Wie feiern wir den 2000.Geburtstag Jesu Christi?
Robert Leicht
1. Juni 1999, Magdeburg, Vortrag beim Ökumenischen Jahresempfang
Zeitenwende und Kalendermagie
Was endet denn am 31. Dezember dieses Jahres? - Jedenfalls nicht das 2. Jahrtausend. Auch wenn wir einmal für einen Augenblick annehmen, unsere Kalenderzählung hätte zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt: Weil die Römer in ihrem Zahlensystem keine negativen Zahlen kannten, folglich auch nicht den Übergang zwischen negativer und positiver Zahlenreihe durch die Zahl Null kannten, konnten sie das Jahr der Geburt des Jesus von Nazareth nur als das Jahr Eins bezeichnen - und folglich ist das erste Jahr nach Christi Geburt das Jahr Zwei. Und wiederum folgerichtig endet das zweite Jahrtausend am 31. Dezember - 2001. Und selbst wenn dieser "Fehler" nicht aufgetreten wäre: frühestens am 31. Dezember 2000.
Aber die Zahlenmagie! Niemand will eine Nummer sein - es sei denn, eine besondere. Wer sich eine Telefonnummer erbittet, die nicht im Telefonbuch eingetragen wird, bekommt in der Regel eine Ziffernfolge, die er sich leicht einprägen kann; wahrscheinlich: damit er nicht im Telefonbuch nachschlagen muß - was ja dann nicht mehr geht -, wenn er zuhause anrufen will. Wer ein neues Auto anmeldet, versucht nicht selten, eine Buchstabenkombination zu bekommen, die als Monogramm gelesen werden kann - und eine reizvolle Ziffernfolge, eine möglichst glatte oder eine möglichst niedrige, möglichst einstellige Zahl. Früher, so hieß es, mußte man dem Schalterbeamten eine "Geige" (oder ein ähnliches Instrument) über den Tisch schieben - heute ist das Geschäft zugunsten der Staatskasse legalisiert; man sieht wie stark das Interesse ist. Übrigens: Ein Geschäft auf Wiedervorlage - denn mit jeder Ummeldung wandert die Nummer, mit jedem Neukauf wird die bisherige Nummer erst einmal stillgelegt. In England hingegen kann man diese - Achtung: Zahlenmagie! - "persönliche Nummer" lebenslänglich behalten; und anschließend vererben oder teuer verkaufen. Der Erzbischof von Canterbury fuhr in den sechziger Jahren ein Dienstfahrzeug mit der Nummer "CMG 1": call me god.
Niemand will eine Nummer sein - außer einer ganz besonderen: Vor 66 Jahren - Achtung, Schnapszahl! - war es attraktiv, eine besonders niedrige Nummer im Parteibuch zu haben; ebenso attraktiv, wie es 1000 Jahre später reizvoll war, nie ein Parteibuch besessen zu haben.
Am 9. 9. 99 werden Leute aufs Standesamt rennen, die vorher gar nicht unbedingt ans Heiraten dachten - nur wegen der magischen Zahl. Als ob der Verbindung dadurch größeres Glück beschieden wäre. Man kann ja nachschauen, was aus all den Ehen geworden ist, die beim vorigen Mal geschlossen wurden - am 7. 7. 77, vor allem in dem badischen Dorf Salem mit der damaligen Postleitzahl 7777 ... ( Da wir nun aus Gründen der Computertechnik - und in der sauberen Zahlenmythologie die Jahreszahl wirklich vierstellig notieren müßte dürfte man eigentlich frühestens am 2. 2. 2222 wieder heiraten.) Unterdessen bemühen sich angeblich eine Vielzahl von Paaren, unter Vornahme rechtzeitiger Vorbereitungshandlungen, exakt am 1. 1. 2000 ein Kind zu bekommen; als ob dies dann eine ausgezeichnete - eine quasi göttliche Geburt wäre. Man fragt sich nur, was dem Kind geschieht, wenn es unpünktlich, also zur Unzeit auf die Welt kommt - oder sonstwie die Erwartungen nicht erfüllt.
