Zur gegenwärtigen Lage des deutschen Protestantismus
Robert Leicht
Wann jemals fällt eine Lagebericht positiv aus? Meistens ist schon mit dem Begriff Lage auch das Gefühl von Krise verbunden. Und deshalb antworten wir in allen möglichen Lebenssituationen auf eine entsprechende Frage: Die Lage sei zwar nicht ernst, aber hoffnungslos.
Der deutsche Protestantismus ist auch nicht mehr, was er einmal war; so immerhin sieht es aus. Aber was war er denn einmal - gewesen? Das steht so eindeutig ja nicht fest. Jedenfalls wäre es eine vollkommen a-historische, rückwärts gewandte Stilisierung, wollte man so tun, als habe der Protestantismus einmal in duftender Blüte gestanden - und welke nun langsam aber sicher dahin. Viel vernünftiger wäre es dagegen, von geistigen und sozialen Umschichtungen zu sprechen, und sodann diese strukturellen Veränderungen in ihren vielfältigen und widersprüchlichen Aspekten differenziert zu interpretieren.
An den Anfang eines solchen Resumees gehört allerdings die fundamentale Feststellung: Die Krise ist dem Protestantismus geradezu eingeboren. Die Reformation als Gründungsveranstaltung des Protestantismus war an sich schon Ausdruck einer Modernitätskrise des institutionell verfaßten Christentums als Reflex auf den Humanismus. Zudem antworteten die Reformatoren auf diese Krise mit einem theologisch-kirchlichen Programm, das mit der vor-aufklärerischen Ermächtigung des durchaus noch gläubigen Individuums, also mit der anti-klerikalen Emanzipation des reformatorischen Christen die kritische Einstellung zu Kirche und Welt unwiderruflich auf Dauer stellte - und zwar ungeachtet aller gewaltigen Rückfälle in eine lutherische Orthodoxie und in ein staatsfrommes Luthertum. Der Stachel saß - und er sitzt seither...
Wer also nach einem uniformen, institutionell und geistig auf Vordermann und in Gleichschritt versetzten Protestantismus fragt, nach seinem Herkommen und Verbleib, um sich anschließend über einen außer Tritt geratenen Haufen zu beklagen, der in alle möglichen Richtungen auseinanderläuft - der hat das konstante Paradigma dieses Phänomens offenbar schon im Ansatz nicht verstanden.
Nichts ist im Protestantismus so konstant wie sein doppelter Krisenzustand: kritisch im Doppelsinne nach innen und im Inneren, kritisch nach außen - und krisenverstärkend dort, wo er bewußt konservativ sein wollte. Und selbst in der größten politischen Bedrohung und geschichtlichen Herausforderung des deutschen Protestantismus, also selbst im Kirchenkampf des Dritten Reiches, zerfiel schon auf, erst recht aber nach der Bekenntnissynode von Barmen (1934) das "Häuflein klein" selbst des Widerstandes in seine Lager. Das hatte gewiß mit menschlichen Unzulänglichkeiten zu tun. Es gab, wie überall, Helden - aber kein Heldentum. Ganz gewiß aber hatte dies auch mit der pluriformen Verfassung des Gesamtkunstwerks Protestantismus zu tun.
Unbestreitbar hat die Krise zwar Konstanz, aber die konstante Krise führt natürlich zu erheblichen Diskontinuitäten. Diesen gilt es nun nachzugehen. Aber auch dabei sollte man die Kirche im Dorf lassen. Gewiß, die Kirchenaustrittsbewegung ist ja in ihren nackten Daten nicht zu bestreiten, auch nicht in ihren Reflexwirkungen auf das Kirchensteueraufkommen. Und ein Teil der allgemein wahrgenommenen Kirchenkrise, katholisch wie evangelisch, ist ganz pragmatisch, um nicht zu sagen: fiskalisch und bürokratisch, ganz gewiß aber: schon rein äußerlich-institutionell bedingt durch einen simplen Tatbestand: Die Ausgaben passen halt nicht mehr zu den Einnahmen, die Ausgabenstrukturen sind aber - wie alles bei uns, was dem öffentlichen Dienst gleicht - starrer als die Verschiebungen bei den Einnahmen.
