Statement bei der Präsentation der vierten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung „Kirche in der Vielfalt der Lebensbezüge“ (KMU IV)
Peter Steinacker
Anknüpfend an die grundlegende Einführung von Landesbischof Dr. Friedrich möchte ich einige „Perlen der Wahrnehmung“ hervorheben, um einen Eindruck von dem Reichtum und der Fülle wertvoller Beobachtungen zu vermitteln, den es hier wie in einer Schatzkiste zu entdecken gibt. Meine kurzen Ausführungen erheben daher nicht den Anspruch einer repräsentativen Darstellung der kirchensoziologischen Einsichten des Buches. Sie sollen vielmehr im Sinne eines Appetitanregers „Lust auf mehr“ machen.
In der Untersuchung wird - wie bereits erwähnt - die unterschiedliche Religions- und Kirchenkultur in Ost- und Westdeutschland herausgearbeitet und beleuchtet. Bei den Kirchenmitgliedern findet sich in den östlichen wie in den westlichen Gliedkirchen jeweils ein breites Spektrum von Kirchenbindungen, religiösen Anschauungen und Glaubensdeutungen, das für Volkskirche charakteristisch ist und das ihren inneren Reichtum ausmacht. Innerhalb dieses Spektrums sind die Erwartungen und Anschauungen bei den Evangelischen im Osten traditioneller geprägt und die kirchlichen Bindungen stärker ausgebildet als im Westen. Hier zeigen sich die Einflüsse eines anderen religiösen, kulturellen und staatlichen Umfeldes, die auch nach dem Ende der staatlichen Repressalien der DDR-Zeit in der Situation der kirchlichen Bevölkerungsminderheit im Osten Deutschlands nachwirken. Eine Leistung der vierten Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung besteht darin, für die Wahrnehmung dieser - auch nach anderthalb Jahrzehnten Deutscher Einheit und starken innerdeutschen Wanderungsbewegungen - weiterbestehenden Verschiedenheit zu sensibilisieren und sie an konkreten Beispielen zu veranschaulichen. In Verknüpfung mit den drei Typologien der Mitgliedschaft, der Lebensstile und der Weltsichten wird so ein hochdifferenziertes Instrumentarium vermittelt, um die religiöse Landschaft in Deutschland wahrzunehmen und darzustellen. Mit Hilfe dieses Instrumentariums zeigt sich zugleich, dass andere Unterschiede wie etwa der zwischen Stadt und Land in ihrer Bedeutung für Kirchenbindung und religiöse Anschauung oft stark überschätzt werden.
Von besonderem Interesse ist in dem Zusammenhang der unterschiedliche Charakter der Konfessionslosigkeit in Ost- und Westdeutschland. Die signifikanten Unterschiede im Antwortverhalten der Konfessionslosen in Ost und West erlauben es, von zwei unterschiedlichen Typen mit einer je eigenen Sprache und Begründungslogik zu sprechen. Die Konfessionslosen im Osten gehören zu zwei Dritteln zur Gruppe der „Immer schon Konfessionslosen“. Der Zeitpunkt der Kirchenaustritte liegt ebenfalls in zwei Drittel der Fälle länger als 25 Jahre zurück. Oftmals ist Konfessionslosigkeit bereits in der zweiten oder dritten Generation sozial vererbt. Die Distanz zur Kirche wird überwiegend religionskritisch begründet: Religion und Glaube spielen für das eigene Leben keine Rolle. Anders dagegen das Bild bei den Konfessionslosen im Westen: Drei Viertel der Konfessionslosen im Westen waren früher Mitglied der evangelischen Kirche, nur ein Viertel bezeichnet sich als schon immer konfessionslos. Bei über 80 Prozent von ihnen vollzog sich der Austritt in den letzten 25 Jahren, ist also noch nicht biographisch sedimentiert und sozial vererbt. Der Kirchenaustritt wird primär kirchen- und nicht religionskritisch begründet: „weil ich auch ohne die Kirche christlich sein kann.“ Im Blick auf die missionarischen Herausforderungen und Chancen der evangelischen Kirche sind diese und die noch weiter entfalteten Differenzierungen von großer Bedeutung.