Aber wie es mit jeder echten Magie ist: Sie platzt wie eine Seifenblase, wenn man sie näher unter die Lupe des Verstandes nimmt. Vorher wirkt alles aufregend: Die ganze Welt , einschließlich der Verlage, Redaktionen, Kirchen, bereitet sich auf das Millennium vor. Aber wollen wir wetten: Schon Ende Januar 2000 will von dem Wort keiner mehr etwas hören, werden die Bücher wie Blei in den Regalen liegen... Und schon deshalb bemüht sich jeder auf dem Markt der Möglichkeiten, sein Geschäft so früh wie möglich zu machen - damit er an Sylvester 1999, in der Sekunde, in der alles kulminiert und zugleich platzt, sein Schäfchen schon im Trockenen hat. Denn um 24.00 Uhr am 31. 12. 1999 oder um 0.00 Uhr am 1. 1. 2000 - und dazwischen liegt keine einzige Sekunde, nicht ein Bruchteil von ihr!, so wie es zwischen Zukunft und Vergangenheit logisch schlechterdings keine Gegenwart gibt, die nicht schon in dem Augenblick entgleitet, in dem sie heranrückt - in jenem Sylvester-Augenblick also wird der Sekt derselbe sein wie im Vorjahr, auch der Kater danach. - Nur daß unser Sein zum Tode demselben ein Stück näher gerückt sein wird. Wenn wir es denn überhaupt erleben dürfen.
Das Millennium: Nur wenigen, so heißt es, sei es vergönnt, zu Lebzeiten einen Jahrtausendwechsel zu erfahren. Das ist natürlich Unsinn! Denn jede Sekunde findet ein Jahrtausendwechsel statt, geht ein Jahrtausend zuende. Die Frage ist also: Haben wir wirklich einen bestimmten Jahrtausendwechsel vor uns? Können wir den Beginn der Periode so bestimmen, daß dieser Beginn uns selber heute noch bestimmt? Mithin: Können wir nicht nur zählen, sondern lassen wir uns auch zählen - und kann man insofern auf uns zählen?
Das Christentum bestimmte den Ausgangspunkt unser kalendarischen Zählung. Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, daß wir immer noch christlich zählen? Und wieviel zählt das Christentum wirklich? Und wie stehen wir da vor denen, die wie Juden und Muslime, ihre Jahre (und Jahrestage) anders zählen? Haben wir je darüber nachgedacht, was es für diese anderen Welten bedeutet, wenn wir unser Millennium feiern, als sei es das Ereignis der ganzen Welt? Und erst recht gefragt: So sehr wir dazu neigen, in den muslimischen und jüdischen Zählweisen ein vitales Sonderbewußtsein vorzufinden, eine besondere Identität - woran, so wäre dann zu erfragen, könnten denn die anderen unsere Identität, unsere ausgeprägt christlichen Züge erkennen. Was ist von unserem christlichen Charakter also übrig geblieben außer dem christlichen Kalender?
In der vormaligen DDR war der Versuch unternommen worden, das Kürzel "n.Chr." - und alles, was damit gemeint war, zu beseitigen und zu ersetzen durch das Kürzel "u.z." - nach unserer Zeit. Aber wie ginge das zusammen: unsere Zeit - und nach unserer Zeit? Woher hätten wir sie denn genommen - und was kommt nach uns? Und wo sind, - wo wären wir dann. Die Zählweise der DDR ist mit ihren Herrschern untergegangen. Die christliche Zählweise ist zurückgekehrt. Mit ihrem Herrscher? Und inwiefern wären unsere Herrscher - christliche? Sind wir selber christlich beherrscht?