Blendet man aber einmal die finanzielle Anpassungskrise für einen Augenblick aus, so zeigt sich für Deutschland ein verblüffendes Phänomen: Trotz der ansonsten im europäischen Vergleich fast einzigartigen, angeblich so unerträglichen Kirchensteuerregelung ist die Massenloyalität zu den beiden großen Kirchen zusammengenommen größer als in jedem anderen westeuropäischen Land, wie immer heiß die individuelle Glaubensglut auch sein mag. Nun mag man sagen, hier schließe sich ein Kreis: Die Kirchensteuer sei eben die Basis dieses Überlebens. So zu reden , wäre gewiß kurzschlüssig. Eine wirklich aussagekräftige Analyse müßte komplexer ansetzen. Zu einem vernünftigen Ansatz zählte gewiß auch die Frage, ob nicht gerade die konfessionelle Spaltung des 16. Jahrhunderts, die konfessionelle Pluralität Deutschlands am Ende (und nach allen schrecklichen Opfern) nicht geradezu ein kirchliches "Erfolgsmodells" wurde - und ist. Jedenfalls: Mit Klischees, auch mit religions- und kirchenkritischen Klischees, kommt man analytisch nirgendwo weiter.
Wie immer weit man aber den geschichtlichen Kontext spannt, relativiert und korrigiert: ein Eindruck ist nicht beiseitezuwischen, daß nämlich der deutsche Protestantismus ungefähr im letzten Vierteljahrhundert erheblich an politischem Einfluß verloren hat - wenn darunter verstanden werden soll: an Fähigkeit, die offizielle Politik unmittelbar zu beeinflussen. (Wollte man über indirekte Einflüsse etwa über die Friedens- und Ökologiebewegung sprechen, sähe das Bild sofort wieder komplexer aus.) Aber die Grundbefund läßt sich an einer Episode schlaglichtartig beleuchten: an der Abschaffung des Buß- und Bettages als gesetzlicher Feiertag.
Die damalige, von einer christlich firmierenden Partei angeführte Bundesregierung will eine Pflegeversicherung einführen. Was sie nicht will: einen Anstieg der Lohnnebenkosten. Daraus hätte rein logisch gefolgt, daß die Versicherten eben ihre Beiträge alleine aufbringen müssen. Ihnen das Ehrlich zu sagen - dazu fehlte der Politik Wahrheitsliebe und Kraft. Also wurde das Modell "Kompensation" ersonnen. Den versicherten Arbeitnehmern wurde also nicht Geld, sondern Zeit abgenommen - und den Arbeitgebern wurde der Gegenwert in der Geld zugewiesen, angeblich in der Höhe des von ihnen zu leistenden halben Beitragssatzes. Einmal abgesehen davon, daß es als nicht eben modern gelten darf, das kurante und exakte Tauschmittel Geld durch ein viel schwerer zu bewertendes Tauschmittel Zeit zu ersetzen - es ging um den halben Versicherungsbeitrag der Arbeitnehmer - weggenommen wurde der Buß- und Bettag allen , zum Beispiel den Familien...)
Welcher Tag sollte also zur Finanzierung der Pflegeversicherung herangezogen werden? Hier trat nun eine bemerkenswerte Rangfolge zutage: Es war offenbar einfacher, sich mit den Kirchen anzulegen als mit den Gewerkschaften. Es war offenkundig einfacher, sich mit einer Kirche anzulegen als mit deren zweien. Und es war einfacher, sich mit den Protestanten anzulegen als mit den Katholiken. Und folglich fiel der institutionalisierte, kommunitär bedeutsame Buß- und Bettag (übrigens in seiner geistigen Wurzel ein höchst politischer kirchlicher Feiertag) - und nicht etwa ein rein individueller, konsumistischer Urlaubstag: Es fiel eine öffentliche Kultur- oder Kultuseinrichtung anstelle eines privaten Konsumwertes.
Aber davon abgesehen: Vor fünfzig Jahren hätte die dargestellte absteigende Prioritätenliste noch anders ausgesehen.
