„Der Beitrag der reformatorischen Kirchen zur Ökumene“ - Vortrag in der Melanchthon-Akademie in Bretten anlässlich des 517. Geburtstages von Philipp Melanchthon

Nikolaus Schneider

16. Februar 2014

Sehr geehrte Geburtstagsgesellschaft, liebe Schwestern und Brüder,

welchen Sinn hat es, den 517. Geburtstag eines Menschen zu feiern? Eines Menschen, der seit 454 Jahren nicht mehr unter uns ist? Schenken können wir ihm nichts mehr, obwohl er uns mit seinem Denken und mit seinen Schriften so reich beschenkt hat. Und sein Vermächtnis ist bis heute für die Theologie der reformatorischen Kirchen prägend und wegweisend. Deshalb ist es sinnvoll, dass wir heute seinen 517. Geburtstag erinnern und seine theologischen Einsichten vergegenwärtigen.

Auch wenn die Meinungen über Philipp Melanchthon in manchem auseinander gehen – auf jeden Fall sind wir uns einig: Er wirkt und prägt bis heute, in den protestantischen Kirchen Deutschlands und weltweit. In Kultur und Gesellschaft.

Und im Gespräch mit anderen Kirchen und anderen Religionen. Über den „Beitrag der reformatorischen Kirchen zur Ökumene“ lässt sich gar nicht angemessen nachdenken und reden, ohne auf Philipp Melanchthons Wirken einzugehen.

Ich will versuchen mit ihm, einem der wichtigen Reformatoren, darüber ins Gespräch kommen, was ihn damals getrieben hat, was ihm gelungen scheint, was er als gescheitert ansieht. Und darüber, wie wir uns wohl mit seinen Augen sehen müssten: Unsere Kirche, unsere protestantische Theologie, unser „typisch protestantisches Profil“, unsere Reformbemühungen, unsere gegenwärtigen Beiträge zur Ökumene ...

(1)

Ich weiß, lieber Philipp Melanchthon, dir war die Ökumene sehr wichtig, auch wenn du es sicher anders benannt hättest. Dir ging es um die Einheit der Kirche. Die Einheit der einen Kirche Jesu Christi. Bis zuletzt.

Mit dem Augsburger Bekenntnis wolltest du eine gemeinsame theologische Grundlage von reformatorischer und „altgläubiger“ Lehre schaffen. Leider ist dir das nicht gelungen.

Du hofftest, dass es nicht zu einer Trennung der Konfessionen kommen würde und setztest dich immer wieder für eine Einigung der christlichen Konfessionen ein.

Wohl auch deshalb ist dir immer wieder „Leisetreterei“ und sogar Verrat an der lutherischen Lehre vorgeworfen worden. Du selber sagtest, du habest das Evangelium von Martin Luther gelernt. Jedoch wart Ihr beide sehr unterschiedlich. Während Luther kräftig, korpulent, oft polternd und volksnah war, wirktest du sensibel, leicht verletzbar und zart.

Luther hat es so ausgedrückt: “Ich bin dazu geboren, dass ich mit den Rotten und Teufeln muss kriegen und zu Felde liegen ... Ich muss die Klötze und Stämme ausrotten, Dornen und Hecken weghauen, die Pfützen ausfüllen und bin der grobe Waldrechter, der die Bahn brechen und zurichten muss. Aber Magister Philippus fährt säuberlich und still daher, baut und pflanzt, sät und begießt mit Lust, nachdem Gott ihm hat gegeben seine Gaben reichlich." [1]

Ja, Luther ärgerte sich bisweilen über deine Vorsichtigkeit, wogegen du sicher unter der groben und aggressiven Art Luthers gelitten hast. Trotz alledem habt Ihr Euch sehr geschätzt. Vermutlich kanntet Ihr die Vorzüge und Stärken des anderen sehr gut.

Wie hättet Ihr sonst so eng bei der Übersetzung des Neuen Testaments zusammen arbeiten können, als du nach der Übersetzung durch Luther die Durchsicht und linguistische Korrektur vorgenommen hast?

