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Forschung ohne Grenzen?
Eberhard Schockenhoff
Der Fortschritt der modernen Medizin hat dem Menschen eine biologische Lebenssicherheit verschafft, wie sie die Menschen früherer Epochen allenfalls erträumen konnten. Für sie waren Krankheit, Schmerz und Tod jederzeit gegenwärtige Begleiter im Leben; die niedrige allgemeine Lebenserwartung belegt zur Genüge, wie ungesichert das Leben gegen diese elementaren Bedrohungen war. Die unleugbaren Erfolge der modernen Medizin, die auch ihre schärfsten Kritiker nicht mehr missen wollen, gebieten es, auch in Zukunft auf die Entwicklung neuer Heilverfahren zu setzen.
Viele Krankheiten sind noch unerforscht; gegen andere stehen uns noch keine ausreichenden Therapien zur Verfügung. Vor allem aber: Es werden nicht nur Krankheiten besiegt, so dass sie unter den Lebensbedingungen der Moderne als ausgerottet gelten können. Der Panoramawechsel der Krankheitsbilder führt dazu, dass unsere Wohlstandsgesellschaft chronische Leiden und neuartige Erkrankungssymptome hervorbringt, in deren Erforschung die Medizin noch ganz am Anfang steht. Trotz des erreichten Standards gibt es in vielen Bereichen der Kindermedizin, der Krebsbehandlung, der Therapie von Herz- und Kreislauferkrankungen sowie der degenerativen Erkrankungen und nicht zuletzt der Altersmedizin genügend Forschungsbedarf: Wir haben allen Grund, im Interesse der Menschen, die heute und morgen an heimtückischen Krankheiten leiden, auf weitere Erfolge der medizinischen Heilkunde zu hoffen. Wie der technische Fortschritt insgesamt, so hat allerdings auch die Entwicklung unserer medizinischen Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten eine Kehrseite, die von ihrer Erfolgsgeschichte nicht ablösbar ist. Die Erkenntnisse der modernen Medizin beruhen auf einer verobjektivierenden Einstellung zum kranken Menschen. Ein zu erforschendes Phänomen - die Heilung von Krankheiten oder die Verhinderung ihrer Weitergabe im Zuge der menschlichen Fortpflanzung - wird in eine Reihe von Einzelproblemen zerlegt, die sich nacheinander lösen lassen. Diese Vorgehensweise, die im Rahmen einer naturwissenschaftlichen Methode angemessen ist, wird nicht selten aber auch zur Lösung der ethischen Probleme angewandt, die das Vordringen der modernen Biowissenschaften in immer neue Bereiche des Lebens hervorruft.
Die Ethik fragt nach der Menschlichkeit und Vernünftigkeit des medizinischen Fortschritts im Ganzen und bedenkt insbesondere die Vereinbarkeit seiner Ergebnisse mit der Menschenwürde sowie die Rechtfertigung seiner Zielsetzungen und die Verantwortung für die möglichen Folgen. Eine naturwissenschaftlich orientierte Medizin neigt hingegen dazu, nur jeweils den nächsten Schritt ins Auge zu fassen. Dieser wird dann nicht mehr eigens auf seine ethische Vertretbarkeit hin geprüft, sondern pragmatisch aus den angeblich nur geringfügigen Veränderungen gerechtfertigt, die seine Verwirklichung gegenüber der bereits angewandten Praxis bedeutet. Der letzte Schritt, der aus ethischer Sicht vielen zunächst nur als äußerster Grenzfall tolerabel erschien, wird so im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts zur fraglosen Basis, von der aus alle weiteren legitimiert werden sollen. Die Gefahr moralischer Grenzüberschreitungen, denen die Medizin in ihrer jüngsten Geschichte durch die ideologischen Zielsetzungen der Rassenhygiene oder durch die Forschung ohne Einwilligung an Gefangenen und gesellschaftlichen Minderheiten erlag, verlangt gerade von demokratischen Gesellschaften besondere Wachsamkeit. Geradezu paradigmatisch lässt sich das Ungenügen einer rein pragmatischen Vorgehensweise an der Entwicklung der modernen Embryonenforschung und der von ihr nur scheinbar unabhängigen Fortpflanzungsmedizin verfolgen. Der Blick auf die hochrangigen Zielsetzungen - die Gewinnung wissenschaftlicher Grundlagenerkenntnisse, die mögliche Heilung von Krankheiten oder die Geburt gesunder Kinder auf dem Weg der künstlichen Befruchtung und der Präimplantationsdiagnostik - lenken von der fortschreitenden Instrumentalisierung des menschlichen Lebens ab, die damit verbunden ist.
