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Menschsein - in Gesundheit und Krankheit
Wilfried Härle
Die Beschäftigung mit Fragen der Ethik, d.h. mit Fragen der verantwortlichen Lebensführung des Menschen, geschieht stets - sei es bewusst oder unbewusst - in einem religiösen oder weltanschaulichen Horizont. Das gilt naturgemäß auch für die einzelnen sogenannten Bereichsethiken, wie z.B. die Medizinethik. Schon die Identifizierung und Kartografierung der sich hier stellenden Probleme setzt ein Menschen- und Weltbild voraus, gemessen an dem eine bestimmte Situation oder Entwicklung als ethisches Problem erkannt wird.
Der Mensch als Geschöpf Gottes
Der christliche Glaube versteht den Menschen als Gottes Geschöpf. Dabei besagt die christliche Rede von der Schöpfung und vom Geschöpf vor allem Zweierlei: Einerseits stellt sie eine Verbundenheit dar zwischen Schöpfer und Geschöpf, Gott und Welt. Der Mensch ist (zusammen mit allen anderen Kreaturen) nicht zufällig da, sondern als von Gott bejahtes, gewolltes Wesen und soll darum auch vom Menschen selbst bejaht und angenommen werden. Die Welt ist nicht von Gott verlassen, sondern Raum seines erhaltenden und erlösenden Wirkens.
Andererseits stellt die Rede von der Schöpfung und vom Geschöpf eine grundsätzliche Unterscheidung dar, nämlich zwischen Schöpfer und Geschöpf, Gott und Welt. Der Mensch (und jede andere Kreatur) ist nicht Gott, ist nicht sein eigener Schöpfer und Herr oder der anderer Geschöpfe. Zwar wird dadurch diese geschöpfliche Welt als Handlungs- und Gestaltungsraum des Menschen qualifiziert, der für menschliches Erforschen und Verändern nicht tabu, sondern offen ist. Aber er ist nicht offen für beliebige Veränderungen, sondern nur für solche, die den Wert und das Geheimnis der geschaffenen Welt respektieren.
Die Gottebenbildlichkeit und Würde des Menschen
Der Mensch ist nach christlichem Verständnis ein Wesen, das konstitutiv zur Gemeinschaft bestimmt ist. Er existiert von Haus aus in Beziehung: zu Gott, zu seinen Mitgeschöpfen (insbesondere zu den Mitmenschen) und zu sich selbst, und zwar so, dass ihm diese Beziehungen nicht nur mit seinem Dasein gegeben, sondern zugleich zur Gestaltung aufgegeben sind. Als ein solches Beziehungswesen ist der Mensch - und zwar jeder Mensch - Person. Damit trägt er zugleich in einer Weise Verantwortung für seine Mitgeschöpfe, wie dies von keinem anderen Geschöpf gesagt werden kann. Weil er in der Lage ist, seine Geschöpflichkeit und die aller anderen Geschöpfe zu erkennen und sich zu ihr zu verhalten, darum kommt ihm dieser Auftrag zu. Das ist zugleich der Grund dafür, dass dem Menschen Freiheit als wesentliches Element seiner Bestimmung zugesprochen werden muss. Nur weil der Mensch zur Freiheit bestimmt ist, kann er Verantwortung tragen und übernehmen.
Die Bibel und die christliche Lehre sprechen in diesem Zusammenhang davon, dass der Mensch zum Ebenbild Gottes geschaffen ist, d.h. zu Gottes Gegenüber und Beauftragten. Das verleiht dem Menschen eine unverlierbare und unantastbare Würde.
Die Endlichkeit des Menschen
Als von Gott unterschiedenes Geschöpf ist der Mensch ein endliches Wesen. Das heißt nicht nur, dass er ein zeitlich begrenztes Wesen ist. Es heißt auch, dass der Mensch ein räumlich begrenztes, ein in seinem Wissen und seinen Fähigkeiten begrenztes Wesen ist. Das teilt er mit allen anderen Geschöpfen. Das Besondere des Menschen in dieser Hinsicht besteht jedoch darin, dass er um diese Endlichkeit weiß oder jedenfalls wissen kann, dass er zu seinem Tod gedanklich und gefühlsmäßig vorauslaufen und ihn so - aber auch nur so - antizipieren kann. Die biblische Weisheit erkennt darin die Chance, vom Wissen um die Unvermeidlichkeit des eigenen Sterbens her "klug" zu werden (Psalm 90,12).