Luther, der Prophet unter den Reformatoren, arbeitete unermüdlich an der neuen Theologie - nur fehlte ihm dabei oft die Systematik. Diese Aufgabe hast du, Bruder Melanchthon, übernommen: 1521 schriebst du die erste gültige Zusammenfassung der reformatorischen Lehre, die "Loci Communes". Luther war so begeistert von diesem Buch, dass er es gar in die Bibel aufnehmen wollte.

Auf dem Reichstag zu Augsburg im Jahre 1530 vertratst du die Sache der Reformation, da Luther wegen des über ihn verhängten Banns Kursachsen nicht verlassen konnte.

Du verfasstest anhand verschiedener vorbereiteter Schriften und der Verhandlungen in Augsburg das erste große Bekenntnis der Reformation, die "Confessio Augustana". Noch heute werden evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer auf dieses Bekenntnis hin ordiniert.

Mir scheint, nur weil ihr beide, du und Martin Luther, so grundverschiedene Typen wart, nur weil ihr beide euch ergänzt habt, nur darum konnte die Reformation ihre Wirkungen entfalten.

(2)

Du warst von Euch beiden der Dialogische. Du warst damals gleichsam ein "verkörperter" Beitrag der reformatorischen Kirche zur Ökumene. So warst du ein gern gesehener Gast bei Religionsgesprächen und wurdest häufig zur Lösung von Religionskonflikten herangezogen und um Gutachten gebeten. Du warst von Euch beiden der Brückenbauer und Vermittler. Ich möchte dem gerne auf die Spur kommen, warum du so warst und so agiert hast.

Eine Erklärung ist sicher:

Du warst Humanist durch und durch. Du hattest, wie das im Humanismus üblich war, Interesse an der Position des Gegenübers, auch des Gegners, und wolltest mit ihm ins Gespräch kommen. Eine deiner anthropologischen Einsichten war: Menschen sind zum wechselseitigen Gespräch geboren.

Die zweite Erklärung:

Du wolltest die Einheit der Kirche erhalten.

Mit dem Augsburger Bekenntnis (Confessio Augustana = CA) wolltest du eine gemeinsame theologische Grundlage von reformatorischer und altgläubiger Lehre schaffen. Für die CA sahst du noch eine ungetrennte Kirche, wenn auch mit unterschiedlichen theologischen Positionen. Deshalb dein Aufbau: Der erste Teil deines Bekenntnisses versucht zu beschreiben, was Christen miteinander bekennen können. Der zweite Teil behandelt dann strittige Themen wie Klöster, Zölibat, Laienkelch.

Allerdings haben die Altgläubigen bereits dem ersten Teil nicht zugestimmt. Wohl auch, weil im Hintergrund politische Machtfragen eine Rolle spielten und es nicht nur um eine theologische Fachdebatte ging.

Aber ich denke, die Confessio Augustana ist ein Dokument, das sich für den ökumenischen Dialog eignet. Bis heute. Sie macht deutlich:

Die römisch-katholische Kirche und die reformatorischen Kirchen haben eine gemeinsame Geschichte und ein gemeinsames Bekenntnis [2]. Damals, in Augsburg, warst du zutiefst enttäuscht, dass die CA nicht als Brücke angenommen wurde. Bis zuletzt hofftest du, dass es nicht zu einer Trennung der Konfessionen kommen würde.

Und: Du hattest große Sorge auch um den politischen Frieden. Das hängt sicher mit deiner Biografie zusammen. Dein Vater starb an Kriegsfolgen. Als Kind erlebtest du die Belagerung deiner Heimatstadt Bretten. Das hat dich geprägt. Du warst von daher sehr darum bemüht, dass der konfessionelle Streit nicht zu einem militärischen Konflikt wird. Denn du warst davon überzeugt: Politischer Friede ist so kostbar, dass Menschen alles tun müssen, um ihn zu erhalten. Zudem kann sich im Krieg der neue Glaube auch nicht in sinnvoller Weise ausbreiten. [3]

(3)

