Kirche auf dem digitalen Marktplatz - Rede anlässlich der Preisverleihung Webfish 2008 in der Friedrichstadtkirche in Berlin

Nikolaus Schneider

14. April 2008

In einer Gemeinde-Festschrift aus den 60er Jahren las ich: Beim Umzug in die Gemeinde sei die persönliche Anmeldung beim Pfarrer – Pfarrerin gab es damals nur wenige - vorzunehmen. Viel hat sich in den letzten fünfzig Jahren verändert, die gilt nicht nur für die Gesellschaft, sondern auch für die Kirche. Das Pfarrhaus vor Ort ist für viele Menschen nicht mehr die natürliche Anlaufstation, die es einmal war.

In unseren Städten und Dörfern stehen Kirchen auf dem Markplatz – sie laden heute noch zum Verweilen und zum Gespräch ein und sind Anlaufstation für Menschen. Die Lage auf dem Marktplatz macht aber auch deutlich: Kirche befindet sich in der Mitte des öffentlichen Diskurses. Dies galt lange für den Marktplatz unserer aus Stein gebauten Städte und Dörfer, für die Marktplätze unserer modernen Mediengesellschaft können wir dies nicht eins zu eins übernehmen. Die Stadtplanung und das kommunale Baurecht wird durch andere Marktmechanismen ersetzt, die den Zugang zum Marktplatz kontrollieren.

Hier sind wir als Kirche in mehrfacher Weise gefordert:

 

1. Medienethisch

Markt und Marktplatz sind öffentlicher Raum, ein Treffpunkt in der Stadt, der dem Gedankenaustausch dient, wo sich Gesellschaft formiert, Themen gesetzt werden, gesellschaftliche Antworten gesucht und gefunden werden. Das Internet wird mehr und mehr dieser Markplatz, gesellschaftliche Prozesse verlagern sich ins Netz. Ein Blick in die USA zeigt, dass der Präsidentschaftswahlkampf und die Kandidatenauswahl sich im Internet mitentscheidet. Aber auch in Deutschland vollzieht sich politische Willensbildung mehr und mehr im Netz. Wem gehört dieser Marktplatz Internet und wer gewährt Zugang dazu?

Wenige große Unternehmen regeln für die allermeisten Menschen diesen Marktzugang und fungieren als Torwächter oder auf Neudeutsch als „Gatekeeper“: Sie entscheiden, wer Zugang erhält und mit seinen Angeboten gefunden wird. Nur wer in den Suchmaschinen oben auf der ersten Ergebnisseite vorkommt, erhält Aufmerksamkeit. Nach welchen Kriterien hier Suchergebnisse ermittelt werden, ist Geschäftsgeheimnis des Suchmaschinen-Betreibers. Wer es mit seinen Inhalten so nicht unter die ersten Treffer schafft, muss sich nach tagesaktuellen Preisen die Einblendung seiner Inhalte erkaufen. Wer zahlt, wird wahrgenommen. Dies ist alles privatwirtschaftlich nach den Mechanismen des Marktes geregelt.

In der Politik erleben wir, dass langsam die Einsicht um sich greift, dass Privatisierung nicht immer die richtige Antwort ist und der freie Markt nicht alle Probleme löst. Das Internet ist zurzeit weitestgehend noch sich selbst überlassen, aber ob Angebot und Nachfrage die alleinigen Regelungsmechanismen bleiben können, muss diskutiert werden. Wir müssen medienethisch ausbuchstabieren, was diese Kommerzialisierung bedeutet. Dass Quote nicht alles sein kann, wissen wir durch das Gegenüber von Privatfunk und öffentlich-rechtlichem Rundfunk. Wenn wir einen offenen und freien gesellschaftlichen Diskurs im öffentlichen Raum – auf dem Marktplatz Internet - haben wollen, müssen die Rahmenbedingungen auch so sein, dass alle relevanten Stimmen gehört werden können. Die Finanzkraft eines Anbieters darf nicht den Ausschlag geben, ob seine Stimme wahrnehmbar bleibt oder nicht. Beim Übergang in die digitale Mediengesellschaft sehe ich an dieser Stelle eine große Herausforderung.