Zu den Paradoxien zählt es übrigens, daß es ausschließlich katholische Ministerpräsidenten waren, die sich der Abschaffung eines protestantischen Feiertages entgegenstellten. Kurt Biedenkopf blieb in Sachsen auf dem Pfad ordnungspolitischer Ehrlichkeit - und die sächsischen Arbeitnehmer zahlen ohne weiteres ihren vollen Beitrag zur Pflegeversicherung, weil sie nämlich viel politischer - und vielleicht auch kirchlicher dachten: Wir haben den von den Kommunisten abgeschafften Feiertag gerade erst im Zuge der deutschen Einheit wieder eingeführt - doch nicht, um ihn von einer christlichen Partei wieder abschaffen zu lassen; und vielleicht haben sie auch erkannt, daß ein gemeinsamer Feiertag politisch, kulturell und sozial viel wichtiger ist als rein individualistisch verbrauchte Freizeit, sogar für Atheisten. Erwin Teufel in Baden-Württemberg wollte, wenn schon ein kirchlicher Feiertag geopfert werden sollte, wenigstens einen Feiertag opfern, der beide Kirchen gleichermaßen angeht - zum Beispiel den zweiten Pfingstfeiertag; doch damit scheiterte er am Widerstand derer, die die Wetterlage im Mai/Juni besser kennen als die Trinitätslehre. Und Edmund Stoiber, auch er ein Katholik, wartete zur Restituierung des Buß- und Bettags mit intelligenten Modellen zur Verrechnung der Arbeitszeit auf.
Wo aber blieb der politische Einfluß des Protestantismus? Und wo das Wort der protestantischen Politiker, auch unter den Ministerpräsidenten? Und wo das Wort der protestantischen Landeskirchen und der EKD, das da hätte lauten müssen: Wenn ihr schon eure politischen Lebenslügen pflegen wollt - dann bitte nicht zu unseren Lasten!?
Das nahezu sang- und klanglose Verschwinden eines gesetzlich geschützten Feiertages hat auch damit zu tun, daß sein Sinn nicht mehr ausreichend verstanden und umgesetzt wurde - aber das ist auch so mit einigen katholischen oder ökumenischen Feiertagen. Aber die Protestanten sind offenkundig nicht in der Lage, sich politisch so gut und effektiv zu organisieren wie die katholischen Kirche, was Lobbyarbeit und Kampagnen angeht.
Das ist umso erstaunlicher, als einem Vorurteil folgend, der Protestantismus politischer (oder: politik-näher) sei als der Katholizismus. Dieses Vorurteil hat einen geistigen Aspekt (insofern reformatorische Vor-Aufklärung auf Emanzipation und bürgerliche Selbstbestimmung angelegt war) und einen institutionellen Aspekt, der mit der Identität von Staatsführung und Kirchenleitung zu tun hat, die in den protestantischen Territorien um vormals ungeeinten Deutschland seit dem 16. Jahrhundert gegeben war. Mit dem Ende des "Bündnisses von Thron und Altar" - eine durch und durch protestantische Liaison - entfiel die institutionelle Nähe von Protestantismus und Macht; die Folgen sind heute immer deutlicher zu sehen. Indessen: Insoweit die Nähe des Protestantismus zur Politik aber auf die emanzipatorische Grundierung zurückgeht, hat sich deshalb noch nicht so viel geändert, wenngleich diese Nähe zur Politik nicht mehr gleichzusetzen ist mit einer Nähe zur Macht, sondern eher mit der Nähe zur Opposition - und dies nicht so sehr parteipolitisch als vielmehr im kritischen Verhältnis zur "Politik-Politik" als solcher. Das mag man da und dort aus kirchlich-institutionellem Interesse an der Sache selber bedauern. Es ist aber in manchmal verwirrender und (scheinbar?) hinderlicher Weise einfach auch demokratischer. Insofern kann der deutsche Protestantismus nur politisch sein im Sinne des Pluralismus, kirchlich wie gesellschaftlich.
Seit anderthalb Jahren findet allerdings eine interessante Diskussion statt, die um einen Versuch kreist, zwischen der römisch-katholischen Kirche und den lutherischen Kirchen einen weltweiten Konsens zu finden, der die entscheidende theologische Spaltung des 16. Jahrhunderts überwindet. Auf die Einzelheiten dieser vielschichtigen Debatte um Luthers "Rechtfertigungslehre" ist hier nicht einzugehen. Aber diese heftige, nur scheinbar rein interne und arkane - in Wirklichkeit aber höchst akute und aktuelle (und vor allem in enormer Breite geführten) - Diskussion hat im Ergebnis dazu geführt, daß vor allem der deutsche Protestantismus sich nun um einiges klarer ist über die zentralen und gemeinsamen Grundlagen seines Pluralismus. Eine Art einer konfesionellen Selbstvergewisserung...
