Der Bevollmächtigte des Rates der EKD

Johannisempfang

Grußwort von Prälat Dr. Stephan Reimers

21. Juni 2007

Meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Schwestern und Brüder,

„Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ – mit diesem herrlich oft gesungenen Liedvers von Paul Gerhardt begrüße ich Sie zu einem festlichen Abend, an dem vieles zusammenpasst. Zum Beispiel, dass wir heute den großen Liederdichter unserer Kirche ehren und fröhlich miteinander feiern können.

Wie groß unsere Kirche ist, wie reich an Traditionen und Glaubenszeugen – dass empfinden wir in unserer Dienststelle, hier am Gendarmenmarkt, Jahr für Jahr neu, wenn es darum geht, aus vielen Vorschlägen das eine evangelische Sondermarkenmotiv auszuwählen, das wir dem Bundesministerium der Finanzen empfehlen dürfen. Welche Vielfalt von Diensten und Werken, von Gemeinden, von Landeskirchen – wie viele zu ehrende Menschen sind mit dem fast fünf Jahrhunderte alten Lebensbaum der evangelischen Kirche engstens verbunden. Da fällt die Auswahl oft schwer. Nicht so in diesem Jahr. Man brauchte nur „Paul Gerhardt“ zu sagen, und ein freudiges Aufhorchen und deutliches Zustimmen waren die Antwort in den Gremien und im Rat der EKD. Dass dies auch im nächsten Jahr so sein könnte, sei vorausblickend bemerkt. Denn zu den Gedenktagen des Jahres 2008 gehört der 200. Geburtstag von Johann Hinrich Wichern, dem großen Inspirator der heutigen Diakonie.

Verehrte Gäste, was passt noch zusammen an diesem Abend? Heute hat tagsüber die Kirchenkonferenz in Berlin getagt und so sind die leitenden Geistlichen und die leitenden Juristen aus den 23 Landeskirchen ebenso unter uns wie Politikerinnen und Politiker aus allen 16 Bundesländern. Da liegt es nahe nach Parallelen zu fragen. Ob es ein Thema gibt, das in Politik und Kirche die Tagesordnung gleichermaßen bestimmt.

Ein zentrales Reformvorhaben dieser Legislaturperiode und einer der Daseinsgründe der Großen Koalition ist die Föderalismusreform. In einem ersten Schritt wurde die Gesetzgebungskompetenz im letzten Herbst zwischen Bund und Ländern so neu geordnet, dass weniger Gesetze des Bundes der Zustimmung des Bundesrates bedürfen. Ziel ist die bessere Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit von Bund und Ländern. Es geht um mehr Transpaenz.

Zuständigkeit und Verantwortlichkeit für politische Entscheidungen sollen für die Bürgerinnen und Bürger wieder klarer erkennbar sein. Und schließlich sollen künftig auch kleinere Koalitionen als die heutige – die nicht über eine doppelte Mehrheit in Bundestag und Bundesrat verfügen - wieder regieren können.

Die Arbeiten für den zweiten Schritt der Föderalismusreform haben im März begonnen. Es geht vor allem um die Finanzen. Auch ein Frühwarnsystem, das Haushaltskrisen vorbeugen soll, oder die Erleichterung des freiwilligen Zusammenschlusses von Ländern stehen auf der Tagesordnung der neuen Kommission.

Wie sich die Bilder gleichen: Auch die Evangelische Kirche arbeitet an einer grundlegenden Umgestaltung ihrer Struktur. Ein Frühwarnsystem für Haushaltskrisen hat die Kirchenkonferenz gerade beschlossen und das Thema von freiwilligen Zusammenschlüssen von Landesirchen hat uns im Januar bei dem Zukunftskongress in Wittenberg mehr beschäftigt als uns lieb war.

Es gibt also gute Gründe, sich gegenseitig Gelingen und eine glückliche Hand zu wünschen. Die braucht man, weil es bei allen großen Neuordnungen nie allein um Effektivität und Ratio geht, sondern die Herzen und Gefühle von Menschen gewonnen werden wollen.

Sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Gäste.

Die Stämme und Länder haben für uns Deutsche von Anfang an eine große Rolle gespielt. Daran erinnert auch das schöne Gedicht von Justinus Kerner (1786-1862). Es heißt:

Der reichste Fürst
Preisend mit viel schönen Reden
Ihrer Länder Wert und Zahl,
Saßen viele deutsche Fürsten
Einst zu Worms im Kaisersaal.

„Herrlich“, sprach der Fürst von Sachsen,
„Ist mein Land und seine Macht,
Silber hegen seine Berge
Wohl in manchem tiefen Schacht.“

„Seht mein Land in üpp’ger Fülle“,
Sprach der Kurfürst von dem Rhein,
„Goldne Saaten in den Tälern,
Auf den Bergen edlen Wein!“

„Große Städte, reiche Klöster!“
Ludwig, Herr zu Bayern, sprach,
„Schaffen, daß mein Land dem euren
Wohl nicht steht an Schätzen nach.“

Eberhard, der mit dem Barte,
Württembergs geliebter Herr,
Sprach: „Mein Land hat kleine Städte,
Trägt nicht Berge silberschwer;

Doch ein Kleinod hält’s verborgen:
Daß in Wäldern, noch so groß,
Ich mein Haupt kann kühnlich legen
Jedem Untertan in Schoß.“

Und es rief der Herr von Sachsen,
Der von Bayern, der vom Rhein:
„Graf im Bart: Ihr seid der reichste,
Euer Land trägt Edelstein!“

Das Gedicht beschreibt ein Ideal aus vordemokratischer Zeit, aber die Beziehung tiefen Vertrauens, die darin angesprochen wird, bleibt aktuell für Menschen, die hoffnungsvoll und unverzagt in die Zukunft gehen wollen.

Ich wünsche uns einen frohen und gesegneten Abend.



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