Lassen Sie mich an dieser Stelle konkret werden. Ich spreche hier nicht nur für die Kirche in eigener Sache, sondern auch für alle anderen gesellschaftlichen Gruppen, die primär keine wirtschaftlichen Eigeninteressen vertreten.

Im Herbst letzten Jahres haben wir in der EKD eine Sonntagsschutz-Initiative gestartet. Anlass war wie Verfassungsklage der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz gegen das Berliner Ladenöffnungsgesetz. Aber auch bundesweit wollen wir den Gedanken des Sonntagsschutzes stark machen. Für diese Initiative haben wir natürlich auch eine Website geschaltet – www.sonntagsruhe.de – doch als es darum ging, diese Seite bekanntzumachen, standen wir vor der Frage: Sind wir bereit, ein bis zwei Euro für attraktive Schlagworte wie „Sonntag + shoppen“

 

2. Kirche auf dem Markt

Als evangelische Kirche müssen wir zweigleisig fahren: Einerseits uns dafür einsetzen, dass Geld nicht den Markzugang bestimmt, aber auf der anderen Seite auch Angebote machen, die auf dem Markt bestehen können.

Dabei wissen wir: Das Evangelium ist konkurrenzfähig und kann auf dem Markt bestehen. Ein Blick in die neutestamentlichen Schriften verrät schnell, über die Markplätze erfuhr das Evangelium Verbreitung.

Vor knapp zehn Jahren – dies ist im Internetzeitalter vor drei bis vier Generationen – untersuchten namhafte Experten aus dem Marketing und der IT-Branche, wie Organisationen das Internet nutzen und stellten - so wie Luther seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg zur Diskussion anschlug, ihre 95 Thesen im Netz zur Diskussion. Ihrer Ansicht nach entscheidet über die Existenz eines Unternehmens oder einer Organisation, ob sie sich auf die Kommunikationskultur des Internet einlässt, denn das Internet ermöglicht in ungeahnter Weise Kommunikation zwischen Menschen. Diese direkte Kommunikation erfordert flache Hierarchien und verändert die Struktur von Organisationen. Bevor das Schlagwort Web 2.0 in aller Munde war, lesen wir im so genannten Cluetrain Manifest:

  1. Märkte sind Gespräche.
  2. Die Märkte bestehen aus Menschen, nicht aus demographischen Kategorien.
  3. Gespräche zwischen Menschen klingen menschlich. Sie werden mit menschlicher Stimme geführt.
  4. Ob es darum geht, Informationen weiterzugeben oder um Meinungen, zu streiten oder witzig zu sein - die menschliche Stimme ist offen, natürlich, nicht aufgesetzt.
  5. Menschen erkennen einander am Klang ihrer Stimme.
  6. Durch das Internet kommen Menschen miteinander ins Gespräch, das war im Zeitalter der Massenmedien undenkbar.

 

Was diese Berater für Unternehmen, die sich am Markt behaupten wollen, an Thesen aufstellen, gilt mutatis mutandis auch für die Kirche. Die Phase, dass eine Organisation das Internet nur zu einer Selbstdarstellung genutzt hat, ist vorbei. Dass EKD und auch die Landeskirchen online gute Pressearbeit machen, ist selbstredend. Wenn jeden Monat deutlich mehr als eine Million Menschen die EKD-Website aufsuchen und nach Informationen recherchieren, so sind das sehr gute Zugriffszahlen. Auch mit den Zugriffszahlen von meiner Landeskirche mit mehr als 300.000 Besuchern im Monat bin ich zufrieden. Aber wenn wir als Kirche auf dem Markt bestehen wollen, müssen geht es um mehr: wir wollen zu allererst als Menschen erkennbar sein, und zwar als Menschen, die Zeugen einer Botschaft sind.