Geht man davon aus, dass über 5 Millionen Menschen in Deutschland leben, die aus der Evangelischen Kirche ausgetreten sind, so besitzt die evangelische Kirche schon allein an dieser Gruppe ein immenses Wachstumspotential. 5 Millionen Menschen, die getauft sind, oft konfirmiert wurden, kirchlich geheiratet haben und so einen lebensgeschichtlichen Bezug zur evangelischen Kirche haben. Meines Erachtens befinden wir uns gegenwärtig in einer Art „Schlüssel-Zeit“, in der sich entscheidet, ob sich die Kirchenaustritte zu dauerhafter Konfessionslosigkeit verfestigen und an die nächste Generation weitergegeben werden - oder ob es gelingt, Menschen neu einen Weg zu ihrer eigenen Kirche zu eröffnen.
Ein instruktives Beispiel für die differenzierte Wahrnehmung der Religiosität von Konfessionslosen und Kirchenmitgliedern zeigt sich etwa bei dem Thema Gebet. Auf die Frage „Kommt es vor, dass Sie beten - im weiten Sinne verstanden?“, antwortete fast jeder vierte Konfessionslose in Westdeutschland mit „Ja“. Umgekehrt wurde die Frage von knapp einem Drittel der Kirchenmitglieder verneint. Das Beispiel veranschaulicht, dass sich „believing“ und „belonging“, Glaube und Kirchenzugehörigkeit ungleich komplexer zueinander verhalten, als das aus der Perspektive der Hauptamtlichen oft wahrgenommen wird.
Für die individuelle kirchliche Verbundenheit und die religiöse Erschließung der eigenen Biographie spielen die kirchlichen Amtshandlungen, also Taufe, Trauung und Bestattung, eine zentrale Rolle. Dies spiegelt sich in verschiedenen Ergebnissen der Untersuchung wider. Kirchenmitglieder und Konfessionslose erfahren hier gottesdienstliche und seelsorgliche Begleitung in den Hoch- und Tiefzeiten des eigenen Lebens, sie erfahren Unterstützung bei der schwierigen Aufgabe persönlicher Lebensbewältigung und der Arbeit an der eigenen Biographie. Entsprechend hoch rangieren die kirchlichen Amtshandlungen in den Erwartungen der Kirchenmitglieder und Konfessionslosen - quer durch die verschiedenen Lebensstile. Erfreulich für die Kirche ist hier insbesondere die im Vergleich zu den früheren Umfragen weiter gestiegene Taufbereitschaft. Entgegen dem verbreiteten Image, die Evangelische Kirche sei eine reine „Kirche des Wortes“ ohne rituellen Reichtum, zeigt sich, dass die kirchlichen Amtshandlungen gerade eine der Stärken der Evangelischen Kirche sind. Auch im statistischen Vergleich mit der katholischen Kirche zeigt hier das besondere Profil individueller Zuwendung in der Praxis evangelischer Amtshandlungen. Die Pflege und die Qualitätssicherung von Taufe, Trauung und Bestattung sind daher auch in Zukunft zu fördern und weiter zu entwickeln. Zugleich zeigen die genaueren Analysen jedoch auch, dass es sich bei den kirchlichen Amtshandlungen nicht um ein isoliertes kirchliches Bindungsmotiv handelt. Vielmehr braucht es begleitende Faktoren wie z.B. Gemeinschaftserfahrungen, um den Bezug zur Kirche zu stärken und zu intensivieren. Die Amtshandlungen sind so in der Regel nicht Grund, aber Anlass, über die eigene Beziehung zu Gott, Religion und Kirche nachzudenken und sie eventuell neu zu gestalten.
