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Grenzgang Klinikseelsorge
Matthias Mader
Chancen und Grenzen - damit ist das Kräftefeld umschrieben, in dem sich jeder Mensch ein Leben lang bewegt. Als Christ und Seelsorger sehe ich dabei immer auch den Bezug zum personalen "Du" Gottes: Ich bin von Gott geschaffen und empfange daher alle Chancen zu einem vertieften und erfüllten Leben letztlich aus der Hand Gottes. Und ich erfahre an den Begrenzungen meines Lebens - nicht selten leidvoll - mein Angewiesensein auf Gott als den tragenden und tröstenden Grund meines Daseins. Chancen und Grenzen des medizinischen Fortschritts - ich möchte zu diesem Thema aus der Sicht eines katholischen Klinikseelsorgers Stellung nehmen, der in den Bereichen Psychiatrie und Palliativmedizin tätig ist. Dabei gehe ich von zwei konkreten Begegnungen aus, die mich zu grundlegenderen Fragen veranlasst haben.
In der psychiatrischen Klinik treffe ich auf Herrn A. Er ist 63 Jahre alt, leidet schon seit einiger Zeit an wiederkehrenden Depressionen. Seine Ehefrau ist gehbehindert und aufgrund von Herz-Kreislauf-Beschwerden nahezu ständig in ärztlicher Behandlung. Herr A. ist sehr besorgt um seine Frau und meint, ihr mit seiner "selbst verschuldeten Schwäche" nun noch zusätzliche Probleme zu bereiten. In der mehrwöchigen Behandlung wird Herr A. mit seinem quälenden Selbsterleben durch ein tagesstrukturierendes Therapieangebot aufgefangen: Physio- und Ergotherapie, Einzel- und Gruppengespräche sowie die Teilnahme an gottesdienstlichen und kulturellen Veranstaltungen ergänzen die pharmakologische Therapie des Arztes, also die Gabe von Antidepressiva und gegebenenfalls weiterer Psychopharmaka.
Herr A. ist in dieser Zeit nahezu in allen Bereichen auf Hilfe angewiesen. Seine Autonomie - um es mit diesem Leitbegriff der neueren Medizinethik zu sagen - ist krankheitsbedingt deutlich eingeschränkt. Ohne fachkundige Hilfe wäre er stark suizidgefährdet. Und doch gelingt es, mit den auch jetzt noch vorhandenen "gesunden" Anteilen seiner Persönlichkeit in Kommunikation zu treten. Beim Korbflechten erfährt Herr A. ganz praktisch, dass er noch in der Lage ist, etwas Produktives zu gestalten. In der Morgengymnastik für die älteren, motorisch eingeschränkten Patienten spürt er seinen Leib in Bewegung und ist damit nicht mehr nur auf die Verdauungsprobleme fixiert. In der Gesprächsgruppe hört der Patient schließlich, dass viele seiner Mitpatienten die gleichen Schwierigkeiten haben, wenn er das auch nur zum Teil anerkennen kann. Therapeutisch wird also mit den "Ressourcen" des (eben nicht nur) Kranken gearbeitet, die selbst bei hochgradig dementen Patienten noch vorhanden sind - wenngleich ihre Entdeckung natürlich sehr viel persönlichen und fachlichen Einsatz der MitarbeiterInnen erfordern kann. Und dennoch darf nicht vergessen werden, dass die Depressivität des Herrn A. und seiner Mitpatientinnen und Mitpatienten in der Krankheitsphase selbst immer noch ein Leiden bleibt, das in existentielle Tiefen reicht, die eine noch so vieldimensionale Therapeutik nie auszuschöpfen vermag.