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Aber auch in anderen Bereichen zeigt sich die Ambivalenz des medizinischen Fortschritts immer deutlicher. Die Möglichkeiten der modernen Perinatologie (=Frühgeburtsmedizin) und der intensivmedizinischen Lebensverlängerung, aber auch aggressiver, mit hohen Nebenwirkungen verbundener Maximaltherapien, bringen die hochspezialisierte klinische Medizin oftmals in schwierige Situationen. Die beiden obersten Grundsätze des ärztlichen Heilauftrages, das Wohl des Kranken und der Schutz des menschlichen Lebens, sind dann nur schwer oder überhaupt nicht mehr zur Deckung zu bringen. Wenn der Einsatz der Hochleistungsmedizin im Ergebnis nur zu einer Verlängerung des Leidens führt, stellt sich die Frage nach ihren Grenzen in anderer Form. Der Wechsel des Behandlungsziels von der kurativen (=heilenden) zur palliativen (=lindernden) Medizin ergibt sich dann aus der Einsicht, dass das medizinische Wissen und Können nicht der Verlängerung des Lebens um jeden Preis, sondern dem Wohl des kranken Menschen dient. Wenn es der Auftrag der ärztlichen Kunst ist, ein Mindestmaß der körperlichen und seelischen Voraussetzungen menschlichen Lebens zu erhalten, dann gehört dazu auch die Verpflichtung, nach bestem Wissen zu entscheiden, ab welchem Zeitpunkt dies nicht mehr möglich ist. Therapiebegrenzung und Behandlungsverzicht können daher nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten sein. Dies gilt vor allem dann, wenn die zu erwartende Lebensverlängerung in keinem vernünftigen Verhältnis zu den körperlichen und seelischen Belastungen mehr steht, die eine Weiterführung der Behandlung mit sich bringt.
Die Doppelgesichtigkeit des medizinischen Fortschritts mit seinen Chancen und Grenzen folgt letztlich aus der Doppelbedeutung der Krankheit, gegen die der Mensch ankämpfen soll, solange es die Möglichkeit der Heilung gibt, mit der er sich aber zugleich versöhnen muss, wenn diese nicht mehr besteht. In einer Zeit, in der durch die Erfolge der modernen Medizin, durch Früherkennung und Selektion von Erbfaktoren am Horizont der Menschheit der Traum einer leidfreien Welt entsteht, schwindet das Bewusstsein, dass Krankheit und Leid, Schmerz und Behinderung zur Wirklichkeit des Lebens hinzugehören. Eine Welt ohne Leid und ohne menschliche Not wäre nur scheinbar eine bessere Welt; sie wäre auch eine Welt ohne Liebe, ohne Mitleid, ohne Erbarmen und ohne Solidarität, eine Welt, die Menschen einander entfremdet. Nur eine Welt, in der Menschen in ihren Grenzen, also mit ihren Belastungen, Einschränkungen und Behinderungen leben dürfen, bleibt auf Dauer eine menschliche Welt. Mitleid, Erbarmen und Liebe, die in einer solchen Welt gefordert sind, müssen ja immer als Begriffe verstanden werden, die ein Verhältnis zwischen Personen charakterisieren, in dem wir auf den anderen hinleben, um ihn zu tragen, sein Glück zu teilen und seine Not zu lindern. Solche Mitfreude und solches Mitleid, das die anderen in ihrem Anderssein nicht erniedrigt, sondern sie in ihrem individuellen So-Sein bestärkt, sind Grundformen kreatürlicher Ehrfurcht, die sich dem leidenden Menschen - nicht dem Leiden als solchem - in besonderem Maße nahe weiß. Sie können deshalb nur dort entstehen und erhalten bleiben, wo das Bewusstsein der Kreatürlichkeit unter uns lebendig ist und wir das Wissen nicht verdrängen, dass es ein Maß des Menschlichen gibt, das wir nicht verändern, sondern nur verlieren können.
Dieses Maß verletzbarer Menschlichkeit wird durch einen angeblichen medizinischen Fortschritt an vielen Stellen bereits jetzt überschritten, ohne dass wir uns dessen bewusst werden. Die Möglichkeiten der diagnostischen Früherkennung genetischer Risiken führt in Verbindung mit einem Quasi-Automatismus des Schwangerschaftsabbruchs in vielen Fällen schon heute zu einer selektiven Medizin, die mit dem Sinn ärztlichen Handelns unvereinbar ist. Wo die Erhebung einer Diagnose die möglichst frühzeitige Einleitung einer wirksamen Behandlung ermöglicht, steht sie im Dienst am kranken Menschen. Wenn sie jedoch wegen der Ermangelung aussichtsreicher Therapien dazu führt, dass Krankheitsträger ausgesondert und am Leben gehindert werden, stellt sich die Medizin in den Dienst eugenischer Zielsetzungen, die mit der Anerkennung der Würde jedes Menschen unvereinbar sind.
Der unmerklich vollzogene Schritt zur Diskriminierung kranker und behinderter Menschen zeigt, dass der Traum einer leidfreien Welt kein menschlicher Traum ist. Anders als in einem utopischen Medizinverständnis, das vom Arzt die Einlösung des sozial garantierten Gutes "Gesundheit" für alle erwartet, steht nach christlichem Verständnis der einzelne kranke Mensch im Mittelpunkt des ärztlichen Ethos. Sollen sich die Chancen des medizinischen Fortschritts für die einen nicht in tödliche Gefahren für andere verwandeln, dann muss in seinem Kern das Ethos einer Fürsorge bleiben, die das biblische Grundgebot der Nächstenliebe auf die besondere Situation des Krankseins und die Möglichkeit der medizinischen Hilfeleistung anwendet. Die Aufgabe, sich des einzelnen Menschen in seinen körperlichen, geistigen und seelischen Beeinträchtigungen anzunehmen, wird sich unseren modernen Gesellschaften allen Visionen des medizinischen Fortschritts zum Trotz auch in Zukunft stellen. Daran, wie wir ihr gerecht werden und mit den leidenden, alten und kranken Menschen in unserer Mitte umgehen, entscheidet sich, ob wir auch in Zukunft die Chancen des medizinischen Fortschritts nutzen können, ohne für seine Gefahren blind zu werden.
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