Ich möchte - und muß! - Sie nun einladen, mir für einige Sätze auf theologischen Gedankengängen zu folgen; wie es mit dem Thema ja unvermeidlich verbunden ist.
Wie feiern wir den Geburtstag Jesu Christi? - Diese Frage hat sich zu Lebzeiten des Jesus von Nazareth niemand gestellt. Nach Christi Geburt - diese Zeitangabe indessen macht den Geburtstag gewissermaßen zum zentralen Ereignis, zwischen vorher und nachher. Für unsere Kirchenfesten Zeitgenossen (und mitunter nicht nur für sie) ist das Weihnachtsfest, das nämlich soll der Geburtstag sein, das christliche Ereignis, mit dem sie (noch) am meisten anfangen können.
Eine niedliche Geschichte: ein Kind kommt zur Welt. Eine traurige Geschichte: ein Kind kommt zur Welt unter ärmlichen Umständen, wie wir sie nicht einmal Asylbewerbern zumuten wollen; oder vielleicht: gerade doch zumuten wollen? Eine festliche Geschichte: trotz allem verstehen ausgerechnet Schafhirten, rauhe Leute damals, die nun erst recht gar kein Dach über dem Kopf hatten - verstehen ausgerechnet Schafhirten: Das war wohl mehr als eine gewöhnliche - mehr, als eine ungewöhnlich ärmliche Geburt! Und wie ist das bei uns? Nimmt da nicht - aufs gesellschaftliche Ganze gesehen, jedenfalls - das Interesse an diesem Säugling ab mit jedem Tag, den er länger lebt - wenn uns der Spiegelherausgeber Rudolf Augstein nicht gar die Gewißheit einreden will, er habe in Wirklichkeit überhaupt nie gelebt? Weihnachten ja; aber die Zeit danach?? Dann wäre es aber doch gar nicht notwendig gewesen, die Geschichte - eine kleine Geschichte! - aufzuschreiben. - Umgekehrt aber wurde erst eine Geschichte daraus: Weil man viel später, sogar über seinen Tod hinaus, das Leben des Jesus von Nazareth für ein Leben hielt, das das Leben seiner Mitmenschen weitaus mehr veränderte, als ein neugeborenes Kind im Familienkreis das vermag - nur deshalb begann man, sich für eine Geschichte seiner Geburt zu interessieren, gegen Ende des ersten Jahrhunderts - ja: nach Christi Geburt. Und Weihnachten fängt die alte Kirche erst seit dem dritten Jahrhundert an zu feiern, nach und nach. In der Mitte erst des 6. Jahrhunderts fängt der römische Abt Dionysius Exiguus an, die bis dahin üblichen Epochenzählungen nach den Amtszeiten der jeweiligen römischen Kaisern beseitezuschieben, und eine Jahreszählung von Christi Geburt an zugrundezulegen: anni ab incarnatione domini. Das wichtigste christliche Datum war - und ist - nämlich Ostern. Und nur wegen der richtigen Festlegung des Osterfestes in Ostertafeln kümmert sich Dionysius um eine durchgängige Jahreszählung; erst seit etwa dem 10. Jahrhundert ist sie - ausgenommen auf der iberischen Halbinsel - im gesamten Abendland maßgebend. Ostern ist also das Datum, Ostern der Anfang: Ein Anfang also erst vom Ende her. Nicht daß da einer geboren wird und stirbt, macht die Geschichte - die Geschichte auch von Christentum, Theologie und Kirche - aus. Sondern, daß da einer stirbt - und lebt.
Wenn ich also die Frage beantworten soll: Wie feiern wir - als Christen und als Kirche, zumal in der säkularen Gesellschaft - den Geburtstag Jesu Christi?, dann so: Eigentlich gar nicht! Jedenfalls als Geburtstagsfeier erst viel später, drei Jahrhunderte später; als Jahrestag und Jahreszählung erst fast ein Jahrtausend später.
