein Bedeutungswandel, ein Bedeutungsrückgang, dessen Auswirkungen wir in unserer kirchlichen Arbeit richtig einzuschätzen haben. Jedenfalls ist offensichtlich: Für viele hat die Kirche längst aufgehört, ein selbstverständlicher Bestandteil des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens zu sein.

Es mag uns ein wenig trösten, daß nahezu alle gesellschaftlichen Institutionen in einer Identitätskrise stecken. Den Parteien und Gewerkschaften geht es ähnlich wie den Kirchen. Viele Menschen trauen Politik, Wirtschaft und Verbänden nicht mehr zu, daß mit ihrer Hilfe das Leben zu bewältigen ist. Ihren Verbindlichkeitsansprüchen und programmatischen Versprechungen begegnen sie mit Institutionsverdrossenheit und tiefsitzendem Mißtrauen. Die Folgen haben auch die Kirchen zu tragen, die selber Institutionen und Teile der Gesellschaft sind.

Ihre kirchliche Situation in Ostdeutschland können Sie besser einschätzen als ich. Mir scheint aber, nach den Erfahrungen des Sozialismus herrscht verbreitet eine Scheu vor jeder formalisierten Bindung an Organisationen mit weltanschaulicher Tendenz. Man läßt sich nach den Erfahrungen, die man gemacht hat, besser auf gar nichts ein, und schon gar nicht schriftlich mit Brief und Siegel. Und gegen Religion und Kirche hat man überdies tiefsitzende Vorbehalte, die teilweise viel weiter zurückreichen als in die religionsfeindliche Politik des sozialistischen deutschen Arbeiter- und Bauernstaats.

Die aufgezeigte Entwicklung im Osten ist nicht nur die Folge der konkreten Sozialismusgeschichte. Im Westen liegt es auch nicht daran, daß Menschen in der Kirche schlecht gearbeitet haben. Hier vollzieht sich vielmehr ein komplizierter Prozeß, der auch als Auswirkung eines Freiheitsverständnisses zu verstehen ist, der im Protestantismus selber angelegt ist. Wenn Menschen die Freiheit ihres Gewissens zugesprochen wird, kann man nicht böse sein, wenn sie von dieser Freiheit auch in der Weise Gebrauch machen, daß sie sich von der Institution entfernen. Es gehört zu den Kennzeichen einer freiheitlichen Gesellschaft, daß die Menschen ihre religiösen Überzeugungen und weltanschaulichen Bekenntnisse nach Belieben wählen und wechseln können. Das ist zwar nicht die Freiheit, die unser Herr Jesus Christus gemeint hat, aber so haben es viele für sich verstanden.

Was die Kirche anzubieten hat, gerät suchenden und fragenden Zeitgenossen nicht mehr selbstverständlich in den Blick. Die Kirche ist als Institution weithin nicht mehr als erstes gefragt, wenn es um die Sinnfrage geht. Ihre Botschaft wird bestenfalls als freibleibendes Angebot gesehen. Der christliche Glaube hat seine Monopolstellung verloren. Er muß sich auf dem Markt der Sinnstifter als ein Angebot neben anderen behaupten.

1.2. Dennoch: Erwartungen an die Kirche

Andererseits - und scheinbar in Widerspruch dazu - gibt es gleichbleibende, wenn nicht gesteigerte Erwartungen an die Kirchen. Sie sollen ihre Rolle für die Wertorientierung in der Gesellschaft unverändert und eher noch entschlossener als bisher wahrnehmen. Diese Erwartung stützt sich auf das anerkannte soziale Engagement wie auf das relativ hohe Ansehen der Kirche in der Zeit der politischen Wende. Auch heute wird - trotz heftiger Kritik an einer zu engen Kooperation zwischen Kirche und Staat - erwartet, daß die Kirche Mund der Stummen und Stimme der Schwachen in der Gesellschaft ist.

Das Vertrauen, das in diesen Erwartungen zum Ausdruck kommt, ist ein hohes Gut, das nicht verspielt werden darf. Mitunter wird mit diesem Zutrauen jedoch ein Forderungskatalog verbunden, der sich an dem früheren Niveau gesellschaftlichen Leistungsvermögens der Kirche orientiert. Ich verstehe, daß manche daher befürchten, daß dies hier zur Überforderungen von Gemeinden, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen führt.

