Kirche leiten im geteilten Deutschland

Jürgen Schmude

1. August 1999, zur Gedenkveranstaltung der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Evangelischen Kirche im Rheinland zum 100. Geburtstag von Gustav Heinemann

"Dann wird ihr Werken weitergehen. Denn Sie haben viel zu tun." So hat sich Gustav Heinemann die Reaktion seiner Freunde auf die Nachricht von seinem Tode vorgestellt.

Daß wir zu arbeiten haben, soll in dieser Gedenkstunde nicht außer Acht bleiben. Denn er, könnte er dabei sein, würde uns danach fragen. Er würde seine Themen zur Sprache bringen. Und uns fragen, wie wir es damit halten.

Seine Themen waren politischer und kirchlicher Art. Bei Worten ließ er es nicht bewenden. Das machte seine Glaubwürdigkeit aus: daß er selbst arbeitete, wie er es von anderen forderte. Zunächst für die Kirche: "Ich denke nicht daran, etwas anderes anzufassen, als was mit Gemeinde und Kirche zusammenhängt," vermerkte er bei Kriegsende in seinem Tagebuch.

Dabei ist es nicht geblieben. Und doch sieht allein die Liste seiner kirchlichen Positionen aus wie ein Vollzeitprogramm. Mitglied des Rates der EKD war er von 1945 bis 1967, in dieser Zeit sechs Jahre Präses der Synode, Präsident der verfassunggebenden Kirchenversammlung 1948, Mitglied der Leitung der Evangelischen Kirche im Rheinland 1945 bis 1962, Synodaler. Zum engeren Präsidium des damals entstehenden Kirchentages gehörte er, war Mitgründer des Weltkirchenrates und dort viele Jahre tätig. Das mag genügen, um die Fülle seiner kirchlichen Aufgaben sichtbar zu machen.

Fleißig und erfolgreich ist er in dieser Arbeit gewesen. Bischof Hermann Kunst, der erste Bevollmächtigte der EKD in Bonn, berichtete mir vor kurzem aus dieser Zeit, es sei ja oft kontrovers zugegangen im Rat der EKD, doch habe Heinemann dabei stets Gewicht und Einfluß gehabt; auf ihn habe man gehört.

Für die Unabhängigkeit der Kirche vom Staat, bis hin zur "reinlichen Scheidung", ist er beharrlich eingetreten. Für ihn selbst, neben seinen kirchlichen Ämtern prominenter Politiker und zeitweise Bundesminister, hieß das: Keine Vermischung von politischem und kirchlichem Amt! Den bloßen Anschein, als gebrauche er sein kirchliches Ansehen zu politischen Zwecken, wußte er - vorbildlich auch für uns heute - zu vermeiden. Deshalb kam es ihn bitter an, als er 1955 nicht wieder zum Präses der Synode gewählt wurde, weil man einen führenden Parteipolitiker dort nicht für tragbar hielt. Bei seiner Wahl 1949 war es noch ganz anders gesehen worden. Damals allerdings war er nicht Oppositions-, sondern Regierungspolitiker gewesen.

Heinemann resignierte nicht, sondern nutzte die ihm gebotene Mitgliedschaft im Rat der EKD für weitere kirchliche Arbeit. In Wort und Tat blieb er seiner Linie treu, keine Vereinnahmung der Kirche, nicht durch eine Partei und nicht durch eine vorgeblich christliche Politik, zuzulassen. Auch der Forderung nach Entpolitisierung dürfe sich die Kirche nicht unterwerfen und so den Verzicht auf Kritik an der herrschenden Politik abfordern lassen. Vielmehr solle sie in wichtigen politischen Fragen vom Evangelium her das Wort nehmen. Und sich im Zweifel für's Reden entscheiden, da doch "die Versuchung für die Kirche zu schweigen stets größer war als die, offen und frei zu reden und zu bekennen."

Gustav Heinemann hat solchen Einsichten maßgeblich zum Durchbruch verholfen. Und mit seiner Forderung, im Zweifel zu reden, einen unverändert aktuellen Anstoß gegeben. Auch mir selbst, der ich eher dazu neige, kirchliche Stellungnahmen zur Politik zu verringern. Und für manche mag heute ein Anstoß darin liegen, daß Heinemann sich im gleichen Zusammenhang gegen den Satz "Religion ist Privatsache" gewandt hat.

Die staatlich eingezogene Kirchensteuer sah Heinemann skeptisch. Sie sei der veränderten kirchlichen Lage nicht mehr angemessen. Später aber hat er dann auch selbst Bedenken gegen ihre Abschaffung geäußert. Einnahmeverluste würden kirchliche Arbeitsgebiete treffen, an deren Betreuung beide, Staat und Kirchen, interessiert seien.