Als Seelsorger komme ich - meiner Berufsbezeichnung entsprechend - daher gern auf den Begriff der Seele zu sprechen. Das tut zwar auch die Sozialgesetzgebung mit ihrer Rede von den "seelisch Behinderten", aber sie meint dies in einem lediglich sozialtechnischen Sinne, wenn sie die Anspruchsvoraussetzungen z.B. von Sozialhilfe definiert. Nach theologischem Verständnis aber ist die Seele "der einheitliche Lebensgrund des ganzen leib-geistigen Menschen" (G. Langemeyer) und als solcher auf den größeren Horizont Gottes hin angelegt. Glaube, Hoffnung und Liebe haben hier ihren Ursprung, ihre personale Mitte. In der Begegnung mit leidenden und insbesondere auch depressiv kranken Menschen fühlt man sich nicht selten von der Hoffnungslosigkeit erdrückt, die von ihnen verbal und auch nonverbal ausgeht.
Dem Begleiter des Kranken offenbart sich "ein seelischer Zustand, der sich kreativer Imagination, neuen Möglichkeiten und einer offenen Zukunft - alles Wege, durch die Gott Einfluß auf das Leben nimmt - verschließt" (R. W. Fairchild). Mit den heutigen Möglichkeiten der somatischen wie auch der psycho-therapeutischen Medizin lassen sich solche Leidenszustände zwar nicht selten mit Erfolg behandeln. Angesichts der existentiellen Erschütterung des Patienten durch die Krankheit wirken sie jedoch bei aller wissenschaftlichen und methodischen Strenge eben doch wie ein recht hilfloses Agieren mit Versuch und Irrtum. Müsste alle therapeutische Hilfe nicht darüber hinaus auf eine "Beseelung des Lebens" (H. Hesse) abzielen, die auch im Schwerkranken noch eine tiefe Sehnsucht nach dem Heilen, Ganzen und Bergenden in dieser Welt und darüber hinaus wahrnehmen kann? Ist der heute vielfach - auch bei erklärten Nichtchristen - anzutreffende Wunderglaube nicht gerade ein Beleg dafür, dass Kranke mehr sein wollen als die Objekte einer seelenlosen, geschäftigen und überdifferenzierten Medizin und deshalb noch einmal nach einem ganz anderen "Seelenheil" ausgreifen?
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Die Menschen, die als Patienten auf die Palliativstation unseres Krankenhauses kommen, sind zumeist tumorkrank mit infauster Prognose. Das heißt: sie wissen (eigentlich), dass sie in naher Zukunft an dieser Krankheit bzw. den auftretenden Komplikationen sterben werden. Das Stationsteam ist bemüht, diesen Menschen soviel Beschwerdefreiheit wie möglich zu erwirken. Ziel ist die Sicherung oder Wiederherstellung der Lebensqualität. Wenn der Patient stirbt, werden er und seine Angehörigen auf diesem letzten gemeinsamen Weg behutsam begleitet.
Frau B. liegt seit einer Woche auf unserer Station. Sie ist 51 Jahre alt, verheiratet mit drei erwachsenen Kindern und seit 8 Monaten aufgrund eines Tumors im Magen-Darm-Bereich in Behandlung. Chemotherapie und Bestrahlung hat sie bereits in wochenlangen Serien hinter sich. Inzwischen hat der Tumor Metastasen gestreut, die vor einigen Tagen zu einer Querschnittslähmung geführt haben. Dies führt zu weiteren Komplikationen. Die Lebenserwartung wird von den Ärzten nur noch als sehr begrenzt eingeschätzt. "Sie wird wohl bei uns bleiben", lautet die Verlaufsprognose der Stationsärztin bei der wöchentlichen Teambesprechung und meint, dass Frau B. in den nächsten Tagen bis wenigen Wochen auf der Station sterben wird. Neue Fragen stellen sich: Wie können wir der Patientin und ihrer Familie den nun unausweichlichen Abschied (vom Leben, von lieben Menschen, von den noch ungelebten Wünschen und Zielen etc.) erleichtern, wie können wir ihnen einen Raum schaffen, damit sie diese Zeit - trotz und mit aller medizinischen, pflegerischen und therapeutischen Hilfe - so selbst bestimmt wie möglich durchleben können?