Was wir aber zu tun haben ist - nun einmal ganz fundamental, aber eben nicht fundamentalistisch ausgedrückt - dies: Das Paradox weiterzusagen, daß da einer lebte und (für uns) starb - und daß da einer starb, und für uns lebt. Und daß mithin der Tod, das heißt: der tödliche Tod, der endgültige Tod - endgültig überwunden ist. Daß also die Macht des sinnlosen Todes - und damit die Sinnlosigkeit des Lebens durchbrochen ist.
Und das soll uns jemand glauben!?
Zum Beispiel angesichts des Elends auf dem Balkan - angesichts von Verbrechen und Vertreibung, angesichts des Schindens, Schändens und Schlachtens, begangen an den Menschen im Kosovo; und angesichts der militärischen Gegengewalt - mit ihren ihrerseits notwendigerweise schrecklichen Folgen und auch unschuldigen Opfern. Und mit dem immer noch ungewissen Ausgang der gesamten Auseinandersetzung um die Achtung der minimalen Lebensrechte der Kosovaren und die minimalen Standards einer künftigen Ordnung auf dem gesamten Balkan...
Wird nicht der Kern christlichen Glaubens zuschanden an der unmenschlichen, also: an der menschlichen Gewalt? Über diese Frage kann man ja nicht einfach hinwegpredigen.
Auch wenn es so aussieht, daß der Krieg alles besiegt, was wir als Christen zu sagen haben, möchte ich doch dagegen setzen: Der Krieg ist nur zu besiegen, wenn wir als Christen etwas dagegen zu setzen haben.
Ich meine damit jetzt nicht die Summe, auch nicht die Quersumme der kirchlichen Aussagen dieser Tage. Die sind weder uniform noch einstimmig. Das kann übrigens angesichts des unvermeidlichen Dilemmas gar nicht anders sein. "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein" - diese Formel war und bleibt in ihrem ursprünglichen Zusammenhang richtig. Aber im gegenwärtigen Zusammenhang muß sie doch so gelesen werden: Weder Verbrechen gegen die Menschlichkeit noch Krieg sollen sein; was aber, wenn der kategorische Ausschluß aller militärischen Gegengewalt dem Verbrechen Raum gäbe, und sei es nur passiv?
Aber wie angedeutet: Es kommt nicht so sehr auf die aktuellen Kommuniques an, sondern auf die grundsätzliche Botschaft an.
Hierfür möchte ich anknüpfen an dem berühmten Bild von den Schwerter und Pflugscharen. Lassen sie mich aus dem Propheten Jesaja 2:4 zitieren:
Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Wenn wir genau lesen, werden wir feststellen: Es sind nicht die Menschen, die Feinde, die als ersten Schritt ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Sondern zuerst heißt es: Jahwe werde richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Damit ist nun nicht gemeint, was wir heute unter richten verstehen: also verurteilen - gar hinrichten. Sondern vielmehr: Ins rechte Lot bringen, die Verhältnisse wohl, also: richtig ordnen. Richten, zurechtweisen - das heißt im genau genommenen hebräischen Sinne: Frieden schaffen - den göttlichen shalom her-richten.
Dann erst werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen - wenn sie erkannt haben, daß sie alle auf den göttlichen shalom als Voraussetzung und Vorläufer ihres menschlichen Friedens angewiesen sind. Mit Waffen werden sie ihn nicht selbst-tätig herbeiführen - ohne ihn werden sie ihre Waffen nicht loswerden.