Interessante Erkenntnisse vermittelt die Studie auch im Blick auf die Pfarrerinnen und Pfarrer. Die Erwartungen an die Pfarrerinnen und Pfarrer korrespondieren denen an die Kirche insgesamt. Im Vordergrund stehen die „klassischen“ Felder pastoralen Handelns: Amtshandlungen, Seelsorge, Diakonie, Gottesdienst und Verkündigung. Zurück treten dagegen politisches Engagement, der interreligiöse Dialog und auch die kerngemeindlich hochgeschätzten Arbeitsfelder wie Hausbesuche oder Eröffnung von Mitarbeitsmöglichkeiten. Auffällig hoch ist die Erwartung an den Vorbild-Charakter, Pfarrern und Pfarrerinnen wird gleichsam die Rolle eines authentischen Zeugen zugeschrieben. Sie besitzen einen sehr hohen Bekanntheitsgrad. 85 % der Mitglieder kennen ihren Ortspfarrer zumindest namentlich, fast ¾ der Mitglieder kennt ihn vom Sehen und über die Hälfte hat sogar mit ihm schon gesprochen. Zugleich werden jedoch auch die Grenzen pastoraler Wirksamkeit deutlich. Für über vierzig Prozent der Mitglieder spielt der Kontakt zum Pfarrer eine nur geringe oder keine Rolle. In der Bedeutung für die religiöse Sozialisation kommen sie deutlich hinter den Eltern und den Großeltern zu stehen. Und auch als Grund für den Kirchenaustritt - das gilt es pastoralpsychologisch zu betonen - spielt das Reden und Handeln der Pfarrer/innen kaum eine Rolle. Der persönliche Eindruck von den Amtsinhaber/innen ist insgesamt sehr positiv: Weit über 90 Prozent der Mitglieder, die schon einmal mit ihrem Pfarrer oder ihrer Pfarrerin gesprochen haben, hatten einen guten bis sehr guten Eindruck von der Person. Im Blick auf die Aus- und Fortbildung der Pfarrerinnen und Pfarrer wird in der Studie zu recht deren Pluralitätskompetenz betont - also die Fähigkeit, die irreduzible Vielfalt von religiöser und kirchlicher Pluralität in der Volkskirche empirisch wahrzunehmen und theologisch zu reflektieren. Dazu gehört auch die selbstreflexive Sensibilität für den Einfluss des eigenen Lebensstils, der eigenen Weltsicht, der eigenen Kirchenbindung auf das eigene pastorale Handeln. Zugleich gilt es m.E. jedoch angesichts der Pluralisierung von Weltsichten, Weltanschauungen und Weltdeutungen die missionarische Kompetenz der Pfarrerinnen und Pfarrer neu zu akzentuieren - also die Fähigkeit, die Botschaft des Evangeliums kontextuell angemessen zu kommunizieren. Das schließt die Möglichkeit zur Inkulturation ebenso ein wie kontra- oder transkulturelle Bezugnahmen.
Als besonders eindrücklich habe ich das qualitative Material der Gruppendiskussionen empfunden. Mag die Gesprächssituation auf Grund der Anwesenheit einer Interviewerin und des mitlaufenden Tonbandgerätes auch nicht alltäglich sein, so bieten die Gruppendiskussionen dennoch einen lebensweltlichen Einblick, wie heute konkret über „Gott und die Welt“, über Kirche, Islam, Relevanz im Leben und die Hoffnung über den Tod hinaus geredet wird. Die Kommunikation über Religion, erst recht die religiöse Kommunikation ist dabei alles andere als selbstverständlich. Mehr als zwei Drittel der Mitglieder sprechen zwar zumindest gelegentlich über religiöse Themen. Die Gesprächspartner stammen dabei aber in der weit überwiegenden Zahl der Fälle aus dem privaten Umfeld, also aus dem Kreis der Familie, der Freunde und Bekannten. Die Kommunikation über Religion ist privatisiert, sie hat geradezu intimen Charakter gewonnen. Selbst bei den Diskussionen in den kirchlichen Gruppen zeigt sich, dass etliche Diskussionsteilnehmer/innen zum ersten Mal über die Frage, was nach dem Tod kommt, mit anderen sprechen. Umso beeindruckender sind die Formulierungen, Sprachbilder und Argumente, die von den Gesprächsteilnehmer/innen geäußert werden. Da zitiert ein Mensch aus der Beerdigungspredigt anlässlich der Beisetzung seiner Mutter und entfaltet, was er persönlich für ihn bedeutet. Oder eine Gruppenleiterin verleiht ihrem Wunsch nach einem schnellen, schmerzfreien Tod sprachlich kraftvoll Ausdruck: „Also, mir wär’s am liebsten, ich falle in mein Rosenbeet und bin tot.“ Was hier geboten wird, ist eine Art lebensweltliche Sprachschule des Glaubens. Wer haupt- oder nebenamtlich in der Kirche mit der Aufgabe der Predigt, der Lehre oder der Seelsorge betraut ist, der erhält hier äußerst hilfreiche Einblicke, wie sich Kommunikation über Religion vollzieht, was sie behindert, befördert und strukturiert. Es bleibt zu hoffen, dass der Schatz dieser Erkenntnisse von vielen Menschen zum Nutzen der Kirche gehoben wird.