In meinen Gesprächen mit Frau B. und ihrem Mann spüre ich, wie dankbar beide über die intensiven Hilfestellungen auf der Station sind. Zu Hause, selbst mit dichtmaschigem Betreuungsnetz durch Pflegedienst und weitere Fachhilfen, wären diese letzten Wochen im Leben von Frau B. für sie und die Angehörigen eine physische und psychische Zumutung - weit über das unverrückbare Maß hinaus, das die Krankheit ihnen setzt. Ich erfahre bei ihnen aber auch ein Übermaß an Enttäuschung über den bisherigen Behandlungsweg: "Hätte mein Hausarzt nicht schon viel eher eine genauere Diagnostik in die Wege leiten müssen?" - "Die in der Klinik XY haben uns viel zu lange hingehalten und Versprechungen gemacht, die sich so nicht erfüllt haben!" - "Hätten wir geahnt, dass Chemo und Bestrahlung nichts bringen würden, hätten wir die ganze Tortur nicht mitgemacht! Aber wir hatten so ein Vertrauen zu den Ärzten, dass es doch noch einen Weg gibt ...!"
Natürlich sind diese Fragen sehr von der akuten Verzweiflungssituation der Betroffenen durchstimmt. Und es bleibt unklar, ob die kritisierten Mediziner wirklich mit der nötigen Sensibilität auf das Ehepaar B. eingegangen sind. Gerade die Mitteilung, dass nun "nichts mehr zu machen ist", wird nach Patientenberichten noch zu oft zwischen Tür und Angel und ohne spürbare Anteilnahme des Arztes mitgeteilt - für Schwerkranke, die zuvor monatelang durch aufwändige Therapien auf Zuversicht programmiert wurden, ein Schlag ins Gesicht!
Liegt in der Enttäuschung von Frau B. über die erfahrenen Grenzen des medizinischen Fortschritts aber nicht auch die Erkenntnis verborgen, das persönliche Schicksal viel zu sehr oder gar ausschließlich der diagnostisch-therapeutischen Kompetenz der Ärzte anvertraut zu haben? Anders gewendet: Wie kann verhindert werden, dass kranke Menschen ihre Selbstsorge so umfassend an den medizinischen Fachmann abtreten, wie das im gegenwärtigen Behandlungssystem oft genug geschieht? Wer macht sich stark für die Eigenverantwortung von Menschen, die sich noch immer lieber den "Halbgöttern in Weiß" unterwerfen, anstatt die Behandlung wie eine vertragliche Leistung zu betrachten, die ihnen nicht die Aufgabe abnimmt, an der gesundheitlichen Krise auch persönlich zu reifen oder sich zumindest mit allen kognitiven, emotionalen und spirituellen Kräften daran abzuarbeiten? Müsste nicht schon viel eher, im kirchlichen Bereich etwa in einer "Pastoral der Gesundheit", eine möglichst breite und umfassende Auseinandersetzung mit diesen Fragen um Leben und Tod initiiert werden, um so eine Krisenkompetenz für das eigene, höchst individuelle Leben zu fördern?
Der ganzheitliche Ansatz der Palliativmedizin trägt viel zu einem Rückgewinn psychosozialer Kompetenzen für das somatische Krankenhaus bei. Er darf jedoch nicht zu der Illusion verleiten, nun auch noch die letzte Lebensphase kranker Menschen professionell in den Griff zu bekommen. Hier ist vielmehr die Aufgabe gestellt, im Rahmen der bestmöglichen Betreuung Sterbenskranker mit ihnen zugleich über die Chancen und Grenzen der heutigen (und wohl auch zukünftigen) Medizin ins Gespräch zu kommen. Nur so kann ihnen das nicht delegierbare Maß an Verantwortung für das Erleben von Lebensqualität zurück gegeben werden. Denn letztlich bestimmt der unheilbar kranke Patient selbst, ob er die gewonnene Schmerz- und Symptomfreiheit als Lebensgewinn oder nur als Verlängerung des Sterbens deuten will.
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