Der Kern aber dieser erwähnten "Rechtfertigungslehre" Luthers ist von erheblicher politischer Brisanz: Aus dieser Sicht ist - einmal sehr verkürzt ausgedrückt - der Mensch nicht identisch mit seinen Leistungen und Taten, auch nicht mit seinen Fehl-Leistungen und Un-Taten; er hat seinen Sinn in sich, ja geradezu: außer sich selber und seiner Zeitgenossenschaft. Man sieht: Eine höchst wirkungsvolle Grundlegung einer allem Staat und allen Pflichten vorgelagerten Menschenwürde. Aber auch eine fundamentale Kritik an einem technokratisch-ökonomistischen Leistungsfetischismus - um nur einige Ansätze anzudeuten.
Auf diesem Hintergrund nun einige Konkretionen und Paradoxien. Die erste betrifft das Verhältnis des Protestantismus zur Ökonomie. Es ist ja ein höchst erklärungsbedürftiges Paradox, daß Luthers Rechtfertigungslehre einen dicken Strich durch alle leistungsbezogene "Werkgerechtigkeit" zog, daß aber gleichwohl die "protestantische Ethik" als die Wurzel des modernen kapitalistischen Leistungswillens und -drucks gilt. Das Paradox wird dadurch gesteigert, daß die protestantische Ertüchtigung zu Leistung und Ökonomie heute in einem Kontrast steht zu einer fast habituellen Ökonomiekritik der Protestanten, über deren ökonomische Aufgeklärtheit und Modernität da und dort Zweifel angebracht sein mögen.
Das zweite betrifft den Prozeß der deutschen Einigung. Als sich die Möglichkeit der Wiedervereinigung konkret abzeichnete, war sich das gemein-deutsche Vorurteil darüber einig, daß Deutschland mit den neuen Bundesländern protestantischer werde. Mit Verblüffung war dann zu registrieren, daß die evangelische Kirche in der vormaligen DDR, ungeachtet ihres Beitrags zur friedlichen Umwälzung, nach getaner Arbeit kaum noch etwas zu sagen hatte und scheinbar ins Unscheinbare versank. Und wenn die Kirche in ihrer Bedeutung für die Wende lobend überschätzt wurde, so nahm eine revisionistische Zeitgeschichtsbetrachtung anschließend groteske Rache, indem in einer Karikatur die Behauptung in Umlauf gesetzt wurde, die Kirchen hätten zuvor das Regime wesentlich stabilisiert - und sich selber geradezu "stasi-fiziert". Wie auch immer, die Annahme, Deutschland werde nun protestantischer, zerbrach an einer ganz einfachen Tatsache: Im Osten Deutschlands sind seit 1933 weithin weder demokratische noch protestantische Lebensbilder vermittelt worden - nicht, was das Demokratische, sehr wohl aber, was das Protestantische betrifft, ein ungeheurer Traditions-Abriß.
Zum Schluß noch eine Anmerkung, die dem publizistischen genius loci dieser einführenden Bemerkungen geschuldet ist: Wenn die deutsche Sozialdemokratie im Lauf der 60er Jahre dieses Jahrhunderts nach der politischen Mitte hin koalitionsfähig wurde, so nicht nur, weil die katholischen Milieus verblaßten, sondern vor allem auch deshalb, weil die SPD mit dem Zutritt des Kerns der GVP, der gescheiterten Gesamtdeutschen Volkspartei, einen stark profilierten Flügel des politischen Protestantismus für sich gewann. Dieses Milieu in der sozialdemokratischen Partei war eine seinerzeit ungemein fruchtbare, ist aber heute eine keineswegs nach-wachsende Ressource. Heinemann, Eppler, Schmude, Posser - die Namen lassen sich nicht beliebig verlängern. Der Protestantismus findet in den oberen Rängen der SPD kaum noch Ansprechpartner für eine Verständigung des kurzen Drahtes. Das mag nur sein Problem sein. Aber es dürfte sich bald als Problem der SPD herausstellen, weil sie ihren eigenen Zugang zu diesem Mileu austrocknen läßt. Eine Wahl Johannes Raus zum Bundespräsidenten, die eine Berechtigung in sich selber hat, wäre - jenseits aller Parteipolitik - ein zur Nachdenklichkeit anregendes Moratorium.