Auf diese unterschiedlichen, mitunter auch gegenläufigen Tendenzen wird die Kirche sich einstellen müssen. Doch Veränderungen sind nicht nur Bedrohung, sie sind auch Chance. Sie können zum Anlaß werden, neu nach Sinn, Identität und Rückbindung eines persönlich verantworteten Glaubens zu fragen. Sie können den Wunsch wecken, in Gemeinschaft mit anderen diesen Glauben in einer Kirche zu leben, die zur Erneuerung fähig ist.

Wir haben die Chance eines offensiven Neuanfangs. Eine offene Kirche muß sich in der weltanschaulichen Vielfalt unserer Gesellschaft nicht verschanzen, denn sie hat eine gute Sache zu vertreten. Wir können als Christen auch unter den Bedingungen unserer verwirrten Welt leben und verkündigen, wovon wir überzeugt sind.

Es gibt freilich die Gefahr, daß kirchliches Leben soweit verarmt, daß es sich aufzulösen droht. Vor allem, wenn die Frage des Überlebens der Gemeinschaft soviel Energie in Anspruch nimmt, daß die Kraft für geistliche Beiträge zum Leben der Gesellschaft nicht mehr ausreicht.

Wenn wir uns ausschließlich um die Kirche sorgten, dann würden wir zum Konventikel schrumpfen. Wir wollen aber nicht nur um uns selber kreisen oder gar in fundamentalistischer Enge rumoren. Daher muß die Beschäftigung der Kirche mit sich selbst, mit ihren Strukturen und Arbeitsformen, immer den Bezug zu ihrer Mission behalten.

2. KIRCHE DER ZUKUNFT: Kirche im Horizont der Gegenwart Christi

Im 2. Teil meiner Gedanken will ich beschreiben, wie ich die KIRCHE DER ZUKUNFT sehe. Ich beziehe mich dabei auf die kleine EKD-Schrift " Kirche mit Hoffnung". Sie entwickelt Leitgedanken, von denen ich mir wünsche, daß sie in allen Gliedkirchen eine größere Bekanntheit genießen als bisher.

Der lebendige Jesus Christus wird niemals aufhören, seine Gemeinde durch das Wirken des Heiligen Geistes zu sammeln. Die Kirche wird es darum - in welcher Gestalt auch immer - zu allen Zeiten geben. Sie hat den Auftrag, mit ihren Gaben und Möglichkeiten allen Menschen das Evangelium zu verkündigen, sie zur Gemeinde Jesu Christi zu sammeln, Sünden zu vergeben und von daher in den Konflikten und Nöten der Gesellschaft für das Leben aller Menschen verantwortlich einzutreten. Alles, was in der Kirche geschieht, muß auf ihren Glauben und auf ihren Auftrag zurückbezogen sein, damit sie in ihrem Dienst an den Menschen unverwechselbar bleibt. Alle Reformen der Strukturen und Dienste der Kirche müssen von der theologischen, geistlichen Vergewisserung des Auftrages der Kirche ausgehen.

Sie hat die "Botschaft von der freien Gnade Gottes auszurichten an alles Volk", wie es in der BARMER Erklärung 1934 heißt.

Dazu also ist die Kirche in den weiten Horizont der Gegenwart Jesu Christi hineingestellt. Ohne die Gewißheit dieser Gegenwart Jesu Christi ist jede Kirchenreform in der Gefahr, in kurzatmigen Aktionen stecken zu bleiben.

2.1. Notae ecclesiae - Kennzeichen der Kirche

Die Kirche ist zum Zeugnis von Jesus Christus in die Welt gesandt. Sie ist darum Zeugnisgemeinschaft. Alle Glieder der Gemeinde sind zum Zeugnis berufen. Gerade in einer Gesellschaft, der dieses Zeugnis fremd geworden ist, müssen wir alle Kräfte darauf konzentrieren, daß dieses Zeugnis geschehen kann und Menschen dem Evangelium in ihrem persönlichen Leben begegnen können. Das ist für die Einzelnen, aber auch für unsere Gesellschaft als Ganze notwendig. Ohne dieses Zeugnis würde sie in egoistischer Kälte erstarren.