Mir scheint, Philipp Melanchthon, der tiefste Grund für deinen dialogischen Geist ist dein Respekt vor dem bleibenden Geheimnis der Wahrheit Gottes. Das hat sich nach dem gescheiterten Abendmahlsgespräch zwischen Luther und Zwingli 1529 gezeigt. Da sagtest du: Die beiden "können nicht übereinstimmen, welches doch mein sehnlichster Wunsch wäre. Da disputieren sie über das Abendmahl, als ob sie in den Himmel gesehen und Jesus gefragt hätten, wie er die Worte: 'Das ist mein Leib' verstanden habe. Sie werden es hier auf Erden doch nicht ausmachen, und es ist wohl auch nichts für uns Schwache, alles ergrübeln und erforschen zu wollen. Genug [, das berühmte satis des Augsburger Bekenntnisses, also: Genug], wenn wir nur wissen und glauben, was zu unserem Heil nötig ist. Das Übrige macht nur krank, woran der Herr keinen Gefallen hat." [4]

Mir scheint, es ging dir um die Unverfügbarkeit des Handelns Gottes in den Sakramenten und damit um den von Seiten des Menschen unüberbrückbaren Unterschied zwischen Gott und Mensch. Du hast die nur begrenzte Möglichkeit einer rationalen und verbalen Erklärung des Abendmahlsgeschehens anerkannt. Und damit der theologischen Auseinandersetzung um das Abendmahl auch nur eine begrenzte Sinnhaftigkeit zugestanden.

Diese Anerkenntnis menschlicher Begrenztheit im Blick auf eigene theologische Wahrheitserkenntnis gibt allein Gott die Ehre und ist bis heute von elementarer Bedeutung für den Beitrag der reformatorischen Kirchen zur Ökumene:

Sie macht deutlich, dass keiner, auch keine Kirche, in absoluter und letztgültiger Erkenntnis von Gott und von Gottes Willen und Handeln sprechen kann. Und genau dies weist uns als Kirchen aneinander. Jede Kirche benötigt gerade in ihrem Erkennen und Verkündigen der Wahrheit Gottes die Ergänzung durch die anderen Kirchen. In Anerkenntnis der eigenen Begrenztheit können wir auf die anderen Konfessionen zugehen und unterstellen, dass auch sie aufrichtig nach Wahrheit suchen und dass auch ihnen Wahrheitserkenntnis zuteilwird.

(4)

Es gehört zu den Kennzeichen reformatorischer Theologie, dass sie die zentrale Bedeutung Christi für alles theologische Denken und Lehren betonte. "Solus Christus" steht über "Sola Gratia", "Sola Scriptura" und "Sola Fide". Das Reformationsjubiläum 2017 soll deshalb als "Christus-Fest" gefeiert werden.

Es wird dich, Bruder Melanchthon, sicher freuen, dass wir darüber in konstruktiven Gesprächen sind, auch mit der römisch-katholischen Kirche.

Die Konzentration auf Christus, sie hat unseren Kirchen durch schwere Zeiten geholfen. In der Zeit des Nationalsozialismus waren auch die reformatorischen Kirchen in der Gefahr, vereinnahmt zu werden von dem Gott und Menschen verachtenden Regime der Nazis. Viele sind dieser Versuchung erlegen.

Das Besinnen auf „Solus Christus“ machte es möglich, die "Barmer Theologische Erklärung" zu formulieren. So konnten Theologen lutherischer, reformierter und unierter Prägung eine gemeinsame Erklärung ihres Glaubens formulieren. In den Thesen 1 und 2 wird in bis heute prägender Weise ausdrückt, um welche "Sache" es der Kirche Jesu Christi vor allem gehen muss:

"Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben." (Barmen I)

Und: "Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller unserer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf unser ganzes Leben; durch ihn widerfährt uns frohe Befreiung aus den gottlosen Bindungen dieser Welt zu freiem, dankbaren Dienst an seinen Geschöpfen." (Barmen II)

Diese christologische Konzentration führt zugleich zu einer ökumenischen Weite, weil sie sich unter Zurückstellung kirchlicher Selbstdefinitionen ganz dem souveränen Wirken Christi anvertraut. Christus, das eine Wort Gottes, ist die Voraussetzung, der Grund und die Bedingung, unter der alle christlichen Kirchen existieren. Christus, dem Herrn der Kirche, haben wir mit unserem konfessionellen Kirchen-Verständnis und allen unseren historischen Gestalten von Kirche zu folgen.