Diese Klugheit ist nicht Ausdruck von Resignation oder Apathie, sondern von Hoffnung, die über den Tod hinaus reicht. In dieser Hoffnungsperspektive werden die Gegebenheiten und Möglichkeiten dieser Welt erkennbar als etwas Vorletztes. Sie verlieren dadurch nicht ihren Wert und ihre Bedeutung, aber sie werden erkannt als das, woran der Mensch sein Herz nicht hängen kann, weil es ebenso vergänglich ist wie er selbst. Sie werden damit zu etwas, was der Mensch dankbar und verantwortungsvoll gebrauchen kann, das er aber zugleich "hat, als hätte er nicht" (I Kor 7,30f.). Diese Form der inneren Distanz gibt Gelassenheit im Umgang mit den Dingen und belässt ihnen ihren Eigenwert, ohne sie mit überzogenen Erwartungen zu belasten, die sie nicht erfüllen können. Zu diesen "vorletzten" Gegebenheiten und Möglichkeiten zählt nach christlichem Verständnis auch die Gesundheit (II Kor 12,7-10), die körperliche Unversehrtheit (Mt 5,29) und sogar das irdische menschliche Leben selbst (Mk 8,35f.).
Das alles bedeutet freilich nur dann keine Weltverachtung, wenn dabei stets im Blick bleibt, dass das Irdische dazu bestimmt ist, durch den Tod hindurch verwandelt zu werden und so an der ihm verheißenen Erfüllung, also am ewigen Leben teilzuhaben. Gerade so wird das irdische Leben wertgeachtet und ausgezeichnet. Der Tod behält nicht das letzte Wort, sondern wird selbst verstanden als Durchgangspunkt zum ewigen Leben.
So wie die Finsternis das Licht begleitet, so begleitet der Tod das Leben: als Kontrast, der zur Endlichkeit hinzugehört, und als solcher anzunehmen ist, aber nicht als ein letztes Ziel und nicht als etwas, das um seiner selbst willen da ist. Die Überwindung des Todes erhofft der christliche Glaube jedoch realistischerweise nicht von oder in dieser irdischen Welt, die ihrerseits als geschaffene, endliche Welt die Signatur der Vergänglichkeit trägt, sondern von dem ewigen Leben, das in diese Welt vorscheint, aber in ihr nicht zur Vollendung kommt.
Der Mensch als leib-seelische Einheit
Als endliches Geschöpf ist der Mensch leibhaftes Geschöpf. Diese Leibhaftigkeit ist nach christlichem Verständnis in dem Maße konstitutiv für das Menschsein, dass auch die Hoffnung auf Auferstehung und ewiges Leben sich mit der Vorstellung einer leibhaften Seinsweise verbindet. Als leibhaftes Lebewesen ist der Mensch auf den Austausch mit seiner Umwelt angewiesen, muss er deren Ressourcen in Anspruch nehmen, muss er pflanzliches und tierisches Leben vernichten, um sein eigenes Leben erhalten zu können. Als leibhaftes Wesen ist der Mensch zudem angreifbar und verletzlich, erleidet er Schmerzen und letztendlich den Tod.
Der Mensch ist aber nicht nur leibhaftes Wesen, sondern er ist leib-seelische Einheit. Das besagt, dass er nicht nur einen Leib und eine Seele hat, sondern Leib und Seele ist. Nur diese Sichtweise wird auch den psycho-physischen bzw. psycho-somatischen Interdependenzen und Wechselwirkungen gerecht, deren die Medizin und die anderen Humanwissenschaften in den letzten Jahrzehnten immer stärker ansichtig geworden sind.