Die Kirche ist dazu da, um Menschen mit dem Wort, aber auch mit der Tat zu dienen. Sie ist Dienstgemeinschaft für das Heil und das Wohl der Menschen. Weil Jesus Christus jedem Menschen die Freundlichkeit Gottes mit Wort und Tat bezeugt hat, niemanden verloren gab und den Leidenden nahe war, engagiert sich die Kirche im sozialen Bereich und meldet sich in der öffentlichen Diskussion auch um politische Fragen zu Wort.

2.2. Kirche ist Mission

Was wir den Menschen eigentlich als Botschaft des Evangeliums vermitteln wollen, darüber wird in den Gemeinden und unter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu wenig gesprochen. Muß es deshalb nicht erörtert werden, weil es sich von selbst versteht? Ist das aber wirklich so klar, wie es den Anschein erweckt?

Kirche ist missionarische Kirche. Dazu gehört, Christen zu ermutigen, über ihren Glauben Auskunft zu geben, sie sprachfähig und gesprächsbereit zu machen. Wie ungewohnt dies ist und wie dringend nötig zugleich, zeigt sich an der nach wie vor verbreiteten Unsicherheit in den Gemeinden. Sie macht verlegen bis zur Sprachlosigkeit, wenn es um elementare Fragen des Glaubens geht. Wenn Christen jedoch ihrer Sache nicht gewiß und von ihrer Aufgabe nicht überzeugt sind, wie soll sich dann die Überzeugungskraft des Glaubens erweisen? Dabei ist es wichtiger denn je, Menschen einzuladen, in unserer Kirche, in unseren Gemeinden die Botschaft Christi anzunehmen.

3.Kirche der Zukunft
3.1. Der Zwang zum Sparen - oder das leidige Geld

Selbst in DDR-Zeiten war die evangelische Kirche flächendeckend präsent. Sie konnte im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten wirksam handeln. Die zunehmend schwierige Finanzlage führt zu einschneidenden Maßnahmen. Dramatisch zurückgehende Einnahmen erzwingen in großem Umfang Einsparungen, und das bedeutet: Stellenabbau und Gehaltseinbußen. Sie haben hier im Osten längst ein Ausmaß erreicht, wo von der oft beschworenen "Verschlankung" der kirchlichen Strukturen keine Rede mehr sein kann. Ganze Aufgabenbereiche werden ausgedünnt oder völlig aufgegeben.

Umso stärker richten sich die Erwartungen auf die ehrenamtliche Mitarbeit engagierter Gemeindeglieder. Mehr denn je geht es nicht ohne sie. Damit wächst aber auch die Gefahr, sie zu vereinnahmen. Das führt zu Belastungen, vor allem angesichts der auf Dauer und Kontinuität angelegten Arbeit in der Kirche an festgelegten Orten und zu bestimmten Zeiten. Diese Spannung ist schwer aufzulösen. Sie enthält Interessenkonflikte, die gesehen und ausgehalten werden müssen, wenn ehrenamtliche Arbeit nicht nur unverzichtbar, sondern auch zumutbar bleiben soll.

Wenn ich angesichts dieser Bedingungen von Kirche der Zukunft rede, so ist dieses eine wichtige Voraussetzung:

  • Ein Modell künftiger Kirche ist nicht theoretisch und idealistisch zu entwickeln; man kann die gegenwärtigen kirchlichen Strukturen auch nicht mit einem einfachen Beschluß auf ein neues System umstellen.
  • Die Kirche ist ständigen Veränderungen unterworfen. Kirchenreform ist immer ein Prozeß auf Neues hin. Die gegenwärtige Wirklichkeit enthält schon Ansätze, die Künftiges beispielhaft vorabbilden. Unter dieser Voraussetzung verstehe ich das im folgenden Gesagte.