(5)

Die Konzentration auf Christus bestimmt auch das Verständnis vom Abendmahl in der Leuenberger Konkordie, dem Einheitsdokument der reformatorischen Kirchen aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts:

„Im Abendmahl schenkt sich der auferstandene Jesus Christus in seinem für alle dahingegebenen Leib und Blut durch sein verheißendes Wort mit Brot und Wein. Er gewährt uns dadurch Vergebung der Sünden und befreit uns zu einem neuen Leben aus Glauben. Er lässt uns neu erfahren, dass wir Glieder an seinem Leibe sind. Er stärkt uns zum Dienst an den Menschen." (Art. II,15)

Mit diesem Verständnis wurde es 1973 endlich möglich, uns in den reformatorischen Kirchen gegenseitig zum Abendmahl einzuladen.

Ach, lieber Bruder Philipp Melanchthon, würden wir in den christlichen Kirchen doch öfter und intensiver auf dich hören. Du würdest uns Evangelischen als "Promotor" für die Umsetzung des Verbindungsmodells im deutschen Protestantismus und damit für das Zusammenwirken der lutherischen, unierten und reformierten Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland gut tun.'

Und: Du würdest uns konfessionsübergreifend motivieren, in der Konzentration auf Christus einen Weg zu der ersehnten Abendmahlsgemeinschaft mit allen christlichen Konfessionen und Kirchen zu finden. Ich denke, es ist in deinem Sinn, lieber Philipp Melanchthon, wenn wir das als einen wegweisenden Beitrag der reformatorischen Kirchen zur Ökumene zu bedenken geben: Christus selbst ist beim Abendmahl der Einladende. Er ist zugleich Gabe und Geber. Daraus ergibt sich für alle Kirchen die theologisch begründete Möglichkeit und Notwendigkeit, alle Getauften zum Abendmahl einzuladen. Schade, dass diese Verständigung zwischen den großen Konfessionsfamilien bis heute nicht gelungen ist.

(6)

Bestimmt wird es dich aber freuen, dass das "Melanchthonjahr" vor 3½ Jahren, an deinem 450.Todestag, mit einem ökumenischen Gottesdienst eröffnet wurde, gemeinsam gehalten von einem lutherischen Bischof und einem katholischen Erzbischof.

Und dass dein "Melanchthonhaus" in Bretten von einem Katholiken geleitet wird, wird dir besonders gut gefallen. Genauer gesagt, die "Europäische Melanchthon-Akademie". Und damit wären wir bei einem deiner Kernanliegen: beim Thema "Bildung".

Glaube und Bildung schlossen sich für dich nicht aus. Im Gegenteil, du hast erkannt, dass sie sich gegenseitig brauchen.

Die Parole des dich prägenden Humanismus‘ lautete: "Ad fontes! Zurück zu den Quellen!" Solche Quellenlektüre setzt instand, Interpretationen anderer zu überprüfen. Sie leitet zum eigenständigen Denken an. Sie fördert die historische Betrachtung. Sie führt zu einem Verständnis geschichtlicher Entwicklungen. Und das erleichtert die Verständigung mit anders Denkenden.

Der Ruf "Zu den Quellen!" hat im Umgang mit der Bibel und ihren Übersetzungen seine kritische Kraft bewahrt. Eine Bibelübersetzung - wie etwa für uns Protestanten die von Luther - mag noch so vertraut geworden sein: Texttreue hat Vorfahrt. Das gilt bis heute.

Dass du vielen von uns als "Lehrer Deutschlands" in Erinnerung bist, liegt nicht zuletzt in deinem vielfältigen Eintreten für eine Reformation der Schullandschaft und der Universitätsausbildung.

Und es liegt an deinen grundsätzlichen Überlegungen zur Menschenbildung. Dir ging es dabei um Persönlichkeitsbildung in einem weiten Sinn.