Weil nämlich der Friede und die gedeihliche Entwicklung auf dieser Erde angewiesen sind darauf, daß die Menschen nur einen anbeten und heilig halten - nicht aber sich selber, ihre Nation, ihre Rasse, ihre Religion, ihr Amselfeld. Der Krieg fängt damit an, daß der Mensch sich selber ver-gottet - und seine Mitmenschen verteufelt. Der Frieden fängt damit an, daß Menschen erkennen, daß sie trotz aller Konflikte und bösen Erfahrungen eben doch Ebenbilder des einen Gottes sind. Und nur deshalb steht das fünfte Gebot ("Nicht morden!") nicht etwa im luftleeren Raum - sondern auf den zwei Tafeln der zehn Gebote unmittelbar neben dem ersten, und zwar als dessen unumgängliche, un-umkehrbare Interpretation. Die Entfeindung der Menschen beginnt also damit, daß sie aufhören, einander zu verteufeln - und sich selber zu vergötzen. Wenn diese Einsicht nicht wachsen will, dann bleibt jeder Versuch, die positiven Folge dieser Einsicht vorab militärisch zu erzwingen, nicht nur allenfalls legitime Nothilfe, sondern in jeder Hinsicht notdürftig. (Das war übrigens die Folge des Abschreckungssystems des Kalten Krieges: Daß die Koexistenz zwar erzwungen wurde, aber nicht durch den Einsatz der Waffen, sondern durch die ins unermeßliche gesteigerte Drohung. Und der Skandal, die Perversion der Schöpfungsverhältnisse also, lag nicht darin, daß das System nicht funktionierte. Sondern darin, daß die Menschen und Mächte sich aufeinander angewiesen fühlten nicht etwa durch den verheißungsvollen göttlichen shalom, sondern allein durch die apokalyptische Gefahr gegenseitiger teuflischer Vernichtung.)
Noch einmal: Vertreibung und Krieg führen zwingend zu der Frage: Wo bleibt ihr mit Eurer christlichen Hoffnung? Aber umgekehrt wird eine Wahrheit daraus: Wo bleibt ihr mit diesem Krieg ohne diese Hoffnung? Und ohne die ihr zugrundeliegende, von ihr ausgehende Einsicht in die grundlegende Bedingung friedlichen Zusammenlebens.
Wie feiern wir - so war die Millennniumsfrage gestellt? Ich denke, wir hätten nichts zu feiern in dem Sinne, daß da irgendwann einmal ein Ereignis war, das man immer wieder bloß erinnert - quasi wie ein Firmenjubiläum, ein stolzes und rundes. Sondern wir hätten die Quellen, Spuren und Chancen dieser Hoffnung sichtbar zu machen, auch in der Politik. Und nichts von dem was geschieht, spricht gegen diese oft verschüttete Hoffnung - aber diese Hoffnung spricht gegen vieles von dem, was geschieht.
Und deshalb halte ich auch dafür, daß man erkennen kann, ob Christen Politik betreiben oder nicht. Übrigens nicht so sehr an ihren Programmen und Plänen - da gibt es breiten Raum für Meinungsunterschiede, gewiß aber an der Art, wie diese Meinungsunterschiede ausgetragen werden. Das heißt: an der Art, wie selbst ernsthaft miteinander konkurrierende Politiker sich selber ent-götzen können und auf ein gemeinsames Drittes, nein: sich auf ein gemeinsames Erstes beziehen können.
Nun mögen Sie fragen: Wie kann man nur vom Morden im Kosovo auf den politischen Streit hierzulande kommen. Lassen Sie mich dazu nur eine der Antithesen aus der Bergpredigt zitieren. Dort heißt es:
Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: »Du sollst nicht töten«; wer aber tötet, der soll des Gerichts schuldig sein. 22 Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist des Gerichts schuldig; wer aber zu seinem Bruder sagt: Du Nichtsnutz!, der ist des Hohen Rats schuldig; wer aber sagt: Du Narr!, der ist des höllischen Feuers schuldig.
Das klingt für unsere Ohren denn doch sehr fremd. Man wird sich doch wohl noch deutlich die Meinung sagen dürfen - ja, in der Demokratie doch geradezu: sagen müssen. Streit kann schließlich auch klärend wirken. Und wer nicht draufhauen kann, mindestens verbal, der hat noch jede Wahl verloren.