3.2. KIRCHE DER ZUKUNFT: Miteinander auf der Suche nach Sinn- Mit Konfessionslosen und Distanzierten ins Gespräch kommen

Kirchliche Arbeit geschieht heute weithin unter den Augen einer nicht-kirchlichen Öffentlichkeit. Kirchentreue Christen leben weniger denn je nur unter ihresgleichen. Sie treffen auf Menschen, die christlichem Glauben distanziert, gleichgültig, ablehnend oder verständnislos gegenüberstehen. Daher müssen wir uns gerade in unseren Gemeinden darauf einstellen, daß uns andere Lebenserfahrungen und andere Lebensentwürfe begegnen. Darin werden wir uns einüben müssen. Der Brückenschlag kann gelingen, wenn wir auch die verkappten religiösen Fragen und die unausgesprochenen Sehnsüchte anderer Menschen ernst nehmen, ohne sie damit gleich zu vereinnahmen. Das bedeutet nicht, vom eigenen Glauben zu schweigen. Wir können auch Kirchenfremden deutlich machen, was uns an unserem Glauben wichtig ist

Ich möchte darum gerade die treuen Gemeindglieder ermutigen, sich mehr als bisher gerade den Menschen zu öffnen, die die Kirche verlassen und vor allem auf die zuzugehen, die Zeit ihres Lebens nie dazugehört haben. Als Konfessionslose haben sie die Kirche kaum vermißt. Wahrscheinlich haben sie jedoch auch nie zu spüren bekommen, daß die Kirche an ihnen Interesse hat, sie vermißt und daß uns wichtige Gesprächsimpulse fehlen, wenn wir den Dialog mit den Konfessionslosen nicht führen.

Die eigentlich Unbekannten in der Kirche sind die sogenannten Distanzierten. Im Osten wie im Westen Deutschlands bilden sie die Mehrheit der Mitglieder, und doch ist von ihnen wenig bekannt. Sie sprechen kaum über ihre Distanz; dabei spricht diese doch ihre eigene Sprache. Sie gehören der Kirche an und nehmen sie wenig in Anspruch. "Sie lassen sich nicht reinziehen in die konkrete Kirche, aber sie gehen auch nicht raus. ... Sie sind die Mehrheit. Aber ... sie haben keine Stimme in der Kirche." Dabei hätten gerade sie es nötig, daß die Christen im Inneren der Gemeinde auf sie achten.

Die Gemeinde braucht nicht nur die Konzentration nach innen, sondern auch die Öffnung nach außen. Wichtig sind die persönlichen Begegnungen. Biografische Anknüpfungspunkte, die Schwellensituationen des Lebens, das Bedürfnis nach Orientierung und Vergewisserung, vielleicht auch der Wunsch, durch Riten welcher Art auch immer gehalten zu werden, sind dann wichtiger als theologische Belehrungen. Gerade angesichts der Vielzahl der Konfessionslosen ist deutlich: Mission ist vorrangig Beziehungsarbeit. Die Menschen haben die Kirche zwar in Scharen verlassen, aber gewonnen werden können sie nur als Einzelne. Darum sind die persönlichen Begegnungen von unschätzbarem Wert.

Nach dem Neuen Testament ist die Teilhabe am Leib Christi nicht gleichzusetzen mit der Mitgliedschaft in einer bestimmten kirchlichen Organisation. Christus kann zu den Seinen auch solche zählen, die keiner Kirche beigetreten sind (Matthäus 25, 31 ff; Johannes 10,16). In der Gemeinde müssen deshalb auch die Ungetauften willkommen sein ebenso wie die, die nur Kirche bei Gelegenheit suchen. Sie kommen, ohne sich zu binden, weil sie nicht wissen, wie lange sie bleiben wollen. Auch sie haben ein Recht, dabei zu sein, ernst genommen zu werden und auch ehrenamtlich mitwirken zu können.

Wenn die Kirche ihrem missionarischen Auftrag gerecht werden will, muß sie jedenfalls auch auf sich selber achten. Zu einer missionarischen Kirche gehört auch, daß sie neue Mitglieder gewinnen will.

3.3. KIRCHE DER ZUKUNFT: Offene Kirche werden

Es besteht ein enormer Bedarf an einer neu zu gestaltenden "Sprachlehre des Glaubens", die zum Dialog ermutigt und dazu hilft, das Evangelium den Menschen von heute in einer verständlichen Sprache nahezubringen. Dies ist nicht nur eine Frage des Vokabulars. Wir müssen die biblische Botschaft in ihrer Relevanz für die Gegenwart erfahrbar machen, so daß sie zur Orientierung und zur Ermutigung wird, so daß Menschen den Versuch wagen, mit ihr das Leben zu bestehen.