Ganz aktuell wirkt dieser Hinweis. Und auch Heinemanns folgende Frage ist nicht gegenstandslos geworden: "Ist es wohlgetan, wenn kirchliche Amtsträger sich für ihr kirchliches Handeln mit staatlichen Orden auszeichnen lassen?" Damals wies er darauf hin, daß sich Kirchenleute in der DDR angesichts der westlichen Praxis Ordensverleihungen schlecht entziehen konnten. Ließen sie sich aber darauf ein, so mußten sie mit westlichen Vorhaltungen rechnen.

Und den staatlichen Eid, auch den ohne religiöse Beteuerung, gäbe es nach Heinemanns Willen längst nicht mehr, Beide großen Kirchen waren in den siebziger Jahren für eine Ersetzung des Eides aufgeschlossen. Heute scheint sich das kirchliche Interesse nur mehr darauf zu richten, daß religiös geschworen wird.

Gustav Heinemanns Bemühen um das Zusammenbleiben von Ost und West in einer Kirche hat reiche Frucht getragen. Die Verpflichtung dazu hat er wiederholt betont. Und sie selbst durch vielfältige Aktivitäten, auch durch Vorträge im Osten wahrgenommen. Die kirchlichen Partnerschaften über die Trennungsgrenze hinweg wurden während seiner Mitgliedschaft im Rat der EKD flächendeckend eingerichtet. "Damit wurde der kirchliche Zusammenhalt gewahrt und das Verlangen nach weiterer Gemeinschaft gestärkt," konnten die evangelischen Kirchen aus Ost und West nach dem Fall der Mauer sagen und fortfahren: "So hat sich diese Gemeinschaft als kräftige Klammer zwischen den Menschen im geteilten Deutschland erwiesen. Das hat sich politisch ausgewirkt." Ein später, schöner Erfolg auch für Gustav Heinemann.

Daß unter seiner maßgeblichen Mitwirkung als Präsident der Eisenacher Kirchenversammlung eine einheitliche und für alle Landeskirchen handlungsfähige EKD gegründet worden war, stimmte Heinemann zufrieden. Besorgt aber nahm er wahr, daß daneben ein lutherisches konfessionelles Sonderbündnis entstand. "Ich bin schlecht und recht evangelisch und lasse mich von niemandem vor die Alternative zwingen, lutherisch oder reformiert zu sein," hatte er schon in den dreißiger Jahren erklärt. Wir haben weiterhin Anlaß, das geltend zu machen.

Gustav Heinemann, dem die evangelische Theologie viel verdankt, war "nur" Laie. Die Stärkung des Laienelements in der Kirche, für die er eingetreten ist und für die er viel erreicht hat, werden wir zum Erhalt der Kirche in der Zukunft noch dringender brauchen als bisher.

Heinemann sah "nach der politischen und geistigen Geschichte einen tiefen und echten Zusammenhang zwischen Demokratie und christlicher Kirche." Auf seine Überlegungen haben die Verfasser der Demokratiedenkschrift der EKD neun Jahre nach seinem Tod zurückgegriffen und der Schrift bewußt einen Titel in Heinemanns Worten gegeben: "Der Staat des Grundgesetzes als Angebot und Aufgabe."

Zugleich verdanken wir ihm die Klarstellung, daß es in kirchlichen Entscheidungsgremien anders zugehen muß als in staatlichen Parlamenten. Die Ordnung seiner heimatlichen Landeskirche im Rheinland nahm er zum Beispiel, um die Unterschiede zu erklären. Gehorsam dem Auftrage Jesu Christi habe die Kirche sich in "brüderlicher", heute würde man sagen: "geschwisterlicher" Beratung um Einmütigkeit zu bemühen und dafür manchmal auch "lahme Synodalworte" und Verzögerungen hinzunehmen.

Das hat viel Zustimmung gefunden. Und wird hoffentlich im kirchlichen Streit um Lebensformen und -partnerschaften weiter beachtet werden.

Will die Kirche Frieden und Versöhnung in der Welt fördern, dann darf sie dem Beklenntnis eigener Schuld nicht ausweichen. Nach der sogenannten Stuttgarter Schulderklärung des Rates der EKD von 1945, - sie trägt seine Unterschrift, - war ihm das Bekenntnis der EKD-Synode in Berlin-Weißensee 1950 zur kirchlichen Mitschuld am Massenmord an den Juden besonders wichtig. Absehbar werden wir an diesem Thema 50 Jahre später, bei der Synodentagung 2000, gründlich weiterarbeiten.

Die Beispiele genügen, um den Reichtum der kirchlichen Hinterlassenschaft Gustav Heinemanns sichtbar zu machen. Seine Mahnungen und Anstöße gehören dazu. Wenn wir seiner ernsthaft und dankbar gedenken, dann sollten wir uns von ihm auch in die Pflicht zur - zuversichtlichen - Weiterarbeit nehmen lassen. Die Zukunft der Christenheit muß uns nicht ängstigen, wenn wir mit ihm der Verheißung trauen, "daß sie in dieser Welt der verlorene, aber dennoch errettete Haufen ist."



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