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Illustration: Menschliche Eizellen

Um Gottes Willen für den Menschen!

Chancen und Grenzen des medizinischen Fortschritts

Karl Kardinal Lehmann

Der medizinische Fortschritt gehört zu den großen Errungenschaften unserer Zeit. Führt man sich vor Augen, wie begrenzt die Versorgungs- und Heilungsmöglichkeiten noch vor 100 Jahren waren, dann wird deutlich wie viel sich zum Guten verändert hat und wie sehr diese Veränderungen sich im Leben der Menschen auswirken. Es ist deshalb nicht verwunderlich, wenn auch für die Zukunft große Hoffnungen auf dem Erfolg medizinischer Forschung ruhen.

Aus christlicher Sicht ist die Heilung eines Menschen ein besonders hohes Gut. Die Solidarität der Christen gehört den Schwachen und den Kranken. Wir werden durch die Bemühungen um Überwindung von Krankheit und Leid auch zu Mitarbeitern an der Erhaltung, Heilung und so in gewisser Weise an der Vollendung der Schöpfung.

Daran wird deutlich, wie sehr Christen die Hoffnung auf Fortschritt in der Medizin teilen und alle Bemühungen darum unterstützen. Trotzdem bedarf unsere Hoffnung einer realistischen und kritischen Sicht, denn die Möglichkeiten zur Heilung von Krankheiten sind nicht grenzenlos gegeben. Es gilt, diese Grenzen im Blick zu halten, wenn die gegebenen Chancen tatsächlich sinnvoll genutzt werden sollen.

Die medizinische Forschung, wie alles menschliche Handeln, wird immer an die Grenzen des technisch Machbaren stoßen. Ganz abgesehen von den ökonomischen Grenzen der Finanzierbarkeit - wir werden nie in der Lage sein, alle Krankheiten aus dem Leben der Menschen zu verbannen. Nicht selten wird argumentiert, dass es nur hinreichender Anstrengungen bedarf, und der notwendige Freiraum in der Forschung gegeben sein muss, um schwerwiegende Krankheiten abzuwenden. Selbstverständlich trägt auch die Christen die Hoffnung, dass der medizinische Fortschritt hilft, das Los schwerer Krankheit zu lindern oder sogar zu überwinden. Dabei dürfen wir aber nicht in einen Machbarkeitswahn abgleiten, der nicht wahr haben will, dass menschliches Leben immer auch von Krankheit bedrohtes Leben ist und bei aller Verminderung auch bleibt.

Gesundheit ist aus christlicher Sicht ein hohes Gut und doch kann es nicht das höchste sein. An höchster Stelle steht immer das Heil des ganzen Menschen. Der Umgang mit der Krankheit ist Teil einer Lebensaufgabe, die es zu bewältigen gilt. Hier bedarf es zusätzlich zur medizinischen Hilfe der Beratung und Begleitung. Damit leisten wir auch einen Beitrag für den Dienst als Arzt, Pfleger und Schwester, denn es gilt, den Menschen im Leiden einerseits bestmöglich medizinisch zu versorgen und andererseits ihm die geschuldete Solidarität zu erweisen.

In diesem Zusammenhang muss zudem auf eine Grenze unseres Handelns hingewiesen werden, die auch für die medizinische Forschung gilt. Der Wunsch, Krankheiten zu heilen und die medizinische Forschung energisch voranzutreiben, bedarf eines besonderen Ethos der Wissenschaft. Nicht alles, was möglich ist, ist ethisch auch verantwortbar. Dort, wo um des Fortschritts Willen menschliches Leben beschädigt oder gar vernichtet wird, überschreitet die medizinische Forschung die ethische Grenze. Wir dürfen nicht Leben gegen Leben verrechnen. Wenn zur Gewinnung von Stammzellenlinien Embryonen "verbraucht" werden müssen, dann entwertet sich das Argument möglicher Heilungschancen selbst. Wenn Embryonen geklont werden sollen, um sie dann zur Herstellung von transplantierbarem Gewebe zu gebrauchen, ist und bleibt das eine unmoralische Verdinglichung menschlichen Lebens. Die Diagnostik darf nicht eine Vorstufe zur Selektion werden und damit zur Vernichtung von Leben führen. Von einer lebensfördernden Medizin ist ein respektvoller, sorgsamer und vorsichtiger Umgang mit dem menschlichen Leben in jedem Entwicklungsstadium zu erwarten. Deshalb sind die notwendigen Grenzziehungen aus christlicher Sicht auch eine deutliche Erwartung an die Wissenschaft, sich im Rahmen des ethisch Möglichen um den Fortschritt der medizinischen Wissenschaft zu mühen.

Christen fördern eine realistische Sicht des Lebens, in der auch die leidvolle Erfahrung von Krankheit nicht ausgeklammert wird. Im Blick auf Gottes Zusage, das Heil des Menschen zu wollen, vermögen sie mit großem Vertrauen die medizinische Forschung zu begleiten und setzen gleichermaßen auf die Einsicht, dass ethische Grenzen respektiert werden.
 
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