Sprachlosigkeit ist eine Last, sie drängt nach Lösung. Nachfolge gelingt, wenn Menschen sich stärken lassen von der Kraft des Geistes. Der lebt in der Bindung an das Wort. Es muß hörbar bleiben. Und hier ist Einübung in die Überlieferung nötig, wir Christen müssen die Geschichten erzählen und hören, die von der Tradition der Väter und Mütter geprägt sind.

Unserer evangelischen Kirche wird oft vorgehalten, sie sei zu rational und daher langweilig. Die religiösen Aufbrüche unserer Zeit, der wachsende Esoterikmarkt lasse erkennen, daß Menschen auf Religion ansprechbar sind. Die Kirche lebe an diesem Bedarf vorbei; sie sei eben nicht "kundenorientiert". Diese Vorwürfe sind vorschnell und oberflächlich. Es liegt nicht nur an der "kundenfernen Kirche", wenn Menschen ihre religiöse Erbauung bei Guru-Gruppen und in Esoterik-Schulen suchen. Es gibt auch eine "asoziale" Religion, wie Richard Schröder das genannt hat, eine Sucht nach Göttlichem im eigenen Ich, eine Religiosität, die sich fesseln läßt von ausbeuterischen Systemen, bisweilen mit geradezu nekrophilen Zügen, wenn man an Satans- und Friedhofskulte denkt, oder von pseudowissenschaftlichen Angeboten mit mystischem Gewabere von feinstofflichen Strahlen und Energien und kosmischen Beziehungen.

Unser Glaube aber wird repräsentiert von einer Kirche mit zweitausendjähriger Geschichte. Diese ist zwar wegen ihrer dunklen Seiten auch eine Last, aber die Kirche muß bereit sein, zu ihrer dunklen Tradition zu stehen. Das ist aber unerläßlich für eine kultivierte Religion. Denn nur mit einem selbstkritischen Geschichtsbewußtsein kann sie auch ihre hellen Seiten als heilende Erinnerung in die Gegenwart tragen und so einen Glauben vermitteln, der das Gedächtnis in seine Weitergabe einbezieht.

Christliche Botschaft kann nicht nur nach den Bedürfnissen der Kunden ausgerichtet werden. Dann würde sie in der Regel unpolitisch und besänftigend wirken und bei Ruhe und Ordnung landen. Sie ist vielmehr immer von der Art, daß, wer sie weiterträgt, fremd in dieser Welt bleibt.

Daher sind die biblischen Bilder dieser Hoffnung nicht gekennzeichnet durch Größe, sondern durch Wirksamkeit:

Samen - Hefe - Salz - Licht.

Mit der Kraft dieser Bilder bleiben wir auch bei zurückgehenden Zahlen in einer pluralistischen Gesellschaft dialogfähig.

3.4. KIRCHE DER ZUKUNFT: als Gemeinde in der Region leben

Eine Leitlinie für die kommenden Jahre sollte sein, daß kirchliche Arbeit vorrangig auf eine "Beteiligungskirche" ausgerichtet ist. Damit ist gemeint, daß die Kirche zunehmend in ihrer Arbeit von ihren Mitgliedern getragen wird.

Die Gemeinden sind die Basis kirchlicher Arbeit. Sie bleiben der vorrangige Ort, wo christlicher Glaube gelebt und bezeugt wird. Nach wie vor bietet die Ortsgemeinde für die kirchliche Sozialisation enorme Chancen. "In ihr kann Glauben am Wohnort gelernt und praktiziert, Beteiligung in entscheidenden Lebensphasen erlebt und die Erfahrung christlicher Gemeinde vermittelt werden." Sie nimmt Anteil am Alltag der Menschen und begleitet sie in den Krisen wie bei den Festen ihres Lebens. Die Ortsgemeinde bietet die Möglichkeit der Beteiligung bei relativ niedriger Zugangsschwelle.

Neben den Ortsgemeinden wird es aber Gruppen-Gemeinden geben, Gemeinden in denen Menschen auf begrenzte Zeit oder auf Dauer zusammenleben, Hauskreise, Kommunitäten u.s.w..

