Helga Kirchner ist Lehrerin, verheiratet, Mutter von zwei Kindern. Mit 43 Jahren hatte sie noch angefangen, Theologie zu studieren, und arbeitete nach dem Examen als evangelische Prädikantin und in der Frauenarbeit. Der Schlaganfall trifft sie auf der Kanzel, mitten in der Predigt. Mit einem Versprecher fängt es an, mehrere folgen, aber sie bringt die Predigt zu Ende. Dann geht es schnell: Lähmungen an Hand und Fuß. Der Arzt kommt, lässt sie sofort ins Krankenhaus bringen, Intensivstation. Sie ist halbseitig gelähmt, unfähig zu sprechen, ein Teil des Gedächtnisses ist gelöscht. Von der Intensivstation wird sie auf die neurologische Station verlegt. Allmählich kommen die Wörter wieder, der eigene Name, die Namen von Verwandten und Nachbarn. Sie lernt zu stehen und langsam zu gehen. Es folgt die Reha-Klinik, in der ihr noch klarer wird, was es heißt, behindert zu sein. Nach Monaten kann Helga Kirchner die Klinik wieder verlassen und ambulant weiterbetreut werden.

Von heute auf morgen ein Pflegefall - das kann jeden treffen. Menschen aller Altersgruppen können auf Pflege angewiesen sein. Deshalb bewegt viele Menschen - nicht nur alte -, was es heißt: "Menschen würdig pflegen". Krankheit ist eine Krise des ganzen Menschen: körperlich und seelisch, persönlich und sozial.

Befragungen zeigen: Die tiefste Angst, die sich mit bevorstehender Pflegebedürftigkeit verbindet, ist neben den Einschränkungen der Gesundheit, der Mobilität, der physischen, psychischen und geistigen Kräfte vor allem die Angst davor, in eine Abhängigkeit zu geraten, die als Entwürdigung und Entmündigung empfunden wird. Man vermutet, dass sich der Bewohner eines Pflegeheimes oder die Patientin im Krankenhaus einem vorgegebenen Tagesablauf und Behandlungsprozess anpassen muss, der sich ausschließlich an funktionalen Notwendigkeiten orientiere und die individuellen Bedürfnisse ignoriere. Dazu kommt die Furcht, nicht mehr Subjekt seiner eigenen Lebensgestaltung zu sein, sondern die Selbstbestimmung und Selbstständigkeit zu verlieren und zum bloßen Objekt von anonymen Strukturen ohne menschliche Zuwendung zu werden.

Diese Ängste sind Ausdruck einer Sehnsucht nach einer menschenwürdigen Pflege. Von Zuwendung und der darin zum Ausdruck kommenden Anerkennung sind Menschen ein Leben lang in ähnlicher Weise abhängig wie von der Luft zum Atmen. Deshalb haben der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland und die Deutsche Bischofskonferenz beschlossen, das Thema "Menschen würdig pflegen" zum Leitwort der Woche für das Leben vom 19. - 26. Mai 2001 zu machen.

 
Woche für das Leben 2001