Lieber Philipp Melanchthon, wenn du wüsstest, wie aktuell das ist! Selbst die heutige Bundeskanzlerin würdigte diese Verdienste ausdrücklich, als sie im Jahr 2010 anlässlich Deines 450. Todestags sagte:

"Melanchthon war ein herausragender Gelehrter und Pädagoge. Er hat mit seinen Schulgründungen und Studienreformen wichtige Reformen angestoßen. Er sah in der Bildung die wichtigste Grundlage für alle Lebensbereiche. Bildung ist der Schlüssel zur Mündigkeit. Sie verleiht einer Gemeinschaft Stärke.

Melanchthon war überzeugt: Jeder sollte die Bibel selbst lesen können und sich mit seinem Glauben auseinandersetzen. Die Reformatoren brachen mit der Interpretationshoheit der Geistlichen. Ziel war ein mündiger Christ. Die Grundlage dafür war ein gebildeter Mensch. Deshalb war Melanchthon unermüdlich - neben allem anderen, was er tat - an Schulgründungen beteiligt. Jedes Kind sollte eine elementare Bildung erhalten - unabhängig vom sozialen Stand. Denn vor Gott sind alle gleich. Bildung für alle - so könnte man den Anspruch Melanchthons heute zusammenfassen. Das war für die damalige Zeit revolutionär. Und es war erfolgreich: Die Reformation sorgte für einen gewaltigen Bildungsschub. Die Menschen entwickelten eine neue Mündigkeit. Gebildeter und fester im eigenen Urteil konnten sie jetzt auf ganz andere Weise am Gottesdienst, an der Gesellschaft, am wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt teilhaben." [5]

Ja, dein Bildungsverständnis und deinen Bildungsanspruch haben wir uns durch die Jahrhunderte hindurch zu Herzen genommen, und das weltweit. Deutsche evangelische Auswanderer haben zum Beispiel vor 165 Jahren in Istanbul zuerst eine Schule und erst dann eine Kirche gebaut. Und ganz aktuell: "500 evangelische Schulen weltweit feiern 500 Jahre Reformation". So lautet der Titel eines Projekts, das anlässlich des Reformationsjubiläums 2017 das Ziel hat, Schulen in evangelischer Trägerschaft weltweit zu vernetzen und zum Austausch über evangelische Schul- und Kirchengeschichte sowie über evangelisches Profil und innovative Didaktik einzuladen.

(7)

Schul- und Universitätsbildung waren für dich, Bruder Melanchthon, niemals einzuengen auf einzelne Fachwissenschaften. So hast du bedeutende theologische Texte verfasst, ohne von Haus aus "Theologe" gewesen zu sein oder später das Fach zu wechseln. Du warst niemals ordinierter Geistlicher. Du verkörpertest mit deiner theologischen und kirchlichen Arbeit ganz persönlich das uns bis heute wichtige reformatorische Prinzip des Priestertums aller Getauften.

Und ein weiteres reformatorisches Prinzip ist uns Heutigen wichtig geworden: Die Gleichstellung von Männern und Frauen, auch in der Kirche. Wir haben Jahrhunderte lang gebraucht, um zu dieser Einsicht zu gelangen, und noch immer ist dieses Prinzip nicht überall umgesetzt.

Gerne würde ich dich fragen, wie du dazu stehst. Mir scheint, auch du hast im Verhältnis zu Frauen erst mal lernen müssen [6].

Man sagt dir nach, du seiest mit der Wissenschaft verheiratet gewesen. Die Ehe habest du nur widerwillig und auf Drängen deines Freundes Luther auf dich genommen [7]. Hattest du Angst davor, eine Ehe könne dich von seinen Studien abhalten?

Du und Katharina Krapp, ihr heiratetet im Jahr 1520. Zu deiner Zeit dienten Eheschließungen ja meistens schlicht der Versorgung. Für eine Frau war die Ehe die einzige Alternative zum Kloster, um sich finanziell abzusichern. Liebesehen waren die Ausnahme.

Der Start in Eure Ehe war nicht glücklich. In Briefen an Freunde klagtest du, die Ehe sei eine von Gott geschickte Knechtschaft. Du beklagtest den Verlust deiner Freiheit [8]. Schlimmeres als die Ehe habe dir nicht passieren können. Als du einen Studienfreund nach Studentenart ohne weitere Absprache als Mitbewohner ins Haus eingeladen hattest, soll es zu einem ersten massiven Krach zwischen Euch Eheleuten gekommen sein.