Gesundheit und Krankheit als menschliches Befinden
Als endliches, lebendiges Wesen bewegt sich der Mensch in einem Raum der Selbst-Wahrnehmung und des Sich-Selbst-Empfindens, der bestimmt ist durch die Polarität von Gesundheit und Krankheit. Da diese Form des Befindens sich beim Menschen in der Regel stark auf seine Handlungs- und Erlebnisfähigkeit auswirkt, hat die Frage nach Gesundheit oder Krankheit einen hohen Stellenwert. Sie spielt sowohl im Selbsterleben als auch in der Alltagskommunikation eine große Rolle - insbesondere dann, wenn ein Mensch sich von Krankheit beeinträchtigt oder bedroht fühlt. Dabei gehört es zu den Eigentümlichkeiten dieser Form menschlichen Befindens, dass es schwierig sein kann, eindeutig zu bestimmen, ob ein Mensch gesund oder krank ist. Der Normalfall ist, dass ein Mensch sich in bestimmter Hinsicht als gesund, in anderer hingegen gleichzeitig als krank erlebt. Deswegen bilden Gesundheit und Krankheit keine absoluten, sich ausschließenden Gegensätze, sondern gehen häufig ineinander über. Völlige Gesundheit und völlige Krankheit sind Grenzwerte, zwischen denen sich das menschliche Befinden bewegt.
Deshalb ist es schwierig, den Gesundheits- (und den Krankheits-)Begriff eindeutig und phänomengerecht zu definieren. Unter den vorliegenden Definitionsversuchen zum Gesundheitsbegriff lassen sich in unserem Kontext zwei entgegengesetzte Begriffsbestimmungen ausmachen: die Definition der WHO von 1946, derzufolge Gesundheit "ein Zustand vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur des Freiseins von Krankheit und Gebrechen" ist, und die Definition von Dietrich Rössler, derzufolge Gesundheit "nicht die Abwesenheit von Störungen" ist, sondern "die Kraft, mit ihnen zu leben".
Während die erste Definition von einem Idealbegriff von Gesundheit ausgeht, aufgrund dessen Krankheit als die Regel und Gesundheit als die seltene Ausnahme erscheint, tendiert die zweite Definition dazu, Gesundheit so sehr vom Element der physischen Funktionsstörung abzulösen, dass selbst Schwerstkranke oder Sterbende, die die Kraft haben, ihr Geschick zu akzeptieren, als gesund bezeichnet werden müssten.
Sinnvoll und notwendig ist hier die Berücksichtigung einer doppelten Differenzierung: einerseits zwischen einer angemessenen Bestimmung der Begriffe "Gesundheit" bzw. "Krankheit" und der ethischen Reflexion über den angemessenen Umgang mit Gesundheit und Krankheit, andererseits zwischen physischer und psychischer Gesundheit bzw. Krankheit.
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Die Durchführung dieser Differenzierungen bedarf eines gemeinsamen Bezugspunktes, soll sie nicht willkürlich geraten. Dieser Bezugspunkt kann nur die dem Menschen gegebene Bestimmung sein, wie sie ansatzweise in den zurückliegenden Abschnitten entfaltet wurde. Dabei ergibt sich aus den Aussagen über die Endlichkeit des Menschen, dass Krankheit und Tod als solche nicht der Bestimmung des Menschen widersprechen, sondern dass beide - als Möglichkeit und als Realität - zum geschöpflichen Dasein des Menschen gehören. Folglich kann aus christlicher Sicht nicht gesagt werden, es sei die von Gott gegebene Bestimmung des Menschen, gesund zu sein. Vielmehr ist es die Bestimmung des Menschen, mit der ihm anvertrauten Gesundheit verantwortungsvoll umzugehen, Krankheiten wo möglich zu kurieren sowie nicht heilbare Krankheit und nicht behebbare Behinderung zu akzeptieren und zu ertragen. Aus dieser Annahme von Krankheit und Behinderung kann eine gereifte Lebenshaltung erwachsen.
Demzufolge muss der Gesundheits- und Krankheitsbegriff so bestimmt werden, dass dabei nicht von einem Ideal, sondern von der gegebenen Realität ausgegangen wird. Diese Realität besagt, dass Krankheit den Charakter einer Störung hat, die das empfangende und tätige Leben des Menschen beeinträchtigt. Diese Störung und die daraus resul-tierende Beeinträchtigung kann mehr oder weniger erheblich, akut oder bedrohlich sein. Dementsprechend ist es auch sinnvoll, im Blick auf Gesundheit von einem Mehr oder Weniger auszugehen. Maßstab hierfür ist die Erhaltung oder Wiederherstellung der Arbeits- und Genussfähigkeit des Menschen in seiner leib-seelischen Einheit.