Mindestens verbal - in einer solchen Formulierung deutet sich schon ein weiterer Zusammenhang an. Jedenfalls die zitierte Antithese aus der Bergpredigt meint folgendes: Der Krieg fängt dort an, wo man einander - einmal schlicht gesagt: aus der Gnade Gottes ausschließt, wo man den anderen aus dem all unserem Tun vorauseilenden göttlichen shalom ausschließt, wo man sagt: Der gehört nicht dazu - zu den Ebenbildern Gottes: Der ist nur ein Ebenbild der schwarzen Rasse, der jüdischen Rasse, der ist ein typisches Ebenbild eines Muslim, eines Albaners - ja, auch eines Serben. Der ist doch ein Sozi - oder ein Schwarzer. Es kann also nicht darum gehen, Differenzen in der Sache zu verleugnen - es geht aber darum, die ursprüngliche und uns allen vorauseilende Gemeinsamkeit in der Person deutlich zu halten, die gemeinsame Angewiesenheit auf diesen shalom, auf die von diesem shalom ausgehende Menschenwürde.
Nicht jedes böse Wort führt zur Gewalt, gottseidank. Aber jede Gewalt beginnt beim bösen Wort.
Lassen Sie mich an diese Beobachtung eine kleine hypothetische Bemerkung anschließen. Sollten in einem fernen Land zwei Spitzenpolitiker, die unbestritten beide Christen sind und sein wollen, sich so zerstreiten, daß sie kein Wort mehr miteinander reden können, geschweige denn, jemals politisch kooperieren können, wenn es denn sein muß - dann hätte dies eine fatale Konsequenz. Ein solcher Zustand beschädigt die Schönheit und Glaubenswürdigkeit christlichen Engagements in der Politik mehr als man ahnt - und weit über Ort und Stelle hinaus. Es mindert nicht nur die Vorbildwirkung, sondern es verkehrt sie geradezu in ihr Gegenteil. Wenn die Leute dann nur sagten: Die Christen sind auch keine besseren Leute als wir - dann wäre allein dies nicht besonders schlimm: Es stimmt ja auch. Viel ernster ist dies: Es fehlt dann der notwendige Hinweis darauf, wo die Entfeindung anfangen muß - und wie sie anfangen kann.
Diese Anmerkungen sind natürlich nicht gemeint als Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Landes. Schon gar nicht enthalten sie subjektive Schuldzuweisungen. Aber sie beschreiben ganz gewiß ein objektives Resultat.
Ein Anfang vom Ende her - so haben wir zunächst das Thema des Christentums bezeichnet. Das gilt nun aber im weitesten Sinne auch von dem Millennium insgesamt. Sie werden gespürt haben, daß ich das Datum 2000 zunächst kräftig ent-mythologisiert habe: Der Sekt bleibt immer derselbe, der Jubiläumskater auch. Wir haben sodann gesehen, daß dieses Datum ("nach Christi Geburt") erst spät überhaupt zum Datum des Christentums, der Weltgeschichte und ihrer Zeitrechnung wurde - eigentlich erst rechtzeitig zum Ende des ersten Millenniums.
Das zweite Millennium kann für uns kein Abschluß sein - auch kein Abbruch der Hoffnungen, wie dies in millennaristischen Ängsten oft der Fall ist. Merkwürdigerweise, so hat es Umberto Eco jüngst paradox formuliert, sind es gegenwärtig eher die Atheisten, die mit der Zeitenwende millennaristische Ängste vom Weltenende verbinden.
Wie also feiern wir, nach all den Schrecken allein dieses Jahrhunderts, die sich jetzt in den balkanischen Scheußlichkeiten splitterhaft spiegeln, als wollten sie im neuen Jahrhundert wiederkehren? Indem wir nicht das Ende suchen, sondern den Anfang. Und sei er uns noch so verborgen.