Wir müssen uns auf diesen Markt, die Gespräche dieses Marktes einlassen und Gesprächspartner sein. So ist das Internet für viele Menschen mittlerweile Erstkontakt zur Kirche. Sind wir dafür bereit? Wer beantwortet die Mails, die Menschen an „die Kirche“ schicken? Landen diese zunächst im Posteingang der Registraturen der verschiedenen Kirchenämter und nehmen dann ihren Weg nach Geschäftsordnung durch die Amtsstuben oder beantwortet ein Mensch diese Anfragen zweitnah, einladend und kompetent? Wenn wir uns als Kirche auf den Marktplatz Internet einlassen wollen, müssen wir uns auch marktgerecht aufstellen und dort Ressourcen vorhalten, wo Menschen diese jetzt brauchen. Werden so Hierarchien untergraben? Wo machen diese Sinn? Ist es ein Zeichen für mündiges Christsein, dass sich Internetuser gegen den Pfarrer auf die downgeloadete Kirchenordnung berufen? Oder müssen wir unsere Strukturen anpassen? Beim Thema „Wiedereintritt“ ist es uns EKD-weit gelungen, dass Eintrittswillige nun unbürokratisch bei jedem Pfarrer oder jeder Pfarrerin Mitglied der evangelischen Kirche werden können.

Im Internet entscheidet der Markt. Wer von Ihnen kennt noch Altavista? In den frühen Tagen des WWW – als animierte Grafiken noch etwas ganz Besonderes waren - war es die größte Suchmaschine, heute erinnern sich nur noch wenige an den Namen dieser Firma. Große Internet-Firmen verschwinden, neue kommen auf. Wer den Markt nicht versteht, besteht auf diesem schnelllebigen Markt nicht. Schiere Größe rettet nicht. Kleine Anbieter sind oft agiler als behäbige Konzerne. Im Netz stehen wir auch als Kirche in einer Wettbewerbssituation, es ist entscheidend, wie wir unsere Inhalte kommunizieren.

„Ihre Unternehmensphilosophie macht keinen Sinn. Wir würden mit Ihrer Vorstandsvorsitzenden gerne chatten? Was heißt es, sie ist nicht erreichbar“ – diese Anfrage stellt das Cluetrain-Manifest an Firmen. Für uns auf Kirche übersetzt: „Für mich macht der Glaube keinen Sinn. Kann ich mal Ihren Bischof sprechen? Was meinen Sie damit, er ist nicht da?“ Selbstredend kann ein Bischof oder eine Präses selbst nicht alle Mails beantworten, aber die Frage bleibt, wie strukturieren wir unsere Arbeit, so dass wir erreichbar sind und diese Antworten geben können. Wer Kirche hier verlässlich erlebt, lässt sich vielleicht auch auf mehr ein. Die Emailanschrift der Bischöfin oder des Präses auf der Website der Landeskirche zu verstecken, wäre allerdings die schlechteste Antwort. Ein Weg könnte auch sein, Kirche auch online erlebbar zu machen. Hier startet die EKD ein Pilotprojekt zu Online-Gemeinschaften. Vielleicht kann eine solche Gemeinschaft auch der Ort sein, wo Fragen gestellt und Glaube gelebt werden kann. Es ist gut evangelisch, dass es nicht immer der Bischof oder die Bischöfin sein muss, der oder die Antwort gibt, aber Antworten sind wir als Kirche schuldig – ansonsten geben andere Antworten, die wir gar nicht so gerne hören.