Die Gemeindebildung heut muß die Beweglichkeit der Menschen in Rechnung stellen. Hoekendijk hat vor 30 Jahren schon davor gewarnt, den mobilen Menschen von unseren konsolidierten Immobilien aus zu dienen. Er forderte: "Zelte statt Tempel" und kleine Gruppen als Missionsorgane.

In Zukunft werden Gemeinden immer weniger damit rechnen können, daß sie eigene Pfarrerinnen bzw. Pfarrer oder auch einen hauptamtlichen Mitarbeiter bzw. eine Mitarbeiterin nur für sich allein beanspruchen können, selbst wenn dies nach missionarischen Erfordernissen gerade nötig wäre. Auch die Mitarbeiter müssen sich auf diese Situation einstellen. Die Präsenz der Kirche entscheidet sich künftig weniger an der Residenz des Pfarrers als vielmehr an der Existenz der Gemeinde. Diese Einsicht ist nicht neu, sie entspricht ursprünglicher reformatorischer Überzeugung und der langen Erfahrung in den zahlreichen Diasporasituationen in der Ökumene.

Wenn Kirche am Ort erfahrbar bleiben soll, wird es darum mehr noch als bisher auf die Christen selbst ankommen. Es bleibt die unaufgebbare Aufgabe der Gemeinde am Ort, daß dort, wo Christen wohnen, Zeugnis, Fürbitte und Gemeinschaft geschehen und Lobpreis und Anbetung Gottes nicht verstummen.

Das tragende Gerüst lebendiger Gemeindearbeit werden die Gemeinden zunehmend selber stellen müssen.

Gewiß ist damit auch die Gefahr der Überforderung und der Vereinzelung verbunden. Umso mehr brauchen die Christen die Begegnung, den Austausch und die Gemeinschaft mit den Nachbargemeinden.

Durch die Zusammenarbeit in der Region lassen sich die Aufgaben gemeinsam erfüllen, die die Kräfte einer Gemeinde übersteigen (z.B. Kinder- und Jugendarbeit, Erwachsenenbildung, Kirchenmusik, Diakonie, Öffentlichkeitsarbeit). Indem Verantwortung nicht mehr allein beansprucht, sondern mit anderen geteilt wird, kann sie oft überhaupt noch oder wieder wahrgenommen werden.

Wenn die Gemeinde über den eigenen Kirchturm hinaus arbeitet, wächst das Bewußtsein für ihre Weite. Die unterschiedlichen Ebenen der Ortsgemeinde und der Region, des Kirchenkreises und der Landeskirche werden dann nicht mehr in gegenseitiger Konkurrenz, sondern als Netzwerk gesehen, das dem einen und gemeinsamen Auftrag zu dienen hat.

3.5. KIRCHE DER ZUKUNFT - Alle werden gebraucht

Haupt- neben- und ehrenamtliche Arbeit stehen zueinander nicht in Konkurrenz, sondern sie sind aufeinander angewiesen. Sie sind nach 1. Korinther 12,12ff unterschiedliche Funktionen der Kirche als des Leibes Christi. Kein Organ kann ein anderes ersetzen. Sie brauchen einander.
Zu Recht sagt die 4. These der Barmer Theologischen Erklärung: "Die verschiedenen Ämter in der Kirche begründen keine Herrschaft der einen über die anderen, sondern die Ausübung des der ganzen Gemeinde anvertrauten und befohlenen Dienstes."

Die kirchliche Wirklichkeit sieht jedoch weithin ganz anders aus. Von engagierten "Laien" wird darauf kritisch und begründet immer wieder hingewiesen. Zu oft finden sie sich noch in der Rolle von Zuarbeitern, Handlangern oder Helferinnen vor, die ihnen von hauptamtlichen Diensten, vor allem von Pfarrern - oft unbedacht - zugewiesen wird.

Es müßte inzwischen selbstverständlich sein, daß freiwillige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht nur an der Ausführung der Aufgaben, sondern auch an der Planung und Verantwortung beteiligt werden. Die Gleichwertigkeit aller Dienste kann auch öffentlich dadurch sichtbar werden, daß Ehrenamtliche in Dienste, die sie übernehmen, im Gottesdienst eingeführt und daraus auch mit Dank und Anerkennung verabschiedet werden.