Katharina habe sich "mit Händen und Füßen" geweigert. "Ich bin nicht mehr der Meine" [9], hast du 1521 an einen Freund geschrieben.

Wie sich deine junge Frau in dieser Zeit gefühlt haben mag, kann man nur vermuten.

Mit der Zeit wurde euer Zusammenleben wohl erträglicher und wandelte sich zum Guten, wie wir wiederum aus Briefen wissen. Vor allem eine Eigenschaft verband Euch beide: Eure Hilfsbereitschaft. Hierin war deine Frau dir offensichtlich sehr ähnlich. Du warst bekannt dafür, dein Geld mit fast unvernünftiger Großzügigkeit auszugeben und zu verschenken. Und sie wohl ebenso.

Im Sommer 1530, als du wegen der Verhandlungen um das Bekenntnis lange Zeit in Augsburg sein musstest, verlangte es dich sehnsüchtig nach deiner Frau, deinen Kindern und der Gemeinschaft deiner Familie. Ein Verlangen, das sich im Laufe der Jahre immer weiter verstärkt hat. Katharina war zeitlebens von verschiedenen Krankheiten geplagt, und du hast sie mehr und mehr liebevoll umsorgt. Noch Jahre nach ihrem Tod schriebst du davon, wie schmerzlich du sie vermisst [10].

Ich will nicht vergessen, dass du in einer Zeit gelebt hast, in der man gerade in "humanistischen Kreisen" mit "verächtlichem Blick auf das Minder- und Mangelwesen Frau" [11] geschaut hat. Du hingegen hast zum Beispiel 1540 an deinen Freund Veit Dietrich geschrieben:

"Ich werde wütend, wenn ich diese Miesmänner sehe, die sich für das einzig kluge Geschlecht halten, die die Frauen verächtlich machen, die Ehen diskreditieren. Mag das weibliche Geschlecht seine Schwächen haben; auch Männer sind mit Mängeln behaftet..." [12]

In solchen Sätzen wird dein zunehmender Respekt auch für weibliche Gesprächspartnerinnen sichtbar. Aufmerksam habe ich von deiner Begegnung mit Caritas Pirckheimer, der Äbtissin des Nürnberger Clarissenkonvents in Nürnberg im Jahr 1525 gelesen. Caritas Pirckheimer lebte zusammen mit weiteren Angehörigen der Klarissengemeinschaft in einem von Franziskanermönchen geistlich betreuten Kloster.

Nachdem der Rat der Stadt Nürnberg am 3. März 1525 die Einführung der Reformation lutherischer Prägung beschlossen hatte, gerieten die Nonnen unter Druck. Sie weigerten sich, ihr Kloster zu verlassen. Es kam zu Anpöbeleien und Ausschreitungen. Man untersagte ihren franziskanischen Beichtvätern den seelsorglichen und priesterlichen Dienst und bestellte lutherische Prediger, die indessen von den Nonnen nicht akzeptiert wurden. In dieser Situation schrieb Pirckheimer an dich einen Brief, um dich um Rat und Hilfe zu bitten.

Du wurdest auf eigenen Wunsch hin von der Äbtissin zu einem vertraulichen Gespräch empfangen. Als du der Äbtissin das evangelische Anliegen der Rechtfertigung aus reiner Gnade Gottes erläutert hattest, zeigte sich Caritas völlig einig. Für sie war klar, "dass sie und ihre Mitschwestern ihren 'grunt auf die gnad gotes und nit auf […] aygne werck seczten'." [13] Du gabst den Schwestern zu, sie könnten "'eben so wol im closter selig werden als in der welt'" [14], wenn freilich sie nur nicht ihre Seligkeit auf die Erfüllung ihrer Gelübde als vielmehr allein auf Gnade und Glauben an das Versöhnungswerk Christi gründeten.

Auf die Frage der Nürnberger Ratsherren, wie man denn mit dem Kloster weiter verfahren oder ob man es nicht besser abreißen solle, hast du geantwortet: Nein, man solle es bestehen lassen, von Klosterzerstörung hieltest du nichts. Im Ergebnis zeigte sich Caritas Pirckheimer von dir außerordentlich beeindruckt. Dein Besuch habe dazu geführt, dass der Druck auf das Kloster aufgehört habe. Caritas stirbt 1532. Das Klarissenkloster existierte weiter bis zum Jahr 1596, als die letzte Schwester des Konvents das Zeitliche segnete.