 

3. Profilierung und Bündelung von Ressourcen

Wer auf dem Markt bestehen will, muss auch sorgsam haushalten. Hier geht es konkret um Profilierung und Bündelung von Ressourcen. Wer über Jahre den Webfish-Wettbewerb verfolgt hat, kann über die Zeit eine Professionalisierung der christlichen Internetangebote beobachten, aber - und das ist besonders wichtig – unter die Preisträger kommen jedes jahr auch Angebote, die ehrenamtlich erstellt worden sind. Dies zeigt, kirchliche Internetarbeit lebt auch von der Basis, ohne persönliches Engagement einzelner Christinnen und Christen wäre das christliche Internet ärmer. Auf der anderen Seite gilt aber auch: Das Internet ist nicht vor Kirchturm-Denken gefeit. Gerade im weltweiten Datennetz schmerzt es, wenn Gemeinden, Kirchenkreise und Landeskirchen nur innerhalb der eigenen Grenzen das Gute vermuten und daher innerhalb  ihrer eigenen virtuellen Kirchenmauer gefangen bleiben. Wenn eine Kirchengemeinde sich mit niemand verlinkt, zeugt dies von einer gewissen Selbstgenügsamkeit; schlimmer ist es jedoch, wenn außerhalb der eigenen Kirchenmauern nichts Gutes vermutet wird und man deshalb alles selbst macht. Mehrfach duplizierte christliche Webangebote mit geringer Reichweite zeugen davon, besser wäre es gewesen, sich Partner zu suchen und mit diesen gemeinsam ein Projekt mit größerer Reichweite  aufzusetzen.

Web 2.0 hat viele Facetten, eins aber steht fest: die wachsende Anzahl von Breitband-Internetzugängen haben das Internet wirklich multimedial werden lassen. Hier bilden sich neue Allianzen, Fernsehsender arbeiten im Internet mit Print-Verlagen zusammen, denn multimediales Produzieren ist teuerer, als nur Texte und Bilder online zu stellen. Wenn wir als Kirche mit attraktiven Inhalten auf diesem Markt präsent sein wollen, so können wir dies nur gemeinsam schaffen: in Kooperation von EKD, Landeskirchen, epd, Medienverbänden und anderen Anbietern aus dem kirchlichen Bereich. Das Erstellen multimedialer Inhalte wird aufwändiger, perspektivisch haben wir aber nicht mehr Mittel zur Verfügung, schon deshalb müssen wir auf Kooperationen und Bündelung von Ressourcen und Kompetenzen setzen. Gemeinsam sind wir stärker, als jeder für sich es einzeln wäre.

Aber nicht nur aus finanziellen Gründen sind Kooperationen sinnvoll, sondern sie schärfen unser Profil und stärken unsere Stellung auf dem Mark. Auch an dieser Stelle ein ganz praktisches Beispiel: auf www.ostergottesdienste.de bzw. auf www.weihnachtsgottesdienste.de finden Sie bundesweit Gottesdienste zu den Festtagen von 27 Bistümern und 23 Landeskirche und vielen Freikirchen. Diese Gottesdienstsammlung ist so interessant, dass uns Suchdiensteanbieter anfragen, ob wir diese Daten an sie weitergeben können. Diese Anfragen kommen aber nur, weil wir intern miteinander kooperieren, denn kein Anbieter würde aus über 50 Landeskirchen, Bistümern und Freikirchen sich händisch die Daten zusammenstellen.

Wir verfolgen hier eine Doppelstrategie: eigene, kirchliche Websites attraktiv und stark machen, gleichzeitig aber unsere Inhalte aber auch in die Online-Diskurse einbringen und auf Portalen platzieren. Diese Doppelstrategie ist nicht neu, denn schon in der Apostelgeschichte (Acta 17,17)  lesen wir von Paulus, dass er das Evangelium in der Synagoge und auf dem Marktplatz predigte. In alten Dorfkernen und Stadtkernen steht die Kirche auf dem Markplatz, in der Mediengesellschaft hoffe ich, dass kirchliche Inhalte auf den Portalen und in den Suchmaschinen – den Marktplätzen des Internet - erreichbar sind. Lassen Sie uns die Chancen des digitalen Marktplatzes nutzen.

Durch Ihre Online-Präsenzen haben Sie gezeigt, dass Sie sich auf diese Herausforderung eingelassen haben, und der Webfish – den ich Ihnen als Preis gleich überreichen werde – zeigt, dass sie dies erfolgreich und vorbildlich getan haben.




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