Frauen und Männer für die freiwillige Mitarbeit in der Kirche zu gewinnen und zu ermutigen, aber auch zu befähigen und zu fördern, wird eine der wichtigsten Aufgaben der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den nächsten Jahren sein.

Um die Vielfalt und die Gemeinschaft kirchlicher Dienste erhalten zu können, wird von hauptamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in Zukunft ein hohes Maß an Flexibilität und Mobilität erwartet werden. Sie müssen in Nachbargemeinden oder in einer ganzen Region Aufgaben übernehmen, die andernorts wegen unbesetzter oder aufgegebener Stellen nicht mehr erfüllt werden können. Das erfordert die Bereitschaft, unterwegs zu sein, um Gemeinden und Gruppen fachlich zu beraten und geistlich zu stärken. Diese brauchen mehr denn je ein Netzwerk, das sie miteinander verbindet, sie trägt und instand setzt, ihre Aufgaben am jeweiligen Ort zu erfüllen.

Was für unsere gemeindlichen Verhältnisse noch nicht unmittelbar bevorzustehen scheint, ist in Minderheitskirchen in vielen Teilen der Welt, vor allem bei unseren Nachbarn in Ost- und Südeuropa, längst eine selbstverständliche Ausprägung der Gemeindearbeit. Sie verfügen darin zum Teil über jahrhundertelange Erfahrungen. Auch in dieser Hinsicht wird es Zeit, von der Ökumene zu lernen.

3.6. KIRCHE DER ZUKUNFT - auch in den Organisationsstrukturen der EKD

Das Bild der Evangelischen Kirche in Deutschland ist verwirrend. Vierundzwanzig Landeskirchen und zwei bis drei gliedkirchliche Zusammenschlüsse sind aus der Geschichte überkommen.

Es ist an der Zeit, die Zusammenarbeit besser zu organisieren, überflüssigen Wirrwarr an Kompetenzüberschneidungen zu ändern. Ich kann in diesem Vortrag darauf nicht näher eingehen. Ich freue mich, daß wir an der Arbeit sind, die EKD-Synode hat den Auftrag erteilt.

Kämpfen werden wir darum, daß gemeinsam Verantwortung wahrgenommen wird. Finanzausgleich muß bereitwillig geleistet werden. 300 Millionen sind für die Jahre 1999 und 2000 als West-Ost-Transfer vorgesehen. Keinesfalls soll die Summe unterschritten werden. Darüber hinaus müssen wir missionarische Projekte im Gesamtbereich der EKD unterstützen und voranbringen.

Schluß

Wir sind überzeugt, daß unser Glaube konkurrenzlos ist. In den Augen der Außenwelt sind wir aber mit anderen konkurrierende Anbieter. Daher bedarf es von seiten der Kirche deutlicher Gesprächsangebote. Voraussetzung ist, daß wir unsere Glaubensüberzeugung offenhalten für Suchprozesse, für eigene und vor allem für die anderer.

So wünsche ich Ihnen einen annehmenden Geist, damit Menschen gewonnen werden, die den Dienst der Kirche auch in Zukunft ermöglichen, die Kirche nicht nur dulden, sondern ihren Bestand fördern.

Kirche als "gnädige Vorwegnahme" - wie Bonhoeffer das nennt - hat in der Gemeinschaft von Wort und Sakrament ihre Mitte. Um dieser Mitte willen muß unsere Kirche sich offenhalten ganz im Sinne des "Aggiornamento", das Papst Johannes XXIII. eingschärft hat.

Diese Offenheit erfordert,

  • die sich ändernden Wahrnehmungsweisen der Menschen zu bemerken,
  • die Wirkung kirchlicher Äußerungen in ihren einladenden und abstoßenden Wirkungen zu erkennen,
  • die Fragen der Menschen deutlicher zu verstehen,
  • Menschen zum Dialog einzuladen,
  • Menschen zu gewinnen, daß sie in dieser Gesellschaft den Weg des Friedens und der Gerechtigkeit gehen.

Dann wird die Kirche in Zukunft getreu dem Rufe Jesu ihren Dienst ausrichten.



erweiterte Suche

 

Das könnte Sie auch interessieren...


Gesucht: Landeskirchen?

EKD-Kirchenkarte

Zu den verschiedenen Kirchen in den Regionen finden Sie am schnellsten über unsere Kirchen-Karte.