Ich weiß, verehrter Philipp Melanchthon, von deinem Einsatz für die Clarissen hin zur Gleichstellung von Männern und Frauen ist es ein weiter Weg. Doch du hast uns auch da einen Weg in die richtige Richtung gezeigt. Und es ist vermutlich in deinem Sinn, wenn wir die Einsicht und die Bewegung der reformatorischen Kirchen in den "Frauenfragen" auch als einen unverzichtbaren Beitrag zur Ökumene verstehen.

(8)

An dieser Stelle und an vielen anderen sind wir als reformatorische Kirchen mit den anderen Konfessionen als Lerngemeinschaft unterwegs. Wir werden weiterhin um die Wahrheit streiten, wohl wissend, dass wir sie niemals ganz erfassen. Wir haben und wir werden bei unseren Entscheidungen und Verlautbarungen wohl auch Irrwege beschreiten. Aber in der Orientierung an dem einen Herrn der Kirche, Jesus Christus, können wir immer wieder umkehren.

Wir sind froh, lieber Bruder Melanchthon, dass deine theologischen Einsichten, deine Geschichte, deine Gespräche und Impulse uns weiterhin auf unserem ökumenischen Weg begleiten werden.

Herzlichen Glückwunsch zu deinem 517. Geburtstag!



Fußnoten

  1. Aus: Luthers Vorrede zu Melanchthons Kolosserbriefkommentar (WA Bd. 30/2, S.68)
  2. Zitiert nach: www.ekd.de/melanchthon2010/aktuelles/14886.html (Im Gespräch mit evangelisch.de gibt Prälat Stephan Dorgeloh, Auskunft über den berühmten Gelehrten Melanchthon.)
  3. Vgl. ebenda.
  4. Zitiert nach: U. Birnstein, Der Humanist. Was Philipp Melanchthon Europa lehrte, Berlin 2010, S. 80f. Dr. Heinz Scheible, der im Auftrag der Heidelberger Akademie der Wissenschaften den Briefwechsel Melanchthons edierte, machte nach dem Vortrag darauf aufmerksam, dass es sich nicht um einen authentischen Brief Melanchthons handeln könne, da er mit den echten Briefzeugnissen Melanchthons nicht übereinstimme. Dies habe schon Nikolaus Müller, Georg Schwartzerdt, der Bruder Melanchthons und Schultheiß zu Bretten, Leipzig 1908 (Schriften des Vereins für Reformationsgeschichte 96/97), S. 201, nachgewiesen. Dieser und ein weiterer gefälschter Brief vom Augsburger Reichstag 1530 erschienen erstmals bei Johann Friedrich Wilhelm Tischer, Philipp Melanchthons Leben, ein Seitenstück zu Luthers Leben, 2. Aufl. Leipzig 1801, S. 194-198.
  5. Zitiert nach: www.ekd.de/melanchthon2010/aktuelles/14900.html ("Keine einzige Begabung verschenken", Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Reformator Philipp Melanchthon anlässlich seines 450. Todestages in der Schlosskirche in Wittenberg gewürdigt.)
  6. Nach: Marianne Grahm, Katharina Melanchthon, Evangelische Landeskirchen in Württemberg, Gedenktage 2007.
  7. Vgl. Rhein, Stefan: „Catharina magistri Philippi Melanchthonis Ehelich weib“: S. 38.
  8. Nach: Konrad Fischer, Frauen in der Biographie Philipp Melanchthons, Vortrag auf Einladung der Bezirksfrauenarbeit Ladenburg-Weinheim, 20. April 2010 (Manuskript). In: Jahrbuch für badische Kirchen- und Religionsgeschichte 4, 2010, S. 139-154. www.konradfischer.de
  9. Ebenda.
  10. vgl. Ebenda.
  11. Ebenda.
  12. Ebenda.
  13. Ebenda.
  14. Ebenda.
  15. Ebenda.