Damit kommt die zweitgenannte Differenzierung in den Blick: die zwischen der leiblichen und der seelischen Gesundheit bzw. Krankheit des Menschen. Es gibt den Fall physischer Gesundheit bei gleichzei-tiger psychischer Krankheit und den umgekehrten Fall psychischer Gesundheit bei gleichzeitiger physischer Erkrankung. Häufig sind freilich beide Funktionsstörungen miteinander verbunden - vermittelt vor allem über die Phänomene des Leidens und des Schmerzes, in denen beide Sphären sich berühren oder überschneiden. Hierin zeigt sich die Tendenz, dass Gesundheit und Krankheit den Menschen als ganzen, also als leib-seelische Einheit betreffen. Dieser Zusammenhang verdient sowohl in medizinischer als auch in medizin-ethischer Hinsicht Beachtung.
Dass Gesundheit - wo möglich - anzustreben ist, ergibt sich aus christlicher Sicht daraus, dass Gesundheit die Form menschlichen Befindens ist, in der die von Gott geschaffenen Lebensmöglichkeiten in ihrer Fülle zugänglich sind, Krankheit hingegen diese Möglichkeiten einschränkt. Dem entspricht es auch, dass ein wesentlicher Teil des Wirkens Jesu, mit dem er das heilsame Nahekommen Gottes zeichenhaft verkündigte und darstellte, in der Heilung von physisch und/oder psychisch Kranken bestand.
Aber gleichzeitig muss zur Geltung gebracht werden, dass es Behinderungen und Erkrankungen gibt, bei denen die Hoffnung auf Heilung unrealistisch ist und die Aufgabe darin bestehen kann, Krankheit oder Behinderung als Teil des eigenen Lebens anzunehmen.
Beiden Aspekten entspricht es, dass die auf Heilung oder Linderung bedachte ärztliche und pflegerische Betreuung und Fürsorge für Kranke von Anfang an bis heute zu den unaufgebbaren diakonischen und seelsorglichen Aufgaben der christlichen Kirche gehört.
Der durch die Hoffnung auf die Erfüllung der menschlichen Bestimmung im ewigen Leben gewiesene Weg führt nicht über die Verlängerung des irdischen Lebens um jeden Preis. Ebenso gilt, dass nicht alles, was das irdische Leben verlängert, deshalb auch schon der Würde des Menschen dient. Die Menschenwürde ist die Würde des begrenzten menschlichen Lebens. Und diese Begrenzung ist auch eine Wohltat für den Menschen: sie ist auch Begrenzung des Fluches, der auf dem irdischen Leben liegt (so Gen 3,19). Anders als in dieser Ambivalenz kann aus der Sicht des christlichen Glaubens nicht zu den Fragen von Gesundheit und Krankheit Stellung genommen werden.
Der ethisch angemessene Umgang mit Gesundheit und Krankheit wird sich deshalb auch in unterschiedlichen Verhaltensweisen zeigen:
- als achtsamer Umgang mit eigener und fremder Gesundheit;
- als Zuwendung zu den von Leiden, Krankheit und Behinderung Betroffenen;
- als medizinische Forschung im Dienste des Menschen;
- als Bereitschaft zur Seelsorge, die kranke und sterbende Menschen begleitet
- und ihnen beisteht;
- als Weisheit von Patienten und Ärzten, die erkennt, wann der Kampf gegen den Tod eines Menschen seinen Sinn und seine Berechtigung verloren hat und es allein geboten ist, in das Sterben einzuwilligen, es zu begleiten und zu erleichtern.
Wo ein Mensch so den Tod annehmen und in Frieden sterben kann, da wird ein wesentliches Element der Würde des begrenzten menschlichen Lebens und damit der Bestimmung des Menschen erlebbar. Dieser Ziel- und Endpunkt macht nicht rückwirkend allen Einsatz für die Gesundheit des Menschen sinnlos oder fragwürdig, sondern er besiegelt die - ihrerseits begrenzte - Bedeutung und Wichtigkeit, die dieser Einsatz aus der Sicht des christlichen Glaubens für das geschöpfliche Leben hat.
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